Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 4 (22.1.1926)
- Date
- 1926-01-22
- Page
- Seite 39 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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:J9 Was ich den Möen verdanke. Registriert zu meinem fünfzigsten Geburtstag. Von Herbert GuLenberg. In meinem Elternhause gab es keine Judenseindschast. Aöein Vater besonders, der ein eifriger Leser der „Freisinnigen Zeitung" und ein Freund von Eugen Richter war, suhltc sich vollkommen -frei davon. Gleichwohl verkehrten meine Eltern innig kaum mit Juden. Vorübergehend nur mit einer Familie Kahn, von der meine Mutter sagte: „ES sind Zwar Juden, aber io tan ständige Leute." Des alten Kahn, eines höchst gutmütigen Menschen, der bei den damals in meiner rheinischen Vaterstadt beliebten Liebhaberaufführungen häufig als lustige Person mitspielte, entsinne ich mich noch gut als eines meiner ersten schauspielerischen Eindrücke. Um so erstaunter war ich später, als ich zum Theaterdienst übergegangen war, daß ich fast nur Juden auf diesem meinen erwählten Dornenweg antraf. Mit sehr vielen von ihnen habe ich mich rückhaltlos angefrenndet und in ihnen stets zuverlässige, wohlmeinende und empfindungsvolle Freunde gefunden. Geld zu verschenken pflegen ja im allgemeinen nach Heines köstlichem Witzwort weder Juden noch Christen. Aber der meist und wohl auch mit Recht gern zugeknöpfte Walther Rathenau beifpiels» Herbert Eulenberg (wird, weise hat mir auch einmal mit am 25. Januar 50 Jahre alt) einem Stipendium beigestanden und mir ermöglicht, drei Wochen fern von Berlin über mein Stück „Alles um Liebe" in Rom still und ungestört Nachdenken zu können. Das war nach dem äußerlichen Mißerfolg meines Mürchenstticks „Ritter Blaubart" am Lessing-Theater unter Otto Brahms Leitung. Muk Brahm selber hat mich trotz dieses anfänglichen Fchlschlags jahrelang bis zu seinem Tode eine herzliche Zuneigung verbunden. Am Vorabend der Aufführung von „Alles um Geld", der letzten, die ich bei ihm erlebte, sagte er mir noch in seiner spitzen, letcht spöttischen, aber innerlich ganz ernsthaften Art: „Lassen Sie sich die Schlacht nicht durch das verderben, was morgen etwa die Herren von der Feder darüber orakeln! Ihr Stück ist ein Weltgedicht." Auch von jüdischen Schriftstellern und Verlegern — ich muß feststellen, je älter ich werde, desto weniger achte ich überhaupt noch aus Abstammung und Glauben — habe ich manche Anregung und Förderung erfahren. In vielen Kunstgesprächen, die ich mit mehr oder minder mir zusagenden Berussbrüdern von Judas Stamm geführt habe. Ich möchte nicht die Namen von noch Lebenden anführen. Aber es gibss eine ganze Anzahl unter den jüdischen Geistesmenschen, mit denen ich mich durch ein gleiches Streben und Wirken ties verbunden fühle. Insbesondere der Hang zur Freiheit und der Haß gegen alles Knechtselige hat mich stets an unserem deutschen Judentum ungezogen. Und daneben noch der Trieb ins Höhere, den man oft bei ganz armen und schlecht gestellten Juden noch findet. Ihn und die Achtung vor der Kunst und den Künstlern, - in der sie sich gegen viele teutonische Deutsche rühmlich hervortun. Wenn ich zum Schluß eine Bitte aussprechen darf, so ist es der Wunsch, daß unsere d e u t s ch e n I u d e n, vor allem in den Oberschichten, sich die volle Liebe zum Deutschtum erhalten mögen, die vordem gerade ihre Besten stets beseelt hat. Man denke an Lessings Freund Moses Mendelssohn! An die Farmlie Mendelssohn überhaupt, deren Begabtester dm Deutschen prachtvolle Volkslieder geschenkt hat. Denke an Heinrich Heine, der in Paris trotz allen Hohns über die deutschen Fürsten und ihre Untertanen nie vergessen hat, Deutschland selber aufs innigste zu lieben. _ Man denke noch an die jüdischen Verbreiter der Kunst Richard Wagners. Denke an Otto Brahm, der Gerhavk Hauptmann für Deutschland entdeckt und durchgesetzt hat. Denke an Walther Rathenau, der in der deutschen Romantik zu Hause war, der für die Prosa Wilhelm Schäfers eintrat, und für die mittelalterliche Steinmetzkunst lngoistert war. Und erinnere sich schließlich an das große tönende Verständnis und die Liebe, die Gustav Mahler für das Knaben Wunderhorn empfand! Mit Besorgnis beobachte ich ich die tiefe Verbitterung, mit der, durch trübe persönliche Erfahrungen hervorgerüfen, heute manche jüdische Geister, hier oder ins Ausland hinübergewandert, gegen das Deutschtum erfüllt [mb! Vergleiche gegen die Freudigkeit und Leidenschaft, mit der sich frühere Bühnenleiter oder Kapellmeister für deutsche Klmst und Art einsetzten, die laue Liebe, die. manche deutschen Theaterdirektoren, christlicher wie jüdischer Herkunft, gegen die Bühnendichtung oder Musik ihres Landes und ihrer Heimat offenbaren! Und man wird zugeben müssen, daß sie, die heute bei uns in führenden Stellungen sind, leicht sich eher jeder Kunst, die aus dem Allsland kommt, die „weither ist", zuueigen als der mit ihnen geborenen deutschen. Eingeräumt, daß manche geistige Juden heute durch einen da und dort stärker als früher aufflackernden Judenhaß in Deutschland verbittert worden sind. Darum sollen sie -aber um Himmels willen nicht auHören, sich hier heimisch gu fühlen und das Land und das Volk zu lieben,, unter dem sie wohnen und von dem sie ein Teil sind. „Ein Stück Herz von uns bleibt, wo wir auch sind, an Deutschland hängen," schrieb Bamberger ans der Verbannung. Das ist die richtige Gesinnung für einen deutschen Juden. „Vergällt euch nicht durch Haß und Hohn das Leben! Um Lessings willen müßt ihr viel vergeben!" Hab' ich einmal einem wilden Zionisten in sein Tagebuch vermerkt. Die Alarmglocke. Die Not des jüdischen Mittelstandes. Lertwort: Während einer Hungersnot. verkaufte Ethewold, der Bischof von Winchester, alle kostbaren Kirchengefäße und -Zierrate, um den Armen Brot zu verschossen, indem er sagte, daß kein Grund vorhanden fei, Gottes Tempel kostbar auszustatten, während die lebendigen Tempel Not litten. (AuS einem alten englischen Buche.) In einer großen Anzahl von Nummern dieser Zeitung ist auf die entsetzliche Not des jüdischen Mittelstandes, auf die steigende Zahl der Selbstmorde hingewiesen worden. Wir haben Informationen der jüdischen Oeffentlichkeit, einen Hilfsfeldzug großen Stils von den verantwortlichen Wohlfahrtseinrichtungen gefordert. Schweigen war die einzige Antwort. Die neueste Nummer der „VereinsMitteilungen" der jüdisch-religiösen Vereine von Berlin-Friedenau, Steglitz und Umgebung, denen Herr S. Gottschalk in Steglitz vorsitzt, beschäftigt sich in eindringlichen Ausführungen mit dem jüdischen Notstand. Nach auspeitschenden Schilderungen der Verelendung schreibt das Blatt: ^Bisher ist innerhalb der deutschen Judeuheit von dieser Erkenntnis des Vald-zu-spät, dieser unaufschiebbaren Eile, von diesem Fieber des Hilfswillens nichts zu spüren. Die Alarmglocke ist noch nicht einmal gezogen worden? Und doch müßte sie geläutet werden von allen Seiten! Wo sind die berufenen Wächter unserer Gemeinschaft, von denen wir's zu erwarten haben? Wo sind die Rabbiner, Führer, Parteien, Zeitungen, Hilssgesellschaften, Wohlfahrtsämter, Organisationen unb Verbände, an der sozialen Kriegsfront, in erhöhter Mionsbereitschaft? Darum ist d i e er st e T a t, die zu tun ist, daß wir die Sturmglocke ziehen! Wild und unaufhörlich, bis die zweite Tat getan wird. Die zweite Tat ist, daß alle, die es angeht, in Bereitschaft und zueinander treten, um zu sehen, was zu tun ist. Die es angelst, sind die Chewras und Kehillas, die Vereine und Logen, die Wohlfahrtsämter und -zentralen, die Organisationen, Großgemeinden und Gemeindeverbände. Die dritte Tat ist eine N o t ge me i ns ch a f t, eine Dachorganisation der Hilfe, ein «Joint Committee der deu t s chen Iu den! Wie sie zu bilden ist, mag das amerikanische Vorlüld lehren. Nur frischen Entschluß gillls, mutige Initiative. Zu etwas neuem, noch nicht Bestehenden nämlich. Alle Hochachtung vor unseren heute bekannten und wirkenden Instanzen —- aber zu einer Unternehmung, wie die Katastrophe von heute sie fordert, scheint keine von ihnen gerüstet. Weder in der Form ihres organisatorischen Aufbaus, noch in der Zusammensetzung ihrer Menschen, noch in dem Ausmaß und dem Schwünge ihrer leitenden Ideen. Das Vertraueil, das sie auslösen, mag für normale Zeiten genügen: in Zeiten äußerster Not brauchen wir ein neues, ganz anders fundiertes und beschwingtes Vertrauen — eine Art „Comite du Salut Public“ für die deutschen Juden. Die Notgemeinschaft muß ein Instrument sein, das in aller Eile in Funktion zu treten, in kürzester Frist einen Hilfsplan (Jdee- und Aktionsprogramm) auszuarbeiten, mit Entschlossenheit die Mittel für ihn aufzubringen, ihn sofort in Wirksamkeit zu setzen bereit und stark genug ist. Dieser Plan und diese Wirksamkeit werden die vierte und die eigentliche Tat sein. Wir stellen zur Diskussion: Eine jüdische Darlehnskasse." Mögen diese dringlichen Mahnungen bei bei; veramwo etlichen Stellen der WohlfahrtZaröeit Gehör finden, damit aus den; vorgeschlagenen oder auf anbercm Wege alles nur Mögliche für unsere Notleidenden geschieht. Es wäre schon eine Beruhigung, wenn die Zuständigen Stellen ihre bisher geleistete Arbeit und ihre geplante bekanntgeben.