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Central-Verein-Zeitung · 1926-01-15 · 3 (15.1.1926) · p. Seite 30

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
3 (15.1.1926)
Date
1926-01-15
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
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30 ). B. - die Fra^e, in welche Politische.!! Schwierigkeiten ein neues jüdisches Palästina sich verwackeln kann, das englische Mandat, die französische Rivalität, die Araberfrage, oder ob es nicht andere geeignetere Kolonisationsländer gibt, u. a. m. Die Hauptsache ist, daß der Zionismus eine innere U n w a h r heit ist: bie unnatürliche Verquickung von Romantik und Modernismus. Man will ein modernes Gemeinwesen ausrichten, wozu vielleicht kein Land ungeeigneter ist al§ Palästina, und man will.es dennoch gerade in diesem Lande, wegen der romantischen Werbekrast des Namens Zion, den die Agitation braucht, auch wenn inan an seinen Inhalt gar nicht glaubt oder ihn erst umsä lfchen NUltz. Tolstoi konnte den Zionismus nicht begreifen. Die Juden, sagte er, haben doch das schönste Vaterland, das man sich denken kann: die Bibel. Und unser wahrer Keren Hajessod ist das Schema Jisroel. Zum Tsöe paul Cs-sirers. Wenn man den Mann, der sich am 5. Januar dieses Jahres — wie einst van Gogh — eine Kugel in die Brust schoß, sein Zie! zwar, das eigene Herz, verfehlte, ein paar Tage später aber doch den ersehnten Weg in die Erlösung von aller irdischen Unrast fand — wenn man ihn schlechthin, wie er im bürgerlichen Register geführt wurde, einen „Kunsthändler" nennt, so hat man noch nichts über ihn ansgesagt. Gewiß, Paul Cassirer war Besitzer eines Geschäfts und der Begründer des Kunstsalons, in dessen Oberlichts-aal nun von den Vertretern des gesamten künstlerischen Berlins umstanden, unter einer Hülle dnnk-elroter Rosen sein Sarg ausgebahrt wurde. Aber seine unendlich reich und vielseitig begabte Persönlichkeit hat weit über diese kaufmännische Stellung hinaus Einfluß ausgeübt, fast ein Menschenalter hindurch in der deutschen, ja in der europäischen K u n st w e 1t eine bedeutende, führende Rolle gespielt und zeitweise sogar den Gang der Entwicklung selbst entscheidend mitbestimmt. „Er war der Organisator des Sieges der modernen Kunst", sagte Graf H n r t li K eßle r in der feierlichen' Abschiedsstunde. Dies Wort trifft den Nagel auf den Kops. Doch der Umkreis der Lebensarbeit, die als die große Leistung dieses immer Vorwärtsstürmenden. dieses unvergleichlichen Anregers vor uns steht, ist auch damit noch nicht ansgefüllt. Seine Wirksamkeit, die Kraft, mit der er die Geister ui Bewegung setzte, die Produktivität seiner im tiefsten Sinne revoln-ionären, neue Werte schaffende Natur spannten sich so weit, daß es kein zu hoher Ausspruch ist, wenn man, vom tragischen Ausgang dieser glänzenden Laufbahn erschüttert, zugleich feststellt, daß mit ihm aus dem Räderwerk der Kultur unserer Zeit überhaupt ein Stück herausgerissen wurde. Ter Sproß einer alten Berliner Familie, der auch der Philosoph Ernst Cassirer, dieser hervorragendste Schüler Herm a n n Co h cn s , und der Psychiater Richard Cassirer entstammten, ein Vetter und ein Bruder Pauls, hatte Klugheit und Feinfühligkeit, freilich auch eine seltsame Ueberzüchtung des Denkens und Empfindens mit auf den Weg bekommen. Daraus entfaltete sich die merkwürdige, wilde, oft erschreckende Zwiespältigkeit seines Wesens, das zwischen Verstandesklarheit und überschäumender Leidenschaft, Zwischen Zynismus und Enthusiasmus so wunderlich und unberechenbar schwanken konnte. Das so große Dinge schuf und ihn selbst ewig unbefriedigt ließ. Aber der Dämon, der in ihm wirkte, war es schließlich auch, der ihn zu der ungewöhnlichen Erscheinung wachsen ließ, die wir erlebten. Zweirnal ist Paul Cassirer zu einer Geltung von internationalem Rang aufgesliegen. Das erstemal sichtbar vor aller Augen, als er in Berlin m i t M a x. Liebe r m a n n die Sezession in den Sattel hob, die den Boden des deutschen Kunstgetri-ebes von Grund aus urnpflügte und in einem Zeitalter akademischer Erstarrung die Türen aufriß, nur erquickenden Luftstrom einzulassen. Die Lehre des Impressionismus, ohne deren umstürzlerische Verjüngung das Fluten des gesamten modernen Kunststroms undenkbar ist, fand in ihm nicht nur ihren streitbaren, in Rede und Tat unermüdlichen Propagaior, sondern den Mann mit der Faust, der die einengenden Mauern der Vorurteile ringsum ein riß. Dann kam eine Zeit, da mit der schwindenden Macht der impressionistischen Anschauung, die nicht nur eine künstlerische, sondern eine Weltanschauung war, der Weg der Kunst abermals um eine neue Ecke bog und Cassirer, durchaus noch Angehöriger der früheren Generation, sich einer künstlerischen Konstellation gegenüber sah, die ihm innerlich fremd war. Aber er griff nun von anderer Seite zu. Hielt weiter Amsckau und yestalteLe jetzt erst eigentlich seinen Kunsthandel, der auch die alten Meister in den Kreis seines Interesses zog, zu einem geschäftlichen Zentrum aus, das sich den Weltfirmen in England und Amerika und Holland schnell gleichberechtigt an die Seite stellte. Wenn der Münchener Kunsthändler Thannhauser an Cassirers Sarg als Wortführer seines Standes sagte, der Heimgegangene habe den ganzen Begriff des Kunsthändlertums mit neuem Inhalt gefüllt, er habe es nicht nur als einen Beruf, sondern als eine Berufung betrachtet, sto sprach er zu Recht. E s i st s ch w e r z u ü b e r b l i ck e n, w a s d i e d e u L s ch e Öffentlichkeit, die Gemeinschaft der Geistigen u n s e r e s Volkes d e m u n bestechli ch e n Q u a I i t n t 8 - s i n n , de nt großartigen I n st i n k t und V e r st ä n b n t s dieses Mannes f ü r bie Werke g r o ß e r s ch öpserischer Persönlichkeiten zu danken hat. Er war ein rechter Kaufmann im historischen Sinne, der Kulturwerte verbreitet, indem er für manche scheinbar nur Geschäfte macht. Er war in der Fülle seiner Talente, die rhu befähigten, mit eigenwilligen literarischen Produktionen hervorzntreten, im letzten Jahre erst sich sogar als Architekt mit überraschendem Gelingen zu versuchen, das ganze Gebiet der Künste ansrüttelnd, unermüdlich Tätig zu durchstreifen, eine in ihrer Art unvergleichliche, vom Zauber eines wahrhaft faszinierenden Wesens umspielte, ohne Unterlaß neue fruchtbare Keime ausstreuende Persönlichkeit, die Tausenden Glück brachte, und die selbst, das war das Schicksalhafte dieses Lebens, kein Glück finden konnte. 9W<sg Oslwrrs.' Hu.gs P?errtz, ein Lebensbild von Dr. Ernst Feder. Dem Andenken unseres verewigten Freundes Hugo Preuß dient eine vorzüglich ausgestattete Studie, die Dr. Ernst Feder in Form einer Gedächtnisrede zum 65. Geburtstage von Hugo Preuß in Berlin gehalten hat. In ausgezeichneter, plastischer Weise wird Hugo Preuß, geschildert, und wer ihn gekannt hat, findet das Wesen dieses Mannes in der Federschen Studie ganz besonders vorzüglich getroffen. Es müßte gefordert werden, daß die Fe de rs che Schrift in allen Schulen zum Gegenstand der K l a s s en lef tü t e gemacht wird. An diesen Darlegungen könnte die Jugend mehr lernen als an manchen Geschichts l ü g e n , die ihr in der Schule noch aufgetifcht weredn. Die Preußsche Stellung zum Judentum ist kurz angedeutet. Es wäre dem noch hinzuzufügen gewesen, wie scharf sich "Hugo Preuß gegen die innere Berechtigung der geschichtlichen und staatsrechtlichen Möglichkeiten aller jüdisch-nationalen Gedankengänge in häufigen Unterredungen mit feinen Freunden geäußert hat. Die Verlagsbuchhandlung Hapke u. Schmidt verdient für die vorzügliche Ausstattung der kleinen Schrift ganz besonderen Dank. Lrrdwig Holländer. Anfev treuer Freund Gustav Zirrnory (Berlin) begeht am 2b. Januar seinen 5 0. Geburtstag. Wir wünschen dem umsichtigen Vorsitzenden unserer Groß- B e t U n c r O r t s g r u p P e N W, der als Mitglied der V e r w a l t u n g s k o m m i ff i fl n und ehre n a m tlicher Revisor des Vereins mit seltener Lallrast und Opferfreundigkeit stets dem C. V. zur Seite steht, von Herzen Glück und Wohlergehen auch für die nächsten Jahrzehnte seines segensreichen Schaffens im Dienste der Allgemeinheit. Jubiläum dev Knaben-Mittelschule der Jüdischen Gemeinde Berlin. Am 10. Januar beging die Knabenschule in der Großen Hamburger Straße ihre Hundertjahrfeier durch einen stimmungsvollen Festakt in der Aula der Schule. Neben den Lehrern und Schülern der Schule halle sich eine stattliche Schar von Gästen eingefundcn, an ihrer Spitze die Vertreter der Gemeindebehörden, des Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, des Provinzialschulkvllegiums, des Magistrats, der Lehrervereine und des Vereins ehemaliger Schüler der Anstalt, die der Schule ihre Glückwünsche aussprachen. Jur MittelvrnUt der Feier stand die Festrede des Schulleiters, des Studiendirektors Dr. Gutmann, der einen Ueberblick über die Geschichte der Schule gab, an deren Wiege kein Geringerer als Leopold Zunz, der Begründer der Wissenschaft des Judentums, stand; air der Männer wie A a r v n H o r w i tz und Michael H o l z tu a n — der als 85jähriger an der Feier tecknahm — als Leiter, David Cassel, Ludwig L e Wando w s k i, M o r i tz K i r s ch st e i n, Martin P h i l i p P s v h n . Ludwig Geiger, Benno B a d t als Lehrer wirkten. — Mit der Jubiläumsfeier der Schule war die des Direktors Dr. Gutmann verbunden^ der auf eine 25jährige Dienstzeit bei der Jüdischen Gemeinde zurückblicken konnte. Die herzlichen Glückwünsche, die ihm von den staatlichen und Gemeindebehörden ausgesprochen wurden, wie das kostbare Ehrengeschenk der letzteren legten Zeugnis ab von der außerordentlichen Wertschätzung, deren sich dieser als Mensch wie als Pädagoge gleich ausgezeichnete Mann erfreut. — Die anläßlich der Feier .herausgegebene Festschrift enthält eine eingehende Geschichte der Schule von Direktor Dr. Gutmann — ein wertvoller Beitrag auch zur Geschichte der Gemeinde —, sowie Beiträge einzelner Lehrer über Ziele und Wege der Schularbeit in der Gegenwart. — Auch wir wünschen der schule, der eine bedeutsame Rolle im Leben unserer Gemeinde znfällt, Glück und Gedeckten für die Zukunft. * Der ehemalige Direktor der Lehrerbildungsanstalt und Knabenschule der Jüdischen Gemeinde Berlin, Herr Dr. Michael Hol-man, konnte am 33. d. M. seinen 85. Geburtstag feiern. Mögen dem verdienstvollen Manne, der sich noch voller geistiger und körperlicher Rüstigkeit erfreut, noch ein langer, ungetrübter Lebensabend deschieden sein.

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