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Central-Verein-Zeitung · 1926-01-08 · 2 (8.1.1926) · p. Seite 20

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
2 (8.1.1926)
Date
1926-01-08
Page
Seite 20 (sequence 8)
Language
German
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20 Georg Hermann. Von Heinz Stroh. Ich will versuchen, ein Bild des Dichters zu geben, der sein Herz gern hinter einem Spott verstecken mochte, der aber viel Zu schwach ist, nm die Tränen überquellenden Aciterlebens und lvärmster Teilnahme an den Geschicken seiner Menschen zu verbergen; ein Spott, der die leuchtende Lebens fr ende des Schöpfers der immer ein wenig abseits Stehenden, der „Schlemihle des Lebens", nicht besiegen kann, so daß man wirklich nur Zn der Auffassung kommen kann, daß der Sarkasmus und eine . . . „sanfte" Ironie Jucht gerade vorgetäuscht werden, aber) gewühlt werden mußten, um die große Fülle der Menschenliebe . . . abzuschwächen. Hermann wurzelt zu tief im Gefühlten, im Empfindsamen; so stark konnnt von dort feine mustkhafte Kraft, zu schreiben, daß ich mich nicht scheue, ihn bet; lyrischsten der Romanschreiber zu nennen. Und seine Ln st zu fabulieren, lmd die Freude, alles — Wien scheu und Landschaft, Gegenstände und Ocrtliches — genauesteus auszuzeichnen, fest zu halten, bedächtig hinznmalen, zunngeu mich, ihn den breitesten und den . . . behaglichsten Epiker nennen zn wüsten, lind da neben der Kraft und neben der Lust auch starkes Können, eine wirkliche Meisterschaft, ihm gegeben sind, und da dieser Dichter Berlin und auch Potsdam nicht nur sehr liebt, sondern von dieser Liebe so sehr ausgefüllt ist, daß sein ganzes Herz au der Heimatstadt und an der Wahlheimat hangt; eine Liebe, die in jedem seiner Dächer — gefühlt und verstanden, m tiefer Ehrfurcht — wach und lebendig wird, die den Erzählungen den starken Boden gib:, und da die Schicksale der Men schon mit der Vaterstadt und mit jener anderen nahen ehemaligen Residenz und mit dem Dust der so bescheidenen und dennoch einzigartigen Kiefernwälder, die sich zwischen diesen Städten durchaus nicht ohne Unterbrechungen erstrecken, verwoben sind, so ist Georg Hermann nicht mit Unrecht, sondern in richtigem Erkennen als R a ch folg Pr (nicht Epigone), als E r b e (nicht Nachahmer), als Fortscher des Werkes Theodor Fontanes genannt und betrachtet worden Aber Georg Hermann ist eine Generation jünger als Fontane. Und Georg Hermann ist — Jude; zerrissener Jude'unserer verworrenen Zeit; im Unterbewußtsein immer wissender Jude, so daß sein Blick tiefer, fein Werk weiter reichen; denn sein Schaffen gibt — zur Dichtung kristallisiert — nicht Berlin und Potsdam allein wieder, zeichnet nicht allein die Einwirkungen dieser Landschaft auf in ihr lebende Bleu scheu, sondern läßt diese Menschen Juden sein oder bringt sie in irgendein Verhältnis zum Judentmn. Sprach ich vorhin von den if}Xen des Lebens"? O ja, die Menschen Georg Hermanns verdiene;; die Bezeichnung; denn die Worte, die er als Nachwort hinter einen seiner Romane setzte, könnten — mit kleinen Einschränkungen — eigentlich hinter jedem seiner Bücher stehen: „kleiner, der die Kraft und den Mut hatte, trotzig und still seinen Weg zu gehen, unbekümmert um die große Menge: keiner, der sich zur Klarheit rang, keiner!" Nur Jettchen Gebert machte nicht mit, wollte i h r Loben leben. Konnte am Ende nicht gegen die Menge ankämpfen, nmßte am Schluß schmerzlich verbluten, wie auch Tr. Herz s eid erst spät, nachdem das Leben ihn hart und unerbittlich angepackt hatte, zur Ruhe kam. .Sie aber, diese wundervolle Quadrille des Lebens, mit ihrem Chassez-cromez, ihrem Hinüber und Herüber, mit dem ewigen — sie raste, wo-gte, wirbelte weiter mit den Hunderttaufenden von Paaren, die nach -sanften Rhythmen sich drehen und mit wilden, heißen Wangen dahinstürmen/ mit ihren Tänzerinnen, die von Arm zu Arm "fliegen, und ihren Tänzern, die die Gefährtinnen umschließen, um schon zur nächsten Tour eine andere zu erkiesen. Und keiner dachte daran, denen nachzublicken, die den großen Fest;aal des Lebens scheu und müde verließen . . Mitunter nur bleibt einer zurück, der „stand allein tief im Dunkel". Fühlt ihr des Dichters Herz schlagen? Und merkt ihr, was das Leben ihn; trotz allem bedeutet, daß es ihm so viel ist, daß er es ,,Festsaal" nennen muß! Und auch den Dilettanten des Lebens, die des Dichters Büchern die schmerzliche Melancholie geben, die sie mit tiefer Weisheit erfüllen, gehört seine Liebe, die voller Verständnis und mit müder Trauer jenen den Weg menen muß. Sie alle sind dem Leben nicht gewachsen, finden sich nicht zurecht in ihm; denn in ihrem Hirn ist Wissen zwar, und ein empfindsames Herz haben sie, und sie sind gilt und wollen das Beste; aber sie sind nicht ans sich bedacht, und die Lebeusklngheit fehlt ihnen, und über die vermag kein weiches Herz himvogzuhelfen, die muß mir Brutalität gepaart sein, und auf ein wenig Unwahrheit kommt es da auch nicht an. Daher stehen die mit der Seele in all ihrer Güte dem Leben so ratlos gegenüber, daher iutfjen sie sich nicht zu helfen, daher müsse;; sie, die Feinen, die Vornehmen, den anderen, denen mit der Ellbogenkraft, Platz machen. Weil dieses Dichters Bücher so lebenswahr, so tief empfunden und mir so echter Liebe geschrieben,;veil in ihnen der Geist und die Art ihres Schöpfers nuteingedrungen sind, so ist in ihnen jener Humor finden, der unter Tränen Lächeln macht, der ganz zum Herzen rieht. So wahr und so gemütvoll sind Hermanns Menschen, daß nen allen unsere Liebe gehört, und daß wir — mit einem bitteren Gefühl, aber ohne jeden Haß -- denen recht geben müssen, die wissen, wie das Leben genommen werden muß. Muß ich nach diesen Sätzen zum zweitenmal betonen und noch besonders erwähnen, daß Georg H e r m ct n n I u b e i ft? Zeigen — im Grund genommen — nicht gerade diese Ausführungen, daß sein Schaffen und sein Empfinden ans dem Zwiespalt des geistigen j Menschen quellen? Die Helden der Her mann scheu Bliche r kragen d:e Züge des Juden; ihre Konflikte sind aus der jüdischen Mentalität zu erklären. Vielleicht, gerade wen es unausgesprochen bleibt, ist das Auseinanderleben von Fritz und Annchen Eisner (im Roman „Der kleine Ga ft") daraus znrückznsühren, daß der jüdische Schriftsteller, sehr geistig und sehr sensibel, auf die Dauer eines menschliche;; Lebens sticht mit jener Gefährtin zusammenbleiben kann, die „einen S o m n; ex ln u g" ihn in Entzücken verfechte, die er, noch nicht erwacht, noch nicht zu;;; Bewußtsein seines Wesens gekommen, zur Frau nahm. Ein roter Faden geht durch das Werk Georg Hermanns, der ist die Verbindung mit dem Judentum. Sein schassen gibt eigentlich nichts weiter (und doch so unendlich mehr) als die Geschichte der Berliner Juden verschiedener Zeiten m;d verschiedener Arten. Und wohl jeder der Hermanuschen Menschen trägt die Züge seines Dichters, hat dessen wissende Augen, dessen empfindsames Herz und seinen überlegenen, wehmütigen, ticsinnerlichen Humor. Echte jüdische Eigenschaften. Dr. Herz selb aber kann als Vertreter des guten modernen Juden gelten, dem sein Judentum den Konflikt bringt, dem fein Judesein — „und doch so ganz im geheimen, in einem äußersten Winkel seines Herzens, da war noch solch Plätzchen dafür. Und er hing an den verblassenden Erinnerungen seiner Jugend mit einer letzten, ironischen Liebe, die selbst der freie Jude noch heute für seine Riten hegt" — den Weg zeichnet und der zwar weiß, daß „im Leben ja alles aus Illusionen nur ankommt", der aber das Wahre erkennen, in die Wahrheit dringen muß. Ein Jude, ein geistiger Jude eben! Wir aber wissen, daß bei Georg Hermann, vielleicht dem sechibelsten der heute schaffenden, Judentum und Deutschfein zu einer Synthese wurden, die ein echt menschliches, ein künstlerisch ausgezeichnetes Werk entstehen ließ. Und wie der Dichter in den p i e l linder n" am Anfang sagt, . . es ist stärker als ich. Ich kann das Buch nicht lesen, ohne ein seltsames Gefühl in der Kehle zu verspüren, ohne — wenn ich aufblicke — die Dinge um mich etwas verschwommen zu sehen", so will ich diese Worte, die der Dichter für jeden empfindsamen Leser jedweder seiner Geschichten hätte gesprochen haben können, an den Schluß meines Aufsatzes setzen, der Georg Hermann neue Freunde zu gewinnen sich bemühte. „Reubeni, Kürst örr Juton". Der mm Roman von Rax Brod. Einem neuen Roman von Mar BrodJ kam; man mit größter Spannung entgegenblicken. Nur wenige der modernen Romanschriftsteller verstehen es wie er, Menschen- und Völkerschicksale zu gestalten. In seinem neuen Roman versucht nun Max Vrod, Jude aus tiefstem Herzen und aus tiefster Ueberzeuguug, e i n V i l d d e s S ch i ck s a l s des j ü d i s ch e n V o l k e s z it g e b e n. Die persönliche Einstellung des Verfassers zur jüdischen Frage läßt sich natürlich nicht verleugnen. Aber auch der, der diese Einstellung nicht billigt, ward von dem u n - gehe u r e n Erleben dieses Buches gepackt werden. David, der Sohn des klein.en Thoraschreibers Simson Lernel, wird durch die Liebe zu einem jenseits der Ghetto-Mauern lebenden Ehristenmädchen aus der engen Welt, in der er bisher gelebt hat, herausgerissen. Er sieht mm die Grenzen dieser Welt und dck Grenzen derer, die in ihr leben. JahFhundevtelanges, furchtbares Schicksal hat die Jude;; dieser Welt zu Schwächlingen und Feiglingen gemacht, zu Menschen, die demütig um ein bißchen Gnade winseln, die, wem; die Gefahr am größten ist, anstatt auf tatkräftige Rettung zu sinnen, die Zeit mit kleinlichem Gezänk vergeuden. Zugleich aber wird ihm die Tragik seines Volkes kund. Einer ist da, der es versucht hat, die Mauer-; des Ghetto niederzureißen. Einer ist da, dem die M rieben M Einer ist da, dem die Menschen einstmals als dem vermeints ZUgejubelt haben, und der geglaubt hat, sein Volk retten zu rönnen. Kläglich hat er Schifsbruch erlitten. Und in den engsten Teil der engen Ghetto-Welt, in das Tnnnzimmer des Ghetto-Turms, ist'er als ein halb Verrückter, von fast allen Gemiedener, als einer, der seinen einstigen Ruhm scheu verbergen muß, znrückgekehrt. Furchtbar inahnendes Beispiel! Und doch wächst auch in David der Wille, Netter seines Volkes zu werden. Aber nicht als leerer Schwärmer kann der Erlöser anstreten, sondern Macht muß er seinem Volke vorgaukeln, n;n ihm den Akut wiederzngeben, 'den das Geschick rhu; genommen hak. David verwandelt sich in Renbeni, den Bruder eines jüdischen Herrschers ans fernen Landen, dessen Botschafter er ist, dessen Macht hinter ihm steht und in dessen Namen er Bundesgenossen werben will, um seinem Volke zu Helsen. Neubeni will rücksichtslose Entschlossenheit Vortäuschen. Er will sich nur von der Vernunft und von dem, was zweckmäßig ist, beeinflussen lassen. Immer schwebt ihm das Schicksal des Torwächters "y’ Verlag Kurt Wolfs. KAISER BORAX Macht harten reinenTeint.

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