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Central-Verein-Zeitung · 1926-01-22 · 4 (22.1.1926) · p. Seite 42

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
4 (22.1.1926)
Date
1926-01-22
Page
Seite 42 (sequence 6)
Language
German
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42 Die Not -er jü-ischen Muswan-erer. Die EittwanderANgsguote in Amerika. — Lichtpurrkter Die Kolonisation in Sttdrmtzlarrd und Der Krim. — Dringender Hilferuf an Die amerikanischen Juden. — Wohin mit den polnischen.Auswanderern? — Palästina ist ein unzureichendes Cinwanderungsland. — Eine ernste Entschlietzung. Das Vereinigte Komitees ü r jüdi s ch e Aus w a n d e - rung, welches 1921 auf der WelthilMonferenz in Prag gegründet )vurde, berief für den- 17. Januar eine öffentliche Versammlung in das Berliner Logenhaus unter Beteiligung des Arbeitsfürsorgemnts, des Zentralverbands „Ort", des Zentralverbands „Ose", des Verbands der Russischen Juden, des Palästinaamts, des Verbands ostjüdischer Organisationen und des Vereins für jüdische Emigration und Kolonisation. Dr. Oskar Cohn führt aus: Die Massenemigration aus dem Zaristischen Rußland nach den Pogromen in den Jahren 1880 und 1904 hatten ein bestimmtes und ungehindertes Reiseziel: Die Vereinigten Staaten und Kanada, zum Teil auch Südafrika. Anders gestaltete sich die Frage der Emigranten nach dem Kriege. Die Einführung der Einwanderungsquote in den Vereinigten Staaten, die überdies als Grundlage die niedrigste Einwanderungszahl von vor dem Kriege angenommen hat, und ebenso die Einwanderungseinschränkung in Kanada und anderen Ländern haben das Emigrationsproblem ungeheuer erschwert. Palästina hat sich infolge des Krieges als Siedlungsland entwickelt, bietet aber wenig Möglichkeiten, das Emigrationsproblem wesentlich zu mildern. Lichtpunkte sind die Aussichten einer Kolonisation in der Krim und in Südrußland. Rechtsanwalt Dr. Klee weist aus die Pflicht der Solidarität hin, da, wo es sich darum handelt, bedrängten Brüdern zu Hilfe zu kommen, die sich aus einer vergifteten Atmosphäre, wie sie sich neulich beim Lemberger Prozeß gezeigt hat, retten wollen. Die in Amerika lautgewordene Ansicht, die Lösung des EmigraLionsproblems dem w i r t s ch a s? t l i ch schwachen Europa z u ii berlassen, m u ß entschieden zuvückgew iesen werden. Von den amerikanischen Juden kann um so mehr Solidarität erwartet -werden, als die meisten von ihnen vor nicht gar zu langer Zeit aus dem * Osten nach den Vereinigten Staaten eingewandert sind. Als einzig aussichtsreiches Siedlungsgebiet für Mafsenemigration betrachtet - Dr. Klee die südamerikanischen- Staaten. Es soll zwar unter keinen Umständen eine Emigration dorthin Provoziert werden, aber auch den Auswanderern sollte die nötige Hilfe und Anweisungen nicht versagt werden. Palästina: kommt als Siedlungsgebiet mit in Frage, trotz der Rückschläge und der Krisis der letzten Zeit, b r in gt aber keine Erleichterung des g e g e n w ä r t i g e n P r o b l e m s. Die Aussichten, die sich in S o w j e t r u ß l a n d eröffnen, wären wohl willkommen, allein sehr viele, und selbst unter den Anwesenden befinden sich solche, empfinden die Verhältnisse in Sowjetrutzland als drückend. Do. Paul Nathan führte aus: Trotz der VerscküedenheiL der Sprachen und Ansichten auch über das Emigrationsproblem sind sich in einem Punkte alle Juden einig, daß man den Bedrängten und Notleidenden mit dem intellektuellen Vermögen nicht weniger als mit demjenigen des Portemonnaies helfen müsse. Dr. Nathan ist es eine große Genugtuung, daß seine Anregungen betreffs einer Kolonisation in Südrußland auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Die Kolonisationsarbeit in Südrußland, vom Joint; mit der finanziellen und staatlichen Hilfe der russischen Regierung unternommen, gewähre einen hellen Ausblick in die Zukunft. Die heutige Gelegenheit möchte er dazu benutzen, um auf die trostlose Lage der Juden in Polen und aus die Gefahren, von denen sie bedroht sind, hinzuweisen. Das Judenproblem in Polen muß von demjenigen in Rußland getrennt behandelt werden, und dennoch kann die Lösung des polnischen Problems nur im Zusammenhang mit der günstigen Entwicklung, der Verhältnisse in Rußland in 'Aussicht genommen werden. In' Rußland ist es kein politisches Problem. Verfassungsmäßig und auch in der Praxis wird kein Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden gemacht. Anders in Polen, wo trotz verfassungsmäßiger Gleichberechtigung Bureaukratie und Exekutive die Verfassung zu umgehen suchen und wissen. Bei der Verelendung der polnischen Judenheit ist eine Mafsenemigration aus Polen zu erwarten. Es entsteht nun die Frage: Wohin? Eine Frage, die schwerer zu lösen ist als die Geldfrage. Nordamerika und Kanada bleiben einer Emigration so gut wie verschlossen. Es mag eine egoistische Politik sein, aber eine begreifliche, wenn die Amerikaner die noch nicht bebauten Landslächen für eine zweite oder dritte Generation der dort Ansässigen reservieren möchten. Bei der Beurteilung der praktischen P a l ä st i n a s r a g e n muß man Tatsachen sprechen lassen. Nicht unsere Gefühle, sondern die Zahl der Quadratmeter entscheidet. P a l ä st i n a ist ein viel zu winziges Land, als daß von einer Immigration dorthin eine wirkliche Milderung der Ostjudensrage zu erwarten ist. Dr. Nathan sieht die Möglichkeit für die Lösung des Problems in Polen n u r i nt Zu - sammenhang mitdem Erfolg der Kolonisation in Rußland — also in einer I m m i g r a t i o n n ach de m Ost en h i n. Ein Hauptaugenmerk müßte schon jetzt darauf gerichtet werden, die Juden aus ihren Rayons in Rußland, insbesondere aus denjenigen an den- Grenzen, -nach dem -Osten zu verpflanzen. Dr. Singalowjky begrüßt die Anregung Dr. Nathans zur Orientierung nach dem Osten. Eine Verwurzelung im Lande ist gewiß die ideellste Lösung aller Emigrationssragen. Für den gegenwärtigen Zeitpunkt stünden jedoch den jüdischen Emigrationsgesellschaften folgende Ausgaben bevor: 1. Untersuchung der Arbeitsverhältnisse in den Emigrationsländern, 2. Gründung einer Anzahl von speziellen Fachkursen für Auswanderer, 3. Gründung von Arbeitsnachweisbureaus in den Einwanderungsrändern. Nach Ansprachen von Dr. S i n g a l o w s k h und Dr. K r a i n i n nahm die Versammlung die folgende Entschließung an: Die Organisationen, die die heutige Versammlung einberufen haben, und alle Teilnehmer der Versammlung betrachten es als ihre Pflicht, die jüdische Oefsentlichkeit in der ganzen Welt auf die äußerst kritische Lage der jüdischen Masten aufmerksam zu machen, und aus die Gefahr hinzuweisen, die entstehen muß, wenn man die jüdischen Masten ihrem eigenen Schicksal überläßt. Hauptsächlich wendet sich die Versammlung an die amerikanische jüdische Gemeinschaft mit der dringenden Aufforderung, um keinen Preis die Arbeit zu verringern, die bisher für die Emigranten in Osteuropa geleistet worden ist, sondern sie auch in der großen Hilfsaktion sortzusetzen, die jetzt die Judenheit der Vereinigten Staaten für die osteuropäischen Brüder wieder begonnen hat. Steiger und -er Ceirtralveeem. Die „Jüdische Rundschau" macht sich einen Angriff aus den Centralvereiu zu eigen, der ungerecht und völlig deplaciert ist. Der Angriff lautet: Weil Steiger ein Zionist sei, habe sich der Centralverein bisher nicht um sein Schicksal gekümmert; das heißt so lange nicht, wie seine Zukunft ernsthaft bedroht gewesen. Und warum diese Zurückhaltung, die in jenen Ausführungen als Feigheit ausgelegt wird: „Um nicht, Gott beh ü te, in den Verdacht des mangelnden deutschen P a t r i o t i sm us z u gerate n." Es ist nicht gerade einfach, zu verstehen, was „deutscher Pairiotisnms" mit dem Steiger-Prozeß zu tun hat. Es ist der obige ein etwas wolkiger Satz, aus dem die Sonne des Gedankens hell nicht hervorleuchtet. Gegen Polen Chauvinismus zu entwickeln, gilt vielen vielmehr als besonders patriotisch. Und ein anderer Angriff an der gleichen Stelle ist folgendermaßen firmiert: Es „wirkt dieses wochenlange Schweigen gerade eines Teiles der deutschen jüdischen Presse, dieses Nichteintretenwollen für einen Unschuldigen, für den sich ein großer Teil der nichtjüdischen Presse in Europa und Amerika einsetzt, unsagbar beschämend". Da ich an dieser „unsagbar beschämenden Handlung" teilgenommen habe, so möchte ich des „Ruhmes" für diese meine Stellungnahme nicht verlustig gehen. Ich habe nämlich für den Centralverein in den entscheidenden Zeitpunkten den Steiger-Prozeß bearbeitet, wie unch, als Juden, seit den Zeiten des Prozesses von Tisza-Eslar über den Dreysus-, über den Beilis-Prozeß hinweg alle jene Verfolgungen empört und nach meinen Kräften zum literarischen Eingreifen veranlaßt haben, bei denen die Wahrheit und die Gerechtigkeit vergewaltigt und arme Juden auf dem barbarischen Altar verbrecherischer Ungerechtigkeit zu Ehre und llkchen des Antisemitismus geopfert werden sollten. Hieran zu erinnern wäre gänzlich überflüssig und geschmacklos, wenn ich nicht gezwungen wäre, nachzuweisen, daß ich zu;enen nicht gerade gehöre, die das Leisetreten und die moralische Feigheit für höchste Tugenden halten. Der unverhüllte Frontalangriff kann geboten und kann verfehlt sein, und ebenso verfehlt oder geboten kann eine vorsichtige Zurückhaltung sein. Es ist durchaus zutressend, daß ich im Falle Steiger Zurückhaltung in der deutschen Presse immer erneut— ich bekenne mich laut dazu — empfohlen habe. Aus Leisetreterei etwa? Nein, vielmehr aus ganz anderen Beweggründen. Der Gegensatz zwischen Deutschen und Polen ist evident: die Erbitterung Zwischen ihnen ist groß, und jede Kritik, die aus Deutschland kommt, gilt } e l h ft verständigeren Polen, wie die Verhältnisse heute leider liegen, als verdächtig, unbeachtlich, als ein Fallstrick. Wollte man den polnischen Chauvinismus im Falle Steiger aufpeitschen, wollte man ein ruhiges Besinnen in Polen bei diesem Anlaß völlig unmöglich machen, dann mußte man den Chauvinisten jenseits der Grenze die Möglichkeit geben, auf die Deutschen als die offensichtlichen Protektoren des sogenannten Attentäters auf den polnischen Staatspräsidenten Hinweisen Zu können. Nichts wäre geeigneter gewesen, um das Schicksal eines Unschuldigen weiter Zu verdüstern, und um bei einer Verurteilung die Gesamtheit des polnischen Judentums durch Pogrome in Gefahr zu bringen. Diese Politik der Narrheit habe ich freilich nicht empfohlen. Nicht, daß allüberall über den Steiger-Prozeß gelärmt wurde, war das Erstrebenswerte, sondern nur dort war eine Erörterung geboten, wo eine kritische Besprechung statt zu schaden, Nutzen bringen konnte und Nutzen bringen müßte; also vor allem in Frankreich, dann in England und insbesondere in den Vereinigten Staaten, von wo die Polen die Milliarden beziehen wollen, um das Leck in ihren Finanzen stopfen zu können. Und in jenen Ländern hat die aufgeklärte öffentliche Meinung sich denn auch ausgiebig mit dem Prozeß und für die politischen Köpfe in Warschau -unmißverständlich beschäftigt. Ich bezweifle nicht, daß diese Erörterungen für einen gerechten Spruch die Voraussetzungen beihelsend geschaffen

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