Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 2 (8.1.1926)
- Date
- 1926-01-08
- Page
- Seite 17 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Wer aus Beruf oder aus Neigung die zahlreichen Orientschriften kennt und neu erscheinende sorgsam verfolgt, der weiß, daß die Tausende von Büchern, die über den vorderen Orient, die Türkei, Syrien, Palästina, Aegypten und die Atlasländer geschrieben worden sind und werden, nicht allzu viele von bleibendem Wert umfassen. Der Orient erschließt sich keinem, der meint, ihn wie eine vierwöchige Lustreise nach Italien oder nach Schweden abtun zu können. Der Orient verlangt eine v o l l k o m m c n e U ruft e l l u n g des seelischen und des geistigen Menschen, eine neue Einfühlung in .Kulturen, Menschen, Religionen, dre ihrer Herkunft, ihrer Anlage, ihrer Entwicklung nach von dem, was wir Europa nennen, grundverschieden sind. Um wieviel schwieriger ist es, ein sachliches, einwandfreies Buch über Palästina abzufasten. Hier zerrt nicht nur der Orient die unruhige Feder hin und her. Der religiöse Mensch, welchen Maudens auch immer, wird im „Lande der Däter" durch eine einzigartige Fülle von Erinnerungen und Erregungen höchster Ars beeinflußt. Er wird die Wirklichkeit nicht mit ruhigen, sondern mcifi mit romantischen, mit religiös verklärten Blicken ansehell, und diese innere Bewegung romantischer Prägung wird seine Feder führen. Ist er Jude, ist er n a t i o n a'l j üb i s ch eingestellt, so besteht diese Gefahr erhöht. Er bringt dann den schönen „Fanatismus der Minorität" mit. Er sieht.-- von seinem Standpunkt aus berechtigt — in „Altneuland" nicht etwa nur das Wohngebiet und den einzigen Zufluchtsort für zahlreiche Unglückliche. aus^ einer Welt der Bedrückung. Ter Boden, den er betritt, ist ihn; heilige Erde des neuen jüdischen Reiches, ist ihm die Scholle, auf der das jüdische Volk, erlöst von allen Verfolgern, frei von jeder Bee'nträchtigiing seiner Eigenart durch feindliche oder zumindest andersartige Umgebung, ein neues Leben, eine neue Gebräuche Kultur zu seinem und zu der Menschheit Besten errichten will. Wären nun alle Inden der Welt und alle Völker der Erde mit einer solchen n a t i o n a l j ü d i s ch e u Lösung der Indensr a ge einverstanden, wäre diese eben gekennzeichnete seelische Einstellung Genuangnt aller Juden, so könnten Schriften, nnfgebaut auf der Grundlage dieser Anschamlng, das von einem unvoreingenommenen Beobachter gewünschte Bild vielleicht nicht irr erforderlicher Weise Herstellen. Einen Schaden aber konnten solche Geisteserzeugnisse nicht entrichten, an denen man sich wegen ihres Feuergeistes --- und es gibt solche — erfreuen und über -die man wegen ihrer Verstiegenheiten — auch solche sind vorhanden lächeln könnte. Nun liegen aber die Dinge, wie jedermann weiß, durchaus nicht so. Der n a t i o n a l j ü d i s ch e Palä st i n a a u f b a u wird von sehr vielen Juden, Christen und Mohammedanern abfällig beurteilt und verworfen, von andern wieder anerkannt und als gewaltige Tat gepriesen. Wer unterrichtet uns also nur des rein sachlichen Nnterrichtens wegen? Das nationaljüdische Ausbauwerk erfordert ungeheure Mittel. Sie müssen im wesentlichen durch die Keren II a j e s s o d - O r g a n i s a t i o n aufgebracht werden. Die Organisation hat — sie tut es mit großem Geschick und mustergültigem Eifer — die Lauen auszurütteln und die Zahlenden zu beruhigen. Das führt zwangläufig dazu — und damit soll kein kränkender Vorwurf ausgesprochen werden —, Schriften und Berichte anzuregen und zu unterstützen, die Gutes und Schönes über diesen Ausbau verkünden, Schwierigkeiten und Hindernisse aber auf goldenem Hintergründe zeichnen, oft notwendige Vergleiche meiden, mögen solche Abhandlungen wirtschaftlicher Art oder Reiseschilderungen, mögen sie Bilderwerke oder, über den Buchstaben hmausgreifend,— Filme sein. Gilt es dann noch, aus der einen Seite die Mandatarut a ch t E ngland und die M a n d a t s k o nt m ission des Völkerbundes davon zu überzeugen, wie nützliche und aussichtsreiche Aufbauarbeit die Juden in Palästina geleistet haben, gilt es, E i n g a b e n arabischer Parteien durch schlagende Hinweise auf das Geschaffene zu entkräften, so bergen solche Absicht und solcher Zwang unausbleibliche Fehlerquellen. Mag der Darsteller ihnen gewöhnlich aus dem Wege gehen wollen — wie dem Wanderer auf sonnigen Pfaden der Schatten folgt, so trägt jode Tendenz diese Fehlerquellen hinter sich. Als Beispiel sei auf die von Q+ / von Dr. Mfreö wiener. bolschewistischer oder von antibolschewistischer Seite geschriebene Literatur über Rußland hingewiesen, die, trotzdem die Sowjetrepublik länger besteht als die moderne Palästinasiedlung, trotzdem zwischen Königsberg und Moskau, dem Herzen Rußlands, wenig mehr als zehn Flttgstunden liegen, es heute noch dem prüfenden Leser schwer, wenn nicht unmöglich macht, ein .nüchternes Bild der Sowjetwirklichkeit zu gewinnenJ. Auch damit sind die Schwierigkeiten noch nicht am Ende. Es gibt sicher viele, die den -sehnlichen Wunsch hegen, über das neue Palästina „ohne Haß und Liebe" unterrichtet zu werden. Jedoch: Keine Organisation besteht in Deutschland, die bisher diesen Wunsch zu erfüllen sich angeschickt hätte. Der C e n trat v c r e i n hat in seiner Entschließung vom 10. April 1921 den Pmlästinaaufbau des Keren Elajessod abgelehnt, der $ erbaut) nativ u a l u e n t s ch e r I ll d e n bekämpft ihn. Aber weder diese Organisationen noch irgendeine andere haben über das Gelingen oder Mißlingen des nati'onalji'ldischen Werkes Material irgendwo veröffentlicht. Es gibt eine Deut s ch - F i n n i s ch e Gesellschaft, die sich mit dem Studium Finnlands angelegentlich und objektiv besaßt. Es gibt eine D e u t s ch e © e s c I l s ch a f t für Isla m künde, die in Zeitschriften und Vorträgen die Kenntnis des Islams und seiner Bekenner den deutschen Volksgenossen. vermitteln will. Es gibt aber in ganz Deutschland kein Organ, das, unbeoinslnht von Parteiinreressen, sich sachlich mit dem Palüstinaaufoan beschäftigt. Der Deut s ch e P a l ä st i n a v e r e i n bringt neueste ns in seiner wertvollen Zeitschrift Berichte, die aber als ' erschöpfend nicht gelten können, und andere Vereine mit ausgesprochen religiösem Charakter, so z. B. der (katholische) Deutsche Verein v o m H e i l i g e n L n n d e, das S Y r i s ch e W a i s e n - h a u s in seinem „Boten von Zion", der I e r u s a l e m s - verein in seinen „Neuesten Nachrichten aus dem Morgenlande", die deutschen T empler in der „Warte des Tempels" veröffentlichen ständig Nachrichten und Mitteilungen über Palästina, die, mögen sie auch viel Beachtliches und Wissenswertes enthalten, doch zuoft die religiöse Voreingenommenheit nicht abstreifenkönnen. Und bei den fremdsprachlichen Veröfsentlichnngen, etwa „L’Asie fnmoalse", der sehr lehrreichen französischen Zeitschrift, oder der wichtigen „The ncar East" der Engländer, sind politische Momente, auch bei der Aufmachung und der Auswahl des Dargestellten, nicht zu übersehen. „The New Judaea", das englische Organ der zionistischen Leitung (unb auch „Haolarn", das hebräische) bringt schnell und genau wichtiges Material (so die Denkschriften an den Völkerbund usw.), haftet aber — selbstverständlich — an seiner parteimäßigen Einstellung. Alle diese Nachrichtenquellen stießen außerdem ruckweise. Wir verlangen ein a b g e t lt ndet e s B i l d und erhalten einzelne Mosaiksteine dafür, die uns nur die schmerzlichen Lücken in dem Bilde vor Augen führen. Was aber vollkommen fehlt, ist eine umfassende, ungeschminkte Schilderung, wie die mohammedanischen (diese besonders!) und christlichen Araber im neuen und zum neuen Palästina eingestellt sind. Denkschriften der arabischen Komitees, vor allem aber die arabischen Zeitungen und Zeitschriften in Palästina, Syrien und Aegypten geben den Sprachkundigen wichtige Ausschlüsse. — Ja, wir kennen auch nur sehr oberflächlich die Stimmung und die Stellung der palä st i - n i s ch e n I u d e n h e i t. Die jüdischen Zeitungen Deutschlands vermitteln sie uns unzureichend. Ein Blick in die palästinische Presse' Jerusalems, Tel Awivs und Haifas beweist es. Unter solchen besonderen Schwierigkeiten ist es schier unmöglich, sich und andere über das Palästina der Gegenwart einwandfrei zu unterrichten. Dazu sind langwierige Vorarbeiten, wie eben an (gezeigt, nötig. Der bekannte Fvrschungsreisende und Journalist Erich v. Salzmann beurteilte bei einem Besuche des neuen Palästinas das „sehr spärliche" Material, das ihm über die *) Diese grundsätzliche Feststellung soll nicht hindern anzuerkennen, daß nationaljüdische Zeitungen und Zeitschriften hier und da auch dem Palästinamerk abträgliche Vorgänge freimütig darstellen. Aber in einem verständlichen Optimismus sind sie stets geneigt, solche Ereignisse nicht „tragisch zu nehmen" nnd durch eine Reihe erfreulicherer Nachrichten auszngleichen.