Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 49 (9.12.1937)
- Date
- 1937-12-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2277379-2277516-2277565--12450-2282059- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 49 * 2. Beiblatt L\!fi8t»l 9. Dezember 1937 « Seite 5 Appell an die Einsieht Zuweilen nennt man eine Zeitung frisch, man findet sie lebendig „aufgemacht", interessant gestaltet: das ist der äussere Eindruck, den der durchschnittliche Leser gewinnt. Er bedenkt dabei aber nicht, dass eine Zeitung ein feines „Innenleben" hat, dass sie Ueberlegungen, Empfindungen, Reaktionen atmet, bevor sie das Licht der Welt erblickt. Auch die jüdische Zeitung. Spiegel öffentlichen jüdischen Geschehens, führt, ein solches Basein. Jedes Ressort macht seine Ansprüche, jedes Ressort hat seine Aufgabe und seinen eigenen Lebenswillen. Und so entsteht ein unsichtbarer Kampf zwischen Raum und Stoff, wenn die Zeitung allen Anforderungen, die an sie gestellt werden, gerecht werden soll. Das In- Einklang-Bringen von Raum und Stoff macht mehr Kopfzerbrechen, als es sich der Aussenstehende gemeinhin vorstellt. Die Zeitung soll aktuell sein, das Wesentliche bringen und das wirklich Neue und Neuartige in erster Linie berücksichtigen. Da liegen allein 34 „frische" Berichte über künstlerische Veranstaltungen auf dem Redaktionstisch. Namen von über 90 jüdischen Künstlern sind darin aufgeführt, die verständlicherweise Wert darauf legen, in einer grossen jüdischen Zeitung genannt zu sein. Jeder Kulturbund, jede künstlerische Selbsthilfegemeinschaft, jeder Veranstalter eines Hauskonzerts, jede soziale Institution und jeder private Verein will seine „Presse" haben. Kritiker und Berichterstatter drängen auf Veröffentlichung und bemerken dazu, dass jedes Wort ihres Berichtes so wichtig sei. dass er eine Kürzung auf keinen Fall vertrage. Zugegeben: manches ist wesentlich, hier und da gibt es ein wirkliches künstlerisches Ereignis, eine Neuschöpfung, eine Ur- oder Erstaufführung, ein erstmaliges oder einmaliges Auftreten, einen Abschied. Normalerweise werden aber, was in dieser Zeit nicht weiter verwunderlich erscheint. Veranstaltungen wiederholt: ganze Ensembles, einzelne und mehrere Künstler zusammen treten in mehreren Städten, Kulturbünden, kulturellen Vereinigungen hintereinander auf, und dann wird die Zeitung mit Berichten aus allen Orten, aus Gross- und Mittelgemeinden, für die der Besuch der jüdischen Künstler ohne Zweifel ein Ereignis ist, überschwemmt. Wohin sollte es aber führen, wenn jüdische Zeitung, die nur einmal in der roche erscheint, diesen Anforderungen allein auf diesem einen Gebiet gerecht werden wollte? Wir sind die letzten, die den Wunsch der Künster, Veranstalter und Mitarbeiter verkennen. Wir, ja gerade wir, bejahen das. vielfältige ädisch-kuiturelle Leben. Aber nicht jeder eineine Vorgang kann öffentliche Erwähnung mden, die Veranstalter und Künstler, die selbsterständlich ihre Darbietung für die wichtigste halten, müssen zu der Redaktion das Vertrauen aben. dass sie objektiv das Wichtigere vom Wichtigen und das Wichtige vom Unwichtigen cheidet. Dafür verlangen wir das Verständnis rer Leser wie der am künstlerischen Leben Beteiligten und selbstverständlich auch die Einsicht unserer Berichterstatter, von denen jeder mit Recht seinen Bericht für den wesentlichsten hält. Dass wir mit dem Herzen dabei sind und *■ nicht gleichgültig und oberflächlich, sondern mit Sachkunde, Ueberlegung und dem notwendigen Takt gegenüber denen, die künstlerisch wirken, abwägen und entscheiden, das können wir mit gutem Gewissen sagen. Und deshalb dürfen wir uns das Recht nehmen, allen zuzurufen: Habt Einsicht! E. G.L. Zum ersten Male „Von Romeo bis Streichquartett" in der Kleinkunstbühne des Berliner Kulturbundes Wen reizte es nicht immer wieder, ehien Blick hinter die Kulissen zu werfen? Besonders wenn es auf so gefällige Weise erlaubt wird wie von Max Ehrlich, wenn er uns in einem geistreichen Dichterduell mit Fritz Tachauer beweist, wie schwierig das Reimen und Schlagerverfassen ist. Da wundert sich dann keiner mehr, wenn er sich das Leben zu erleichtern versucht und ein Lexikon zu Hilfe nimmt — ein Reim- und Bildlexikon wie sich zeigt — und uns den Band „R—S" aufschlagen lässt. Wir finden dann auch gleich zu Anfang „Romeo", und es ist tatsächlich der alte Capulet, bei dem es am lustigsten zugeht, wo RosI G e r s 11 - Julia tonfilm-operettenhaft und sehr routiniert singt, und Ehrlich-Romeo sich durch Condells amüsante Kulissen und um hundert Irrtümer und Missverständnisse hindurchwindei bis zu dem reizenden' Einfall des .,ümbau"-Chansons. Wie der Handlung hier vorhanglos und offen ins nächste Bild nachgelaufen wird, ist musikalisch und szenisch ausgezeichnet ausgenützt. Ein gutgelaunt tauzendes Buffopaar (Ruth Lehnberg und Fritz Tachauer) ging dem Liebespaar im happy end voran, unterstützt von H. Lüp schütz, der graziösen Nora. W e i h - rauch und Erich W o 1 f. Im zweiten Teil, der in kurze, bunte Szenen aufgelöst war, ergriff uns Ehrlich im „Alten Droschkenkutscher". Hier nicht sentimental zu entgleisen, sondern in einer fast girardihaften leisen Art tragisch zu bleiben, ist ein Beweis für Ehrlichs grosses Komikertum. Er knüpft hier an die Tradition der besten Kleinkunstleistungen vergangener Jahre an. Leider ist er auch dem traditionellen Glauben, eine „Hafenkneipe in Marseille" bringen zu müssen, erlegen. Nicht zum Vergnügen von Rosl Gerstl, die vergeblich versuchte, die Schatten all ihrer Apachen-Vorgängerinnen zu bekämpfen, an die man unwillkürlich denken musste. Ehrlich selbst wird mit solchen Schattenkoilegen eher fertig: im altbewährten „Streichquartett" konnte er die ganze Skala seiner mimischen Einfälle herunterspielen und ebenso wie Tachauer mit seiner grossen Kunst der Maske Lach- und Beifallsstürme ernten. Willy Rosen war diesmal nur symbolisch anwesend, doch war seine Musik, ganz und gar von ihm, bei dem Trio Baer, N e u m a n n und Neustadt in den besten Händen. Sein neuer Tango entzückte die Zuhörer. Als der Band von „R—S" von a—z durchgespielt war, entliess Ehrlich ein angeregtes und erheitertes Publikum, das ihm für diese neue Hebung seines psychischen Lebensstandards Dank wusste. H. Angel. „Kasper und die Wunderlampe" Puppenspie! im Berliner Kulturbund Lies! Simon, zum ersten Male in Berlin, hat sich die Herzen ihrer Zuschauer im'Sturm erobert. Sie ist Puppenmutter und Ansager, Dramatiker und Akteur in einer Person. Ein harmlos hingesagtes Wort, eine kleine lustige Geste — und der Saal jauchzt vor Vergnügen. Sie drückt nicht auf die Lachmuskeln. Sie presst nichts aus den Kindern heraus. Aber sie versteht, mit ihnen zu spielen, sie mitspielen zu lassen. Das „Spiel vom Kasperl und der Wunderlampe" atmet den fröhlichen, alles besiegenden Geist seiner zahlreichen Brüder. Schon im ersten Akt, herzerfreuend durch heiterste, bunte Dekoration, ahnt man, das alles gut gehen wird. Das war Theater: Hier konnte man den inneren Erfolg eines Stückes feststellen. Wie die Herzen klopften: Seht euch diese Kinderaugen an, meine Dramatiker: Das ist schöner, beglückender Erfolg! Und weil es so schön war, möchte der Berichterstatter eine kleine private Liebeserklärung anbringen. „Es ist ein hübscher Zug von der Natur, dass es dich gibt, liebe Liesl Simon. Wir sind arm geworden an Menschen, die uns so recht von Herzen lachen machen können. Du bist eine Zauberin par excellence. Wir wünschen uns, dass du bald wiederkommen mögest, bald, ja?" Vera Craener „Engen Onegin" in anderer Besetzung Einige Umbesetzungen in der Opernaufführung des Berliner Kulturbundes gaben zu neuerlichem Besuch Anlass. Mit gutem Gelingen fügte sich ein anderer Lenski, Richard Dresdner, in das Ensemble ein. Sein schlanker Tenor ist biegsam und gut geführt. Im Spiel ist er überaus sympathisch und unaufdringlich. Als Filipjewna war Anna - L i p i n zu hören, deren dunkelgefärbter Alt in dieser Partie voll zur Geltung kommt. Thea Stückenschmidt hat neben der Rolle der Amme und der Olga auch die Larina studiert — eine seltene Vielseitigkeit. Sie trägt die kleine Partie mit Würde und Anmut vor. —r sssassasstss^xs^ssaasB^sasssssssssses Der jüdische Film . Von Erika Gütermann Der jüdische Film ist noch jung. Zwar zeigten ch schon bald nach dem Weltkrieg in verehieder.en Ländern Ansätze zu einem jüdischen ilm. Aber diese ersten Vorläufer, die hauptäehlich.aus Amerika kamen, konnten mit ihrem zumeist lebensunechten Inhalt, der lediglich auf ine rührselige Wirkung hinzielte, keinen Anspruch auf eine ernsthafte Betrachtung erheben, uch waren die technischen Mittel, die diesen ilmen zur Verfügung standen, so schlecht, dass ie wenigen guten Momente der filmischen Geltung verloren gingen. Und doch hatten diese Filme bei all ihren Fehlem einen bemerkenswerten Erfolg! Die Nachfrage nach ihnen war ross. Im Osten Europas und in Amerika drängte ich eine breite jüdische Masse in die jüdischen "ilme. Konnte es möglich werden, dass sich us diesem dumpfen Drange einer schaiidurstig kritiklosen Menge, — und aus einer solchen befand das Publikum der ersten jüdischen Filme — ine wirklich schöpferische Filmgestaltung entwickeln würde? Es wurde möglich. Der unsichtbare Drang 3er Masse, der dem empfindsamen schöpferischen Menschen sehr wohl spürbar ist, wie auch die Möglichkeiten filmischen Schaffens als solche, machten Kräfte frei, die sich mit dem Kassen- 'nd Publikumserfolg der rasch zusammengezimmerten amerikanischen Atelierware nicht mehr zufrieden geben wollten. Hände weg vom jüdischen „Milieu", vom jüdischen Kult- und Lebensbraucb — so hiess es jetzt! Der jüdische Lebensbaum sollte nicht mehr lediglich als Filmkulisse, jüdisches Leben nicht mehr als theatralisches Requisit einer höchst zweifelhaften Nutzanwendung Unterliegen. Im Jahre 1923 kam der amerikanische Schauspieler und Filmproduzent Sidney G o 1 d i n voll r.pnen und idealistischen Plänen nach Wien, um i'i'-r, naher der jüdischen Herkunft als in den Filmateliers Hollywoods, einen jüdischen Film zu drehen. Dieser —• es war noch ein Stummfilm — zeigte schon in seinem Titel „Ost und West" die ernsthafte Problematik, um die Goldin für den jüdischen Film kämpfte. Zu einer freien filmischen Entfaltung seiner geistigen Anlage kam es jedoch in diesem Film noch nicht, obschon Maly P i c o n in ihrer wundersame« Einheit von Leidenschaftlichkeit und zerbrechlicher Zartheit die Hauptrolle spielte. Ein Jahr später, im Jahre 1924. unternahm Dr. Hans Berg, Wien, zusammen mit dem Regisseur Robert Land und Josef S c h i 1 d k r a u t in der Hauptrolle mit dem Film „Der Fluch44 einen zweiten Versuch, dem jüdischen Film ein lebenswahres Gesicht zu geben. Man versuchte es mit der exaktesten naturalistischen Methode. Höchst anschaulich erzählt davon Dr. Berger folgende bezeichnende und rührende Begebenheit: „Ich baute das Innere einer grossen Synagoge auf; dazu benutzten wir echte Kultgegenstände des Wiener jüdischen Museums. Einen szenischen Höhepunkt sollte die Darstellung eines Jaum-Kippur-Gebetes bilden, das auf dramatische Art unterbrochen werden musste. Der Regisseur hatte einen richtigen Vorbeter engagiert, der sich — wie es abgemacht war — einige jüdische Herren seiner Gemeinde zum Mitbeten mitgebracht hatte. Diesen Vorbeter und diese Beter brauchte man nicht erst zu unterrichten, wie sie sich bei der Andacht und bei den Verrichtungen des Gebetes zu verhalten hatten. Darin waren sie jeder Regie überlegen! Als es soweit war und der Regisseur die betende Gruppe einige Minuten aufgenommen hatie, meinte er, dass er für diese Szene genug Filmstreifen hätte und schrie ins Megaphon: Stop! Die Beter "drehten sich erstaunt um, liessen sich aber dann in ihrer Andacht nicht stören und machten durchaus keine Anstalten, ihr Gebet abzubrechen. Die Aufnahme musste unterbrochen werden, und der Regisseur mitsamt dem ganzen Aufnahmepersonal mussten warten, bis die unbeirrbaren jüdischen Männer ihr Gebet beendet hatten." Als der Tonfilm den Stummfilm mehr 'und mehr verdrängte, war es wiederum Sidney G o 1 d i n, der den ersten jüdischen Tonfilm „Wie lange?" drehte. Aber auch diesmal entsprach das Ergebnis noch nicht der Forderung nach einem jüdischen Film von ureigener Dynamik. Da schien die Bewegung um den jüdischen Film stillzustehen. Erst vor zwei Jahren ist in Warschau, ausgehend von jüdischen Künstlern, eine jüdische Filmgesellschaft „Kino r" gegründet worden. Dadurch augeregt und für die Sache des jüdischen Films begeistert, kam Josef Green, der ehemalige Hauptdarsteller des Jiddischen Kün?tlertheaters in New-York, nach Warschau. Hier wollte er das Urtümliche der jüdischen Gemeinschaft in seiner durch Jahrhunderte bewahrten religiösen und profanen Eigenart, wollte er den. nach all den Wanderungen über die Erden noch urkräftig jüdisch schlagenden jüdischen Herzton finden und in die Welt der gestalteten Anschauung zaubern. Josef Greens erster, in Warschau gedrehter Film, „Jüdel mit der Fiedel", läuft jetzt in London, Paris und Warschau. Wieder spielt — wie in dem ersten in Wien gedrehten jüdischen Film Goldins — Maly Picon die Hauptrolle. Neben Josef Green teilen sich noch Jacob Kalisch (New-York) und der polnische Regisseur Przyb i 1 i n s k i in die Spielleitung des Films. Die Musik stammt von dem jungen Komponisten L. Stein (New-York). Unter Benutzung jüdischer volkstümlicher Gesänge und Spiele trug er eine besondere, jüdisch geprägte, volkstümliche Heiterkeit und Lebendigkeit in den Film hinein. Die Handlung wird von zwei rivalisierenden Gruppen jüdischer Hochzeitsmusikanten getragen, die sich, nach einem bewegten Konkurrenzkampf gegeneinander, schliesslich, nach manchem dramatischen und komischen Hin und Her, zu einer einzigen Musikkapelle zusammenschliessen. Dieser Film hat in allem mit der einstigen schemenhaften Sentimentalität der ersten jüdischen Filme gebrochen. Hier ist es gelungen, jüdisches Leben und — sogar — jüdisches Lachen zu gestalten. Nach dem starken künstlerischen Erfolg, den Josef Green mit seinem „Jüdel mit der Fiedel" gewonnen hatte, ging er in diesem Jahr sogleich Konzerte und Vorträge in Berlin und im Reich Die Freude, einen Abend — bei Weil — dem meisterlichen Flötenspiel Alfred Lichtensteins lauschen zu dürfen, wurde leider durch das allzu ausgedehnte, dazu recht ungleichwertige Programm beeinträchtigt. Als Gewinn blieb neben einem entzückenden, überaus geistvollen Haydn- Trio vor allem eine Sonate des altfranzösischen Komponisten Loeillet, in deren leichter und doch sicherer Form der Flötist alle Fertigkeiten zu entfalten vermochte: elegantestes Passagenwerk und geigenhaft schwingende Kantilene. Dem prachtvollen Musikertum von Dr. Willi Aron (Klavier) liegt die Klarheit Haydns ebensogut wie das farbige Klangspiel impressionistischer Stücke. Als Triopartner trug Godfried Z e e - 1 an der (Violoncello) das Seinige zu einem frischen und sauberen Musizieren bei. Il.Fr. Im Dezemberkonzert des Berliner Kulturbundes — für das erstmalig der neue Saal in der Kommandantenstrasse den stimmungsvollen Rahmen bildete — stellte sich der jugendliche Geiger Gerhard K a n d e r vor, und man hörte gern Briefmarken ^gJg^'yflS einen Abend diesem Jungen zu, in dem ein Künstler von Format heranzureifen scheint Eine auf gesunder Grundlage ruhende Technik ermöglicht sauberste Doppelgriffe und ein auffallend klangschönes, silbriges Fiageolettspiel; eine grundmusikalische Auffassung, der alle virtuosen Mätzchen fernliegen und die das Rubato überaus sparsam einsetzt, durchdringt die ganze Melodiedaran, einen zweiten jüdischen Tonfilm, „Die Purimspieler", zu drehen. Wieder griff er mitten hinein in das Gewebe jüdisch volkstümlichen Lebens, wie es sich in Osteuropa erhalten hat, und zwang es mit den modernsten Mitteln auf die Leinwand. In der Nähe Warschaus, auf einer Chaluziarm, liess er ein ganzes jüdisches Städtchen mit seinen Gassen und Gässchen aufbauen. Hier s^hen wir die breiten Einfahrtstore der kleinen ein- und zweistöckigen Häuser der Handwerker und Gewerbetreibenden, mit ihren eigenartigen ' halb im jüdischen, halb im polnischen Geschmack gemalten Schildern. Hier sehen wir die „gutbürgerlichen" Stuben und die kleinen Gärten, wo die „Reichen des Städtchens" behaglich leben. In diesem jüdischen patriarchalischen Städtchen fehlt natürlich nicht der Zauberkünstler, der so lebendig von Perez geschildert worden ist, und der nach dem abgelegenen Städtchen kommt, um hier seine grossen Wunder zu zeigen. Auch der jüdische Schmied fehlt nicht, aus der Rasse des Simson! — Er fehlt in keinem altjüdischen Städtchen! — Auf dem kleinstädtischen Markt sehen wir ihn im Gespräch mit den Bauern an ihren Fuhrwerken stehen. Wir erleben die Lastträger, diesen starken volkstümlichen jüdischen Menschenschlag, wie er im Osten gediehen ist, und der uns ebenfalls von Perez schon so lebendig vorgestellt wurde. Ausser der Kinor und der Josef-Green-Produktion hat sich in Warschau eine dritte jüdische Filmgesellschaft zusammengeschlossen, die „P h ön i x'\ Auch sie kämpft mit allen künstlerischen Mitteln um die Herstellung eines wahrhaften jüdischen Films. Mit ihrem ersten Film ging sie gleich an die ausserordentliche Aufgabe heran, die Dibbuk-Legende filmisch zu gestalten. Das Drehbuch schrieb der Regisseur Max Arnstein gemeinsam mit dem Schriftsteller Alter Kazisne. Judith Berg — eine bekannte Warschauer Tänzerin — oblag die Gestaltung der tänzerischen Szenen, die bekanntlich einen Höhepunkt der dramatischen Handlung in An-skis Dibbuk-Spiel bilden. Bei der filmischen Ausarbeitung dieser Tanzszenen kam es zu einer einzigartigen und erschütternden' Begebenheit.