Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 2 (8.1.1926)
- Date
- 1926-01-08
- Page
- Seite 16 (sequence 4)
- Language
- German
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16 Der ungarische Numerus clausus vor öem Völkerbund. Die Einstellung der ungarischen Juden. Wie in diesen Blättern vor längerer Zeit („C. B.-Zeitung" Nr. 21 vom 22. Mai v. I.) bereits berichtet wurde, hat das englische Joint Foreign Committee sich an den Völkerbund wegen der Einführung des Numerus clausus an den ungarischen Hochschulen beschwerdelührend gewandt. Ter Völkerbund hat sich in seiner Sitzung vom Fl. Dezember mit der Frage befaßt und folgendermaßen nach Blättermeldungei: entschieden: „Die Frage sei, ob das ungarische Gesetz betreffend den Numerus m>us miit der tim Friedensvertrag Fsl ge setzten- Gleichheit der Bear e.dinng aller ungarischen Staatsangehörigen im Einklang stehe. Angesichts der vonl Vertreter der ungarischen PUgicrung abgegebenen Ertlli-uung, daß der Numerus clausus nur eine durch die ungewöhnlichen sozialen Verhältnisse verursachte Urbergangsmaßregel sei, und daß die nngarische Regierung das Gesetz ändern werde, sobald sich die Vage gebessert habe, beschloß der Rat, in die Untersuchung der Rechtsfrage nicht einzutreten und sich darauf zu beschränken, von der Erklärung der nngarischen Regierung Renntnis zu nehmen, wobei er die E r \v a r t u n g a u s s P rach, d a ß das G e setz g e ä n d e r t voerde." Aussehen erregte, daß die ungarische Judenheit sich energisch die Intervention der englischen Glaubeusbrüder verbat. Wir haben Gelegenheit genommen, uns an unterrichteter Stelle über die Gründe zu diesem Schritt zu informieren, und ersah reu das Folgende. Allerdings haben wi-r die AUtteilung erhaltet:, bevon der Völkerbimdsrak gesprochen hatte. S it b fl p c ft, Anfang Dezember. Der Volkerbundsrat hat zu seiner Tezembertagung den .ungarischen Kultusminister Zitiert, um ihn wegen des Numerus clausus 3ur Verandwortnug zu ziehen, der zu den Minoritätenverträgen in Gegensatz steht, ne eil er die Lerm recheil der jüdischen Minderheit Ungarns konfisziert. Die die-:bezügliche Petirion ist von seiten der englischen Inden au den Volkeevnndorak ergangen, ohne Einflußnahme der ungarischen Inden, ja, gegm drren anedrnetlichen Protest. T i e I u d e n p r o t e st i e n e n d a g e g e n , d a ß m a n i h n e n t h r c ne i b e x R c ch t u n d G e s e tz g e r a übte b ü r g e r l i ch e G l e i ch 6 e r c cf) t i g n n g w i e d e r v e r s ch a s f e n w i 11? Das Uuu]t absurd und muß den nngarischen Inden der: Vorwurf des Servilismus verschaffen. Roch absonderlicher sieht die Sache ans, wenn mau die Reden liest, die gl eich sau: als Kommentare zur Numerus-cla usus-R eso ln non der nngarischen jüdischen Kultusgemeinden am Rezeptions fest gehalten wurden. Ta wurde glatt ausgesprochen, die ungarischen Juden würden gern alle ihre Rechte hergeben, wenn sie damit der Sache des nngarischen Jrredentismus, der vaterländisch nngarischen Sache nützen könnten. Es ist eine alte Wahrheit, daß kein reinrassiger; Hunne den nngarischen Inden an magyarischem Chauvinismus zu Übertressen vermochte, und dies e r E h a u v i n i s m ri s der u n g a r t s ch e n I üben hat jetzt wieder seine Bestätigung erfahren. Als ich vor dreizehn Jahren ans Oesterreich nach Ungarn verschlagen wurde, stand ich lange den Ansfassnngen und der Gedankenwelt der nngarischon Inden vollkommen verständnislos gegenüber. Sie waren damals, wo sie im Vollbesitze aller nur denkbaren Rechte standen, nicht geringere ungarische Nationalisten als sie es heute sind, wo man glauben konnte, daß sie vielleicht aus Furcht vor den: herrschenden rechtsradikalen System und den nach rechtsradikaleren Nebenregierungen die chauvinistische Seite hervorkehren. Ich hatte dann während des Krieges jüdische Ungarn unter meinen: Zlommando und konnte fest stellen, daß sie auch vor dem Feind tsicht weniger magyarisch gesinnt waren als daheim. Dabei konnte ich nie fest stellen, daß die ungarischen Juden die religiöse Assimilierung augestrebt Hütten. Austritte in größeren Blassen tarnen nur bei den zngewanderlen Juden vor. Im Feld siel nur auch ans, wie gut das private Verhältnis zwischen den jüdischen und christlichen Magyaren war. Wenigstens unter der Mannschaft konnte ich nie einer Wnm von Antisemitismus oder nn:g,ekehrt Abneigung der Inden gegenüber den Christen aus die' Spur kommen. Ter ungarisch sprechende Jude wurde vom christlichen Magyaren i-uuner als vollwertiger Ungar anerkannt, und beide schimpften zusammen auf den Oesterreich.';:; und den Tschechen. Wenn sich die ungarischen Inden jetzt auch ulkramagya risch gebärden, kann das verurteilt werden wie jeder andere Ultranationalismns, doch ist es kaum als Servi-mmus anfznfassen. Gerade die Inden tim besonders magyarisch, die sich als Juden besonders exponieren. Uebrigens ist nach den Aufzeichnungen der Rabbinate gerade jetzt die Z n h l d e r z n in I n d e n t u m z it r ü et k e h r ende n Ge - t a u f t e n b e sond c v s g ai o ß , d ie ch a u v i n i st i s ch e B e - w e g n n g g e h t also H and i n H and mit einer st a r k e n religiösen B e \v r" g it n g. U n d dieselben Juden, die die ausländische Hilfe gegen den Numerus clausus a b l e h n e n , werden nicht m ü d e, den der Judens ch af t angetanen Rechtsraub i m Inland mit den s ch ä r f st e n Worten zu brandmarken und seine Abschaffung zu fordern. Als ungarische Chauvinisten lehnen sie es aber ab, aus Grund des Friiedensverkrages zu ihr-em Rechte zu kommen, der wohl ins ungarische corpus juris ausgenommen wurde, aber; innerlich von keinem Magyaren anerkannt wird, und zwar nicht nur in seinen auf die Gebi-etsabtrietungen bezüglichen Teilen, sondern tel quel, vom ersten bis zum letzten Buchstaben. „Trianon", sagen die ungarischen Juden, „kann nie eine Rechtsquelle für uns bedeuten." In:, Laufe der dreizehn Jahre meines Aufenthaltes unter Ungarn — vor allem während der vier Jahre im Feld, wo sich die Menschen ja mit allen ihren Fehlern und Vorzügen in voller Nacktheit zeigten — habe ich die Auffassungen der nngarischen Juden verstehen und ihre Ueberkreibungen verzeihen gelernt. D i e u n g a r i - s ch e n I u d e n> s i n d e b e n z n m ü b e r wiegen d e n Teil Magyaren, ihre Vorfahren sind zum Teil schon mit Arpad ins Land gekommen. Sie sind stark vermischt mit den Chasamen, und in ihre Reihen haben viele Vulgaren und andere Nichksemit-en Eingang gefunden, als es noch nicht für dehoneslierend galt, Judo zu sein. Ich kenne nngarische Juden, denen rmrm es nur schwer glaubt, daß sie nicht nrmagyarische Banernsprößlinge sind. Kein Wunder, daß der ungarische Jude vielfach die grotesken Cha-naktereigenfchaften des Pußtenvolkes aufweist und sich zu dem berühmten „extra Hungariam non esfc vita“ (jenseits Ungarns verdorrt das Leben) bekennt. In der gegebenen Lage Hütten die Juden übrigens in der Frage des Numerus clausus gar nicht anders Vorgehen können, als sie es getan haben. Wohl haben sie mit ihrer lokalen Stellungnahme vorläufig nichts erreicht, und Kultusminister Klebelsberg, der am Rezeptionsfest teilnahm, deutete auch nicht mit einem Worte an, daß man die Loyalität der Inden durch eine Aufhebung oder wenigstens Linderung des Numerus clausus chno-rieven wolle — doch was hätten sie alles der drüben, hätten sie anders gehandelt! Sofort wäre der Numerus clausus, der henke in Ungarn schon sehr unpopulär ist, zu einer nationalem Sache geworden und das Lager der wieder sehr aktiv gewordenen „Erlvachenden" hätte sicher nicht unbedeutenden Zulauf erhalten. „Da seht ihr's," hätten die bewahrten Demagogen von der äußersten Rechten gerufen, „die Inden berufen sich auf Trianon; aus dem Dokument, das unser Land verstümmelt hat, schöpfen sie ihre Rechte!" Auf die Entscheidung des Völkerdnndsrates aber wird die Stellungnahme der ungarischen Juden wohl kaum Einfluß haben; vertonen hat man also unter keinen Umständen etwas. Der D. v. ü!§ Rapitalmacht. GelSeingang: Dreißig Millionen Mark jährlich. In einer Jahresschlußversammlun® des Deuts ch nationalen H q n d l u n g s g >e hl i l f e n v e r b a n d es in Verl i n sprach Christian Winter (Hamburg) über das Thema: „Der D. H. V. als K a p i t a-lmacht." Ter Referent gab nach dem „Deutschen Tageblatt" vom 30. Dezember 1925 ein Bild über die Vermögensentwieklung des Verbandes: Die Sparkasse wurde im Jahre 1908 gegründet und hatte schon 1909 über 1 Million Mark Einlagen, heute hat sie über 6 Millionen Mark. Sie hat die Einlagen ihrer Mitglieder um 60 Prozent ansgewertet. Der Anfwertungsbetrag in Höhe von über 1 Million Mark steht den Einlegern bereits ab 1. Januar 1926 zur Versügnng. Tie Einlagen der gefallenen Mitglieder wurden mit 100 Prozent ausgewertet. — Der „Kapitalschatz für deutsche Arbeit" ergab im ersten Geschäftsjahre eine Dividende von 14 Prozent. — 2 2 Häu - fe r i n den verschiedensten O r t e n D eu ts chl an d s s i n d E i g e n t u m d e s Verb a n d e s. Der Geldeingang beläuft ifich heute auf 30 Millionen Mark jährlich und wird in: nächste n I a h r auf 40 M i l l i o n e n M a r! steigen. Große Jndustriekonzerne treten heute mit Kreditgesuchen an den Verband heran. — Der „Gagsah" wurde es ermöglicht, bis heute 5000 Angestelltenwohnungen zu bauen. 1300 weitere sind im Bau und für 1926 sind weitere 1000 vorgesehen. — Die Hanseatische Verlagsanstalt i st e i n s d e r größten V e r l a g s u n t e r n e h m e n Deutschland s g e w o r d e n. Sie wird nach Fertigstellung des im Bau Lesindlichen neuen Drnckereigebäudes in Wandsbek einer der modernsten Druckereibetriebe sein. Das vor wenigen Jahren erbaute neue große VerbandshauZ am Holstenwall in Hamburg ist bereits zu eng geworden. Der Bau eines riesigen, Zwanzig Stockwerke umfassenden Gebäudes ist in Vorbereitung. Wie unvorsichtig von den: De u't sch nationalen Handlungs- Hehilfen verband, prahlerisch über Kapital macht zu sprechen! Bedenket dieser Begriff nach der Einstellung seiner Anhänger nicht etwas Unsittliches? Im übrigen können wir angesichts des nngehenren wirtschaftlichen Niederganges, falls die Zahlen den Tatsachen standhälten, heute mit besonderer Betonung wiederholen, .was wir schon früher des öfteren an dieser Stelle gesagt haben: „Freunde i n S t a d t und L a n d, lernt vom D. H. V., w a s d n r ch O p f e r w i l l i g k e i t e r r e i ch t w e x de n kann!