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Central-Verein-Zeitung · 1926-01-01 · 1 (1.1.1926) · p. Seite 5

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
1 (1.1.1926)
Date
1926-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Sorgenvolle Festtage. Helft der Mafsennot durch Maffeuopfer! Die beiden großen christlichen Konfessionen haben in diesen Tagen das Weihnachtss-est begangen. Die deutsche Presse pflegt aus diesem Anlaß Feiertagsn-ummern herauszugeben. Lehrreiches und dringend zu Beherzigendes bringt der Leitaussatz der „Münchener Neuesten Nachrichten" (Nr. 356), betitelt: „Weihnacht in Sorgen". Er schildert die entsetzliche Not, die immer weiter im deutschen Volke um sich greift: „Wir, die wir noch den Zauber und das Behagen eines richtigen Heims genießen dürfen, denken wir uns auch nur in die Lage unserer ärmsten, unverschuldet ins tiefste Elend geratenen Volksgenossen hinein? Erfüttt der Staat, erfüllt das besitzende Bürgertum, erfüllen alle diejenigen, die in Stadt und Land noch über ihren eigenen wirklichen Bedarf hinaus Geld verdienen, ihre brüderliche Pflicht gegenüber den notleidenden Volksgenossen? Dies ist eine sehr ernste Frage. Und wir stehen nicht an, sie mit einem festen „Nein" zu beantworten. Es geschieht lange nicht genug zur Bekämpfung des Elends, und wir haben uns der Versäumnis anzuklagen. Die Massennot, die riesengroß mitten unter uns emporwächst und sich in rasender Schnelle immer weiter ausbreitet, kann nur durch M a s s e n o p s e r mit Erfolg nieder gerungen werden. Solche Notopser müssen von jedermann gebracht werden, der sich seiner Pflicht als Mensch und Deutscher bewußt ist. Und hier muß unendlich viel mehr geschehen als bisher geleistet worden ist. Wie im offenen Kriege jeder sein Scherflein hergab, ja selbst den Notpfennig opferte, um dem Staat zu Helsen, in dem unser Volkstum sich am Leben erhalten kann, so ist es jetzt die Pflicht jedes einzelnen, der Kommunen und des Staates, dem Volke selbst beizuspringen in seiner Not, ihm Auskommen und Arbeit m sichern. Diese Hilfe muß gebracht werden. Das kann aber nicht durch Dekrete, Gesetze und Verordnungen allein erreicht werden, sondern es gilt, die Gewissen z u w e d e n und den Mitbürgern, die sich gern daraus verlassen, daß „schon was geschieht", in die L>eele zu hämmern, daß nichts ohne ihre tätige Mithilfe erreicht werden k-ann. Jeder muß Zugreifen, jeder dazu beitragen, daß die Not nicht der ganzen Nation über den Kops wachse und sie einem zweiten, weit schreckkicheren Z u s a m m e n b x m d) entgegenzerre, cms dem es keinen Aufstieg mehr geben würde." Wir wißen — und es ist hier schon oft ausgesprochen worden —, daß a u ch die deutsche Juden heit von der wirtschaftlichen Verelendung aufs schlimmste mitgenommen ist. Das darf uns keinen Augenblick aber hindern, der allgemeinen deutschen Not herzliche Teilnahme und tatkräftige Hilfe, soweit nur möglich, zuzuwenden. „Hakenkreuz-Jahrweiser 192b." In einer Steglitzer Buchhandlung (wo sonst, wenn nicht im gut völkischen Steglitz?) prangt dieses Literaturerzeugnis, das der Herausgeber, ein Herr Bruno Tanz mann, „ein festlich hehres Bild aus dem Gottesdom des deutschen Volkes" nennt. Damit erübrigt sich natürlich unsere Kritik. Sie erübrigt sich bereits nach den Geleitworten der ersten Seite: „Und mit blankem Leib schreiten und stürmen wir durch die Waberlohen der Zeit usw. usw." Sie erübrigt sich ferner nach folgenden lieblichen Versen eines Georg Stammler, der auch sonst seinem Namen Ehre macht: An die Juden. „Und habt ihr's wirklich nie gefühlt. Wie euer Harn in unsrem Blute wühlt? Wie ihr mit eurem Schorf die Völker peinigt — weil ihr euch nicht in eigner Erde reinigt!" Und sie erübrigt sich vollends — unsere Kritik nämlich — nach der Lektüre eine» Gedichtes von Bruno Tanz mann, der sich recht kernig und teutsch gebürdet, — seine Gedichte sind, wohlgemerkt, im Hakenkreuzverlag, Hellerau, erschienen —, der aber nichtsdestoweniger eine Anleihe bei dem Juden Heinrich Heine (Psui Teufel!) zu machen beliebt. „Meine Heimat ist Deutschland, ich heiße Harald, und bin einer vom Wikingstamm, die sterben, wenn sie nicht mitstreiten dürfen!" Ich überlasse es dem geneigten Leser, dem Sieger in diesem edlen Sängerwettstreit die Palme zu reichen! Die Sprachreinigungsversuche des Herausgebers sollten den Leser nicht abschrecken. Das Wort „Jahrweiser" für das fremdsprachige (sprich: fremdrassige) Wort „Kalender" steht wirklich nur aus dem Titelblatt; überall sonst ist „Kalender zur besseren Verständigung beibehalten. Und auch neben den schönen' „Vertentschungen" der Monatsnamen, neben Hartung, Hornung, Lenzing, Brächet, Heuert usw., stehen zur Sicherheit — für gänzlich Ungebildete — die guten alten Bezeichnungen. Und auch an etlichen Bildwiedergaben wird der Leser eine reine Freude haben, z. B. an dem Schattenriß von Georg Plifchke,. der die von orientalischen Aasgeiern kahlgefressene deutsche Eiche darstellt, und an dem „historischen" Bilde Richard Guhrs mit der Ueberschrift: „Moses trägt die Reichtümer fort und läßt Banknoten zurück." In der Rassenfrage werden übrigens nicht nur Otto Ernst, Adolf Bartels und andere prominente Völkische bemüht, sondern kein Geringerer als Goethe. Aber der Herausgeber, der sein Goethe-Zitat über das „schlaue Volk Israel" noch dazu fälschlich in den „Faust II" verlegt, während es an weit weniger betonter Stelle, im „Jahrmarktssest zu Plundersweilern" steht, hätte seinen Goethe, und speziell dieses Gespräch, aus dem er zitiert, ein bißchen gründlicher lesen sollen! Dann hätte er jene Goethe-Worte gefunden, die eine gültige Antwort sind auf alle Beschuldigungen der Juden: „Ich weiß das nur zu gut. Mein Freund, ich bin nicht blind. Doch das tun andre mehr', die unbeschmtten sind." Ger Trirv. Dis Staatssubvention. Der Preußische Landesverband vor großen Aufgaben. Wie wir bereits kurz mitgeteilt haben, hat der Preußische Landtagdie geforderte Subvention für die Synagogengemeinden in dritter Lesung bewilligt, und zwar in einer Form, die gegenüber der für die zweite Lesung vorgeschlagenen Fassung von erleblichem Vorteil und von grundlegender Bedeutung ist. Die Beihilfen find nunmehr in zwei Positionen in den o r d e n tl i ch e n Staatshaushalt eingestellt worden. 250 000 Mark unter „dauernde Ausgaben" für Beihilfen an leistungsschwache Synagogengemeinden behufs Erfüllung ihrer Verpflichtung zur Sorge für den Religionsunterricht; ferner 200 000 Mark „widerrusliche Bedürsniszuschüsse" an Synagogen gemeinden zur Besoldung ihrer Rabbiner und zur Versorgung ihrer Ruhestandsrabbiner und der Hinterbliebenen ihrer Rabbiner". Damit ist die Existenz der jüdischen Klein- und vielleicht sogar der Mittelgemeinden, nicht weniger aber auch die des Preußischen Landesverbandes nicht nur für den Augenblick gesichert, sondern darüber hinaus auch die Möglichkeit für eine zielbewußte, weitausschauende Finanzpolitik der beiden preußischen Gemeinde- Verbände geschaffen. Klar und unzweideutig ist der Zweck der Staatsbeihilfen gekennzeichnet: die Sicherung des jüdischen Beamtentums. Das erscheint unmittelbar als eine persönliche Angelegenheit der Rabbiner und Lehrer. Bei Licht besehen, handelt es sich aber um die Fundamentierung des jüdischen Kultus- und Erziehungswesens und damit — nach unserer Auffassung — um die Sicherstellung des jüdischen Lehrer- und Rabbinertums im größten deutschen Bundesstaat überhaupt. Mit Freude und Genugtuung begrüßen wir die Erlösung unserer Beamtenschaft aus jahrelanger unerträglicher Not. Gewiß, ein Paradies wird man ihnen mit der knappen halben Million nicht schaffen können; sie werden auch weiterhin ihren Daseinskampf auszufechten haben. Damit teilen sie aber nur das gegenwärtige Los aller Volksgenossen. Vor dem Schlimmsten sind sie jedoch bewahrt und — was ihren Lebensmut wie ihre Arntssreudigkeit besonders heben wird — ihre Existenz kann aus eine sicherere Grundlage gestellt werden, als sie ein zweifelhafter Vertrag mit einer Gemeinde von einem oder einigen Dutzend Mitgliedern bestenfalls bieten kann. Und hier beginnt nun die Ausgabe der Gemeindeverbände — der allgemeinen preußischen wie der gesetzestreuen. Gestützt aus die nunmehr gesicherte Hilfe des Staates wie auf die regelmäßigen Pflichtbeiträge der Gemeinden muß die Schaffung von Penfions- und Hinterbliebenenkassen betrieben werden, damit die Beamten ihre Zukunft gesichert wissen, unabhängig von der Leistungsfähigkeit ihrer jeweiligen Gemeinde. Aus diesem Wege — und nur auf diesem Wege — ist auch das schwierigste und folgenschwerste Problem der jüdischen Gemeindepolitik zu lösen. Nebenbei die Schaffung eines geeigneten Lehrernachwuchses. Heute liegen die Verhältnisse so, daß selbst größere Gemeinden kaum ihren Bedarf decken können; die kleineren sind schon seit langem sehr oft aus einen „Ersatz" angewiesen, den wir weder im Interesse der religiösen Erziehung noch in dem der deutschen Kultur begrüßenswert finden. Ist der Berus eines Rabbiners und Religionslehrers wenigstens einigermaßen - materiell gesichert, dann wird er auch von jungen idealistisch gesinnten Leuten ergriffen werden können. So kann der Beschluß des Preußischen Landtags für unser gesamtes innerjüdisches Leben einen Wendepunkt zum Besseren bedeuten. * Die finanzielle Sicherstellung des Preußischen Landesverbandes wird auch aus die Frage der schon lange geplanten Reichsorganisation nicht ohne Einfluß bleiben. Der Ausschuß des Deutsch-Israelitischen G e m e i n d e b un d e s hat sich vor kurzem mit der Angelegenheit beschäftigt. Es herrschte Einmütigkeit darüber, daß der Deutsch-Israelitische Gemeindebund aus geschäftlichen und vermögensrechtlichen Gründen dazu berufen sei, der Träger der Gesamtorganisation zu werden, und daß als Glieder derselben nur die Landesverbände in Frage kommen können.

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