Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 1 (15.1.1926)
- Date
- 1926-01-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 ES hängt alles davon ab, daß wir pädagogische Menschen in die Schulen bekommen, und es hängt wiederum alles davon ab, daß pädagogische Menschen in den Schulen wirken können. Ein klein wenig haben die letzten Jahre geholfen. Wir wären Abstammung sich ehrlich und fruchtbar auseinandersetzen, jede Freiheit so leicht zur Zügellosigkeit ausartete. Wenn nicht das Ausweichen immer wieder der Tat und dem Kampf vorgezogen würde. Warum lassen sich die jüdischen Eltern so viel gefallen? Warum treten sie nicht ganz anders für ihr Recht ein? Warum kämpfen sie nicht geschlossen für eine neue, lebendige Schule? Wir wollen eine ProduktivnSschule, daS heißt eine Schule, wo prodriktive Menschen an produktiver Arbeit werden. Eine Schule mit viel Kritik, aber aus dem Geist der Kameradschaft. Dann rönnen junge Menschen jeder Konfession und Abstammung sich ehrlich und fruchtbar auseinandersetzen, ohne auseinanderzubrechen in Haß und Feindschaft. Eine Schule mit innerer Differenzierung in Kernrnrd Kursunterricht. Eine Schule, in der Seele und Leib, Körper und Geist — in der beides zu seinem Recht kommt. Eine Tagesschule mit Wirtschaftsbetrieb, mit Küche und Garten, mit Werkstatt und Sparkasse, mit Krippe und Kindergarten verbunden. Eine Schule, die Kulturmittelpunkt des Bezirkes ist, in der Jugend und Eltern heimisch sind und sich wohlfühlen. Schule soll sein: Lebensfreude der Jugend, Adelung der Arbeit, die stets ihren Sinn dadurch empfängt, daß sie ist: Dienst an der Gemeinschaft. Hier braucht nicht über den Sinn des Lebens gcgrübelt zu werden, sondern hier sind wir mitten im sinnvollen Leben und Tun. Das ist lebendige Schule. Wir bauen sie, wir alle miteinander — gleich welchen Blutes, welchen Glaubens. Wir bauen sie,wir, die wir „Volk" als den uns gewiesenen Weg zur Menschheit nehmen, wir, die wir Brüder und Schwestern sind, gleichviel, wo unsere Wiege stand. Wir bauen sie, indem wir Wirtschaft und G c s e l l s ch a f t wandeln, indem wir uns wandeln! Ronfefsionelle oder Simultanschule. Von E^wirr Baev (Frankfurt a. M.). Unsere Fragestellung ist: Soll das deutsche Judentum da, wo die materiellen Vorbedingungen gegeben sind, bei der Gründung jü d i s ch er Schulen die F ü h r it u g überne h men o d e r s i ch von ihr f e r n h a l t e n? Wir klären Zunächst: Welche Aufgabe hat die Schule? Einerseits das Beibringen objektiver Kenntnisse, kultureller Bildung, anderseits die Erziehung im Sinne einer Weltanschauung -md der sie verkörpernden Formen. Ueber den deutschen Lehrplan herrscht Einigkeit. Wie steht es mit dem E r z i e h u n g s plan? Dieser kann nicht deutsch sein, denn es gibt keine deutsche Weltanschauung. Deutsche Kultur, deutsche Sprache, Musik, Literatur und Kunst, Geschichte, Landschaft und Volkstum, deutsche Leistungen in Wissenschaft. Technik und Wirtschaft, d-em deutschen Kulturkreis entstammende Persönlichkeiten und was sie der Menschheit gaben soll unsere Jugend voll und ganz kennen und lieben. Nicht -aber gibt es ein deutsches Werturteil, einen deutschen Glauben, eine deutsche Willensentscheidüng über das, was gut und böse, wahr und unwahr, zu begehren oder zu meiden, zu verehren oder zu verdammen ist. So gibt es keine deutsche Erziehung. Eine Schule ist aber undenkbar ohne Erziehung^ ohne volles Einsetzen der Persönlichkeit des Lehrers. UeÜerzeugung und Weltanschauung des Lehrkörpers kommen als „Geist der Anstalt" zum Ausdruck. Dieser ist an der Simultanschule durchaus kein neutraler, sondern entweder ein christlicher oder ein nationalistischer. Weite christliche Kreise wenden sich gegen den letzteren der „S taatsvergottun g", der zur Anschauung erzieht, doch der Macht und den Belangen des Staates alles andere unterzuordnen sei: Recht, Nächstenliebe, Persönlichkeit — die den Wert eines Menschen mit dem seiner staatsbürgerlichen Eigenschaft identifiziert. Eine Anstalt dieses Geistes vermag ebensowenig dem Judentum zu geben, was des Judentums ist, als es eine christliche kann. Gibt aber eine konfessionelle Schule dem Deutschtum, was des Deutschtums ist? Bor allem dadurch, daß der Lehrplan deutsch ist? Wir ziehen einen scharfen Trennungsstrich gegenüber allen nationaljüdischeu und kulturzionistischen Aspirationen im Unterricht. Ferner sind aber doch die Lehrer deutsch ihre Bildung, ihr Liebe zürn Volk und Land. Sie sind nicht weniger deutsch, ob sie an einer simultanen oder konfessionellen Anstalt unterrichten. Die Schüler entbehren an dieser nichts, was ihnen an jener geboten wäre. .Bedeutsam ist die Frage der Absonderung. Auf den ersten Blick will es scheinen, als ob wir uns mit der Konfessionsschule aus den: Volke ausschließen wollen. Tatsächlich aber stellen sich gerade an Simrrltanschulen Absonderungsmomeute heraus, die um so schädlicher sind, als sie nicht aus dem Wesen des Judentums hervorgehen, k sondern aus den technischen oder sozialen Momenten. Umgekehrt bedeutet aber das Eintreten für die. fon» sessionelle Schule feine A bsonder u n g, denn für sie ist eine Hälfte des deutschen Volkes. Muß es da nicht viel merkwürdiger berühren, wenn wir, die das Volk der Religion heißen, uns immer wieder, der Gruppe anschließen, in der nicht wenige sind, deren Motive a n tireligiöse sind? Wenn die Hälfte des Volkes der Ansicht ist, daß ihr Deutschtum nicht int geringsten notleidet, wenn Protestanten und Katholiken und Atheisten in verschiedene Schulen gehen, dann ist eine solche Stimmung unter uns Juden nichts anderes als ein Beispiel von Unsicherheit und schwacher Gest u nun q. Einem Eiuwand muß noch begegnet werden. Wenn sich die jüdische Schule so wenig von der simultanen unterscheidet, was hat sie dann für einen Sinn? Nicht etwa ben, eine größere Anzahl Religionsstunden herauszuschinden. Sondern hinaus über den genannten negativen, unsere Jugend nicht im Sinne der christlichen oder einer anderen Weltanschauung erziehen zu lassen, die durch Widerspruch mit der Erziehung im Elternhause Konflikte schafft: daß die jüdische Lehre auch, und gerade in der Schule, nicht Lehre bleibe, sondern Leben werde, daß der Sabbat auch in der Schule der Ruhetag ist, das; die Feste der Schule jüdische Feste und die jüdischen Feste Feste der Schule sind, daß es dem jüdischen Kinde selbstverständlich ist, regelmäßig den Gottesdienst zu besuchen, kurz, daß dieses Milieu als lebendiger Ausdruck der Gedankenwelt, des mosaischen Sittengesetzes und des messianischen Ideals unserer Propheten in der Schule heimisch ist, dafür brauchen wir Anstalten, deren Devise sein soll, nicht Deuts ch tum oder Judentum, sondern D e u t s ch t u m n u b Indent u m! Um die jüdische Schule. Von Ernst Loewerrthal (Frankfurt a. M.). In einem Zeitungsartikel kann das Problem der j ü d i s ch e n Schule nur in der Beschränkung auf eine bestimmte Seite behandelt werden. Ich greise einen besonders vernachlässigten Gesichtspunkt heraus. Es ist von vornherein ungenügend, die Frage der jüdischen Schule nur unter dem Gesichtspunkt der Konfessionsschule zu betrachten; da die wenigsten Juden den politischen Parteien angehören, die die Konfessionsschule erstreben, können auch die wenigsten die jüdische Konfessionsschule wünschen. Aber das Problem geht weiter: das Judentum ist mehr als bloße Religion, und wer um der Erhaltung des Judentums willen eine jüdische etfjule für nötig hält, muß auch in ihr mehr sehen, als bloße Religionsangelegenheit. ' Tie ersten Generationen, für bte das Problem des Dentschjudentums brennend wurde, dursten sich mit der Lösung „deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" begnügen; wir Jungen 'wären unserer Väter nicht würdig, Hütten wir nicht von den modernen Gesellschastswissenschasten und nicht zuletzt auch vom Zionismus gelernt, daß Deutschtum mehr ist a l s Staatsb ü r g e r t u 11t n u d I u d e n t n in m e h r a l» K 0 n - sessi 0 n. Deutscher Staatsbürger ist auch der Zionist, und zwischen dem Deismus eines liberalen Rabbiners und eines aufgeklärten protestantischen Geistlichen soll nach Rathenau kein großer Unterschied sein. Bei andern Deutschen steht ans diesem weiten Raum zwischen Staatsbürgertnm und Konfession nichts als Deutsches: deutsche Bildung, deutsche Kunst, deutsche Stantsgesiummg, deutsche wräume und Wünsche, deutsche Treue und deutsche Zwietracht, deutsche Art und vielleicht sogar etwas wie ein deutscher Glaube, kurz, ein ganzes deutsches Volkstum. Vieles von dem ist auch bei uns vorhanden, aber doch wohl manches auch nicht, und dafür manches andere/ Wenn man fragt, was etwa Philo nnd Hermann Cohen, Maimonides und Geiger,' Mendelssohn ( und der Baulichem miteinander gemeinsam hatten, so bleibt vielleicht übrig, daß sie sich alle dem V 01 i v o n P r i e ft e r n u gehörig fühlten, das Israel sein soll. Und die größte tot der jüdischen Religion liegt vielleicht darin,' daß wir das Wort „Volk" nicht mehr wahrhaben wollen und damit die Grundlagen des Judentums, auch der jüdischen Religion, verrücken. sMan kommt nicht damit weiter, daß mau sagt, das jüdische Volk sei nur Volk im religiösen Sinne, das deutsche dagegen im nationalen, politischen, wenn dies auch ziemlich richtig ist: denn es sind dann eben doch zwei Völker, denen -vir, wenn auch in noch so verschiedener Weise, angehören, und man sott sich nicht einredeu, Deutschtum nnd Judentum lägen aus so völlig verschiedenen Ebenen, daß es Konslikte nicht geben könnte. Gerade die Frage, was jene sechs jüdischen Großen aus den Zeiten des Exils gemeinsam haben, zeigt deutlich, daß auch heute noch das „dein Gott sei mein Gott" nichts anderes bedeutet als das „dein Volk sei mein Volk" und ohne dieses heilte so wenig möglich ist wie zu Ruths Zeit. Wenn es daher Argumente gibt, die gewichtiger für Oie jüdische Schule sprechen als die oft widerlegten Gründe für die Konfessionsschule überhaupt, so bestehen sie zuerst in der Sorge um die Wiedererweckung des Judentums als Ganzheit, als Volkstum. Für diese ernste Sorge bei den Verfechtern dev jüdlschen Schule müssen wir Verständnis haben, auch wenn wir sie ablehnen; wären alle Juden von ihr in gleichein Maße erfüllt, so würde der Ruf nach der jüdischen Schule minder dringlich erhoben werden! Aber bei allem Verständnis für die Gegenmeinung müssen wir doch wohl zu einer Ablehnung der jüdischen Schule kounnen. Zwar ist die große Aufgabe der neuen Generation, ei n e n e u e, für sre gültige Lösung des Verhältnisses von Deutschtum und Judentum zu finden, kaum begonnen. Allein so viel können wir heilte schon einfehen, daß die jüdische Schule k nickt als das geeignete Mittel zu unserer Erhaltung als Juden ist, weil diese „jüdische Schule" in Wirklichkeit — eine deutsche Schule