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Central-Verein-Zeitung · 1926-01-15 · 3 (15.1.1926) · p. Seite 29

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
3 (15.1.1926)
Date
1926-01-15
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
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29 Muß ein deutscher Rabbiner für den Keren Hsjesseä eintrefen? Eine Antwort <m Den Keren Hajessod. Von Dr. B. Jacob, Rabbiner in Dortmund. Zm Hinblick auf unseren Artikel: „Der Keren Hajessod" („&. V.-Zeitung" 1925, Nr. 52) ist uns der nachstehende Aufsatz von Rabbiner Dr. Jacob (Dortmund) zugegangen. Seine Veröffentlichung erscheint uns schon deshalb angebracht, weil sie die Antwort auf eine Anfrage des Keren Hajessod darstellt, welche Stellungnahme Dr. Jacob zur Tätigkeit des Keren Hajessod entnimmt. Die Schristleitung. Ein deutscher Rabbiner ist zweierlei: ein Rabbiner und ein Deutscher. In keiner dieser beiden Hinsichten ist er verpflichtet, für den Keren Hajessod eiuzutreten, und es wäre sogar zu erwägen, ob er nicht vielmehr die Pflicht hat, ihn zu b e k ä m p s e n. Der Zweck des Keren Hajessod ist der kulturelle und w i r t - s ch a f t l i ch e Wiederaufbau Palästinas, und weil dieses Land ehemals die Heimat Israels war, meint man, es sei Pflicht, heilige Pflicht jedes Juden, an diesem Aufbau wenigstens durch Geldspenden mitzu arbeiten. Ein Rabbiner, dessen Aufgabe es in erster Lmie ist, für die Religion und die Befolgung ihrer Gebote zu wirken, hat sich also, wenn mit diesem Ansinnen an ihn herangetreten wird, zu fragen, ob damit eine spezielle religiöse Pflichthan-dlung geboten, und wenn dies auch nicht zuträfe, ob durch eine solche Unterstützung die Religion gefördert wird. Die erste Frage ist zu verneinen. Ein besonderes Gebot der Thora, das jetzige Palästina wieder aufzubauen, gibt es für die nicht in diesem Lande wohnenden Juden nicht. Um nur die größte Autorität anzu* sichren, so wird inan in der Aufzählung aller religiösen Gebote durch M a i m o n i d e s vergeblich nach dem Gebot des Jischuw haarez (oder wie es in dem zweifelhaften Hebräisch der Neueren heißt, des Binjan haarez) suchen. Zwar wird im Talmud das Wohnen und Leben im Heiligen Lande in vielen Aussprüchen auf das stärkste empfohlen, aber selbst dies ist nur eine Empfehlu'Ng, kein Gebot, und anderseits fehlt es nicht an Aussprüchen, die diesen Enthusiasmus keineswegs teilen. Auch ist man zweitausend Jahre lang niemals daraugegangen, Palästina wieder aufzubauem Man hak die Wiederherstellung des Landes., Jerusalems und des Tempels ersehnt und darum unablässig gebetet, aber man hat dafür auf Gott und das Kommen des Messias vertraut und keine politische und Geld sammelnde Agitation entfaltet. Welch hohen religiösen Wert eine u n c r f ii Ute Sehnsucht hat, soll hier nicht ausgesührt werden. lieber die Zweite Frage läßt sich streiten. Man glaubt, daß ein stark von Juden bevölkertes Palästina wieder ein Mittelpunkt jüdisch-religiösen Denkens und Lebens sein und eine Wiedergeburt des Judentums herbeiführen werde. Ich bin nicht dieser Meinung, halte es vielmehr für eine geschichtsunkundige Utopie und weltfremde Romantik. Palästina wird niemals, auch bei stärkster jüdischer Zuwanderung, ein rein jüdisches Land w e r d e n. Es liegt nicht auf einem andern Planeten und wird stets allen Zeitströmungen ebenso ausgesetzt sein wie irgendein anderes Land, höchstens wird seine als eine Verpflichtung empfundene religiöse Vergangenheit die Kümpfe der religiösen Parteien nur noch fanatischer und rnörderischer machen. Schon vor der Zerstörung des -Tempels war es ein Tummelplatz aller möglichen sich gegenseitig bekämpfender Sekten, und schließlich wurde gerade Palästina die Geburtsstütte einer neuen dem Judentum von Grund aus entgegengesetzten feindlichen Religion! Die Zionisten (mit Ausnahme der Misrachisten) sind auch gar nicht diese religiösen Romantiker und denken nicht daran, den Zionismus zu vertreten, der allein diesen Namen verdient und zu dem sich Israel immer bekannt hat: den Wiederaufbau des Tempels auf dem Berge Zion, die Wiederherstellung der davidischen Herrlichkeit und des das ganze Land und Volk beherrschenden Thora-Gesetzes. Man braucht ja nur daran zu denken, drch von den ersten Führern des Zionismus der eine ein ausgesprochener Atheist, der andere höchstens ein recht lauer Deist war. Und von solchen Propheten sollte das Volk Gottes wieder in das Heilige Land geführt werden! Es hat schon Anstrengungen genug gemacht und ist nur mit einer knappen Majorität erreicht worden, daß das Religionsgesetz rvenigstens nicht offiziell verletzt werde. Man scheint ferner zu vergessen, daß Jerusalem auch die heilige Stadt zweier anderer Religionen ist, die zusammen mehr als eine halbe Milliarde Bekenner zählen. Nur das eine ist wahr und psychologisch begründet, daß eine Stätte mit heiligen Erinnerungen ihre ^weihende Kraft erst dann m aller Stärke ansübt, wenn sie mir leiblich gegenwärtig ist. Dies ist der G-vunld, warum wir z. B. die , Gräber unserer Ettern auffuchen. So w ird d a s H e i I i g e Land -für uns immer eine Stätte der frommen Wallst a h r t b l e i b e n. Aber rnn so schmerzlicher wird dann unheUiges stmd unjüdisches Treiben an eben dieser Stätte empfunden werden. ^Festgetage am Jom Kippuir sind in Jerusalem sicher unendlich empörender als in einer europäischen Hauptstadt. Aber, sagt man, ist es nicht herrlich -und herzerhebend, daß in dem Keren Hajessod sich endlich einmal eine Aufgabe gefunden hat, an der sich alle Juden aller Länder -umd aller Richtungen einmütig beteiligen können, gibt es einen sch ö n e r e n u n d v e r - stöhnenderen Ausdruck für die Einheit des ganzen jüdischen Volkes? Dieser Gesichtspunkt ist am ernstest-en zu nehmen. und wir würden uns schon ans diesem Grunde .für den Keren Hajessod emsttzen, auch wenn die Sammlung gar keinen praktischen Nutzen stiften würde. Denn jene Einheit ist wahrlich des Geldes der Edlen wie der Unedlen wert. Aber das ist eben die Frage, ob er nützt oder -nicht mehr schadet. Und hier muß nach dem religiösen der P o litis ch e Stau d Punkt, nach dem Rabbiner der Deutsche zu- Worte kommen. Der Zionismus will dem jüdischen Volke eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina verschaffen. Er meint wohl eine völkerrechtlich gesicherte, und in einer der von dem Keren Hajessod verbreiteten Reden wird uns zu Gemüte geführt, wir könnten nicht wissen, was hier in Deutschland sein wird, wir könnten es nicht wißen, ob nicht einmal die Enkel derer, die heute sicher dastehen, werden ausziehen müssen nach dem alten Lande der Väter. Der verehrte Redner hat in der Hitze der Rhetorik vergessen, daß die Zerstreuung der Juden über die ganze Erde wieder und wieder gerade von dem alten Lande der Väter ausgegangen ist, und daß. als zum Beispiel für die Juden Spaniens der Tag der Wanderung kam. nicht dieses Land der Väter sich ihnen öffnete. Die landesrechtlich verbürgte Heimat ist für den Juden eine bessere Sicherung als die völkerrechtliche für das ganze Volk. Sie in allen Ländern, wo Juden wohnen, zu befestigen, ist die wahre Aufgabe des Fortschrittes. In den Zeiten, da ein judenfeindlicher Fanatismus die Welt ergriffen hatte, war es ein Glück, daß die Juden nicht in erneut Lande beimmmenwohnten. Das kann ja nun allerdings schon deswegeil nicht eintreten, weil Palästina für alle Juden gar nicht Platz hall und niemand würde etwas dagegen einwenden, daß es auch in diesem Lande eine starke jüdische Siedelung gebe. Was den Widerspruch nicht bloß der deutschen Judenheit findet, ist der politische Charakter des Zionismus und des K e r c n Hajessod, ihr Nation apolitisches Ziel. „Eindeutige Betonung des nationaljüdischen Gedankens aus allen Gebieten der zionistischen Arbeit. Der nationale Gedanie bleibt die Grundlage der zionistischen Bewegung und der Arbeit im Galuth, er ist charakteristisch für die zionistische Auffassung der Judenfrage, er ist für die Entwicklung Palästinas die treibende Kraft." So heißt es in dem „Kongreßprogramnr der Zionistischen Bern eiiligung für Deutschland" (Berlin 1925, Nr. 1). Das aber bedeute! in seiner unweigerlichen Konsequenz für den deutschen Juden eine zwar nicht staatsbürgerliche, aber seelische E n t w u r z c l u n g aus seinem jetzigen Vatertande, mit dem wir innerlich verbunden sind und, was an uns liegt, bleiben wollen. Es gibt ein jüdisches Volk, das heißt eine Stammes-, Schicksals- und Leidensgemeiuschasll wir erkennen alle Juden der Erde als Brüder an, deren Rot wir uns,-nie versagen dürfen, aber wir kennen keine jüdische Nation und wollen eine solche nicht geschaffen lvissen. Nach Sprache, Recht, Gesittung, Kultur, Landeseinhert, politischer Verbundenheit sind wir Deutsche. Und weil wir keinen jüdischen Staat wollen, können wir uns auch nicht an dem Keren Hajessod beteiligen. Es ist seiner Leitung gelungen eine Reihe führender jück scher Persönlichkeiten und sehr viele arglose Gemüter dadurch zu gewinnen, daß sie ihn als eine mchtzio-nistische neutrale Angelegenheck ausgab. Das entspricht nicht den Tatsachen. Nach diesen wird das Geld zwar auch von Nichtzionisten gesammelt, aber v e r we nde t lv i r d e s i nz i o n i st vs-che m S i n ne. Sv findet sich in einem Bericht*) über die Tätigkeit des Keren Hajessod in der ..Jüdischen Rundschau" vom 19. Juni 1925 -der sol-giende Posten: „Besondere Ausgaben für nationale Organisationen 60 988 Pfund, für Misrachi-Organisa krönen 46 788 Pfund, für Jüdischen Nationalfonds 26 677 Pfund." Wenn es den Zionisten wirklich nur um Palasti-n-a und seine neutrale Besiedlung zu tun wäre, dann hätte der umgekehrte Weg emgeschl-cMN werden müssen: die Sammlung hätte von den Zionisten erfolgen müssen und die Verwendung von Nichtzionisten. ' Für den deutschen Rabbiner ist aber noch ein anderer Gesichtspunkt von Wichtigkeit. Als ich im Jahre 1921 aufgefordert wurde, dem Komitee für den Keren Hajessod beizutreten lehnte ich dies u. o. mit der Begründung ab, daß ich es unmöglich mit meinem Gewissen vereinbaren könne, i n d i e s e r Zeit der schrecklichsten Not u n f e r e s z u s a m m e n g e b r o ch e n e n V a t e r l n n de s tut b insbesondere auch der jüdrscheu Gemeinden in ihm Geld für eine e n g l i s ch - j ü d i sch e Kolonie in Asien zu sammeln. Wenn es mit dem Wiederaufbau Palästinas zweitausend Jahre Zeit gehabt HÄ, so kann auch noch weiter eine Weile warten. Für unß deutsch' Juden sei letzt der denkbar ungeeignetste Zeitpunkt. Ist aber die Zeit seitdem besser geworden? Eher schlimmer! Gerade im gegenwärtigen Augenblick haben die kaufmännis-chen Kreise, denen die Mehrzahl unserer Glaubensgenossen angehört, den schwersten Lebenskampf zu bestehen. Täglich hört man von Zusammenbrüchen, ja sogar Selbstmorde aus wirtschaftlicher Not haben einen erschreckenden Umfang angenommen, das Geld ist so knapp, daß nicht einmal die Steuern bezahlt werden und es für unsereinen unendlich schwer ist, für irgendeinen dringenden Fall in der eigenen Gemeinde eine kleine Summe aufzubringen. Das Präsidium des Keren Hajessod hat mich aufgefordert, mich über das Problem zu äußert: — hier ist meine Antwort. Da sie kurz sein sollte, habe ich wichtige Punkte kaum berühren können, *) Die Polemik, die die „Jüdische Rundschau" tu ihrer Nummer 2 vom 8. Januar 1928 an eine von uns erfolgte Veröffentlichung dieser Zahlen knüpft, widerlegt diese Angaben in keiner Weise.

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