Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 5 (1926)
- Issue
- 1 (1.1.1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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- Odesa 2× ep/1000834
- Minsk 1× ep/1000754
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2 verschiedenen Formen manueller Arbeit und darunter auch zu Ackerbau und Landwirt f ch a f t überzugehen. Bereits damals begann eine große Kvlonisationsströmung unter den russischen Juden in Erscheinung zu treten. Sie wurde auch damals von der Regierung gefördert, welche die der Türkei entrissenen Provinzen, die sogenannten neurussischen Gouvernements (Cherson, Jekaterinoslaw, Taurien) zu besiedeln suchte, und auch von der Jüdischen Intelligenz eifrig propagiert. Es wäre aber verfehlt, zu meinen, daß der Uebergang eines bedeutenden Teiles der jüdischen Bevölkerung zur Landwirtschaft, der bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts greifbare Gestalt gewann, etwa durch die Vergünstigungen der damaligen russischen Regierung oder durch die pathetischen Lobeshymnen auf die Rückkehr der Juden zur Mutter Erde seitens der aufgeklärten jüdischen Intelligenz hervorgerusen wäre. Viel tiefere Ursachen wirtschaftlicher Natur waren es, die bewirkten, daß Zehntausende von Juden ihre angestammten Wohnorte verließen, sich von seit Jahrhunderten ihnen vertrauten Berufen trennten und nach den unwirtlichen, öden Steppen der neurnssischen Provinzen übersiedelten, um dort zum Pfluge zu greisen. Die Notwendigkeit des Uebcrganges zur werktätigen Arbeit trieb einen Teil des Volkes zur Landwirtschaft. Aus rein äußerliche n Gründen vermochte jedoch dieser Prozeß die ihm innewohnenden immanenten Kräfte nicht voll zu entfalten und zu einem gehörigen Umfange auszuwachsen. Die zarische Regierung hürie mit der Zuteilung von Boden auf. Es folgten Einschränkungen auf Einschränkungen, die schließlich in den sogenannten „provisorischen Verordnungen" des Jahres 1882 gipfeln, wonach den Juden der Zutritt zum Lande gänzlich versperrt wurde. Und trotz allem zeitigen vereinzelte günstige Momente jener Epoche ein hervorragendes Ergebnis.' Es entstehen die dichtesten jüdischen landwirtschaftlichen Zentren, - die je in der Welt anzntreffen sind: 21 Kolonien in Der Gegend von Cherson und 17 Kolonien in der Gegend von Jekaterinoslaw; antzerdcm 8 Kolonien in Betzarabien nnd 248 Siedlungen in den süd- und nordwestlichen Gouvernements des früheren RirtzlarrDs. Laut der Volkszählung von 1897 erreichte die Zahl Der in dev Landwirtschaft beschäftigten Juden die Ziffer 163 000« Im Lause des ganzen 19. Jahrhunderts erwachte innerhalb des russischen Judentums mit jeder günstigen Gelegenheit immer wieder die Bewegung zur landwirtschaftlichen Änsiedlung. Zahlreiche geschichtliche Dokumente, darunter auch sehr viele nicht bewilligte kollektive Gesuche um Zuweisung von Boden seitens Tausender von Juden, die in verschiedenen Ministerien und Gouvernementsarchiven gesunden wurden, legen' von diesem Drang der russischen Juden nach landwirtschaftlichen Beschäftigungen beredtes Zeugnis ab. Folgende Stelle aus einer Bittschrift, die einige Hundert jüdische Familien an die russische Regierung um Zuweisung von 5000 DeßjatinenJ Boden im Jahre 1846 gerichtet haben, bringt den wichtigsten Beweggrund jenes Dranges zum Ausdruck: „Tausende und aber Tausende von Händen, beinahe müßige, würden sich von Ackerbau ehrenhaft und anständig ernähren können, und die anderen würden von Handwerk und Handel zwar nicht im Ileberflnsse leben, aber immerhin ein genügendes Auskommen haben ... Es würde sich ein Gleichgewicht Herstellen, und die Landwirtschaft würde immer mehr Juden an sich hernnziehsn')." Ein Gleichgewicht Herstellen. Wer den ganzen Wiederbeleb ungspr o zeß des osteuropäischen Judentums vom Beginn des 19. Jahrhunderts aufmerksam betrachtet, der wird sich der Einsicht nicht erwehren können, daß er —; unbewußt in den Massen des Volkes und bewußt bei der Intelligenz — ganz von dem Streben durchdrungen ist, das verlorene Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Teilen des Volkes wiederherzustellen, sich von der mittelalterlichen Erstarrung zu befreien, um den Weg fozialwirtschastlicher und national-kultureller Entwicklung zu betreten. 0 1 Deßiatin - 109,252 Ar. 2) Siehe I. Lerner: „Die Juden in der neurussischen Gegend", 1901. II'. Ein neuer Aufschwung der jüdischen Landwirtschaft tritt in Erscheinung währen d und erstarkt gewaltig nach dem Weltkriege auf dem gesamten Terrain des gewesenen Rußlands. Eine vom „Ort"ch im Jahre 1920 an vierzig Punkten des Bezirkes Wilna durchgeführte partielle Enquete hat gezeigt, daß 39 Prozent der jüdischen Bevölkerung in der Landwirtschast beschäftigt sind, was eine zweieinhalbfache Vergrößerung gegenüber der Vorkriegszeit bedeutet. Die ,,Ort"-Urrtersuchrrrrgen an 43 Punkten des . Bezirkes Grsdrw haben ans 55 000 Inden . 17000 Ackerbauer ergeben. Hier drückt sich der Fortschritt in einer sechseinhalbfachen Vergrößerung gegenüber der Vorkriegszeit ans. % Eine starke Steigerung erfuhr jüdischer Ackerbau und Landwirtschaft im fruchtbaren Beßarabien, insbesondere nach der Agrarreform. Dies alles jedoch wird vom gewaltigen Wachstum der jüdischen Landwirtschast im eigentlichen Rußland weit Übertrossen. Bereits nach , der Revolution im Jahre 1917, als die zaristischen Einschränkungen abgeschafft wurden, setzte innerhalb der jüdischen Bevölkerung in den kleineren und mittleren Städten eine Bewegung' zwecks Erlangung von Boden in der Nachbarschaft ein. Tausende und aber Tausende von Bittschriften begannen auf die jüdischen Organisationen und besonders auf die „Ort"-Komitees in Petrograd, Kiew, Odessa, Minsk, Ho m e l und anderen zu hageln. Alles seitens Personen, die Ackerbauer Vierden wollten. Das kommunistische Regime trug in der Folge seinerseits dazu bei, den Drang der verarmten und deklassierten jüdischen Massen nach landwirtschaftlicher Beschäftigung zu verschärfen. Zu gleicher Zeit eröffnete die Agrarrevolution neue, vielverheißende Möglichkeiten für jüdische Landwirtschast. Dank der vom „Ort" durchgesührten und vom „Joint" und der „Jca" unterstützten Hilfsaktion^ begannen die alten jüdischen Kolonien in der südlichen Ukraine sich von den Pogromverwüstungen während des Bürgerkrieges und der Mißernte 1920/21 zu erholen. Ihr Landbesitz erfuhr einen neuen Zuwachs von ungefähr 40 000 Deßjatinen. Ganz anders gestaltete sich die Bodensrage in der nördlichen und Mittelukraine. Anfangs wiesen die Bauern gern den Juden Boden zu, so daß 6500 jüdische Familien 35 000 D e ß j a t i n e n L a n d erhalten tonnten. In der Folge jedoch mußte der Drang der Juden nach Land aus Bodenknappheit stoßen, da die Landbevölkerung in diesen Gegenden ziemlich dicht ist. Da sah sich die jüdische Bevölkerung vor die Notwendigkeit gestellt, einen Ausweg zu suchen, und sie fand ihn aus eigenem Antriebe und aus eigene Verantwortung hin: in den Steppen der südlichen Ukraine, in der K r i m und an der Wolga liegen große Bodenflächen brach, die von jeher eine dünne Bevölkerungsschicht ausweisen. Das Bebauen der Aecker geschah dort meistens mittels Zugewanderter Arbeitskräfte. Während der Agrarrevolution eignete sich die dünne Schicht der Bauernschaft dieser Gegenden einen kleinen Teil des freiliegenden Bodens an, der überwiegende Teil jedoch blieb bei der Regierung. Ans diese Weise verfügt die Regierung allein in den Gegenden von Odessa, Dont% nnd Jekaterinoslaw über mehr als 1400 000 Detzjatinen, in der Krim Wer 000 000, an der Wolga über 4 000 000 Detzjatmen freien Bodens und im östlichen Teil des Landes noch über viel mehr. Bei alledem gibt es noch zu bedenken, daß den russischen Gesetzen zufolge jeder Bürger berechtigt ist, einen Bodenanteil Zum ^dauernden Arbeitsgebrauch" zu verlangen, und dies besagt, daß, wenn von der ganzen Familie auch nur ein einziges Mitglied die Landwirtschast weiterführt — das Grundstück der ganzen Familie gehört. Da ist es wahrlich nicht zu verwundern, daß die jüdische Bevölkerung aus den Gedanken kam, sich nach dem Süden zu wenden und in erster Linie nach denjenigen Gegenden, wo bereits viele alte jüdische Dörfer von jüdischem Fleiß, jüdischer Ausdauer und jüdischer Intelligenz in der Bemeisterung der feineren technischen Methoden Zeugnis ablegen. Der spontane Drang nach dem Süden entstand im Jahre 1922 innerhalb der kleinstädtischen Bevölkerung an dem *_:_ (Fortsetzung des Aufsatzes siehe Serie 4.) 2) Ort, d. h. Gesellschaft zur Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter den Juden. 4) Joint, d. h. Joint distribution Comitee; Jca, d. h. Jewish Colonisation Association.