Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1937-12-09 · 49 (9.12.1937) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
49 (9.12.1937)
Date
1937-12-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277516-2277565--12449-2282058
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 C-V.-Zeifung Nr. 49 * 9. Dezember 193% fügen, lieber 40 Prozent der Patienten sind Nicht juden, die dort nach neuzeitlichen Methoden auch in den ausgedehnten Ambulatorien mit grösstem Erfolg behandelt werden. Diese Institutionen bieten den jüdischen Aerzlen wertvolle Gelegenheit zur Ausbildung und Fortbildung ihres Wissens. Uruguay Aul einer jüdischen Massenkundgebung zu Ehren des Präsidenten Dr. Gabriel Terra sprach der Aussenminister Cesar Bada der jüdischen Bevölkerung den Dank des Präsidenten aus. Die Reden wurden durch den Rundfunk im Lande verbreitet. Amsterdams neue Synagoge Von unserem H,-Berichterstatter Amsterdam, den 5. Dezember. Am dritten Chanukkaabend wurde die neu erbaute Synagoge der Amsterdamer jüdischen Gemeinde eingeweiht. Vor der Einweihung fand erst eine ausserordentliche Sitzung des „Kerkeraads" in den Sitzungsräumen statt, bei der der Vorsitzende, A. A s s c h e r, die An- > Ludwig Simons .vX^ . FflBdrichstföfe^cki^^tmdwi^-^«a» v / *t^,^*ÄMa»>'.x'»> 5 wesenden begrüsste und in einer kurzen Ansprache die Entstehung und Bedeutung dieses neuen Gotteshauses erörterte. Er erwähnte dabei, dass es auch für die aus Deutschland eingewanderten Juden, „deren religiöses Leben so intensiv sei, die sich stets mehr mit ihren holländischen Glaubensbrüdern eins fühlen und von denen viele diesem Gefühl in eindeutigster Weise Ausdruck gegeben hätten", seine besondere Anziehungskraft haben werde. Die danach stattfindende Feier in der Synagoge wurde eingeleitet durch einen feierlichen Einzug der Rabbiner und einiger Gemeindevorsteher, die die zehn für die Synagoge gestifteten prachtvollen Torarollen hineintrugen. Nach einem siebenmaligen Umzug durch die ganze Synagoge brachte man die Gesetzesrollen in die heilige Lade, die mit zu dem Schönsten dieses Bauwerkes gehört Umgeben von einer ganzen Wand weissen kararischen Marmors bildet die in Dunkelbraun gehaltene Lade einen sehr scharfen Gegensatz und wird zu einem Blickfang für das ganze Gebäude, das durch seine Lichtfülle, die Einfachheit seiner Linieu und den modernen, jeder Ueherladung abholden Baustil einen imponierenden Eindruck macht. Den Höhepunkt der Einweihungsfeier bildete die Rede des Oberrabbiners Sariouis. der seine Ausführungen unter das Motto des 4. HartbrodtpS^h j Uhren I Goldu. Silber Waren Psalmisten: ,.In seinem Palast« spricht alles: Herrlich" (29,9), stellte. „Das Werk ist vollendet, die Hämmer ruhen", so führte er aus, „Stille tritt ein und ehrfürchtig warten wir auf den Moment, in dem das von Menschenhand Geschafiene zu einem Tempel Gottes wird. Was bedeutet dieses Gotteshaus für das Judentum und für die jüdische Bevölkerung dieses Stadtteils", so fragte der Oberrabbiner im weiteren Verlauf seiner Rede, in der er die besondere Bedeutung der Einwanderung der Juden aus Deutschland betonte. „Eine Pforte des Himmels soll dieses Gotteshaus auch für diejenigen sein, die von jenseits der Landesgrenzen gekommen sind. Mit grosser Freude können wir konstatieren, dass Hunderte von ihnen hier unter uns leben. Die geistlichen und administrativen Leiter haben sich alle Mühe gegeben, um ihnen das Einleben so einfach wie möglich zu gestalten. Die Mühe ist uicht vergebens gewesen, und mit grosser Freude will ich in dieser Stunde feststellen, dass die Einwanderung der aus Deutschland kommenden Juden als ein grosses Plus für unsere Gemeinde zu betrachten ist." Die Rede endete mit der Bitte um Gottes Segen für das königliche Haus und die baldige Genesung des Prinzen Bernhard. Zum Abschluss der Feier wurde von Chor und Vorbeter ein aus dem Jahre 1779 stammender und von Oberkantor Marokko vertonter Jubelgesang gesungen, eine musikalische Schöpfung allerersten Ranges, die den Schlussakkord zu den meisterhaft von Chor und Kantor vorgetragenen Psalmen bildete. Eine eindrucksvolle Feier war damit beendet; nachdenklich verliess man dieses festliche Gebäude, dessen Bau in der heutigen Zeit eine besondere Leistung darstellt und auf das das holländische Judentum mit Recht stolz — sehr stolz — sein kann. Helft weiter! / Fünf Jahre Hilfe und Aufbau Das jüdische Leben unserer Tage rollt ab wie ein Film, und das Geschehen in ihm wirkt ungemein rasch, lebendig und schicksalsvoll, fast so, als ob uns jeder Tag vor neue Tatsachen und Erscheinungen, vor aeue wichtige Lebensfragen und -uotwendigkeiten stellte. Von solchen Empfindungen ist die neue Werbebroschüre de» Zentralausschusses für Hilfe und Aufbau bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland getragen: da sind zwar nur charakteristische Stücke aus dem Film jüdischen Gegenwartslebens zu einem Streifen bunt aneinandergereiht, aber das Ganze, technisch geschickt montiert, hat, zumal die beigegebenen Kurztexte vorzüglich formuliert sind, die Wirkung, die man sich verspricht, und die man dem Zeorralaueschuss nur wünschen kann. ..Warist, was will Hilfe und Aufbau, was ist bisher geleistet worden, wie wurden die Mittel beschafft und — was nun?" Das sind die Fragen, die der Zentralausschuss aufwirft, beantwortet und mit Hilf« all derer, die noch in der Lage sind, zu helfen, gelöst wissen will. Fünf Jahre Hilfe und Aufbau, fünf Jahre konstruktiver und produktiver Arbeit zur Förderung der Wanderung und der B e ruf su irisch i c h t u n g , des Schul- und Erziehungswesens, der Wirtschaftshilfe und der Wohlfahrtspflege verpflichten zur Erhaltung und zum Ausbau des zentralen Hilfs- und Aufbauwerks der Juden in Deutschland, das 1933 vom C.-V mitgeschaffen wurde. In diesen fünf Jahren ist dank der Unterstützung aus den Kreisen der Juden in Deutschland und vor allem auch der jüdischen Hilfsorganisationen des Auslandes Grosses geleistet worden, vor noch grösseren Aufgaben steht aber die Zukunft. Parole muss dah er bleiben: „Helft weiter!■* Lö. Ein jüdischer Kalauender „Dieses Büchlein vermeidet alles Gelehrte und Schwierige und will zur Schlichtheit und Einfachheit zurückführen", sprach das Chanukkamännchen und überreichte mir einen Kalender, in dessen Vorwort dieser Satz stand. So etwas können wir gebrauchen, sagte ich mir, und sah mir zunächst das Kalendarium au, das an jedem Sabbat einen Leitspruch enthält, weicher „den jüdischen'Menschen durch die Woche führen uud ihm Gottvertrauen und Mut einflössen soll." Abergläubisch, wie ich bin, schlug ich zunächst nach, unter welchem Motio ich meinen nächsten Geburtstag zu feiern hätte. Da fand ich die Worte: „Es war kein Wasser für die Gemeinde." Das ist ein schwacher Trost, sowohl für mich als auch für die Gemeinde. Aber andere Geburtstagskinder haben es nicht besser. Meine Frau z. B., die an einem unwirtlich?!) Novembertag das Lieht der Welt erblickte, muss sich mit dem rätselhaften Kernspruch abmühen: „Sie ist im Zelte."1 Und so reihen sich noch viele Leitsprüche, die'meistens keine sind, aneinander. Ais ich aber auch den übrigen Teil des Kalenders gelesen hatte, bekam ich die vorschriftsmässsgen, für die Woche des 3. Dezember fälligen Fieberzustände: „Am Tage verzehrte mich die Glut, und in der Nacht der Frost." Der Prophet Elias soll uns dadurch nahe gebracht werden, dass er als eine „Beschneidungs-Autorität" bezeichnet wird, die schon bei der Miloh des Stammvaters Abraham „assistiert" hat. Aber hat denn Elias schon zu Abrahams Zeiten gelebt? Gewiss, denn: „Wer nicht zu sterben braucht, hat auch nicht nötig, geboren zu werden." Ganz sicher scheint sich allerdings unser Kalendermann bei dieser Beweisführung nicht zu fühlen. Deshalb fügt er selbstbescheideo hinzu: „Wenn der Prophet erscheint, wird er hierauf uud noch auf andere Dinge die richtige Antwort geben." Was dann noch in unübertrefflicher Weitschweifigkeit über das Treiben des „vielbeschäftigten*4 Propheten gesagt wird, kann hier im einzelnen, nicht wiedergegeben werden. Vielmehr wollen wir uns lieber sogleich einer „Fahrt ins Blau-Weisse" anschliessen. bei der uns unser Kalendermanu durch die religiösen und sozialen jüdischen Einrichtungen Berlins zu führen gedenkt. Mit. dem Morgengottesdienst beginnt er. „Konnrisl du nun rechtzeitig in die Synagoge, dann wirst du angenehm überrascht sein, und die Beter sind es von dir. Erkennen sie dich nicht wieder, dann warst du bestimmt längere Zeit nicht dort. ...Einer erkennt dich bestimmt wieder, das ist der liebe Gott.**' Ob der lipbe Gott mit einem langen Bart am Vorsteberpult steht? „Besuche einen jüdischen Friedhof, und wenn du nach Weissensee kommst, dann kannst du dich irgendeiner Beerdigung anschliessen. Der unbekannte Tote wird es dir danken . . . WillsS du den Sarg bis zur Gruft geleiten, so entfall» keine Propagandatätigkeit . . .! Wenn _ wir etwas zu sagen hätten, dann miissten bei jeder dieser Bestattungen zwei jüdische Erwerbslose hohe Stangen mit sichtbaren Tafeln vorantragen, auf denen steht: ,Es ziemt sich nicht, auf dem Wege zur Gruit zu schwatzen!'"' Ja, ja e« ziemt sich manches nicht. „So, nun hast du d'r ein Recht erworö«»*a, deine Mahlzeit einzunehmen. Guten Appetit! Gemüse, lieber Freund, viel Gemüse, und wemrs schon Fleisch sein muss, ohne fette Tunke!** Uns scheint, dass der Kalendermann bei seiner vegetarischen Lebenshaltung den Kohl bevorzugt. Wir wissen nicht, ob der Kalendermann wünscht, dass seine Auslassungen, von denen wir hier nur kleine Proben wiedergeben können, ernst genommen werden. Wir jedenfalls nehmen ihn sehr, sehr ernst. Je enger nämlich unser Lebensraum wird, desto entschiedener müssen wir uns gegen jedes Symptom beginnender geistiger Massstabslosigkeit im jüdischen Raum verwahren. Dies gilt auch für solche Geistesprodukte, die einem sozialen Zweck zu dienen bestimmt sind. Wer - schlechte Witze nicht für sich behalten kann, mag sie im privaten Freundeskreis erzählen. Aber er darf sie nicht mit öffentlichen Mitteln für die Öffentlichkeit abdrucken lassen. Tut er dies dennoch, so haben die unfreiwilligen Zuhörer, das heisst die jüdischen Menschen Berlins, einen Anspruch darauf, dass ihre peinlichen Empfindungen durch die Presse nicht totgeschwiegen werden. Nicht aus Kritiklust, sondern aus Sorge um den geistigen Lebensstandard unserer Gemeinschaft verwahren wir uns im Namen der Schlichtheit gegen die Schlechtheit, und im Namen des Humors gegen Witzelei. Was soll der jüdische Durchschnittsleser, der doch schliesslich kein Hilfeschüler ist, zu dieser Ansammlung von Ueberflüssigkeiten und Kalauern sagen, die dem Ansager einer Wanderbühne ganze Körbe nicht mehr frischer Aept'el einbringen würde? Und. wie soll gar Schulkindern, an die von Amts wegen diese Kalender verteilt worden sind, die Reinheit ihrer religiösen Vorstellungswelt erhalten bleiben, wenn sie derartige Banalisierungen („dem Erzengel Raphael obliegt die himmlischmedizinische Praxis") lesen müssen? An einer Stelle heisst es von dem Raben, der den Propheten Elias speiste: „Das"ist gewissermassen ein weisser Rabe, der beinahe den Ehrentitel Rabenu verdient." Das ist allerdings der Gipfel der „R a b*'ulistik, und da eine Liebe der anderen wert ist, so sei es rundheraus ge-1 sagt: dieser Kalender wird den jüdischen Steuerzahlern Berlins durch das „Aufbringungswerk" zugemutet. Deshalb sind wir über ihn so aufgebracht Dr. Werner Rosenstock. Der bekannte Chemiker Professor Heinrich Jacob Goldschmidt, dessen an dieser Stelle in Nr. 48 gedacht worden ist, hat seinen 80. Geburtstag nicht mehr erlebt: er ist unmittelbar zuvor in Oslo verschieden. Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland. Die letzten Sätze der in der vorigen Nummer veröffentlichten Besprechung beziehen sich au? dis Arbeit' voo Dr. Werner 'C ahnmann' über „Die Münchener Judenbeschreibung von 1S04". l>er Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser gibt, soeben eine neue Auflage (Nr.-306)' seines Mitglied-en-erzeichnisses heraus. Mit Rücksicht auf das Interesse aller jüdischen Kreise an jüdischen Unterkunftsruöglichkeiten kann das Heftchen,' das hei der Geschäftsstelle in Haniburg, Benekestr. 2, erhältlich ist, gute Dienste leisten. anderen Augen an -— das wird man hier bei einer solchen Gelegenheit gewahr Im Judenviertel. Wir stehen plötzlich und unvermittelt vor einem grossen Platz. Auf s ihm ist ein unsagbar dichtes Treiben. Es ist Wochenmarkt in Algier. Und dieser Platz heisst nach dem berühmten algerischen Oberrabbiner Place du Grand Rabbin Bloch. Man muss wissen, wer dieser Oberrabbiner Bloch gewesen ist; dass er Ende des vergangenen Jahrhunderts hier als Oberrabbiner gewirkt hat, und zahlreiche für die Geschichte der algerischen Judenheit und Algeriens wichtige Arbeiten veröffentlicht hat 1925 erst ist er gestorben. Man hat ihn m Algier nicht vergessen. Und auf dem Place du Grand Rabbin FESTA Strümpfe / Strickwaren Wäsche / Handschuhe Schbg.* Granewaldstr.56 a. Bayer. Platz Tel : 71 3813 Bloch ist Wochenmarkt. Buden und Stände und Kisten und Kasten und Autos und Karren und Menschen stehen herum. Alles Mögliche dieser Welt wird verkauft. Araber im Fes bieten an und kaufen. Verschleierte Frauen schreiten mit Würde und Gelassenheit zwischen den Ständen. Arabische Jungens schreien, als wenn sie am Spiesse steckten, und wollen sich durchaus nicht damit zufrieden geben, dass man ihre Artischocken nicht kaufen will. Ein Polizist steht in lachender Biedermannsart dabei und versetzt gerade, als wir hinzukommen, einem arabischen Jungen einige kräftige Püire, weil er wieder einmal an einer verbotenen Ecke des Marktes mit seinem Kram steht Es ist. eirj unabsehbares Gewühl. Und dieses ganze Meer von Menschen und Pingen und Sonne brandet um die Synagoge herum, die hier auf dem Platze steht unnahbar gross gebea allem» was um sie herum yorgeht. Wie im Sturze scheint das grelle Licht auf ihre weisse Fassade einzufallen. Die Mauern leuchten wie von innen heraus. Die Kuppel, etwas abgeflacht und schnörkelhaft verziert, gibt in ihrer Schwärze einen farbigen Kontrast. Es ist alles Leben in dieser Gestaltung des Bauwerkes; aus der Natur dieser Stadt und dieser Landschaft ist es herausgewachsen. Und über der Eingangspforte steht in hebräischen Buchstaben ein Psalmvers: „Ki bessi bes tefillo jikore l'cbol hoamim. — Denn mein Haus wird eine Stätte des Gebetes genannt werden." Wir gehen in einen Basar. Ein Verkäufer zeigt mir ein Modell der Synagoge, ganz aus metallischem Zink, kunstvoll gearbeitet, nur für mich zu teuer, um es zu kaufen. Er zeigt mir einen Tallis, und wenn ich nicht einen noch von der Barmizwa hätte, könnte ich mir einen neuen in Algier kaufen. Er zeigt mir Arba kanfaus, und dazu zeigt er einen Koran in einer Ausgabe aus dem 16. Jahrhundert oder vielleicht noch früher. Ais ich dann hinausgehe und weder den Tempel noch die Arba kanfaus, noch den Tallis und auch nicht den Koran gekauft habe, sondern nur ein winziges Andenken, sagt er Schalom. „Schalom aiechem'.*' sagt auch der Kaufmann in einem Laden, in dem es Stoffe gibt und einen jungen Mann, der ein wenig eleganter ist als früher ein Kommis in einem posenschen Städtchen. Der Kaufmann sieht aus wie L6on Blum persönlich, nur ist der Schnurrbart nicht so lang, aber sonst wie aus dem Gesicht geschnitten . . . So gehen die Menschen an einem vorüber, und wir gehen vorüber, und wir stehen vor einem Fleischerladen, an dessen Eingang das Wort ,Koscher* in hebräischen Lettern geschrieben steht Es ist ein w^enig zu warm, und ich bin mit den Einrichtungen dieses Fleischerladens nicht so vertraut, sonst hätte ich übel Lust, einmal algerische koschere Wurst zu probieren. Als der Fleischermeister, höchst eigenhändig ein Fleischerbeil schwingends aus dem Laden stürzt und durchaus will, dass ich seinen Laden, nicht aber ihn Photographiere, bin ich überzeugt, dass der Mann etwas von Reklame versteht. Ich tue ihm angesichts des Fleischerbeils den Gefallen . . Es ist schon etwas um die Juden in Algier. In einem Laden der Rue Michelet sah ich Möbel ausgestellt. Es war ein kostbares Herrenzimmer- Ein grosser Schrank war da, an dessen Türen der Mögen Dovid als Verzierung prangte. Es war eine herbe Enttäuschung. Sie war zwar nicht so gross wie damals in Oberitalien, wo ich in einem jüdischen Hotel auf einem Kopfkissen mit eingewebtem Mögen Dovid schlief, wo ich mich an einem Handtuch mit dem Mögen Dovid abtrocknete, wo ich mir mit dem Mögen Dovid (d. h. mit einer Serviette) den Mund wischte ... Es war grauenhaft. Aber wer stellt sieb das Zimmer mit dem Mögen Dovid in die Wohnung? Die Juden in Algier sind zu einem Teil so reich, dass sie sich eine ganze Reihe von Zimmern mit und ohne Mögen Dovid leisten könnten. Und sie sind meist so arm, dass sie zufrieden sind, wenn sie ihr Auskommen haben. Die Gegensätze der sozialen Schichtung innerhalb der Judenheit sind hier gross. Neben der Wohlhabenheit ist, ausgeprägter als an anderen Stätten, die Armut zu finden. Die Masse der jüdischen Proletarier und Kleinhändler hat schwer zu arbeiten. Ein jüdischer Mittelstand ist nicht so zahlreich, als dass er das Gesicht der algerischen Judenheit prägen könnte. Man sieht diese kleinen Menschen in den Strassen des Judenviertels. Sie sitzen vor ihren Läden und blicken mit einem düsteren Lächeln die Fremden an. Die Frauen haben grosse Ringe an den Annen und im Ohr, aber map siebt ihre zerarbeiteten Hände. Die Männer haben jene sprechenden Falten um den Mund, aber sie haben die Weichheit sephardischer Juden. Die Frauen sind lebendig trotz aller Fülle des Körpers. Die Männer sind schmal und untersetzt, und* sie seheD Südfranzosen sehr ähnlich; manche haben lockiges, welliges Haar, es glänzt in der Sonne. Und dann sieht man die reichen Juden, behäbig und elegant Ihre Frauen und Kinder sind ganz französisch aufgemacht Sie sprechen das Französische mit einem seitsam beschwingenden Laut Die Worte prellen aus dem Munde heraus. Es ist ein Gesang in den tönenden Vokalen, und die Nasallaute sind nur Ruhepuokte in der wirbelnden Lawine der Worte. „Bon voyage, Madam!" sagt der Mann mit dem kokett aufgesetzten Strohhütchen zu seiner Gattin, die mit dem Schiff nach Nordeß fährt. Er sagt es zu seinen Töchtern, und es ist so, als sei dies und der unvermeidliche Handkuss etwas Theatralisches, das man nicht immer gern sieht und hört. Alle diese wohlhabenden Juden sind ganz mit dem Blick auf Frankreich ausgerichtet Ihre Verbindungen mit den in Algier lebenden Franzosen sind eng. Sie gehen bis zur Mischehe. Der Dampfer gleitet langsam aus dem Hafen hinaus. Die Rufe der arabischen Jungen werden ferner. Aber so vieles tönt noch nach, was diese Stadt von ihrer Seele dem Fremden gibt Es ist nur ein Zipfelehen, gewiss. Aber es ist genug, um ein Ahnen von der Grösse der Kraft zu bekommen, die hinter dem Orient steckt Saiomon W i n i n g e r, dessen unermüdlicher Arbeit das Judentum die siebenbändige „Jüdische Nationalbiographie", die in ier Jahren 1925 bis 1936 erschien, zu verdanken hg^. beging in diesen Tagen in Cernauti (Czernowitz) seinen 60. Geburtstag. Das Werk um* fasst die Biographien von über 13000 jüdischen Persönlichkeiten aller Zeiten und Zonen. Wenn auch die Stichworte im einzelnen von unterschiedlicher Qualität und nicht immer von letzter Genauigkeit sind, so muss die umfassende Arbeit ate solche doch Anerkennung finden. Es ist zu hoffen, dass Wiuinger sein Werk weiterführen und damit rmeb dte Mängel ausmerzen kann, welche einem solchen Erstling notgedrungen anhaften müssen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.