Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 1 (15.1.1926)
- Date
- 1926-01-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 wäre. Glaubt man wirklich, die jüdische Schule, die wir heute haben,! oder die ihren Verfechtern vorschwebt, hätte etwas spezifisch Jüdisches au her ein Paar hebräischen lind Religionsstundeu? — Glaubt man, zur Erhaltung des Judentums wesentlich mehr beizest ragen, als die jüdische Familie kann, wenn man die' ch r i st l i che n Lehrer durch j ü d is ch e Ersetzt, ohne die Arbeit der jüdischen Schule gegenüber der anderen schule von Grund aus zu ändernd -vier gilt es, endlich den Unterschied einzuseheu, der Zwischen deutscher und jüdischer Art besteht. Tenn wenn wir auch vor der Tatsache die Augen nicht mehr verschließen dürfen, daß nur nun einmal zwei Völkern - angehören, so müssen nur doch ebenso erkennen, wie verschieden sie sind. Und auch dies zeigt sich gut in der Schulfrage. Tie deutsche Schule ist Bildungsanstalt, wie das deutsche Volk -t>om Grunde seines Wesens auf Bildung gerichtet ist. Schon das jüdische „Lernen" ist ganz etwas anderes, wieviel mehr wirkliche jüdische Tat! Die „jüdische Schule" aber würde nach dem Plane ihrer Anhänger Bildungsschule sein, also gerade das eigenartig Jüdische vernachlässigen. — Jüdische Geschichte könnte wohl einen großen Raum in ihr einnehmen, aber wird mit solchem Schulwissen der Zusammenhang mit der jüdischen Vergangenheit hergestellt, der ohne Vertiefung in die Quellen nun einmal niäjt möglich ist? Die jüdischen Schulen betrachten es mit vollem Recht als ihre Aufgabe, die jungen jüdischen Deutschen so mit deutschen! Wesen vertraut zu machen, wie es ihnen nur irgend möglich ist; aber kann in derselben Schule, deren Lehrplan anerkanntermaßen bereits überfüllt ist, dieselbe Arbeit Zugleich noch für das Judentum geleistet werden? — Das deutsche Volk führt ein politisches Leben, will sein Reich in deutschem Geiste ausbauen und im Leben der Völker seinen Platz an der Sonne gewinnen; es will das politische und wirtschaftliche Leben eines europäischen Großstaates führen, aast das es AnspruchHut, es will auf dem Grunde seiner alten .Hj iliur neues geistiges Leben erwachsen lassen, will in den politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Wettbewerb mit der übrigen Welt treten, und nur deutschen Juden als seine Glieder mit ihm. Aber als Juden? Das Judentum hat keinen politischen Ehrgeiz mehr. — Wir Nichtzionisten glauben, daß es dem Judentum in aller weltlichen Zeit nicht mehr gegönnt sein wird, seinen eigenen Staat zu errichten, selber in das politische und wirtschaftliche Weltgeschehen einzugreifen, ja selbst unsere kulturelle Ausgabe sehen wir vielleicht anders. Denn wir sind der „Levi unter den Völkern". Und das alles sollte sich nicht in der Schule ausdrücken? Es sollte genügen, eine deutsche Schule mit einigem jüdischen Lehrstoff zu schassen? Was wir heute unter jüdischer Schule verstehen, ist grundsätzlich etwas anderes, als was der Erhaltung und Erneuerung des Judentums in uns nottut. Noch ist die neue Foren nicht geschaffen. Aber die Not und die Aufgabe kennen wir, und einige Änfänge zu ihrer Lösung sind geschaffen: das jüdische Lehrhaus und die jüdische Jugendbeweg un g. Beide leiden unter der grenzenlosen Teilnahmlosi^keit derer, denen sie zn dienen bestimmt nnd bereit sind. Heist uns, sie zu erhalten nnd sie nuszubaucn, daß sie uns allen helfen können, soviel in ihrer Macht steht! j DeuißOe Sugendbetvesuns. von vr. LanöZettel lNaren-Mprrtzl. Nachdem wir in den bisher erschienenen Nummern ein Bild der deutsch-jüdischen Zugendbewegung in organisatorischer Hinsicht gegeben baden, veröffentlichen wir hiermit eine Darstellung der deutschen Jugendbewegung. Die Schrfftlertung. „Ich grüße die Jugend, die nicht mehr saust. Die Deutschland durchdenkt und die Deutschland durchläuft Sv grüßte Herbert Eulenburg im Oktober 1913 die deutsche Jugendbewegung, die zur Jahrhundertfeier aus den Hohen Meißner zogi' klarer als alle Abhandlungen sagt dieser Gruß, was Jugendbewegung ist nnd will, und was all ihren ungezählten Bünden, Verbänden sind Gruppen gemeinsam ist. Das Verdienst, mit veralteten Formen jugendlicher Geselligkeit, mit Suff und Kneipe, zuerst gebrechen und der deutschen Jugend Wege zu einer besseren Geselligkeit gewiesen zu haben, gebührt dem Wandervogel und den ihm gcsiununasverwandten W a n d e r e r Vereinigungen; auf der Grundlage desWunder ns haben diese Verbände eine völlige Umgestaltung unserer geselligen Jugeudkultur herbeigeführt mit dem Ziel: Ablebnuug alles Unechten und Ungesunden, der Modetorheiten und des FÜrLS:"cchte Kameradschaft zwischen Buben und Mädchen; Einfachheit, U rspr ü n a l i ch l e i t und W a h r h as t i gke i t. Tie markantesten Typen der deutschen Jugendbewegung kurz zu charakterisieren, sei im folgenden versucht. Aus der Jugendpflege hervorgegangen sind die Wehrte gen des Guttemplerordens: gegründet zu dem Zweck, die Jugend für'den Alkoholkampf zu gewinnen, sind sie heute Jugendbewegung im besten Sinne; denn weltumspannenden und übervvltischcn Charakter des GutLemplerordens entsprechend, sind auch seine Jugendlögen in politischer und religiöser Hinsicht vorbildlich neutral und tolerant. Als Jugendbewegung ist heute auch der Jugendbund im Gero c r f s ch a s t s b u u d d e r A n g e stellte u anzusehen. „Wir wollen mit Helsen," lautet der „Wille des Jugendbundes", „daß unser Volk aus der Wirrnis der Selbstzerslcischung wieder emporkomrnt. Wir wollen wurzeln in deutschem Geist und Leben, Versöhnung und Vertrauen zn allen Volksteilen fassen und erneuern." 1’ _ der Nus ... , _ „ , , wertigen Formen turnerischer Geselligkeit. „Fort mit Kneipe, Kommers und Ball! Heraus aus der Enge steifer Gebundenheit! Weg mit der erdrückenden Last verkrampfter Vereinsmeierei!", so heißt es in ihren Schriften. In ihrer Entstehungsgeschichte und ihren Idealen unterscheiden sich von der übrigen Jugendbewegung merklich die Pfadfinder. Ein Produkt angelsächsischer' Kultur und international aufgezogen, tragen sie dem natürlichen Drang jedes Jungen nach Romantik Rechnung, wobei sie gleichzeitig auf strenge Zucht und Unterordnung halten. Ihre politische Einstellung ist verschieden. Während die Jugendbewegung im besetzten Gebiet verhandelten, lehnt der Pfadsinderbund jede derartige Beteiligung ab. rn Ter Kampf politischer und religiöser Weltanschauungen tobt auch der Jugendbewegung. Auch hier eine religiöse Bewegung, nach Konfessionen gespalten; ihre Hauptvertreter: Der protestantische Bund deutscher Jugend, die katholischen Quickborn, Jungborn (werktätrge Jugend) und Großdeutsche Jugend (Pazifistisch) sowie die jüdischen Kameraden und die Deutsche-jüdische Jugendgemeinschaft. — In der politischen Jugendbewegung die starken Gegensätze: Auf der einen Seite die national-völkischen Verbände, wie Großdeutscher Jugendbund, Jungnationaler Bund, die Fahrenden Gesellen des Deutschnationalen Handlungsgehilsen-Verbandes, die studentische Großdeutsche Gildenschast und endlich die vom Jugendschriftsteller Wilhelm Kotzde geleiteten Adler und Falken, sämtlich dom jüdischen Kameraden grundsätzlich ablehnend gegenüberstehend. Auf der anderen Seite die international^ organisierte Proletarische Jugend, seit dem Krieg gespalten in die Sozialistische Arbeiterjugend und Komm un ist i sehe Jugend. Dazwischen die Splitter der Freideutschen Jugendbewegung nn Geiste des Hohen Meißners. lieber b:c parteipolitische Einstellung der Arbeiterjugend herrschen vielfach schiefe Vorstellungen. „Die Arbeiterjugendbewegung ist Jugendbewegung und junge Generation der Arbeiterbewegung zugleich." „Tie.Probleme stets neu zu durchdenken, keine Selbstversituidlichkestteu zu tenneu, die geistigen Grundlagen der Partei stets neu zu prüfen ist das schönste Vorrecht der sozialistischen Jugend, mag sie auch wegen der Unruhe, die sie in die Bewegung trägt, als das Sorgenkind der Partei gelten." („Jugend-Vorwärts", 22. August 1925.) Die Forderungen der Arbeiterjugend: „I u ge n d s ch u tz" und „I it g endrech t" werden heute von der gesamten deutschen Jugendbewegung unterstützt; auf der öffentlichen Tagung des Ausschusses d erde ic t f cf} e n I u g e n dverbü n d e am 6. und 7. Oktober in Kassel, wo die^Jugcndbeweguug nnd Jugendpflege aller Richtungen, im ganzen 74 große Verbände mit 3'b Millionen Mitgliedern vertreten waren, forderte man von der Reichsvegieruug für unsere erwerbstätige Jugend zwischen 14 mtb 18 Jahren die gesetzliche Regelung einer ausreichenden täglichen Freizeit, den Beginn der Sonntagsarbeiisruhe bereits am Sounabendnachmittag und ausreichenden jährlichen Urlaub. Mit dem Ausschuß der deutschen Jugendverbände ist der erste Anfang einer großen ü b e r b ü n d i s ch e n Jugendorganisation gemacht, in der die sonst nach politischer und religiöser Ueberzeugung sich befehdende Jugend zusammenarbeitet an gemeinsamen Aufgaben und Zielen; Zeitschrift: „Das junge Deutschland." — lieberbündisch in ähnlichem Sinne ist die Zeitschrift der Berliner Jugendbewegung „Die S t r e u s a n d b ü ch s e", Fuldas „Zwiespruch" dagegen überwregend „national" im Gegensatz zu Hammers fortschrittlichen „Jungen Menschen" und „Junger Gemeinde". Eine der feinsten Blüten der deutschen Jugendbewegung ist die m u s italische Erneuerungsbemeaung; schon vor 20 Jahren hatte Tr. Breuer (t) mit dem bekannten „Zupfgeigenhansel" begonnen, die köstlichen alten Volkslieder der Jugend wieder Zugänglich zu machen. Kampf dem Schund, dem Gassenhauer und der Operette lautet die Losung, aber auch dem Liedertafelkitsch unserer Gesangvereine. Zurück zum Volkslied, „auf daß Musik und Volk wieder zueinander finden"! — Die körperliche Ertüchtigung unserer Jugend durch das Wandern hat in den heiteren Volkstänzen seinen notwendigen Ausgleich gefunden; Spiel, Sport und Leibesübungen sind hinzu gekommen. Gründliche Körperkultur ermöglichen heute die I u g e n d g e l ä n d e- und I u g e n d ü b n n g s P l ä tz e. In Licht, Luft und Sonne tummelt sich hier die Jugend „im Lichtkleid". Mit unerschrockener Hand und in aller Unbefangenheit hat die Jugendbewegung hier von einem Neuland Besitz ergriffen, das uns in unserer prüden Kleiderkultur als unerreichbar schien.-— Trotz aller Spaltung und Zerrissenheit ist die deutsche Jugendbewegung heute ein Faktor, der nicht mehr übersehen werden kann; nicht zu übersehen sind aber auch noch die Mächte der Alten, die Schüler- und Studentenverbindungen. Bis einmal die gesamte deutsche Jugend jugendbewegt ist, wird noch manch schwere Arbeit zu leisten sein. —