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Central-Verein-Zeitung · 1926-01-08 · 2 (8.1.1926) · p. Seite 19

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
2 (8.1.1926)
Date
1926-01-08
Page
Seite 19 (sequence 7)
Language
German
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19 cUn(fov jCmrlBxmbem Toleranz. Berlin3 3. Januar. An die Schristleitung der „C. V.-Zeitung". In den eben verflossenen Tagen, in denen unsere christlichen Mitbürger das „F r i e d e aus Erde n" predigten, sei einmal an jene viel zu wenig bekannten w undervollen A u s s ü h r u n g e n erinnert, mit denen schon vor zwanzig Jahren einer der bedeutendsten deutschen Vorkämpfer für die soziale Demokratie, für die absolute Gleichberechtigung aller Klassen und Nassen, Prossor G e r h a r t v. Schulzea e v e r n i tz , zum Weihnachtsfest mahnend zürn deutschen Volke sprach. Seiner Abstammung nach ist er v e r b u n d e n m i t den hervorragendsten Trägern deutsch e r H u m ci n 11 ä t und deuL s ch e n L i b e r a l i s m u s, so konnte ihn Friedrich Na unr a n n stressend als ,,einen echten o h n u n d Enkel deutscher I d e a l i st e n" bezeiäznen. Toleranz ist u ti - trennbar von dem Bekenntnis zürn deutschen Idealis in u s. In diesem Sinn sagt er in seinen „R a n d b e m e r k u n g e n z u in deutschen I d e a lis - m u s": „E i n aufgeklärte r Jude, der sich von der eigenen, gewiß verehrungswürdigen Tradition losgeschnitten hat, sucht sei n L e b e n m i t neue m I n halt z u e r s ü Ucn. Aiit Vorliebe wendet er sich — wenigstens in der Oberschicht der internationalen Fiuanzarislokratie — an die angelsächsische Kulturüberlieserung. Aber das Puritanertum — in herber Größe ihm ohnehin abliegend — mutet ihm als modernen Menschen den Glauben an Iluglaubliches zu. Hochtirchcntum und Aesthetizismus eines R u s k i n wurzeln im Mittelalter, während die religionslose Aufklärung — auch sie ein Kind britischen Geistes — das Ideal heimatlos läßt. Tie Moderne endlich eines O s e a r W i l d e und B e r n a. i d S h a w endet in der Vernichtung der Welt. Durch den deutschen Idealismus kann der deutsche Jude, wie erleuchtete Beispiele dartun, feinem Leben neuen Zweckinhalt setzen und — allen Masseuaposteln zum Trotz —- jener einen sieghaften Schar wahren Fortschritts Genosse werden, welcher in grauer Wor° zeit jüdische Psalmensänger voranschrittcn. Toleranz ist ein beliebtes Schlag w o r t der G e - g e n w a r t. Aber unsere vielgepriesene Toleranz entspringt vielfach dem Mangel an eigener Messung, der Gleichgültigkeit gegenüber dem Wahrheitswert überhaupt— die Toleranz des Pilatus. Tie w a h r c T o l e r a n z b e - r u h t demgegenüber a u s jener beja h e n d e n (d wu n d st i m - m u n g, welche alle? ^ein mit der „Liebe holden Schranken" umfaßt wieviel mehr den Gipfel des Seins, den Menschen. Me betrachtet die Wahrheit, an deren Möglichkeit sie glaubt, als ein anvertrantes Gut, nicht eigener Kraft entsprungen, sondern schrittweise in der Menschheitsgeschichte entfaltet, in diesem Sinne „offenbart". Dies uns überkommene V e r m ü ch t n i s h a b e n io i r I ü ngeren , um einen Pius gewinn vermehrt, den Nachfahren io e i t e r 3 u r eiche n *). Mögen diese Worte denen zu denken geben, die Toleranz nicht auszuübeu pflegen. Tr. K u r t Z i e l e n z i g e r. Locarno und öle jüdischen Deutschen. München, im Dezember. An die Schristleitung der „E. V.-Zeitung". In Nr. 48 der „E. D.-Zeitung" ist ein Auszug aus einem Vortrag von Dr. Ludwig Holländer wiedergegebeu. Ter Vortrag beschäftigt sich mit Locarno: er rühmt den Geist der Befriedung, der dem Wesen des Judentums entspräche. Insoweit Holländer betonen will, „Friede aus Erden" . sei ein Ideal unserer Religion, wird eine Meinungsverschiedenheit nicht bestehen können. Ter Vortrag oder doch der Auszug könnte aber die Anschauung austommeu lassen, als billige die Gesamtheit der im E V. vereinten jüdischen Tonischen durch einen ihrer berufensten Sprecher den viel umstrittenen Vertrag. Auch den Anschein gilt es zu vermeiden, daß dem so sei. Es handelt sich um keine Frage, über die Einhelligkeit der Ansichten beim jüdischen Teil der deutschen Bevölkerung bestände. Gewiß: die Parteien, die Locarno ablehnen, gehören überwiegend zu denen, die uns befehden; die meisten der Abgeordneten, mit deren Stimmen der Vertrag angenommen wurde, werden uns ge- . recht. Doch dies kann für das Urteil nicht ausschlaggebend, ja es sollte nicht einmal wesentlich sein. *) Wer sich in die Gedankengänge wir auf das soeben erschienen 8 i ö c x : „G e r h a r t v. Schulzel u n g seines Wirkens und sei Es ist hier nicht zu erörtern, ob nicht aus Entscheidungen der Außenpolitik bei den deulschen Parteien Erwägungen und lluwägbarkeiten der Innenpolitik einen zu großen Einfluß ausübeu; der E. B. jedenfalls wird sich von einem solchen Fehler freihalten müssen. Nur das kann entscheidend sein: Nützt Locarno Deutschlands Stellung, Deutschlands Geltung in der Welt? Gleichermaßen vom besten Willen beseelte Deutsche werden die Frage verschieden beantworten. Tie einen erhoffen von unmittelbaren und mittelbaren Wirkungen Beginn und Fortführung des Wiederaufstieges; die andern erblicken in dem Werk eine freiwillige 'Anerkennung erzwungenen Unrechts, einen .Verzicht auf Boden, den deutsche Menschen bewohnen, und können sich damit nicht abfinden. Unter jenen ist ein Großteil, aber sicherlich auch unter diesen eine Anzahl jüdischer Deutscher. Nicht abznwägen gilt es an dieser Stelle das Für und Wider, nicht zu entscheiden ist die aufgeworfene Frage. Sondern nur klarzustellen: Daß zn ihr Stellung zu nehmen der C. V. nicht berufen ist und er seine Neutralität auszu geben weder Anlaß noch satzungsgemäße Möglichkeit hat. D r. Berlin (Nürnberg). weiter vertiefen will, den verweisen e B u ch von D r. Kurt Zielen- G a e v e r n i tz. Eine D a r st e l - n e r W e r k e." (R.B.Prager,Berlin.) Gegen Schunö Beckum i. W., im De ^emb€r> An die Schristleitung der „C. V.-Zeitung". Es ist erfreulich, daß endlich auch in der „E. V.-Zeitung" einmal der Kampf gegen den Antisemitismus ausgenommen wird, der ans j ü d i s ch e n Kreisen heraus wirkt und der seine widerlichsten Blüten in Kabaretts und ähnlichen Stätten sogenannter „moderner" Kultur der Oesfent- Uchkeit zur Schau stellt. Ein solcher Kamps gegen Geschmacklosigkeit und Kitsch ist gerade jetzt vonnöten, und es wäre zu begrüßen, wenn sich auch der C. V. all den Organisationen offiziell anschließen würde, die sich zusammengesunden haben, um den Schmutz in der Kunst und Literatur zu bekämpfen. Wir haben als Juden die Pflicht, auf größtmöglichste Reinheit in unseren eigenen Reihen Zu sehen, und müssen deshalb überall dort scharfen Einspruch erheben, wo Erzeugnisse hergestellt werden, die irgendwie entsittlichend wirken könnten, gleichgültig, ob sich derartige Unternehmungen in christlichen oder in jüdischen UN- Schmutz. Händen befinden. Angebracht wäre ein recht deutlicher Hinweis auf den „Wert" dieser „modernen" Literatur („Junggeselle", „Neigen", „Berliner Leben", „Galantes Leben", „Magazine" ufw.), die heute unser ganzes Volk vergiftet. Es möge an alle C. V.-Anhünger, denen der sittliche Aufbau unseres Vaterlandes ebensosehr am Herzen liegen sollte wie der m a> t e r i e l l c, die entschiedene Mahnung ergehen, all diese Zeitschriften eines Zeitalters des Verfalls zu meiden. Und dabei darf auf keinen Verlag Rücksicht genommen werden; denn das Wohl und Wehe der Gesamtheit hängt von der Bekämpfung dieser Krankheit ab. Eine Reihe verschiedener Verbände, darunter führende katholische und protestantische, haben eine Liste der Schundhefte mit: einer sich daran knüpfenden Mahnung schon seit langem veröffentlicht und unterzeichnet, — es ist Zeit, daß auch von jüdischer Leite der Schritt getan wird. Das gehört auch (nicht zuletzt!) in das Kapitel der Abwehr des Antisemitismus. I. Raphael, Lehrer. Helft -em jü-ischen Mittelftan-. Werden (Ruhr), im Dezember. An die Schristleitung der „C. V.-Zeitung". Unter Bezugnahme auf den Leitartikel in Nr. 46 und die Notiz in Nr. 48, Jahrgang 1926, dieser Zeitung über den freiwilligen Tod eines Börsenmaklers mit Frau und Kind, woran die Redaktion die Bemerkung knüpft, daßes an der Zeit sei, einen .Hitfsfeldzug in größter Lessenttichkeit einzu leiten, um neues Unglück/ weitere Selbstmorde zu verhüten, sei es mir gestattet, aus meiner Erfahrung mit seelisch Leidenden Mittel und Wege zu zeigen, wie der so betrübenden Zeitkrankheit in -etwas aögeholsen werden könnte. „Konnnet alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid," tautet die stereotype Aufschrift an den Wänden der Gemeindesäle unserer christlichen Mitbürger, und die religiösen Vortrüge und ^Ansprachen, die neben anderen Veranstaltungen dort gehalten werden, sind aus den Gedanken abgestimmt, den um ihre Eristcuz ringenden Menschen Kraft und Ausdauer ciuzuimpsen, damit sie gestärkt au Leib und Seele den Lebenskampf von neuem bestehen können. Wo finden wir eine Analogie bei uns Inden? Hier müßte meines Dafürhaltens der Hobel angesetzt werden. Unverzüglich sollten unsere Seelsorger an Feiertag- oder Lonnkagabeuden in Gemeindestuben oder Logeusälen Gemein schastsabeude arrangiereu, zu denen neben den Brüdern und Schwestern, die es besonders angeht, auch die erscheinen müßten, die guten Wittens und von der wirtschaftlichen Not noch nicht so schwer getroffen sind. Hier lv rdeu die, die sehen und hören ' o'.un, verstehen, was Dr. med. r Bab (Berlin) in einem -M; einer jüdischen Zeitschrist, betitelt „Die Zunahme der Selbstmorde unter uns Juden", so richtig betont, daß es notwendig sei, die seelischen Nöte unserer Zeit zu erkennen. Gewiß, wir haben Zu wenig jüdische Erholungsheime, uns fehlen noch die großen Tarlehnstassen. Das gibt uns aber nicht das Recht, mit verschränkten Armen zuzusehen, wie ein Bruder nach dem andern freiwillig ans dem Leben scheidet. Die Not ist schrecklich groß, und die verschwiegene, das st u m m e Leid am größten! So denkt nach! Wenn jeder, der es halbwegs kann, n iir ei n e rt sich aussucht, n u r eine n betreut, so wird viel Leid in dieser kalten und ernsten Winterszeit behoben werden können. Des weiteren fordere ich unsere so hart um ihre Existenz kämpfenden, oder durch Krankheit und Alter in ihrem Fortkommen behinderten Glauben sbrüder dazu ans, sich mehr als bisher ungeniert unv vertrauensvoll an die Rabbiner bzw. LA)rer zu inenden, da sie bei ihnen Verständnis für ihre Sorgen und Note finden werden. Z'.-m Schluß möchte ich bier noch einen Auszug aus der Kundgebung des Kölner Erzbischofs, Kart.:ial§ S ch n lie, vom 13. W vorüber an seine Diözese-ucn wird er geben Da heißt es: „Einer trage des andern Last, so erfüllet ihr das menschliche Gebot! Täglich schwill! die Zahl derer an, die trop Arbeitskraft und Arbeitswillen aus Arbeit und Verdienst cn-lassen oder zu karg entlohnter Kurzarbeit gezwungen sind, die Zahl derer mich, denen ihr G e - s w äst und Gewerbe trotz n (len Flei ß e s d a s L e - b ensnot w e n d i g ft e n i ch t mehr e i n b r i n g t. Gewiß, ihr habt fast alle selber keinen Nebersluß. mit Not und Sorge in der einen oder andern Form habt im selbst zu kämpfen. Trotz alleb m lasse ich nicht von der Bitte: Sästießt euch nicht aus bei diesem gemeinsamen Liebeswerk für die notleidenden Brüder und Schwestern in eurer nächsten Umgebung! Ich will die gute Absicht jener Menschenfreunde nicht bestreiten, die zur Gepflogenheit früherer Zeiten zurückkehren wollen, da man zugunsten der Notleidenden Lustbarkeiten veranstaltete und besuchte. Aber eine solche Form der Hilfe m u ß h c u t c a r un d s ätzli ch aö - gelehnt werden, aus Chrfurcht vor den Mitmenschen, deren Not zu ernst ist, um andern eine Veranlassung zum Vergnügen werden zu dürfen . . Wir sind fest davon überzeugt, daß diese so ernste Mahnung des edlen Kirchenfürsten auch ir. unseren Kreisen Widerhall finden wird. I. R o t h e n st e i n.

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