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Central-Verein-Zeitung · 1926-01-29 · 5 (29.1.1926) · p. Seite 53

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
5 (29.1.1926)
Date
1926-01-29
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
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53 Unter der falschen Zlagge der Nächstenliebe. Ein Brref von LizentiatCrnst Bi. ttling> er, Pfarrer in Berlin. Berlin, 25. Januar 1926. Gnädige Frau! Ich weiß seit langem, daß Sie nicht nur die wissenschaftliche Literatur aller Konfessionen verfolgen, sondern auch besonders die Aeußerungen der Volksfrömmigkeit, um so ein Bild -von der religiösen Kultur unseres deutschen Volkes zu gewinnen. Und da ist Ihnen nun leider die Nummer 3 des Evangelischen Gemeindeblattes für Augsburg u n d U m g e -b u n g" vom- 17. Januar 1926 in die Hand gekommen, die Sie -mir mit großen Fragezeichen versehen ins Haus senden. Leider — sage ich, und doch ist es gut, daß solche Geister, wie sie da reden, einmal gestellt werden. In unserer Zeit, da Antisemitismus Mode geworden, stößt man ja öfter auf solche Schimpfereien einer kranken Volksseele, die einen Schuldigen für das Volks-elend sucht. Aber ein derartiges Hetzpamphlet in einem evan gelischen G emeindeblatt als Erbauungsartikelunter der s als chen Flagge der Nächstenlieb e — das ist denn doch ein starkes Stück. Der Verfasser weiß danach ganz genau, daß die Juden in .Bausch und Boden von Gott verdammt und verflucht sind, unter einem solchen Fluche stehen, daß sie so verabscheuungswürdigseinmüßten, wie sie seien. Woher weiß er das? Daher, -daß die Menschen sie hassen? Dann waren die ersten Christen auch verabscheuungswürdig, und die heutigen Deutschen sind es noch viel in ehr. Denn es lastet eine ganze Wucht des Hasses der Menschen auf ihnen, genau wie aus den Juden. Kenntdenn der Verfasser das Wort nicht: „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtetwerdet"? Die ganze Vorstellung von Gott, daß er flucht, verflucht, Menschen verflucht, ein ganzes Volk einem unentrinnbaren Fluch unterwirft, der Gott, von dem im Neuen Testament gelehrt wird: „Gott ist Liebe", ist entsetzlich. Und der Satz: „ . . . daß wir allen Menschen gegenüber, die wir hassen, mit -der treuen Liebe stehen . . also zugleich hassen und lieben, dieselben Menschen — eine Rabulustik schlimmster Art, unter deren Schutz bösester Rassenhaß getriebenwird. Und unter -dieser Flagge will er dann noch Jndenmission treiben! Also ein Religionsdiener, der seine eigene Religion nicht kennt. Ich bedauere die Leser dieses „Evangelischen Gemeindeblattes", die auf diese Weise „erbaut" werden. In vorzüglicher Hochachtung Ihr ergebenster Lizentiat Ern st Bittlin-ger, Pfarrer. Jüdische Völkerbunöttga für Deutschland 1 Ein überflüssiges Bemühen. Von nationaljüdischer Seite wird die Bildung einer jüdischen Völkerbund-Liga, sür Deutschland aufs lebhafteste propagiert. In einer jüdischen Zeitung veröffentlicht Dr. Oskar Karl) ach, einer der führenden Vertreter der jüdischen Völkerbund-Liga in Oesterreich, unter der Neberschrift „Das Problem der jüdischen Völkerbund-Liga für Deutschland" einen Aufsatz, in dem er für die Begründung einer jüdischen Völkerbund-Liga für Deutschland eintritt, nachdem der Vertrag von Locarno die Fragen des Völkerbundes wieder mehr in den Mittelpunkt der deutschen Politik gerückt hat. Die jüdische Liga für Oesterreich hatte seit den Zwei Jahren ihres Bestehens befriedigend gearbeitet, und dieses österreichische Beispiel müßte die jüdischen Freunde in Deutschland veranlassen, eine ähnliche Liga zu bilden. Wir halten die Errichtung einer derartigen jüdischen Liga für Völkerbund in Deutschland für gänzlich überflüssig. Es besteht bekanntlich seit dem Dezember 1918 die „Deutsche Liga für Völkerbund", deren erster Vorsitzender Graf B e r n st o r f f ist, und deren Vorstand unter anderem auch Dr. Paul Nathan ange- 1 hört. Die „Deutsche Liga" ist der Union der Völkerbundligen an- 5 geschlossen, und die Bedeutung ihrer Stellung wird durch die Tat-; fache illustriert, daß der Präsident der Deutschen Liga gleichzeitig - Vizepräsident dieser Union ist. Durch den bald zu erwartenden Eintritt Deutschlands in den Völkerbund dürfte die Tätigkeit dieser deutschen Liga eine erhöhte Bedeutung erhalten. Besondere deutschjüdische Interessen, die beim Völkerbund durch eine jüdische Völkerbundliga in Deutschland zu vertreten wären, scheinen uns nicht im geringsten zu bestehen. Tendenzen, die daraus, wie im vorliegenden Falle, abgestellt sind, um jeden Preis für jüdische Interessen immer besondere Organe zu schaffen, müssen sogar nicht nur als überflüssig, sondern auch als gefährlich bezeichnet werden. Der Palästinaaufbau. Eine grundsätzliche Betrachtung der „Frankfurter Zeitung". Die „F r a n k f u r t. e r Z e i t u n g" (Nr. 55 vom 21. Januar 1926. Abendblatt) enthält eine grundsätzliche Stellungnahme zum Zionismus und zum national-jüdischen Palästinaausbau, die wir im folgenden in ihren wesentlich,en Teilenwied-ergeben: „In den Reiseberichten „Vom Neuen Palästina", die wir veröffentlicht haben, ist der heutige Stand der kokontsatorischen Arbeit geschildert wordendie sich in Palästina vollzieht, , .leidenschaftlich geliebt von den einen, leidenschaftlich bekämpft von den anderen". Diese Geg-ensätzbichkeit ist in der Tat vorhanden!, aber gibt noch eine dritte Art der Bewertung, nämlich die, die sich bemüht, ohne vorkaufende Sentiments oder Ressentiments die Sache zu beurteilen. Es ist die Art, der wir uns auch m der Frage des Zionismus befleißigen möchten. Der Umstand, daß wir ihm bisher ablehnend geg!enüberstanden, würde rms nicht hindern, -unsere Auffassung zu ändern, wenn sich Momente ergaben, di-e uns! dazu veranlassen könnten. Das ist nicht der Fall. Entscheidend sind die politischen Gesichtspunkte, und die sprechen gegen ihn. Wenn -es möglich wäre, die zionistische Kolonisation, von der die Reiseberichte ein anschaulichles- Bild gegeben haben, mur menschlich zu betrachten, dann könnte man sicherlich zu einer recht freundlichen- Auffassung gelangen Wer ein Gefühl für idealistische Selbstentäußerimg hat, wird sich dem Eindrücke nicht entziehen können, den die Opferbereits-chaft des zion'iistis-chen Pioniers Hervorrust. Nationale, soziale und Ideen der Jugendbewegung vereinigen sich in ihm zudem Ergebnis einer Haltung, die des Respekts sicher sein kann, der einer ungewöhnlichen moralischen Kraftäußerung gebührt. Wie man auch über die einzelnen Ideen denken mag, wenn man auch so manches Unreife in ihnen sieht, — eine Ungewöhnlichkeit!, die vom Idealen herkommt, ist an sich schön. Es ändert nichts daran, daß es in Pakästma viele Einwanderer gibt, die erheblich, anders geartet sind, und selbstverständkich wäre auch Erfolg oder Mißerfolg dafür nicht entscheidend . . . Gerade in diesen Tagen hat die „Jüdische Rundschau" darauf -hingewiesen, daß eine Periode des Rückschlages eingetreten sei, als deren Konsequenz sich eine Einschränkung: der Einwanderung ergeben müsse, in diesem Jahre vielleicht auf die Hälfte des vorjährigen Zuganges. Nun, das kann sich wieder anders gestalten es ist nicht daswas der Bear lei tu ug den Ausschlag gäbe. Eine'realistifche Betrachtung des Zionismus überhaupt muß natürlich von der Tatsache ausgehen, die den Grund zu der „nationalen Heimstätte -der Juden" gelegt hat: von der Balsour- Deklaration des Jahres 1917. Sobald man sich aber in diese Atmosphäre begibt, kann alle menschliche Teilnahme nicht mehr darüber Hinweghelsen, daß die ganze A n g e l e g e n - heit Politisch nichts weniger als e i n - w a n d f r e i ist. England hat damals den Zionisten Rechte auf ein Land zugesprochen, das weder den Zionisten noch den Engländern gehörte. Palästina ist freilich das Land, vondein die Juden (einst selbst eingew-andert) ausgegangen sind, aber das ist, wie bekannt, schon lange her. Inzwischen haben sich, dort die Araber festgesetzt, dire das Land seit 1300 Jahren besitzen, also viel länger, als die Juden ein eigenes staatliches Leben geführt haben. Soll dies nichts gelten? . . . England hat gleich den anderen Alliierten den Weltkrieg angeblich, auch deshalb geführt, damit das Selbstbestimmungsrocht der Völker verwirklicht werde, der Völker, die ans ihrem Grund und Boden sitzen; den Arabern ist Unabhängigkeit versprochen worden. Lätzt es sich damit vereinen, daß man, ohne die Araber fragen, die Errichtnng der» jiddischen Heimstätte beschloß? Man weiß, warum es geschah. Für die Zionisten war es eine Chanee, aber noch viel meh^ für die Engländer. Die Sentimentalität, die den einen nnd anderen Briten in dieser Frage bewegen mag, hätte niemals zu der BaLfour-DekkaraLion geführt. Entscheidend waren natürlich die britischen Interessen, die es angesichts der bedrohlichen Entwicklung Aegyptens angezeigt erscheinen Netzen, sich in Palästina festzusetzen. Dieses Land chen ist durch das Mandat des Völkerbundes faktisch eine englische Kolonie geworden, welche Großbritannien zum zentralen Stützpunkt seiner westasiatischen Politik gestaltet. Wer die Aussicht, die sich nebenbei für die Zionisten ergeben hat, nicht zur Hauptsache macht, kann diese Tatsachen bei der Beurteilung nicht hintanstellen. Er kann nicht übersehen, daß diese ganze Mandatsangelegenheit einen Ursprung hat, der von Gesichtspunkten der Anständigkeit so weit entfernt ist, das; eine üble Komödie daraus geworden ist . . .*) Die Zionisten wissen, daß sie sich aus England nicht verlassen können; die Weiterblickemden unter ihnen werden auch darüber nicht im Zweifel sein, daß eine Auseinandersetzung zwischen der arabischen Welt und England einmal kommen wird. Sie bemühen sich daher um die Lösung des Problems ihres Verhältnisses zu den Arabern, die trotz allen Schattierungen in der grundsätzlichen Ablehnung der Balsour-Deklaration einig imb durchaus nicht damit einverstanden sind, daß man ihnen Leute ins Land bringt, die sie nicht haben wollen. Ob es den Zionisten noch rechtzeitig gelingen wird, sich die Araber zu Freunden zu machen, steht dahin: sie müssen das Risiko tragen. Eines aber ist gewiß: daß ein Ausgleich nur möglich ist durch eine gewisse An- *) Von uns fett gesetzt. Die Schriftleitung.

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