Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 2 (1926)
- Issue
- 1 (15.1.1926)
- Date
- 1926-01-15
- Page
- Seite 1 (sequence 1)
- Language
- German
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BeUttge der »M Sertt«, IS. Januar 1-2- Jahrgang 2 Molche Schule? von Siegfried Rötncou, Erwin Saer und Ernst Loewenthal. Die vorliegende Nummer ist der „Schulfrage" gewidmet. Der einleitende Aufsatz des bekannten nichtjüdischen Pädagogen gibt die Betrachtung des Problems von allgemeinen Gesichtspunkten aus. Auseinandersetzungen über Sinn und Gestaltung der Schule sind heute gerade in der Jugendbewegung Gegenstand des größten Interesses. So sind auch zwei der folgenden Artikel aus Vorträgen, die in einer Arbeitsgemeinschaft des Jli, Frankfurt a M., gehalten wurden, entstanden. Sie geben in ihrer Stellungnahme für und gegen die jüdische Schule die persönlichen Anschauungen der Verfasser wieder. Diese Nummer will mit der Aufrollung des wichtigen Problems die Anregung zu weiterer Diskussion geben. Die S ch r i s L l e i t u n g. Lebendige Schule. Von Siegfried Kaiverau (Berlin). Es ist mir eine große Freude, in diesem Blatt zurdentschjüdischen Jugend sprechen zu dürfen, denn meine Liebe gehört vor allen denen, die unter Rassen- und Klassenhaß zu leiden Habens. Und wenn diese Not unserer Zeit gelindert werden soll, dann muß i n der Schule, ja schon v o r der Schulzeit, mit allem Ernst an die Grundlegung eines neuen Jugendlebens gegangen werden. Die Tragödie des einzigen Kindes — sie ist sehr oft auch die Tragödie des jüdischen Kindes. Hier ist der Kindergarten (etwa nach dem Montessorr-System) sittliche Pflicht. Unter manchen anderen Vorzügen bei dieser Art einer Kindergemeinschaft erscheint mir der als der entscheidende: daß alle Beschäftigungsmittel nur in einem Exemplar vorhanden sind. Da lernt sich das Rücksichtnehmen aufeinander, das freiwillige Sicheinordnen, Ordnung, Pünktlichkeit, Sauberkeit — diese elementaren Grundlagen jedes Gemeinschaftslebens —, wie erhaben dünkt sich der junge „genialische" Mensch oft über solches „Spießertum". Und welchen Schaden fügen gerade unsere intelligenten jüdischen Jugendlichen dem Freiheitsgedanken zu, wenn sie immer wieder an diesem Einmaleins der Selbstverantwortung scheitern. Und wie viele Siedlungen und Gemeinschaften sind an diesen einfachsten Dingen zugrunde gegangen. Ach, daß wir statt alles Geredes über Gemeinschaft diese erste Pflicht der Gemeinschaft stillschweigend übten. Man nennt Pünktlichkeit die Höflichkeit der Könige — ach, daß wir in diesem Punkte doch alle königlich handelten. Aber noch eins ist wichtig im Kindergarten: das Zusammenleben mit Kindern aller Art — anstatt der sorgfältigen Abkapselung unter seinesgleichen. Ich weiß, ich werde hier auf Widerspruch stoßen. Und ich bin der letzte, der nicht für diese Lage Verständnis hätte: die Kinder vor all dem Häßlichen zu behüten, sie vor dem Rassenwahn und Rassenhaß zu schützen. Darum, so erklärt man, wollen wir jüdische Kindergärten, Volksschulen und Privatschulen. Denn in den öffentlichen Schulen haben sie nicht ausreichenden Schutz gegen dieses Gift. Ich kann die Richtigkeit dieser letzten Behauptung nicht bestreiten. Es braucht sich dabei gar nicht um grobe Dinge zu handeln, schon die Kälte der Behandlung, schon die Lieblosigkeit der Stimme und des Grußes kann tief schmerzen machen. Und dennoch — die Isolierung bedeutet für die Zukunft die größere Gefahr, sie bedeutet, genau so wie jede konfessionelle Trennung, Schädigung der Kindesseele, indem nach dem Gesichtspunkt der Erwachsenen auseinandergerrffen wird, was nach Leben und Wahrheit zusammengehört. Die Isolierung verewigt die Trennung, die Isolierung schafft Konzentrationslager beider Parteien, wo jedes Gerücht über die andere Seite willigen Glauben Die tiefere Fundamentierung der hier nur flüchtig skizzierten Gedanken geben die „Soziologische Pädagogik" des Verfassers (Quelle u. Meyer, 2, Auflage, 1924) und die „Produktionsfchule" von Professor Paul Oestreich (Schrvetfchke u. Sohn, 1924). findet und phantastische Vorurteile festwurzeln läßt. Das wahrhafte Leben verlangt die Gemeinschaft der Kinder ohne jegliche Trennung nach Geschlecht, Stand, Konfession, Rasse, oder wie die Sonderungen sonst aussehen mögen. Das wahrhafte Leben verlangt diese Gemeinschaft von der frühsten Kindheit an — das ganze Leben hindurch. Und das wahrhafte Loben verlangt eine dauernd erneute Stellungnahme des jungen Menschen zur Umwelt, zur Gesellschaft. Es muß da ein l e b e n d i g e r P r o z e ß walten, anstatt eines Systems, das der Jugend ausgenötigt wird. Es liegt im Wesen der heutigen a u t o r i t a t i v e n Schule, daß der Antisemitismus so hemmungslos wuchern konnte. Denn hier herrscht Uebermittlung fertiger Resultate, hier herrscht reiner Kopsbetrieb, hier herrscht studienrätliche Autorität, die sich zum Gefühl des Vorgesetztentums übersteigert. So thront der Lehrer aus knarrendem Katheder und spendet Weisheit von oben. Und wie ost ist diese Weisheit trübstes Gemisch von Z e i t n 11 g §I ef tür c u n d Hetzb r o s ch ü r e n. In dieser Sitz- und Sammelschule von jungen Menschen, zwischen denen nichts von Gemeinsamkeit, nichts von brüderlicher Beziehung, nichts von gleichem Wollen, nichts von Arbeitsfreude schwingt, die ängstlich jedes Kennenlernen, jede menschliche Erprobung untereinander meidet -- da mag jeder Aberglaube Wurzel fassen, kein Erlebnis eigener Art berichtigt das übertragene Vorurteil. Wie anders entwickelt sich Jugendleben (wie zum Beispiel in manchen Landeserziehnugsheinnen), wenn auch die körperliche Tätigkeit des Kameraden bekannt ist, wenn Feldarbeit und Werkstatt, wenn Spiel uiib Tanz, wenn Fahrt und Abenteuer gemeinsame Erfahrungen — auch aneinander — schaffen. Wenn Jugend gewöhnt ist, daß jede Meinung verstattet ist, falls sie mit ehrlichen Gründen verfochten wird. Wenn Jugend sich ausspricht, wenn Jugend zur Kritik erzogen ist. Und wenn das Fundament der Erziehung Beispiel der Erzieher und Gerechtigkeit in Liebe ist. Unsere Schulen sind so bar jeder beispielhaften Führerart (anstatt dessen Grußdisziplln, erzwungene Achtung), so bar wahrhafter Liebe, daß schon Raum itnb Luft der Unterrichtskasernen Kälte und Müdigkeit atmen. Aber ein sorgfältig ersonnenes und durchgefuhrtes Disziplinarwesen regelt alle Beziehungen und schafft immer wieder neues Minderwertigkeitsgefühl. Und wie unsäglich steigert sich ost der Druck auf unsere j ü d i s ch e n Kameraden, wenn sie durch Lehrer und Klasse bewußt isoliert werden, wenn das Strafsystem sie besonders (Und betont) trifft. Die sogenannte Strafe hat doch nur dann Sinn, wenn sie hilft, wenn sie Lebenskräfte ordnet und damit fruchtbar macht. Wir empfinden die körperliche Strafe heute als Unrecht, obgleich wir in den ersten Lebensjahren nicht bei allen Kindern daraus verzichten können. Es kommt aber die Zeit — je schneller, je stärker dieGemeinschastskräste wachsen—wo sie immer mehr leitende und zarte Form annimmt. Man täusche sich aber darüber nicht: es gibt Worte, die sind grausamer als eine körperliche Züchtigung.. Aus der Art der Strafe, von außen her, kann ihr Wert nicht bemessen werden; nur danach: ob sie hemmt, ob sie einen Weg verbaut, oder ob sie Hilst, ob sie befreit. Siegfried Kawerarr: Le b e n d i g e Schule. — Erwin Baer: Konfessionelle oder S i m u l t a n s ch u l e. — Ernst Locweuiljalr H m b t e jüdische Schule. — Dr. Landzettel: -De u r - s ch e Jugendbewegung. — Kurt Eohn: Organisation und Korporation. — Albert Bnllin, ein Held der Arbeit.