Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 1 (1.1.1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahlen in öer Tschechoslowakei. Die jüdischen Richtungen im erbitterten Streite. Vor kurzem fanden in der Tschechoslowakei allgemeine Wahlen statt. Da leider die jüdischen Einwohner der Tschechoslowakei als „nationale M i n d e r h ei t" erklärt sind, haben sie das Recht, eigene Kandidaten auszustellen. Davon machten sie Gebrauch. Es standen sich daraufhin Gesetzestreue und Jüdisch-Nationale gegenüber. Der Kampf wurde von jüdisch-nationaler Seite mit ungemeiner Erbitterung geführt, und noch heute, nach dem Kampfe, Hallen die jüdischnationalen Organe von den schwersten Angriffen und Beschuldigungen gegen die Gesetzestreuen wieder. Wir sind in der Lage, von besonderer Seite den folgenden Bericht über die Wahlen und ihre Folgen zu veröffentlichen: Aguda und Nntiorraljnden. Die Wahlen in der Tschechoslowakei sind ein Schulbeispiel und trotz aller häßlichen Nebenerscheinungen ein erfreuliches Symptom. Man zog den Kampf einem faulen Kompromiß vor. Und weil auf beiden Seiten der ernste Wille vorhanden war, sich zu behaupten, mußten alle Verhandlungen wegen einer Einheitsliste scheitern. Es rangen miteinander zwei diametral entgegengesetzte Anschauungen. Die eine orientiert sich ausschließlich aus dem religiösen Diktat. Die andere glaubt die Interessen der Juden heit auf dem Wege nationaler Forderungen besser zu wahren. Das ist ja wohl die Antithese, die überall in, Erscheinung treten dürfte, wo Juden in die politische Arena eintreten. Man hat sich daran gewöhnt, daß in den östlichen Ländern der jüdische Nationalismus Orgien feiert. Bei den Wahlen in der Tschechoslowakei handelte es sich aber auch darum, ob die Tschechoslowakei sich nach dem Westen orientieren soll, wo, wie bekannt, die Juden auf diese einseitige Betonung ihrer Forderungen männiglich verzichtet haben. Die Tschechoslowakei an und für sich bemüht sich, die volle Gleichberechtigung der Juden zur Tat werden zu lassen. Indessen ist das Wahlgesetz für die nationalen Minderheiten nicht günstig. Man muh in einem Wahlkreis eine bestimmte Wahlzifser (für die Juden waren es etwa 27 000 Stimmen) erreicht haben, um sowohl ein Mandat zu erlangen, als auch im zweiten Skrutinium die Neststimmen für sich in Anspruch nehmen zu können. Die nationalistisch gesinnten Juden traten unter dem Namen „Jüdische Parte i" in den Wahlkampf, die religiös orientierten unter der Flagge einer „Jüdischen W i r t f ch a f t s p a r t e i". Das einzige Gebiet, auf dem man für ein Mandat im ersten Skrutinium rechnen konnte, war Podkarpatka Rus, also die Gegend von Uzhorad (Unghvar) und Munkacevo. Spitzenkandidat der Jüdischen Partei war Dr. Singer (Prag), der Jüdischen Wirtschaftspartei Oberräbbiner H o r o w i z (Kuncevo, Uncdorf). Es gelang keiner der beiden Parteien (Jüdische Partei mit etwa 18 000, Jüdhche Wirtschaftspartei mit etwa 12 000) die Wahlzisfer zu erreichen, und so Zieht in das Parlamentshaus in Prag kern Jude als Jude ein. Der Wahlkampf wurde mit äußerster Erbitterung geführt, deren Widerhall auch noch in den Epilogen zu spüren ist. Für Beurteilung, der Situation dürste es von Interesse fein, daß ein ziemlich beträchtlicher Teil jüdischer Stimmen überhaupt keiner der jüdischen Parteien zufiel: vielmehr wählten viele Juden nach ihrer allgemeinen politischen Einstellung, Anderseits war sestzuistellen!, daß einige Nichtjuden in Karpathoruhland aus Opposition jüdisch wählten. Für die nächsten Wahlen dürste folgende Prognose zutressen: Ist die allgemeine tschechische Politik so weit entwickelt, daß klare Wer Groß-Verliner <S. A.-Abend zum Vesten des Kampsfonds Donnerstag, den 23. Januar 1926, abends 8V4 Uhr, inr großen Saal der Gesellschaft der Freunde, Berlinds, Potsdamer Straß«.9. Irene Triefch liest Oeborahs Giegeslied, Psalm 137, Heseklrt 37, Psalm 90, Hölderlin, Goethe, Klopstock, Schiller. Direktor Dr. Ludwig Holländer hält einleitend eine Ansprache. Ausweiskarten, die zum Eintritt berechtigen, sind ab4.Januar 1926 im C. V.-Büro (Landesverband Groß-Berlin), SW, Lindenstraße 13, zu haben. (Telephon Dönhoff 3593). Zur Stärkung des Groß-Berliner Kampffonds: Mindestspende 1,50 Mark je Person. Verband Groß-Berliner Ortsgruppen i. A.: Dr. Bruno Glaserfeld. Plattformen in einer möglichst geringen Anzahl von Parteien vorhanden sind, dann dürften sehr viele Juden in der einen oder anderen (nichtjübischen) Partei! wirksam Mitarbeiten. Anderenfalls dürfte sich dasselbe Bild wie bei den jetzigen Wahlen ergeben. Es werden die einen, die vor allen Dingen die Interessen einer konfessionellen Minderheit wahrnehmen zu müssen glauben, diese Bestrebungen zum Wahlprogramm erheben. Und es ist nicht zu erwarten, daß die nationalistisch gerichteten Juden ans innerpolitische Betätigung verzichten. Beide Parteien rüsten schon jetzt. Darin liegt ein gewisse Garantie, daß vieleicht in Zukunft geistige Kämpfe ohne abstoßende Nebenerscheinung ausgesuchten werden. Nochmals: Gleichberechtigung öer jüdischen Religion. Zu dem Artikel von Rabbiner Dr. Felix Goldmann in Nr. 47 der „C. V. - Zeitung" sind uns Zuschriften zugegangen/ die darin übereinstimmen, daß die Forderung, die Schüler vom Schulbesuch an den jüdischen Feiertagen zur befreien und sie am Sabbat von den schriftlichen Arbeiten zu dispensieren, nicht der Gleichberechtigung entspräche, sondern ein Sonderrecht bedeute; ferner wird behauptet, die Ausstellung solcher Forderungen gehöre nicht in die „C. V.-Zeitung", da diese in religiöser Beziehung neutra l sein müsse. Herr Dr. Goldmann äußert sich auf unseren Wunsch zu diesen Kritiken aus unserem Leserkreise. Alle die Zuschriften gehen von der irrigen Meinung aus, der C. V. habe sich durch meinen Artikel zum Vertreter rein orthodoxer Interessen gemacht, wenn er es geißelte, daß in Sachsen jüdische Kinder, an Sabbaten -und den Wallfahrtsfeften die Schule besuchen müssen. Auch ich der ich übrigens selber zur gemüßigt liberalen Richtung gehöre, teile die Meinung vollauf, daß der C. V. religiös absolut neutral sein müsse. Darum handelt es sich aber hier nicht. Hier steht lediglich fest, daß ein deutscher Staat auf jüdische Kinder und Eltern einen Gewissenszwang ausübt, und damit ist die Kompetenz des C. V. gegeben. Gern gebe ich zu, daß nur wenige sich bedrückt fühlen, aber es kommt nicht darauf an, ob viele oder nur wenige unter dem Drucke leiden. Genau dasselbe liegt bei einem Schächtv erbot oder bei Angriffen gegen den Schächter vor. Die Zahl derer unter unseren Mitgliedern, die rituell leben, mag sehr klein sein. Trotzdem muß der C. V. im Interesse des Rechts und der jüdischen Würde auch ihre Interessen schützen! Ein weiterer Irrtum ist insofern entstanden, als man meinen Ausführungen entnehmen wollte, daß ich vom Staat und von der Schule besondere Rücksichten auf die am Sabbat fehlenden jüdischen Schüler verlangt hätte! Davon ist natürlich k e in e R ed e! Es wäre unsinnig und unbillig, wollte man fordern, daß Stundenplan und Unterricht sich auf die ganz wenigen jüdischen Schüler am Ort einstellte und von einer verschwindenden Minorität abhängig gemacht würde. Selb st verständlich muß — und so ist es ja auch in Preußen Vorschrift — jeder jüdische Vater selber die Verantwortung übernehmen und auch damit rechnen, daß fein Kind wegen seines häufigen Fehlens z u r ü cf b l e i b t. Nimmt er aber aus Gewisiensbedenken dieses Risiko mit in den Kauf, so läßt sich doch nichts dagegen sagen, daß feine Kinder: an Sabbaten und Feiertagen die Schule versäumen! M e h r a l s dieses Recht habe ich nicht verlangt und würde ich auch nicht fordern! Man wirb ein,sehen müssen, daß hiev kein S ond e r - recht für Juden verlangt wird, sondern lediglich Toleranz; jene Toleranz wird in Sachsen erstrebt, die Preußen und andere Länder — das wolle man beachten — läng st gewähren. Und warum bei einem Christen aus solchem Begehren eine Stärkung seiner antisemitischen Gesinnung erwachsen sollte, wie eine Zuschrift meint, ist wirklich nicht einzusehen. Schließlich ist mein Vorgehen von einer Seite unpolitisch und . unklug genannt worden. Hierzu möchte ich nur bemerken, daß der C. V. im vollsten Lichte der Öffentlichkeit wirken soll, und daß der Frontalangriff den besten Traditionen aller Vorkämpfer des C. V. entspricht. Nur wenn man ohne Scheu den Finger in die Wunde legt, nur wenn man die Dinge beim rechten Namen . nennt, hat man Aussicht auf Erfolg. Das dürfte die Geschichte des C. V. am besten erweisen. Wenn wir im Laufe der letzten fünfundzwanzig Jahre zu sehr vielen Malen der preußischen und bayerischen Regierung gegenüber in stärkster Opposition gestanden und dieser Oppositilon unerschrocken scharfen; Ausdruck gegeben haben, so wird man es auch der sächsischen Regierung gegenüber tun dürfen, von der unter allen Umständen fest steht, daß sie als einzige in Deutschland seit der Emanzipation den freilich mißlungenen Versuch gemacht hat, jüdische Kinder durch Strafen zu Schulbesuch selbst am Verföhnungstage und zu Schreiben am Sabbat zu zwingen! Dr. F. Goldmarrrh .3 2