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Central-Verein-Zeitung · 1937-12-30 · 52 (30.12.1937) · p. Seite 3

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
52 (30.12.1937)
Date
1937-12-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 52* 1. Beiblatt CMZeitung 30. Dezember 1937* Seite 3 Zur Geschichte der jüdischen Arbeit Arbeitslust und Arbeitsleid *) 'Km Ende der beiden biblischen Schöpfungs- Serichte steht ein düster drohendes Wort, das wie in einem lang nachhaltenden Echo die Klage aller Mühseligen und Beladenen zu bewahren scheint. Viele Geschlechter haben es vernommen und in ihm das Verhängnis menschlichen Schaffens bestätigt gefunden: Und zu Adam sprach er: ..Verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du darauf dich nähren dein Leben lang- Dornen und Disteln soll er dir tragen. Du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweisse deines Angesichtes sollst du dein Brot essen, bis dass du wieder zu Staub werdest davon du genommen bist." „Arbeit ist nach der Bibel die den Menschen von Anfang an durch Gott gesteilte Aufgabe. Gott selbst bat bei der Schöpfung gewissermassen Arbeil und Ruhe aufeinander folgen lassen, und damit beide für den Menschen geweiht Nach der ersten Sünde wird nicht die Arbeit, sondern die Schwere und der häufige Misserfolg der Arbeit im Gegensatz zur Sorglosigkeit und zum Ueberfluss des Paradieses als Strafe hingestellt. Die Arbeit selbst tritt in der Bibel niemals als Strafe hervor, sondern immer als Segen, als Erfüllung des sittlichen Berufes des Menschen." (Ismar Elbogen.) Schon in den ältesten Dichtungen des jüdischen Schrifttums sind uns aufschlussreiche Zeugnisse über das Lebens- und Daseinsgefühl des Bauerntunis in der Zeit seines Glückes erhalten geblieben. Wer diese alten Weissagungen und Segenssprüche unvoreingenommen, in einer sinngemässen Uebertragung kennen lernt, kann sich nur schwer dem Eindruck überströmender Lebensfreude entziehen, der von ihnen ausgeht Am bezeichnendsten in den Bileams- Sprüchen: „Wie schön sind, Jakob, deine Zelte! Und deine Wohnungen, Israel! Wie Bachtäler weit gedehnt, Wie Gärten an einem Strom, Wie Eichen, gepflanzt vom Allmächtigen, Wie Gedern am Flussesrand. Aus seinen Eimern rinnt Wasser und seine Saat hat reiche Flut" Noch in-die erhabene Trauer der jesajanischen Dichtung klingt ein Nachhall der ungehemmten Däseinslust-und Arbeitsfreude der israelitischen Weinbauern hinein: „Freude und Jubel ist genommen den Gärten. Niemand jauchzt in den "Weinbergen mit lautem Schrei, . Niemand tritt Wein in den Keltern. Das Jauchzen der Kelterer ist verstummt." Die historische Situation des jüdischen Volkes hatte sich auch im Verhältnis zu seinen *) Vgl. die Beiträge zum-gleichen Thema in, Sr. 49 vom S. Dezember 1936, Nr. 51 vom 17. Dezember 19SK vr.d Ur. 1 vom 7. Januar 1337. Arbeitsbedingungen grundlegend verändert In den Jahrzehnten vor dem Auftreten der grossen israelitischen Propheten haben uns Arnos, Hosea und Micha in ihren Anklagen erschütternde Bilder der moralischen Entartung der Besitzenden wie der Rechtlosigkeit der breiten Volksschichten entworfen. Unter dem EinfLuss einer skrupellos betriebenen Geldwirtschaft vollzog sich eine grundlegende Verschiebung in dem von Gesetz und Gottessatzung geforderten Gleichgewicht der Klassen. Der bäuerliche Grundbesitz ging in die Hände des Grundadels oder der Getreidehändler über. Der Bauer wurde zum Hörigen herabgedrückt und ausgepresst oder gar von Haus und Hof vertrieben und in die Schuldsklaverei geschleppt. „Sie gelüsten nach Feldern und rauben sie, nach Häusern und reissen sie an sich. Sie unterdrücken den Mann und sein Haus, den Mann und sein Erbe", heisst es bei Micha. Die Paradiesgeschichte, im Blickpunkt dieser Zeit gesehen, enthüllt eine schwermütige Stimmung des israelitischen Bauernvolkes. Das Dasein wurde als furchtbares Schicksal hingenommen, die Arbeit als ewige Mühsal und Not hingestellt Die grossen Wegbereiter der israelitischen Religion haben den Unterschied zwischen sozialbedingter Not und menschlicher Unzulänglichkeit wohl erkannt. Ihnen ist es zu danken, wenn vorübergehende Verzweiflungsstimmung überwunden wurde und das eingeborene Bewusstsein von der Würde der menschlichen Arbeit seine göttliche Rechtfertigung erhielt. Der lebendige Gott des I s a i j a beharrt nicht bei alten Sprüchen der Verdammnis, lässt späte Enkel nicht das Vergeben der Abnen büssen. Er selbst hat die Arini!li!ini[Il!IHilH!!in!!l!iW Winterhilfe, die mehr denn je auf pünktlichen Ein- ^•anjr der Zahlungen angewiesen ist. zu überweisen. Die Pfundspende benötigt Sammler Es fehlen noch Sammler in Alt-Scüöneber?. Rosenheimer Strasse, Göbenstrasse, WinterfeMtplatz, ferner Wilmersdorfer Strasse. Uhlandstrasse, Fasanensf.rasse und im Bezirk Süden-Neukölln. Meldungen erbeten an das Büro der Pfundspende der Jüdischen Winterhilfe, Grunewald, Jagowstrasse 30. Seelische Winterhilfe 10. und 11. Janaar. 90 Uhr 15 Min., Cafe Leon, Kurfürsfcendamra 155/156. Von Offenbach bis Abraham, eine Hörfolge von Operettenmelodiesi. Mitwirkende: Hildegard Lippstadt-Lindt. (Sopran), Trade Mirauer (Sopran). Rudolf Glass (Tenor), Wilhelm Meyersohn (Bass), Adolf Schwersenz (Tenor), das Orchester der Künstlerhilfe (Leitung: Dr. Adolf Wohlauer und Werner Fabian), sowie 15 Uhr &0 Mia. ebenda Kindern ach m i ttaee. Eintrittskarten unentgeltlich nur für Betreute der Jüdischen Winterhilfe in den Bezirksstädten: Schlüterstrasse 70, Mrärcbener Strasse 37, Tarmstrasse 9. 13. Januar. 20 Ubr 15 Min., Festsaal der Joseph- Lehmann-Schule, Joachimsthaler Strasse 13, Kammermusikab'end.' Mitwirkende: Richard London fl. Violine). Leopold Leisero-aitseh (2. Violine"), Kurt Burkhard (ViolaX Bernhard Hess (Cello), Paula Guttmann fGesanir). am Flügel Dr. Oskar Gottmann. — Eintrittskarten nnentgp.ItlHi nur für Betreute der Judithen Winterhilfe in den Bezirksstellen: Lützo-*-- strasse 16. Schliiterstra5se 70. Miinr-hener Strasse 37. Die Eintrittskarten sind nur gültig in Verbindung mit den blauen Bew?l!iguns*ska.rten. beit gesegnet und ihr den Adel göttlicher Herkunft verliehen. „Sein Gott unterwies den Ackersmann zum Rechten und lehrte ihn." Dieses Bewusstsein von der überragenden Bedeutung der landwirtschaftlichen Arbeit für die Erhaltung der menschlichen Gesellschaft wurde zum Gemeingut der israelitischen Lehre, und im biblischen wie im späteren Schrifttum finden sich allenthalben nachdrückliche Bekräftigungen dieser Auffassung. ..Auch der König ist dem Felde dienstbar", bekundet der Prediger Salome und ein Talmudlehrer des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung spricht in zeitgemässer Üebertreibung das Menschentum dem ab. der keinen Acker sein eigen nennt. Trotzdem darf man nicht verkennen, dass die Entwicklung einer bewnssten Arbeitsgesinnung im prophetischen Zeitalter noch nicht möglich war. Die vorexilische Periode mit ihren scharfen Gegensätzen von wissenden Priestern und unwissenden Laien, von prophetischer Verkündigung und äusserlichem Kult- und Opfergepränge konnte der Ausbildung einer Sittenlehre, die sich an da9 Verantwortungsbewusstsein des einzelnen wendete, nicht günstig sein. Die führenden religiösen Schichten mussten erst verbreitert und durch Elemente befruchtet werden, deren Lebensansehauung den Stempel ihrer sozialen Herkunft nicht verbarg. Die religiöse Erneuerung der Esra- und Nehemia-Zeit wurde durch eine soziale Umschichtung erleichtert und innerlich befestigt. Nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft bildete sich in Jerusalem wie in den Provinzslädten allmählich ein Kleinbürgertum von Ackerbürgern. Handwerkern und Händlern, das bald in schroffem Gegensatz zu den begüterten Geschlechtern wie dem kastenmässig geschlossenen Priesteradel geriet. Ihm entstammten jene ,,Weisen" oder „Frommen" (chassidim, anawim), deren ÜJDiSCHE WINTERHILF \PEB Ji/DISCHEN GEMEINDE ZU BERLIN VQtf-SWCUOHTüWRüH szm Denkt an die Jüdische Winterhilfe Bei Jahresschluß vergesse niemand, neben den sonstigen Zahlungen die Beiträge für die JiidiVne strenge Lebensführung bestimmend für die Gesamthaltung der Gemeinde wurde. Der religiöse Schwung wie die Ekstase der Prophetenzeit weicht einer Religiosität, die im engen Einklang steht mit den Erfordernissen des bürgerlichen Lebens und einer praktisch orientierten Menschlichkeit Die Wortführer dieser Schicht haben bereits eine recht klare Vorstellung vom volkswirtschaftlichen Gesamtwert wie vom persönlichen Nutzen der unverdrossenen Arbeit. Recht anschaulich kommt diese Auffassung in der salomoni- Jüdlsches Fachgeschäft Spei. Röntgen- und Elektro-Medirii Bedarf für don \rzt Auswanderer-Beratung, An- 5. Verksa! Röntgea-Snjsr- Kurt Jlarcnse Berlin N. 4, Chaiisseestrasse 5 Telefon 42 60 68. sehen Sprichwörtersammlung zur Geltung. Der faule Arbeiter ist auch ein dummer Arbeiter: denn er schädigt letzten Endes nur sich selbst. „Schlafe noch ein wenig, scblummre noch ein wenig! — so wird dich die Armut übereilen wie ein Fussgänger und der Mangel wie ein gewaffneter Mann/*' Dem ehrsamen Kleinbürger ist der Tagedieb, der auf Kosten der anderen lebt, ein Greuel: „Wer in der Ernte schläft, der ist ein Taugenichts." Wenn man diese handfeste Alltagsmoral als ein bezeichnendes Merkmal der jüdischen Arbeitegesinnung hinstellen will, vergisst man. dass die Sittenlehre des Judentums genau so wie jede andere dem Wandet der Zeit und dem Einfluss der jeweils bestimmenden Schicht unterworfen war. Bereits im Prediger Salomo. der nicht viel später entstanden ist wie die vorher genannte Sammlung volkstümlicher Lebensweisheit, setzt sich eine entschieden adligere Lebensauffassung durch. Für den Prediger der Vergänglichkeit alles Irdischen ist alles gleich eitel: unsere Lust wie unser Weh. Dem Weisen ergeht es nicht viel besser als dem Narren, dem Reichen verhilft all sein Gold doch nicht zum Glück. Eines aber bleibt, wenn alles andere längst vergangen ist: „Ich sah. dass nichts besser ist, als dass ein Mensch' fröhlich sei in seiner Arbei t." ^Fröhliche Arbeit'* — ist das nicht eine Forderung, die über zwei Jahrtausende hinweg die Arbeitsideale unserer Zeit vorausnimmt? Der Einwand liegt nahe, der Ruf dieses Predigers sei eine Stimme in der Wüste ge- Asphallierungen 'SÄ!S Pflasterans:en, Bürjsrerstelge, — Telephon.: 924756. blieben. Die rabbinische Lehre beweist das Gegenteil. Sie ist zugleich ein lebendiges Zeugnis für die oft bestrittene, aber immer wieder aufs neue bestätigte Verkettung von sozialem Erlebnis und moralischer Wertung. Religionssoziologen haben die Eigenart der rabbinischen Religiosität und ihrer sozialen Fundierung herausgearbeitet Die Rabbinen des Talmud sind eine Schicht von Intellektuellen, die in beträchtlichem Ausmass den unteren oder — wie man damals sagte — den plebejischen Kreisen entstammen. Der Plebejer im weitesten Sinne des Wortes, bis zum Tagelöhner auf dem Felde herunter, fuhrt Am nächsten Morgen langt Doras Vater aus Klausenberg in Szadony an. Das erste, was er bei seiner Ankunft vernimmt, ist die Hochzeit seiner Tochter. Bobbe Scheindel überschüttet ihn mit tausend Vorwürfen, als ob sein zu spätes Eintreffen schuld an dem Unheil sei. Nun könne er mit Josse! Gradner als Eidam Staat machen! Awner Lefkoy, ein willensgerader, modernen Ideen zucränglicher Mann vom alten jüdischen Schlag, erschrickt nicht wenig, als er von der Hochzeitsma*kerade hört. Obgleich zum überlieferten Brauchtum haltend, folgt er den Zeiten nicht mehr, wo es Sitte der reichen Kaufherren war, die Männer für ihre Töchter unter den armen Jeschiwabachurim auszuwählen. Für seine Dora erwünschte er einen Arzt oder Rechtsanwalt, jedenfalls einen Mann mit dem Titel Doktor Die Tochter, sobald sie den Vater im Hause bort, springt mit einem fröhlichen Aufschrei hinunter, wird jedoch von dem ergrimmten Mann mit solchem Zornesausbruch empfangen, dass nur Bobbe Scheindels Dazwischenschrillen das Mädchen vor väterlichen Ohrfeigen bewahrt. Die schluchzende Dora schiebt alles Verhängnis dem Efraim Feiber zu und beteuert zu hundert Malen, das Ganze sei doch nur ein Scherz gewesen, kein Mensch habe im Ernst daran gedacht, zu heiraten. Awner Lefkoy, über diese Reden weit aufgebrachter als über das Geschehen selbst, reisst die erzitternde Tochter vom Sitz. Brüllt: „Mit der Tora treibt man keinen Spass. Wahnsinnige!" Brüllt: „Schläge-bist-du wert! Schläge seid ihr alle miteinander wert. Frevler!" Der ausser sich geratene Mann rast über dis Stube. Die Arme zur Derke aufgereckt, ein Bild biblischen Zornes, schreit er: „Recht geschieht mir! Das ist. die Strafe! Warum Hess ich sie von einer gottlosen Tante grossziehen? Aufwachsen in der Fremde ohne einen Funken Jüdischkeit." Und mit plötzlicher Wendung zu der heulenden Debora, stösst er durch die Zähne: „Was weinst du? Bist nicht mal wert. Gradners Frau zu heissen! Die Partie passt dir nicht...*? Ich habe sie dir nicht ausgesucht! — Wenn er dir einen Get gibt, gut! — Wenn nicht — bleibst du seine Frau, damit basta!" Debora hebt ihr verstörtes Mädchenhaupt zum Vater und findet ihre Antwort aus der gleichen Wildheit des Blutes. Sagt: Eher gehe ich in die Theiss als zu Jossei Gradner!" und ist mit einem Satz aus dem Zimmer. Wenige Minuten danach erscheint Raw Mordechai bei Awner Lefkoy: um ihm aus vollem Herzen Maseltow zu wünschen. Er spricht von dem Segen Gottes, der auf seinem Hause ruhen werde, weil er einen, so frommen und braven Bachur wie Jossele zum Eidam genommen habe. Spricht in mildem Ton: eigentlich gehörte es , sich, dass er, der Rosch Jeschiwa und Raw der Stadt, die Segenssprüche bei der Chuppo hergesagt, aber er wisse ja, ... die heutigen Kinder!.. Inzwischen hat der die Sprache verlorene Vater sich ermannt und weist mit heftigen Worten die Glückwünsche Raw Mordechais .zurück. Klärt ihn über das Unsinnige der Trauung auf und erbittet von dem Rosch Jeschiwa Hilfe und Belehrung. Dieser, wie er den Verlauf der Geschichte hört, kann sich eines Schmunzeins nicht erwehren. Er streicht mit sanfter Gebärde durch seinen silbernen Bart, zieht die buschigen Brauen empor, dass ein prüfender Blick aus tiefstem Gelass den vergrämten Vater trifft Dann spricht der Rosch Jeschiwa, Wort für Wort bedächtig wägend: ..Awner, was einmal geschehen, ist verfallen. Es sei denn1*, der Raw zögert eine Sekunde und fährt mit leiser singender Stimme fort, „es sei denn, mein Schüler gibt deiner Tochter einen Get Wenn er es aber nieht tun will, hast du keine Wahl, als ihn nach Sitte und Brauch in dein Haus zu nehmen." Beugt sich der Holzhändler erregt vor und ruft: „Schön, Rebbe, bin mit allem einverstanden, sagt mir aber, wie lautet der Beschluss, wenn die Frau sich weigert, zu dem Manne zu ziehen/' Raw Mordechai zuckt mit den Achseln und meint, das ginge schliesslich nur die Gatten selber an. Aber, so schliesst der alte Weisheitslehrer seine Rede, er solle mit der Partie zufrieden sein. Wer wisse, wen seine aufgeklärte Tochter sonst getroffen — ein edler jüdisch Kind bestimmt nicht. Gott selbst habe ihr Jossele zugewiesen. — Kaum dass der Raw die Stube verlassen, öffnet sich aufs neue die Tür, und der Bürgermeister von Szadony, ein braver Ungar mit prächtigem Knebelbart stürzt herein, und, ehe der ins Grübeln versunkene Lefkoy erkennt, wer sein zweiter Gast ist, hat ihn jener umhalst und schüttet über den Verdutzten in halb ungarischer, halb deutscher Sprache ein Wortzeug aus, dass man meinen könnte, zehn Leute reden zugleich im Zimmer. Nur mit Not kann der Hausherr den ungestümen Magyaren beruhigen doch auch dann noch wünscht er iu einem fort: „Viel scheenes grosses Glick dem jungen Paar!'*' Erst als Lefkoy aus einer Lade Weine verschiedener Sorten zutage bringt, ebbt der Redeschwall etwas ab. Von der Sekunde steht die Tür auch keinen Blick lang mehr still: es kommt der Synagogendiener und nach ihm der Melamed, und nach dem ein zweiter und dritter Melamed. Mit einem Schwung fliegt auf einmal die Tür zurück, und herein drängen sich ein Dutzend Armeleut. mit einem breitspurigen Maseltowgeschrei, als kämen sie verkünden, Moschiacb sei bereits unterwegs. Den reichen WaldbesHzer packt helle Verzweiflung. Wohl oder übel muss er Schnaps und Honigkuchen auftischen und in die glückwünschendeo Hände der Armen Münzen gleiten lassen. Die Wut über sein Missgeschick wird in ihm so stark, dass er beschliegst, den nächsten Gast einfach hinauszuwerfen. So oft er aber den' Mund zu einem grob-, schnäuzigen Empfang öffnen will, spricht er regelmässig mit einer Grimasse den Satz: ..Tut mir den Gefallen, Vetter, und probiert einen Schluck von dem Bitteren!" Oder: „Nur ordentlich zugelangt, Leute, ist genug von dem Zeug da!" Wie Awner Leikoy plötzlich unter den hereinströmenden Gestalten auch die Gesichter seiner Verwandten entdeckt, verlässt ihn die Beherrschung, und mit einer Verwünschung seines Glückes stürzt er hinaus, die Bewirtung seiner Haushälterin überlassend. Es dauert nicht lange, kommt Bobbe Scheindel ausser Atem mit der Nachricht in sein Zimmer gerannt: unten warte die Bescherung! „Wras für eine Bescherung?" ruft der ■ zu Spass nicht aufgelegte Mann. „Jossele, der Bräutigam!" erwidert die Alte und spuckt aus. Läuft dem* verzweifelten Vater die Galle über, und mit der rohen Zurechtweisung: „Verstumm schon!" eilt er hinaus, den Eidam zu begrüssen. Jossei Gradner fühlt im ersten Augenblick, da er dem grossen, barsch dreinschauenden Mann gegenübersteht, eine leise Herzbeklemmung, findet jedoch rasch seinen Mut zurück, als Doras Vater ihm mit heiserem Auflachen auf die Schultern klopft und: „Man hat dir schnöde mitgespielt Jossele", sich vernehmen lässt Und gönnerhaft erklärt: „Doch was soll ich mit dem närrischen Mädel machen? Aus dem Hause stosseh kann ich sie deshalb nicht!" Der Jeschiwaschüler wagt mit zagem Lächeln den Einwurf: „Sollt Jhr auch nicht, Schwaher!" Den alten Mann reisst das letzte Wort schier von seinem Stuhl hoch, doch er verwirft seinen Unmut und spricht hastig weiter: „So wenig, wie ich von dir verlangen kann, dass du das Possenspiel umsonst mitmachst. Hier sind hundert Gulden, mein Junge, dafür tust du mir den Gefallen und gehst zum Raw, der wird den Get gleich ausschreiben lassen, dann kann!

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