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Central-Verein-Zeitung · 1937-12-23 · 51 (23.12.1937) · p. Seite 5

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
51 (23.12.1937)
Date
1937-12-23
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 51 *2. Beiblatt 23. Dezember 1937 * Seite 5 Russisches Judentum im Buch Simon Dubnov, der Verfasser der „Weltgeschichte des jüdischen Volkes", der Publizist des „Wosschod", der Prediger jüdisch-nationaler Autonomie, legt seine Selbstbiographie in deutscher Sprache vor. Von A. D. Gordon, dem Ideologen der Chaluz-Bewegung, erscheinen ausgewählte Schriften ebenfalls in Deutschland. Beide Bücher vermitteln ein Bild jener Generation russischer Juden, welche — in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts geboren — die Führung ebenso im Kampf um die Gleichberechtigung in Russland wie in der zionistischen Bewegung übernahm. Während ihre Simon Dubnow: Mein Lehen. Heraus-' gegeben und übersetzt von Dr. Elias Hurmcz, Jüdische Buchvereinigtxng, Berlin 1937. Wenn man sich, wie dies in den einleitenden Zeilen geschehen ist, den Hintergrund vergegenwärtigt, vor dem sich das Leben des nun siebenundsiebzigjährigen gelehrten Verfassers vollzieht, nnd wenn man weiss, wie Dubnow es in seiner Weltgeschichte jenseits aller Doktrin versteht, lebendige Geschichte zu schreiben (vgl. C.-V.-Zeitung Nr. 37 von 1937), so enttäuscht dieses Buch in seiner deutschen Fassung. Es ist nichts von dem Feuer der Jugend, vom Grauen der Geschichte, vom bangen Hoffen gequälter Massen in diesem Bekenntnis. Es spie- Strümpfe / Strickwaren Wäsche / Handschuhe Sc&ijg:., GrunewaIdstF.56 1 a. Bayer. Platz Tel.: 71 3813 gelt sich nicht das Schicksal einer Gemeinschaft in der Seele eines einzelnen, sondern es erzählt ein Gelehrter, wie er wurde, was von seinen Plänen sich vollendete, und was die unerbittliche Zeit ihn nicht erfüllen liess. Diese Nüchternheit zeigt sich schon darin, dass weite Strecken des Buches auf der Wiedergabe von TagebuchaufzeichnuDgen beruhen. Hierdurch erhält allerdings diese Lebensgeschichte dokumentarischen Wert. Von 800 Seiten der Originalbiographie enthält die deutsche Auegabe 250. Wir erleben die Rebellion des Knaben gegen das traditionelle Judentum, verkörpert in der ehrwürdigen Gestalt des Grossvaters. Wir sehen ihn fast ganz dem Judentum entfremdet und gehen mit ihm den Weg zurück ins Judentum. Rührend mutet es uns an, wenn er immer wieder an der Vollendung jener Arbeit gehindert wird, die ihm zum Lebensinhalt geworden ist. Unruhig treibt ihn das Schicksal von einer Stadt zur anderen, drängende Tagesfragen beanspruchen den Einsatz seiner Persönlichkeit und schliesslich sitzt er hungernd und frierend im sterbenden Russland und arbeitet, arbeitet mit nie ermüdender Zähigkeit und Hingabe an seinem Werk: Der Geschichte des jüdischen Volkes. Die ganze Tragik dieses Lebens, das ein Beispiel für die Tragödie des russischen Judentums ist, offenbart eich in den dürren Worten seiner Tagebuch ein tragungen vom Juni 1919: -Ein wichtiges Ereignis für mich. Gestern habe ich den dritten Band meiner jüdischen Ge- Emanzipationsbestrebungen die Unterstützung der . von der Regierung geduldeten gebildeten jüdischen Grosskaufmannschaft fanden, verwurzelten ihre zionistischen Ideen in den jüdischen Massen der Ansiedlungsrayons. In Russland sahen sie, kaum erkämpft, ihre Ziele und Hoffnungen in den Naehkriegswirren versinken. In Palästina repräsentierten sie eine Schicht von Menschen, zu der etwa Bialik, Dizengoff und Achad Haam zählten, deren auf Ueberzeugung, Leistung und Bildung gegründetes Ethos im west- und im übrigen osteuropäischen Judentum kaum eine Entsprechung gefunden hat. schichte vollendet, an dem ich ein Jahr und zwei Monate gearbeitet habe. Diese Arbeit hat meine Seele vor dem geistigen Tode bewahrt... Wir ersticken unter dem Terror. Die gewaltigen Erfolge der Armee Denikins im Süden, ihre zu erwartende Vereinigung mit der Armee Koltschaks im Osten und seine Verbindung mit der Nordarmee von Archangelsk geben uns neue Hoffnung auf Rettung. Aber das Warten geht über die Kräfte. Post scriptum: . . . die Weissen waren später in den Orten, die sie vorübergehend besetzt hatten, nicht besser als die Roten." Ueber 25 Jahre stand Dubnow in der Reihe jener, die um die Emanzipation oder, wie er es nannte, um die Autonomie, kämpften. Und als mit dem Frühling des Jahres 1917 der Traum erfüllt war, als die neu gewonnene Freiheit sich zu regen begann, zog am Horizont schon das Unwetter des Bolschewismus herauf. ..Die Leidenszeit ist zu Ende . . . das Ziel des Kampfes ist erreicht. In diesem Augenblick vermag ich noch nicht die dramatische Grösse dieses Aktes zu erfassen. Erst müssen Krieg und Anarchie beendet sein, ehe wir die Segnungen dieser Befreiung gemessen können.'' Wenige Wochen danach war die Entwicklung von Jahrzehnten grausam beendet. Die individuelle Freiheit war mit der Unterdrückung des religiösen Lebens bezahlt worden. Und am 2-:». März: „Unter Tränen stimmte ich die wehmütigen Melodien des Pessachfestes an und dachte daran, dass die Freiheit, die ich herbeigesehnt, und für die ich wie ein Gefangener des Ghetto mein Leben lang gekämpft hatte, für mich zu spät gekommen sei . . . Meine Kräfte lassen nach, und doch muss ich mein Gelübde erfüllen und mein Lebenswerk vollenden." Am 24. April 1922 überschreitet er mit seiner Frau die Grenze nach Estland. Nach unsäglichen Mühen ist ihm die Flucht gelungen und, was für ihn fast noch wichtiger ist, die Rettung seiner wissenschaftlichen Aufzeichnungen und Bücher. Man kann erwarten, dass Dubnow uns eiDes Tages noch wertvolle Aufschlüsse über das Verhältnis des russischen Judentums znnt Bolschewismus geben wird, vor allem im Hinblick auf die religionszerstörenden Tendenzen der russischen Machthaber. Dubnows eigene Haltung ist eindeutig in seinem Lebensbericht gekennzeichnet. So "schreibt ein Mensch, dessen jüdische Hoffnung letzten Endes doch nur im Religiösen wurzelt, dem Autonomie, Emanzipation und Zionismus nur Mittel zu dem einen Zweck sind: Erhaltung jüdischen Geistes. Gerade er aber wurde in Russiand mit den anderen religiösen Bekenntnissen vernichtet. Kein Wunder, dass Dubnow sein Buch in tiefster Trauer beendet. Hans Oppenheimer. A. D. Gordon: Auswahl aus seinen Sckriften. Nack der von N. Tradjon unter Mitwirkung von E. Schochat bearbeiteten hebräischen Ausgabe übersetzt von Viktor Kellner, Jüdischer Verlag, Berlin 1-937. Diese Auswahl, die das allzu weitschweifige schriftstellerische Werk Gordons in glücklicher Weise knapp zusammenfasst, macht das deutschlesende jüdische Publikum mit einer der interessantesten Persönlichkeiten der hebräischen Renaissancebewegung und des geistigen Palästina-Aufbaus bekannt. Zweckmässigerweise wird der Uneingeweihte die an den Schluss gestellten biographischen Notizen des Arbeiterführers Josef Ahronowicz und von Gordons Tochter Jael Gordon zuerst lesen. Er entnimmt daraus, dass Gordon, auf einem Pachtgut in Podolien geboren und in ländlicher russischer Umgebung aufgewachsen, im Jahre 1904 als beinahe fünfzigjähriger Mann den Entschluss gefasst hat, seine Familie zu verlassen und in Palästina ein neues Leben der Arbeit zu beginnen. Dort hat er einige Jahre als Arbeiter in den judäischen Pflanzungskolonien zugebracht, und schliesslich hat er sich der Bewegung, die nach dem Gaiil aufbrach, angeschlossen und die erste Kwuzah des Landes. Öeganjah, mitbegründet. Seine einfache und starke Persönlichkeit und die Kraft seines gelebten Beispiels, wo andere nur redeten, muss auf alle, die mit ihm in Berührung kamen, einen zauberhaften Einfluss ausgeübt haben. Jungen Männern, die an der Erreichbarkeit dessen, was sie erstrebten, verzweifelten, hat er den Mut aufgerichtet, Mädchen, deren Kräfte am Zusammenbrechen waren, hat er getröstet. Seine Gestalt ist unter der palästinensischen Arbeiterschaft zur Legende geworden. Gegenüber dieser persönlichen Wirkung tritt die schriftstellerische Bedeutung des Mannes zurück. Man kann, sagen, dass seine schriftliche Hinterlassenschaft mehr als ein Kommentar zu einem vorbildhatten Leben bedeutsam ist, als dass sie, wie andere Schriftwerke, ihren Wert in sich selbst tragen würde. In Gedankenrichtung und Lebensführung verleugnet Gordon nicht die Beeinflussung durch die russische Literatur, insbesondere, wenn es auch nicht ausdrücklich ausgesprochen wird, durch die Persönlichkeit Leo Tolstois. Wie so viele Wortführer seiner Zeit unter allen Völkern ist er Vitalist: das Leben als solches, der in Werden und Vergehen sich immer erneuernde Prozess des Lebendigseins, ist ihm der oberste aller Werte. Dass die Vergöttlichung des Lebens zugleich mit den Kräften der Liebe und über sie hinaus auch alle rohen Gewalten zu schrankenloser Tat aufruft, erkennt er nicht. Für ihn liegt in Idee und Wirklichkeit der Arbeit die Erlösung des Lebens zu. brüderlicher Gemeinschaft. Den mechanistischen Sozialismus des 19. Jahrhunderts lehnt er folgerichtig als lebensfeindlich ab, er glaubt, dass nur aus dem Geist des Volkes der einzelne arbeitende Mensch und so auch der einzelne Jude erlöst -werden kann. Sein Vermächtnis ist in dem Wort vom „ain-adam", vom „Mensch- Volk", das er geprägt hat, enthalten: nur das Volk, meint er, verdient seinen Namen, dessen erstes und letztes Ziel der Mensch ist. Das ist formulierter hebräischer Humanismus. Wer das Werden des jüdischen Palästina mit Liebe und Sorge begleitet, muss hoffen, dass dieses Vermächtnis ein Samenkorn sei. das Wurzeln schlägt und hoch aufwächst. Werner Cahnmann. Encyclopedia Italiana 7«flt dem 35. Band, dpr in diesen Tagen erschienen ist, hat die „Encyclopedia Italiana di Scienze, Lettere ed Arti'; nach zehn Jahren Wissenschaftsarbeit und Forscherfieisses ihren Abschlüge gefunden. Ein Werk ist damit der gesamten Kulturwelt geschenkt, das die bedeutendsten Gelehrten und die führenden Männer des öffentlichen Lebens Italiens zu einer Gemeinschaftsarbeit und Leistung vereinigte, deren stärkster Impuls der Wille zum Ausdruck nationaler Kultur und Geisteshaltung ist und zugleich alle Voraussetzungen universaler Wissenschaft als Gegebenheiten betrachtet imd an alle geistigen Erscheinungen mit dem Massstab objektiv kritischer Methode herantritt. ' Aus dem Bereich der Wissenschaft des Judentums — in seiner religiös kulturellen und politisch nationalen Gestalt. — wird derjenige, der nach dem Werke als Auskunfisucb ender greift viel Wissenswertes und mannigfache Anregungen schöpfen. Jeder Artikel ist mit einem bei aller Kürze das Wesentliche bringenden LiteraturnachwefeeNrerseben. der die Forschungen in allen Kultursprachen auf den betreffenden Sondergebieten berücksichtigt. In einem Gesamtartikel „Ebrei". der fünfzig Seiten umfasst. behandeln jüdische und nichtjüdiscbe italienische Gelehrte alle einschlägigen Fragen. Um aus der Fülle des Gebotenen nur einiges zu nennen: so schreibt Umberto Cassuto," der Leiter des „Collegio Rabbinico"' in Rom und ordentlicher Professor für hebräische Literatur au der Universität Florenz über die Nachbiblische Sprache und Literatur sowie über hebräische Münzkunde. Mario Falco, Professor für öffentliches Recht in Mailand, über Jüdisches Recht und Jüdische Reehtsgeschiehte. Professor Arnoldo Bonaventura von der Königlichen Musikhochschule von Florenz erläutert Wesen und Werden der jüdischen Musik, und der Oberrabbiner von Triest israele Zoller behandelt gemeinsam mit Professor Giorgio Levi della Vido von der Universität Rom die Geschichte des Judentums und der-Juden bis auf die Gegenwart. Dabei ist ein besonderer Abschnitt dem Wiedererwachen der jüdisch nationalen Bewegung („iL movimento di rinascita nazional") gewidmet. Auch die anthropologischen Fragen werden durch den Neapler Professor Giovacdiino Sera ebenso wie das vorhandene statistische Material dargeboten und erörtert. Neben diesem Gesamtüberblick werden aber auch, wie schon kurze Stichproben ergeben, die verschiedensten Fragen und Gebiete im Bereich des ..Jüdischen''' wreitgehends berücksichtigt So finden wir Abhandlungen über S. D. L u z z a 11 o ebenso wie über Max Liebermann. Dem Artikel über ihn sind Photographien von drei seiner charakteristischen Bilder beigegeben. Palästina wird im XXVI. Bande (1935) in einem zwanzig Seiten langen Artikel mit zahlreichen Abbildungen nach allen Gesichtspunkten behandelt. Dem Antisemitismus in seinen historischen und weltanschaulichen Grundlagen ist eine ausführliche Darstellung gewidmet, und Moses Mendelssohn und Heinrich Graetz werden als Persönlichkeiten und in ihrer kulturell-geistigen Bedeutung gewürdigt Schon diese wenigen Proben zeigen, wie weit auch in die Gebiete des jüdischen Lebens und seines geschichtlichen Ablaufes der Inhalt dieses Werkes von allgemeiner Kulturbedeutung hinübergreift. " Dr. E. Fr... 1. Weitere Buchbesprechungen 3. biatt, 1. Seite Bei¬ Gespräch über jüdisches Theater Interview für die C. -V. - Zeitung E. L. Daczig, den 20. Dezember. Wir sitzen zusammen mit Jonas Turkow iind D iana B 1 u m e n f e 1 d - T u r k o w und sprechen über jüdisches Theater. Drei Monate haben diese>-hervorragenden Warschauer Künstler in Danzig gastiert jetzt gebt ihr Gastspiel und damit die Spielzeit des jüdischen Theaters zu Ende, allzu schnell für die Freunde jüdischer Schauspielkunst in Danzig, beschleunigt durch die Sorgen, denen die Danziger Juden seit Ende Oktober ausgesetzt gewesen sind. „Wir haben", meint ironisch lächelnd Diana Blumenfeld, „wenigstens eine gute Ausrede für das vorzeitige Ende unseres Gastspiels: Die äusseren Schwierigkeiten sind, schuld." Aber im Grunde will es den beiden erfahrenen Theaterleuten nicht in den Sinn, dass Juden aus äusserer Not aufhören sollen, ins Theater zu gehen. „Was sollten wir denn in Polen machen?" fragt Jonas Turkow. ..Dort hat es doch mancherlei deprimierende Ereignisse gegeben. Gewiss, dann gehen die Juden eine Weile nicht auf die Strasse, aber man gewöhnt sich, man kommt wieder, man spielt weiter Theater." — „Man gewöhnt sich": aus diesen Worten spricht die ältere Erfahrung des Ostjuden; ihm ist altes Judenschicksal, was uns frische Wunde ist. Und dann kommen wir auf die Wirkung zu sprechen, die die äusseren Erlebnisse auf die inner jüdische Haltung ausgeübt haben. Ein wenig staunend stehen unsere Warschauer Freunde vor der Sehnsucht nach Nur-Jüdischem. wfe sie ihnen aus den Wünschen des Theaterpublikums entgegenklang. Diese jüdischen Schauspieler, die nach westjüdischer Auffassung aus dem Ghetto des Ostens kommen, stehen verwurzelt im jüdischen Boden, der Weite europäischer Kultur viel näher, als die ins Judentum zurückkehrenden assimilierten Juden de? Westens. ..Wir waren erstaunt", sagt Diana Blumenfeid, ..als man die europäischen Stücke, mit denen wir in den jüdischen Zenirtm Polens die grössten Erfolge gehabt hatten, Komödien von Molnar, Fodor und andere, aus Prinzip ablehnte, um statt dessen, nach jüdischen Stoffen zu rufen. Das» ein jüdisches Theater nur Stücke bringen dürfe, in denen Juden mit Kaftan und Bart herumlaufen, das ist für unser jüdisches Theater ein längst überwundener Standpunkt." Und die Künstler erzählen, dass Stücke wie „Für unseren Glauben'' von Schaiom Asch. „Mcschkele Chaser" von Berkowicz, ..Ger Zedek" vor. Razisne nicht auf ihrem Repertoire vorherrschend gewesen seien, als sie nach Danzig kamen, sondern erst mit Rücksicht auf die hier herrschende Tendenz einstudiert wurden. Ob allerdings diese Publikumswünsche wirklich dem Willen der Mehrheit entsprechen, erscheint ihnen zweifelhaft. Denn den grössten Erfolg hätten nicht die jüdisch-tendenziösen Stücke, sondern die Schülerkomödie „Matura" von Ladislaus Fodor und ein so theaterwirksames Lebensbild wie „Mottke der Dieb" von Schaiom Asch gehabt. Es ist eben, das gebt aus Turkows Worten hervor, letzten Endes nicht die Tendenz, die das Publikum fesselt sondern das interessante Problem, die wirksame dramatische Gestaltung. Gutes Theater soll man machen, nicht Judentumskunde auf der Bünne. Ein jüdischer Nationalismus, der das Jüdische nur im Stoff sucht, erscheint ihnen engstirnig, und sie lächeln bei dem Bericht über das vorjährige Konzert von Joseph Schmidt, der bei einigen Schreiern erst Gnade fand, als er jüdische Lieder zugab ... Nein, sie sind nicht engstirnig, diese ostjüdischen Künstler, und gern würden sie ihr Repertoire von Ibsen bis Thaddäus Rittner für alle Freunde guten Theaters spielen, auch für. die früher so eifrigen Theaterbesucher unter den Juden aus Deutschland, wenn, ja wenn diese den guten Willen hätten, sich auf die jiddische Sprache eiuzusiellcn. Es gebort ja nur einige Uebung dazu, sein Ohr an diese Sprache zu gewöhnen. In modernen Werken ist es kein Kunststück, ihn zu verstehen. „Freilich", meint Diana Blumenfeld, die sich viele Dramen aus dem Polnischen und Russischen selbst übersetzt hat „in Stücken wie .Ger Zedek\ die unter den frommen Juden des 18. Jahrhunderts spielen, muss die Sprache mit vielen Ausdrücken des Talmuds gemischt und dadurch jüdischer und für den, der diese talmudische Bildung nicht genossen hat, schwerer verständlich sein. Aber sonst ist Jiddisch eine Sprache wie jede andere, in der sich alles Menschliche ausdrücken lässt nicht nur spezifisch Jüdisches." Wir erinnern uns. wie seltsam es uns damals — vor Jahren — berührte, als Rudolf Zaslawski, der inzwischen verstorbene grosse jüdische Schauspieler. Strindbergs „Vater" aufführte und der Pfarrer in diesem Stück vom bevorstehenden „Weihnachtsjontef" sprach. Heute, nachdem so viele Werke in jiddischer Sprache an uns vorübergezogen sind, hat sich Ohr und Sinn gewöhnt,jrcir finden es natürlich, dass alle Gestalten eines Stückes in derselben jiddischen Sprache reden, ob es sich nun um Juden oder um polnische Bauern, um einen Kaplan oder um einen russischen Intellektuellen handelt Verlangen wir denn, dass Jeanne d?Arc französisch, Maria Stuart englisch spricht? Ja, sogar der im Ghettomilieu spielende „Pojaz" von Franzos lässt sich, wenn er in den Kulturbünden in Deutschland aufgeführt wird, in klarem Hochdeutsch vernehmen, obgleich das Lernen des Hochdeutsch in diesem Stück dem Titelhelden den Bann des — auf der Bühne gleichfalls hochdeutsch sprechenden — Rabbi einträgt Also die Sprache ist ein Gewand, das den ■Körper der Dichtung umhüllt Sie soll ihn nicht einzwängen, sondern in seiner natürlichen Haltung hervortreten lassen. Der Stil eines Stückes wird von seinem Inhalt her bestimmt, gleichviel, in welcher Sprache die Schauspieler sprechen. Und hier haben die Warschauer Künstler an der jüdischen Renaissance in Deutschland noch manches auszusetzen. Wenn man schon jüdische Inhalte zur Darstellung bringt, so muss man sie echt bringen, aus jüdischem ..Tarn" heraus, das betest jüdisch in Art und Weise, im Stil und Brauch. „Wenn ich", sagt Diane Blumenfeid, ..ein chinesisches Stück zu spielen habe, gleichviel, ob auf polnisch, jiddisch oder in sonst einer Sprache, so studiere ich vorher, wie Chinesen sich bewegen, sich kleiden, wie sie sich beim Essen benehmen, wie sie sieh in dieser oder jener Situation verhalten. Nur so kann ich mich in sie hineinversetzen und dem Zuschauer eine von innen heraus echte und künstlerisch wahre Schöpfung vor Aug#n steilen/' Und sie verlangt dasselbe von den jüdischen Schauspielern, die es •unternehmen, die ihnen und einem grossen Teil des Publikums fremden Welt des — sagen wir — galizisehen Judentums darzustellen. Nicht aus Gründen der Folklore, sondern aus Gründen der künstlerischen Echtheit und Wahrhaftigkeit sollten sie sich einen Berater nehmen, der den Lebensstil, das Brauchtum dieser gaüzischen Juden zutiefst, kennt und es den Schauspielern nabezubringen vermag. Gutes Theater und echtes Theater, das erscheint den Eheleuten Turkow als oberstes Prinzip, ohne dass es ein jüdisches Theater, das diesen Namen verdient nicht geben kann. Es fällt uns schwer, von diesen temperamentvollen Schauspielern, diesen Menschen von selbstverständlicher jüdischer und allgemein-europäischer Bildung zu scheiden. Ihnen winken verlockende Angebote in der weiten Weit. Wir aber werden sie sehr vermissen. Alle Ihm J&igfiscfe&n Süd?®? von Gerhard Fychs Jüdischer 3 u c h v e r r r i e b lest st; Berlin W 62, Wormser Sfr.6ö am Wtti-enbergpüafz Vorsand überai! hin TeJefon: 2470 22

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