Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 1 (15.1.1926)
- Date
- 1926-01-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Organisation und Korporation. Von Kurt Cohn (Leipzig). Nicht von dem, sondern nur von den jüdischen Freistudenten kann man sprechen, wenn man einer unter anderen Gesichtspunkten allerdings anfechtbaren Vereinfachung zuliebe als Frei st ude nten jeden Studierenden bezeichnet, der in keiner Form, auch nicht als Verkehrsgaft, einer Korporation angehört; denn die Gründe, sich einer Korporation fernzuhalten, können sehr verschieden sein, so daß es keinen einheitlichen Typus des Freistudenten gibt. Aus der einen Seite gibt es äußerliche Veranlassungen, Z. B. die wirtschaftliche Lage des Studenten, die ihn seiner Meinung nach hindert, den mit der Zugehörigkeit zu einer Korporation verbundenen Aufwand zu tragen. Auf der anderen Seite wieder gibt es Studenten, die von grundsätzlicher Organisationsfeindlichkeit erfüllt sind: „Die Organisation verdirbt den Charakter!" Den größten Teil der Freistudenten dürften aber diejenigen bilden, die die Beden t u n g der Organisation zur Erreichung eines bestimmten Zweckes zu würdigen wissen, die aber nicht in eine Gemeinschaft eintreten wollen, die wenigstens während der Aktivität den ganzen Menschen für sich in Anspruch nehrnen, seine gesamten L-ebensänßerungeu beherrschen, ihn „erziehen" will; denn hierin besteht das Wesen der Korporation, nicht in gewissen äußeren Erscheinungsformen, z. V. dem Farbentragen, die bei manchen Korporationen teilweise sehleil, bei dein größten Teil allerdings hergebracht und osfenbar dem Wesen der studentischen Korporation besonders angepaßt sind. Eine für zwei größere deutsche Universitäten 1921 aufgenommene Statistik zeigt, daß dort etwa zwei Drittel der jüdischen Studenten deutscher Staatsangehörigkeit teils jüdischen, teils paritätischen Korporationen angehörte, ein Bruchteil, der über den Durchschnitt der Studentenschaft erheblich hinausging. Neuere Zahlen sind nicht bekannt, das Verhältnis dürfte sich aber an den betreffenden Hochschulen nicht allzusehr geändert haben. Wenn man nun berücksichtigt, daß eine große Zahl der jüdischen Freistudenten Damals teils jüdischen Organisationen — den Studentischen Ortsgruppen des Centralvereins — teils allgemeinen interkonfessionellen Organisationen (Politischen Studentenverein-eu, sozialen Organisationen) nachweisbar angehörte, so ergibt sich, daß von einem übertriebenen, der Organisationsfähigkeit hinderlichen jüdischen Ueber- Individualismus ans studentischem Gebiete nicht die Rede sein kann, falls nur die zweckmäßige Organisationsform gewählt wird. Sie ergibt sich daraus, daß auch der größte Teil der jüdischen Freistudenten von denen gebildet wird, die einer Organisation , aber keine r Korporation angehören wollen. Gerade weil ihnen keine Korporation einen bestimmten Verkehrskreis gewährleistet oder vorschreibt, können sie Gedankenaustausch imb menschliche Berührungen nicht auf jüdische Kommilitonen beschränken oder nur mit solchen nichtjüdischen Kommilitonen in Berührung treten, die von Antisemitismus frei sind, wie es der jüdische Angehörige einer Paritätischen Korporation von seinen christlichen Vundesbrüderu erwartet. Anderseits wird der nichtjüdische Freistndent, wenn er auch durchschnittlich von genau so starker antisemitischer Gesinnung erfüllt sein wird wie der nichtjüdische Korporationsangehörige, schon räumlich eher Gelegenheit haben, mit ihm, z. B. in interkorporativen Organisationen, in Spezialübungen, die wenigstens in den geisteswissenschaftlichen Fächern überwiegend, aus hier nicht näher darzulegenden Gründen, von Freistudenten besucht werden, in Berührung zu treten und auch die Gelegenheit ergreifen, sich mit ihm auszusprechen, und zwar gerade über Fragen, die das Judentum berühren. Der jüdische Freistudent wird daher den Antisemitismus nicht so sehr als einen Angriff auf die Ehre einzelner Juden oder der Judenheit als solcher empfinden, sondern, soweit er ihm eben in solcher sachlichen Aussprache entgegentritt, als einen Angriff auf das Judentum, ans den geistigen Wert und Inhalt, der die Judenheit erfüllt. Die Stellung zu diesem Werte wird er sich regelmäßig erst erarbeiten müssen; gerade hier setzt die Notwendigkeit einer interkorporativen oder sreistudentischen jüdischen Oganisation ein, gerade hieraus folgt aber auch, daß eine solche Organisation ohne Beschäftigung mit dem Judentum ihren Zweck verfehlt. Während eine jüdische Korporation schon durch die b l o ß e Ta t s ach e i h r e s B e st e h e n s e i n gewisses jüdisches Gefühl erzeugt, muß eine solche Organisation daraus bedacht sein, ihren Angehörigen bewußt jüdische Werte zu vermitteln: das ist für sie Notwendigkeit, während es für eine Korporation lediglich ein hohes, wenn auch, wie wir gern annehmen wollen, regelmäßig angestrebtes Verdienst darstellt. Eine derartige Arbeit läßt sich erfahrungsgemäß nicht in absoluter Neutralität verrichten; anderseits darf niemals absolute Einheitlichkeit gefordert werden. Gerade der Standpunkt des C e n t r a l v e r e i n s ist, wenn er die für akademische Verhältnisse notwendige Bewegungsfreiheit läßt, der gegebene nicht nur in ideeller, sondern auch organisatorischer Hinsicht, da die überwiegende Mehrheit der jüdischen Freistudenten d e u t f d) * jüdische Studenten sind. Ihre Organisation — Zweckmäßigleitsrücksichten sei überlassen, ob sie gesinnungsverwandte Korporationsstu-denten umfassen soll — würde also auf akademischem Boden zur geistigen Vertretung der in ihnen vollzogenen Verbindung von Deutschtum und Judentum berufen sein. Ulbert Sallm, ein helö öer Arbeit. Jedes Lebensalter erwählt sich seine Jdealgestalten, bis der in sich vollendete und reife Mensch sich selbst in Beziehung zu seinen Idealen setzen kann. Bis in späte Jahre hinein läßt sich der Einfluß mitunter nur sekundenlanger Eindrücke verfolgen, und oft war es nur ein Buch, aus dem irgendein Absatz sich mit solcher Schärfe ins Gedächtnis Prägte, daß vom U n t e r b e w u ß t s e i n her Sinn und Absicht jener Sätze das Tun regiert. Dem jungen Menschen, dessen Gedanken der Zeitgeist zur Betrachtung wirtschaftlicher Vorgänge und ihrer Urheber und Beherrscher treibt, deren Wirkungen er oft selbst verspürt, wird ein Buch willkommen sein, das bahnbrechende schöpferische Persönlichkeiten in ihrem Entwicklungsgänge verfolgt, ihre Leistungen würdigt, das sich darüber aber nicht in biographische Einzelheiten verliert, sondern eine große Linie bei allen ihrer Grundanlage nach so verschiedenen Männern mtftoeift und verfolgt. Her m a n n Schöl c r , dessen Buch von den „Helden der Arbeit"*) nun in vierter Auflage vorliegt, findet dieses Gemeinsame in dem Deutschsein der vielen ihn zur Darstellung reizenden Persönlichkeiten. „Nur weil sie immerdar die ganze Kraft ihrer reichen Gaben in dem deutsch empfindenden Geiste, in den sie hineingeboren und in dem sie willig der nationalen Kultur lebten/aus deren ewig und reichsprudelnden Quell sie alle Zeit ausgiebig schöpften und an dem sie sich'labten, weil die Liebe zur Heimat stärker in ihnen war als die Lockungen ausländischen Glanzes, kurz, weil sie durch und durch deutsche Männer waren, nur deshalb konnten sie die Männer werden, als die sie unsterblich sind." Zu den Männern, die Schäler unter diese Gruppe rechnet, gehört in der vorliegenden Ausgabe nun auch Albert B a ll i n — ein Zeichen von der nur der Idee seines Buches dienenden Absicht des Verfassers, der Politisch übrigens auf dem rechten Flügel der Deutschen Volkspartei steht und der ein deutsches L e s cunb Erziehungsbuch schaffen wollte. Nicht um der Bearbeitung von Ballins Lebensgang willen ist das Buch für uns wertvoll. Aber wegen dieses Umstandes darf es mit Recht in diesen Blättern rühmend erwähnt werden. Die Daten dieses Lebens, das, von den Kräften des eigenen Seins genährt, hoch emporwuchs, um dann jäh in tragischem Sturze — auch dies aus den Kräften des eigenen Seins — zu enden, seien kurz erwähnt. Albert Ballin wurde am 15. August 1857 in Hamburg geboren. Mit 17 Jahren trat er an die durch den Tod seines Vaters leer gewordene Stelle eines Teilhabers des Auswanderer- Agentur-Geschäftes Morris & Co. ein. Zwölf Jahre später ist der junge Kaufmann, der seine überragende Befähigung im Auswanderergeschäst und Frachtenverkehr im inzwischen bedeutend erweiterten Eigenbetrieb vor der Hamburger Oeffentlichkeit erwiesen hatte, Direktor der Passage-Abteilung der Hapag. Von diesen? Zeitpunkt au ist Ballins äußerer Lebensgang ein ununterbrochener Aufstieg. 1888 bereits ist er der leitende Direktor des Unternehmens. Was Ballin in den Jahrzehnten bis zum Ansbruch des Weltkrieges auf diesem Posten geleistet hat, greift über den Rahmen einer Biographie dieses Mannes und seines Unternehmens hinaus: Es gehört der deutschen Wirtschaftsgeschichte in ihrer glänzendsten Epoche an, und Ballins Name ist mit erfolgreichen Verträgen, die Deutschlands weltpolitische und weltwirtschaftliche Stellung ch oben und stärkten, untrennbar verknüpft. Immer wieder betont Schüler bei der Darstellung solcher Vorgänge, wie Ballin nicht der rechnende Kaufmann, sondern der national gesinnte deutsche Handelsherr war, der mitunter Vorteile, die man seinem Unternehmen einrüumeu wollte, ausfchlug, weil sie ihn zu Zugeständnissen in seinem deutsche!? Gefühl veranlaßt hätten. Aber auch niemals vergißt Schäler, wenn sich irgendwie Gelegenheit dazu bietet, darauf hinzuweisen, daß Ballin bewußter Jude war, und dem Juden, der Schülers warmherzige und klare Abhandlung liest, dringt stärker ins Bewußtsein, als es Schöler, der Nichtjude, empfinden und formulieren könnte, wie sehr der Teil von Ballins Wesen, der ihn über den tüchtigen Kaufmann hinaus zum großen deutschen Menschen machte, das Jüdische in ihm war. Albert Ballins Tod fällt Zeitlich mit dem Ansbruch der Novemberrevolution Zusammen. Man weiß nicht, ob ein unglücklicher Zufall oder freier Wille seinem Leben ein Ziel setzte. Jedenfalls aber erhebt dieses Zusammentreffen die Persönlichkeit Ballins fast zum Mythos. Wenn Schöler seine Betrachtung mit dem Ausspruch beendet, den Ballin selbst einmal für einen vor ihm dahingegangenen Hamburger Reeder prägte: „Holt die Flagge auf Halbstock, ihr Hanseaten, der größte Hanseate ist tot!", so können wir sagen: Ein großer deutscher Jude starb mit ihm! Alfred H i r s ch b e r g. *) Syndikus Hermann Schöler: „Helden der Arbeit" Vierte, dnrchgesehene und erweiterte Auflage. Mit 54 Abbildungen und 42 Tafeln. Verlag von Quelle u. Meyer, Leipzig. Preis 12 Mark. Zu beziehen dwrch den Philo-Äeriag, Berlin SW 68, Lindenstraße 18.