Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 5 (29.1.1926)
- Date
- 1926-01-29
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
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50 als eine Verfügung des Unterrichtsministeriums die jüdischen Schulen vor die Alternative gestellt, entweder Hebräisch rDer Türkisch zu ihrer Unterrichtssprache zu machen, haben sie e r st e r e s glattweg abgelehnt. Es wäre also nichts Verfehlteres, als den Grund für die Teilnahmslosigkeit der Juden an dem allgemeinen nationalen Aufschwung in unserem Lande in einem Verharren auf den im Friedensvertrag' stipulierten Minoritätsrechten zu suchen. Bereits bei der Diskussion derselben seitens der Diplomaten waren unter den Juden Stimmen laut geworden, a u f s o l ch e Rechte öffentlich zu verzichten. Der Grund für die passive Stellungnahme der Juden und zum großen Teile auch der anderen Minoritäten der Türkei ist anderswo zu suchen. Seien wir allsrichtig und nennen wir das Ding beim richtigen Namen: „Wenn nur niemand fürchtete, die Sache zu sagen, so würden alle Sachen besser gehen." Die Minoritäten in der Türkei begleiten die türkische Volksbewegung und Seelenwanderung mit einer gewissen Angst, sie könnte in eine Art Nassenbewegung ausarten und somit eine wissenschaftlich unhaltbare Theorie zum Grundsatz der türkischen Politik und Staatsverwaltung machen, der für die Minoritäten unbedingt fatale Folgen haben muß. Gewisse administrative Maßregeln schienen diese Angst zu bestätigen und darauf hinzudeuten, daß der Begriff Türke, der doch heute mehr denn je jeden türkischen Untertan auf türkischem Territorium ohne Unterschied der Religion bezeichnen sollte, große Volksteile administrativ ausschließt, was im schreienden Widerspruch zu den überaus liberalen Ideen und der wahrhaft republikanischen Gesinnung steht, von denen die führenden Geister unseres Vaterlandes beseelt sind. Ich null hier nicht alle diese Maßregeln aufzählen, die wie ein Alp auf uns drücken und uns in der Entwicklung lähmen, was gewiß nicht im Interesse der ökonomischen Entwicklung unseres Landes gelegen sein kann. Diese Ausnahmebehandlung der Minoritäten ist zur Genüge bekannt; sie gibt im gewissen Sinne unserer Angst Berechtigung, aber sie rechtfertigt jedoch unser passives Verhalten keineswegs. Unsere Stellung im Lande ist unhaltbar geworden. Darüber sind wir Juden hier uns alle klar. Wir spüren es auf Schritt und Tritt, daß unsere türkischen Brüder das alte Vertrauen zu unserer loyalen vaterländischen Gesinnung nicht mehr im alten Umfange besitzen. Tiefe Tatsache führt uns Zu dem eigentlichen Gedankengang, den ich in diesem Artikel auseinandersetzen möchte, nämlich zu der Frage: Was müssen wir Juden tun, um das verlorene Vertrauen unserer Regierung wiederzugewinnen? Mit der Ausgabe des theokratischen Systems im GerichtsmiD Verwaltungswesen hat die muselmanische Welt des türkischen Volkes die Mauer niedergerissen, welche sie von den übrigen Volksteilen getrennt hatte. Haben aber auch w i r I u d e n die M -a u e r n i e d -e r g e r i >s s e n , hinter welche wir uns bis jetzt verschanzt haben und die jeden intimen Kontakt mit der großen Majorität unmöglich mackst? Es war von jeher e i n s ch w e r e r F e h l e r der hiesigen Juden, daß sie, nachdem sie das Hebräische als ihre Volks- und Kultursprache aufgegeben und die alten Bibel- und Talmudstätten in moderne Volksschulen umgewandelt hatten, nicht die Landessprache als Unterrichtssprache an den letzteren adoptierten, wie es die Juden in Deutschland, Frankreich, Italien, England und Amerika getan haben. Wir haben uns durch die sprachliche Scheidewand Werte imponderabiler Natur entgehen lassen. Die meisten unter uns wissen nicht einmal, welche große geistige Evolution auf allen Gebieten der Wissenschaften und Kunst in den letzten Jahrzehnten trotz politischem Druck und despotischer Verwaltung in der türkischen Welt vor sich gegangen ist. Wer von uns Inden ahnt die großen Reformen, welche die türkische Sprache in den letzten Jahren durchmachte? Wer kennt ihre Vereinfachung und die großen Geistes-produkte von hohem literarischen Werte? Wirsignorieren die großen Schriftsteller in dieser Sprache sowie die Tatsache überhaupt, daß wir heute die intellektuelle Klasse und die Männer der Wissenschaft unter den türkischen Muselmanen und nicht bei den Minoritäten finden. Es war also unsererseits in allen Zeiten ein großer Fehler, fremde Sprachen an Stelle der Landessprache zu adoptieren. Die geistigen Führer des türkischen Judentums übernehmen eine große Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen im Lande, wenn sie nicht unverzüglich die nötigen Maßregeln ergreifen, -damit die Landessprache so rasch wie möglich die Muttersprache der türkischen Jude n werde. Die Sprache ist das einzige Mittel, durch welches wir das Vertrauen der Regierung und des Volkes gewinnen können. Wollenwir nicht unsere Heimat uns zur Fremde machen, wollen wir nicht uns die seit Jahrhunderten hier erworbenen Rechte streitig machen lassen, so müssen wir nicht daraus warten, daß man uns das Tür- Äsche als Unterrichtssprache aufzwinge, wie es teilweise bereits geschehen ist, sondern freiwillig und aus eigener Initiative müssen wir es als heilige Pflicht ansehen, die Frage der türkischen Sprache zu unserer eigenen zu machen, in dieser Sprache denken und fühlen zu lernen, an ihrer Verschönerung und Entwicklung mitzuarbeiten. Die künftige Lage der Juden in der Türkischen Republik hängt von ihrer Stellungnahme zu dieser Sprachensrage ab. Die Sprache ist das einzige Mittel, durch welches die verschiedenen Religionen und verschiedenen Gemeinschaften zu einem Volke verschmelzen, können. Die Sprache ist die einzige Brücke, die von Herz zu Herz führt. Die Adoption der türkischen Sprache als Muttersprache ist für uns Juden in der Türkei auch aus ideal-jüdischen Gründen eine Notwendigkeit. Die Kulturgemeinschast mit der muselmanischen Welt birgt eine bei weitem geringere Gefahr für die Erhaltung und Weiterentwicklung des Judentums, seiner Literatur und seiner hohen religiösen Ideale in sich, als die Berührung mit den abendländischen Kulturen. Die jüdische Geschichte bietet uns einen schlagenden Beweis hierfür. Man versehe sich nur für einige Augenblicke in die Glanzperiode des sephardischen Judentums, dessen Nachkommen in ihrem überwiegenden Teil das gegenwärtige jüdische Element in der Türkei bilden. Sämtliche Juden in Spanien unter der Herrschaft der Araber, die damals das höchste Kulturvolk in Europa waren, sprachen und schrieben Arabisch. Die gebildete jüdische Welt beherrschte nicht nur diese Sprache in Wort und Schrift, sie vertiefte sich sogar in die Studien des Korans und Zählte zu seinen Interpreten. Die Juden standen bei den Arabern in höchstem Ansehen und bekleideten die höchsten Posten. Welche glänzenden Ergebnisse erwuchsen aber aus dieser Berührung dev Juden mit der muselmanischen Welt für das Judentum und feine Sprache? Welch eine herrliche, Geist und Gemüt erhebende hebräische Literatur hinterliehen uns jene arabisch sprechenden Inden? Mit der Adoption des Türkischen als Unterrichtssprache an unseren Schulen wollen wir keineswegs den fremdsprachlichen Unterricht ausschließen. In welchem Lande werden fremde Sprachen nicht gelehrt und mit erstaunlichem Erfolg gelehrt? In Ländern, deren Sprache von wenigen Millionen von Menschen gesprochen wird, die im Auslande mit der Landessprache nicht weit kommen können, beginnt der fremdsprachliche Unterricht schon in der Volksschule, eine Notwendigkeit, die sich audj hier fühlbar macht. Die Unterrichtssprache an den hiesigen Schulen muß aber das Türkische, die Landessprache, werden. Das wesentlichste Merkmal eines einheitlichen Volkes ist neben dem gemeinschaftlichen Territorium eine gemeinschaftliche Sprache! Dr. D. F. Markus (Konstantinopel). Seit öer Amt Napoleons.. ♦ Briefe aus Amerika und — Moabit. Die „D e u t s ch e Wochenscha u", das Organ der Nationalsozialisten Hitlerscher Prägung in Berlin, veröffentlicht einen anblich aus Cincinnati stammenden Brief, dem wir die folgenden tellen entnehmen: „Sei stolz, daß Du ein Anhänger Ludendorffs bist; denn Ludendorff wird hier viel mehr geachtet als Hindenburg. Denn seit Hiudenbrrrg den Vertrag von Locarno rruterzeichrreL hatist seine Ehre hier verloren» Biel mehr Schneid und Energie hatten sie von ihm erwartet. Bon Ludcrrdorff schreiben die Zeitungen: Seit der Zeit Kaiser Napoleons hat noch kein Manu so viel unternommen als Lüdersdorfs^). Jedoch die Deutschen verkennen ihre großen Männer und lassen sich von Schreihälsen übertrumpfen. Wann wird das mächtige deutsche Volk wieder vernünftig?" In der Beilage des Blattes findet sich ein inerterer Brief, der der Feder einer Arbeiterfrau aus Moabit entstammen soll. Auch ihn möchten wir im Auszüge ohne Kommentar hier wieder gegeben: „Bezugnehmend auf unsere Aufsätze in der „Deutschen Wochenschau", in denen Sie über Beleidigungen, Verächtlichmachungen oder Verletzung unseres so hochverehrten und von dem größten Teil des "Volkes so hochgeschätzten und geliebten Führers E r i ch L u d e n d o r f f schreiben — kann man diesem feigen Lumpengesindel gar nichts weiter antworten — als das: Diese erbärmlichen Lügenschreiber sind für eine deutsche Faust oder Kugel zu schmutzig — diese gehören a u s d e n e r st e n b e st e n M i st h a u f e n." i) Von uns fett gesetzt. Die Schriftleitung.