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Central-Verein-Zeitung · 1926-01-01 · 1 (1.1.1926) · p. Seite 4

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
5 (1926)
Issue
1 (1.1.1926)
Date
1926-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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% Singalowskp: Fü-isthe Rolenifationen kn Rußlanö. (Schüiß von Seite 2.) Knotenpunkte der Gouvernements Podoljen, Kiew und Odessa. Die Bewegung richtete sich zunächst auf die benachbarten Steppen westlich von Odessa. Sechzehn Gruppen in einer Stärke von 775 Familien waren es, die hier 8410 Deßjatinen Land erhielten und zwischen Balta und Odessa dreizehn neue'jüdische Siedlungen gründeten. (Auf diese neue Erscheinung im jüdischen Leben hat die Zentrale des „Ort"- Verbandes auf Grund der Berichte der „Ort"-Bevollmächtigten in Odessa im Jahre 1923 die jüdische Oeffentlichkeit in Amerika und Westeuropa zum ersten Male aufmerksam gemacht.) Ueber alle jüdischen Städte und Städtchen Rußlands verbreiteten sich Gerüchte darüber, daß in den südrussischen Steppen Boden unentgeltlich zu haben sei. Allerorten begannen sich spontan Uebersiedlergruppen zu bilden. Die Gruppen, die sich aus den physisch kräftigsten, arbeitsfähigsten Elementen zusammensetzten. Pflegten von sich aus Boten zu entsenden, um passenden Boden ausfindig zu machen und die Grundstücke auch juridisch zu sichern. Derartige Uebersiedlergruppen ließen sich auch im Norden der Krim und in der Gegend von Cherson nieder. Die Bewegung schwoll gewaltig an und barg wegen ihres chaotischen Charakters große Gefahren in sich. Die jüdischen Organisationen waren bestrebt, dem Wirrwarr Einhalt zu tun. Im Jahre 1924 begann die Regierung sich mit der Frage betreffend die Organisierung des Ueberganges der Juden zum Ackerbau und die Mitwirkung an diesem Uebergang sehr ernstlich zu interessieren. In demselben Jahre noch wurde auf einen Beschluß der höchsten Regierungsinstanz hin der „Komset" (Komitee zur landwirtschaftlichen Ansiedlung arbeitender Juden) gegründet. Um die Kolonisierung zu erleichtern, wurden in das Bodenreglement entsprechende Veränderungen hineingetragen, wonach Die Jude« bei der Bodenverteilung Den nichtjüdischen landarmen Bauern rechtlich gleichgestellt werden. Laut dem Beschlußdes „Komset" vom 2 8. Oktober 1924 soll die Kolonisierung der Juden aus zwei Wegen durch geführt werden: 1. Ansiedlung -von Juden auf staatlichem Boden in den Gouvernements,' wo sie gegenwärtig ansässig sind. 2. Ansiedlung in anderen Gouvernements der Sowjetunion auf möglichst dicht aneinander liegenden Landstrecken, auf die die örtlichen Bauern keinen berechtigten Anspruch haben. Das Ziel, das sich der „Komset" gestellt hat, ist die Kolonisierung von hunderttausend jüdischen Familien. Eine Partielle Registration von Juden, die gewillt sind, auszuwandern, um sich landwirtschaftlich anzusiedeln, ergab im Verlaufe von sechs Wochen 25600 jüdische Familien. Was die Unterstützung seitens der Regierung anbetrifst, so besteht diese außer dem unentgeltlichen Boden und billigen Transportkosten auch in finanziellen Subventionen. Für das Jahr 1925 betrugen diese ungefähr 1 Million Goldrubel. Die großen Dimensionen jedoch, die die Kolonisierung bereits angenommen hat, sind vornehmlich auf Konto der bedeutenden, von dem amerikanischen „Joint" dafür verausgabten Geldmittel zu setzen („Ort" arbeitete bisher nur im Bezirk Odessa, die „Jca" nur in den alten Kolonien). Aus dem bisher Gesagten ist zu ersehen, daß die Planmäßige Kolonisation eigentlich erst im Jahre 1925 eingesetzt hat. Als deren Ergebnis ist folgendes zu verzeichnen: Zugewiesen wurden für dieses Jahr für jüdische Siedlung l00600Deßjatinen (in der Ukraine 62 000, in der Krim 28 000, in Weißrußland und im Gouvernement Homel 12 000) für 6000 jüdische Familien, wovon 5600 Familien in der Stärke von 30 000 Personen sich bereits angesiedelt haben. Rechnet man hinzu noch 800 Familien, die aus dem freien Boden der alten Kolonien neu hinzukamen, die neuen 700 Familien im Bezirk Odessa und noch 1500 Familien, die in diesem Jahre Land in ihren alten Wohnorten zugeteilt erhielten, so steht man in der Tat ein Ergebnis vor sich, das in der Geschichte der jüdischen Kolonisation einzig dasteht. Die Zuweisung des Bodens wird mit dem Plan vorgenommen, dichte Zentren jüdischer Landwirtschaft zu schassen. Das größte jüdische landwirtschaftliche Zentrum in der Welt befindet sich gegenwärtig in der südlichen Gegend des Gouvernements Cherson, zwischen den Flüssen Dnjepr und Jnguletz. Hier ist eine neue Bodenfläche von 36 654 Deßjatinen besiedelt worden. Diese Bodensläche vereinigt einerseits die vom Flusse Jnguletz sich hinziehmden Felder der alten jüdischen Kolonien mit der bekannten jüdischen Kolonie L w o w o am Dnjeprslusse anderseits. Unweit davon sind noch vier alte jüdische Kolonien gelegen (N e u - B o r i s l a w, Groß- und K l e i n - N a h a rt o w und R o m a n o w k a), so daß wir dort gegenwärtig eine geschlossene, 70 060 Deßjatinen enthaltene Ebene mit neuen und alten jüdischen Kolonien und einer landwirtschaftlichen Bevölkerung von 32 000 Personen vor uns haben. Ein weiteres landwirtschaftliches Zentrum, wo bereits ungefähr 30000 Deßjatinen mit einer jüdischen Bevölkerung von 12 000 Seelen besiedelt sind, ist augenblicklich im benachbarten Kriworoger Bezirk im Entstehen begriffen. Der Boden ist hier von guter Qualität. Eisenbahnen durchkreuzen die Gegend, und in der Nähe ist das Schwarze Meer. In den ersten Anfängen befindet sich die Kolonisation im Norden der Krim, wo sich bis jetzt 1000 Familien angefiedelt haben. Dieses Land übt die stärkste Zugkraft auf die jüdischen Uebersiedler aus. Die Dichte der aus 26 verschiedenen Völkerschaften bestehenden einheimischen Bevölkerung drückt sich im Verhältnis von acht Personen auf mehr als ein Quadratkilometer aus. In dieser Gegend liegen die größeren Aussichten der neuen jüdischen Kolonisation. Alles in allem beträgt die Zahl der jüdischen Ackerbauer in Rußland 135 000 Personen. Der „Komset" beabsichtigt, für das nächste Jahr weitere 10 000 Familien anzusiedeln. Bis jetzt wurden für 1926 neue 100 000 Deßjatinen, und zwar in den oben genannten Gegenden, für jüdische Uebersiedler fichergestellt. * Zum Schluß möchte ich noch einige Angaben über ein paar Momente machen, die den Erfolg der Bewegung in sich tragen: Die Ueberfiedlung geschieht auf eigene Verantwortung hin und wird von der Energie der Siedler getragen, die sich selber durchsetzen müssen. Die Ueberstedlung wendet sich nicht nach fernen Ländern und ist daher sehr billig. Im Prozesse der Arbeit selbst geht eine natürliche Auslese der g e e i g n e t st e n Elemente vor sich, da die Ansiedlung innerhalb der Grenzen desselben Landes sich vollzieht. Wer sich als nicht g e e i g n e t erweist oder wer aus irgendwelchen Gründen in der Siedlung nicht weiter bleiben will, der hat es nicht weit bis zu seinem früheren Wohnort. Der Umstand, daß die gegenwärtige Kolonisierung in Gegenden vor sich geht, wo Juden bereits reiche Erfahrung in landwirtschaftlichen Beschäftigungen angesammelt haben, ist von großem Werte für die neuen Uebersiedler. Die gegenwärtige Kolonisation ist die möglich billigste. Schon die Tatsache des im jetzigen Rußland unentgeltlich zur Verfügung gestellten Bodens allein bedeutet gegenüber der Vorkriegszeit eine Ersparnis von 3000 Goldrubeln je Familie. Es versteht sich von selbst, daß Hand in Hand mit der Kolonisierung eine intensive Arbeit zur Jndustrialisier u n g desjenigen Bevölkerungsteiles gehen muß, der noch immer in den Städten verbleiben wird. Bei dem nunmehr durchaus, günstigen Verhalten der Sowjetregierung gegenüber den Handwerkern und Gewerbetreibenden läßt sich auf diesem Gebiete vieles erreichen. Zweierlei muß und wird bereits vom „Ort" in dieser Richtung getan: 1. Berufliche Ausbildung der Heranwachsenden Generation in Handkverkerschulen und Einrichtung von technischen Kursen für Erwachsene und 2. Versorgung mit Arbeitsgeräten und Rohstoffen auf den? Wege des Kredits. Diese Arbeit darf keineswegs vernachlässigt werden, aber die landwirtschaftliche Ansiedlung muß bei alledem jedoch noch immer im Vordergründe des Interesses bleiben. Und hier gelange ich zur Frage nach der allgemeinen Bedeutung der jüdischen Kolonisation. Darüber sowie über die Einwände der ganzen und halbeü Gegner dieser Kolonisation ein andermal.

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