Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 48 (2.12.1937)
- Date
- 1937-12-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 * 3. Beiblatt 2. Dez. Legende und Wirklichkeit Bemerkungen zu neuen Büchern Keim-icK Heine: Der Rabbi von Bacherach. Ein Fragment. Mit Zeichnungen von Ludwig Schwerin. Bücherei des Schocken- Verlags. Berlin 1937. Heines fragmentarische Novelle erschein' hier mit «iner Reihe von Illusirationen. wie'sie der Djcbter einst für die Veröffentlichung seines Werkes selbst ins Auge gefasst. und wie sie Ludwig Schwerin einzelnen Vorgängen und Gestalten der Erzählung in lebendiger Charakteristik, angepasst hat Besonders wertvoll an dieser Neuausgabe ist das Nachwort von Erich L o e w e nfbal, einem ausgezeichneten jüngeren Heine- Forscher (der auch die auf das Werk bezugnehmende Korrespondenz übersichtlich zusammenstellt bat): es gibt ungemein lehrreichen Auf-;chluss über Entstehung/Quellenmaterial und Bedeutung dieser ,.ersten "Ghettoerzählung in deutscher Sprache", die man zugleich — neben der späten Lyrik des ..Romanzero — als Heines eindringlichstes dichterisches Bekenntnis zum Judentum ansprechen darf. Man hatte bisher allgemein angenommen da~s das Manuskript der Fortsetzung des ..Rabbi ven Bacherach" bei einem Brande im Hause von Heines Mutter vernichtet worden sei. Ent^ec'M dieser (übrigens auch durch eine briefliche Aeusserung des Dichters -gestützten) Annahme weiss der Herausgeber es glaubhaft zu machen, das» die Vollendung des Torso1aus inneren Gründen unterblieben wäre: d'e Abkehr vom Judentum, an das auch die Berliner jüdischen Freunde Moses Moser und Leopold Zunz den ans der Knie ins Weile hinausslrebemlen Dichter picht me'tr zu fef-seln vermochten, und das er dann auch ausser]ich — durch die Taufe — im Stich lies', habe ihn dem jüdisch gedachten, an einem Sede?- abeud des Jahres 1 8*24 konzipierten Werke mehr und mehr entfremdet. Mag diese. Vermutung zutreffen, so bliebe freilich immer noch zu erwägen, dass Meine, als das jüdische Bewußtsein während der letzten zehn Pariser Jahre in ihm erneut zum Durchbruch kam. sich des einst mit unendlicher Liebe ergriffenen Stoffes wieder bemächtigen und die Erzählung nach den in seinem Besitz befindlichen Notizen und Exzerpten hätte zu Ende führen können. Vielleicht wäre dann wirklich das grosse, von ihm' ursprünglich beabsichtigte mitteialterlic.be Sittengemälde entstanden, das der Herausgeber auf Grund der Vorstudien des Dichters geschickt rekonstruiert und das allerdings viel tiefere Hintergründe und viel reichere Per-. spektiven eröffnet hätte, als sie das eilig angehängte Schlusskapitel des Fragments auch nur ahnen lässt.- Dr. Hugo Lachmanski. Ludw. Strauss: Kleine Nachtwachen. Bücherei des Schocken-Verlags, Berlin 1937. Unter den jüdischen Dichtern, die aus dem deutschen Kulturkreis hervorgegangen sind, überrascht Ludwig Strauss immer aufs neue. Dozent für die Literatur des Landes, in dem er gross geworden war. geht er als Vierzigjähriger nach Palästina und besingt Erez Israel in Versen, deren grosszügige Landschaftsschau und hymnische Sprache ihn sein Liebtingsdichter gelehrt .hat.'.Er. dichtet drüben Märchen, die dem Kunstmärchen der Romantik verpflichtet sind („Die Zauberdrachenschnur''. Scbocken-Bücherei Nr. 69). aber da er an bestimmte Kinder des jüdischen Landes als Zuhörer denkt, werden sie zu wurzelhaften jüdischen Volksmärchen (ohne jüdische Thematik!). Als hervorragender Narbdichter aus dem Jiddischen schenkt er uns ejne Auswahl aus den Kostbarkeiten des Perez. Aber die literarische Brotarbeit befriedig! ihn ebensowenig wie das Leben als Literat im Heiligen Lande." Er macht mit der Gemeinschaft Emst und geht in eine gemeinsam bewirtschaftete Arbeitersiedlung am Südwestrand der Ebene Jesreel: Ein ganzer Kerl! Und so tritt er uns in diesen ..Sprüchen in Versen" entgegen, die während der Unruhen des. Jahres 1936 in Jerusalem und im Kibbuz Hasorea entstanden sind. Es sind Gelegenheitsdichtungen, in der Form weniger streng als in seinem lyrischen Hauptwerk ..Die Nachtwache", aber gerade darum sind diese „Kleine n Nachtwachen" ein besonders geeigneter Zugang zu seinem dichterischen Gesamtwerk. Unter Lebensgefahr ist er einer Ironie mächtig, die weit entfernt von tändelndem Spiel alle Merkmale männlicher Ueberlegenheit trägt. Er fasst se;n Wächterami in Kibbuz nicht led'glich als Schützer der Seinen vor dem feindlichen Araber auf. sondern sein Denken umt'asst den ganzen Aufbau des Landes. Er wird zum Mahner auch der. Juden Palästinas und der Welt, der prophetischen Sendung se'nes Dichtertums eingedenk. Aus grimmen Humor wächst tiefe Betrachtung, aus jüdischer Landschaft eine 'Veitschau über das V/alten der Zeit. L.W. Franz Molnar: Der grüne Husar. Hc.b?rt Rcichner Verlag, Wien, 1937. Als Chorusgirl im Kostüm eines grünen Husaren in einem Budapester Theater aufzutreten, ist der Gipfel einer Laufbahn, deren vorangehende Station eine finstere ungarische Provinzbar bildet. Die kleine Annie ist ein Luderchen, wenn man ein höfliches Diminutiv verwenden will, aber so bis zur äussersten Haarspitze mit Leben geladen, dass sie es gleichgültig fortwirft, als ein plötzlich begehrter Mann zwar ihr Gefühl erwidert, aber unerfüllt lässt, obwohl es auch ihn ganz dicht an den Abgrund reisst. Dieser Vollweibebentyp ist in der Literatur unserer Zeit sonst kaum noch zu finden, und die seelische Atmosphäre bleibt im Halbdunkel, das Molnar gar nicht vollkommen aufhellen will Wie ein" Zauberkünstler auf der Bühne zeigt er seinen Gegenstand, lässt ihn verschwinden, noch einmal in seiner Meisterhand aufleuchten — und ganz schnell fällt der Vorhang. Der Gegenstand war, im Rückblick, fast gleichgültig, die Meisterhand alles. E. E. Victoria Wolf: Drei Tage. Humanitas Verlag, Zürich 1937. Es sind wirklich nur drei Tage und drei Menschen, die sich während der kurzen Spanne in Verwirrung und Leidenschaft verstricken, in Klarheit einander finden, sieb scheiden und zu sich selbst heimkehren. Am nobelsten, am klarsten der grosse Chirurg, dem sich in der wirklich entscheidenden Stunde die sehr menschliche Versuchung überhaupt nicht mehr nähert: sein Können einmal nicht bis zur letzten Hingabe einzusetzen, ein fremdes Leben. erlöschen zu lassen, um dem eigenen Leben die geliebte Frau zu erhalten. Es ist die grosse Seite Ii Gabe Victoria Wolfs, dieses kitschdrohende Thema auf so hoher Ebene zu behandeln, in der Darstellung ihrer Menschen, in der Schilderung auch des scheinbar Nebensächlichen so sehr wirkliches Leben zu schaffen, dass die drohende Gefahr völlig gebannt bleibt. Nicht Sensation findet der Leser, sondern Erschütterung. E, E. Rabbi Akiba Eger-Gedenk-Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin Anlässlich des 100. Todestages des Posier Oberrabbiuers Akiba Eger veranstaltet das Berliner Jüdische Museum eine Ausstellung, deren ausgezeichnete Organisation Rahel Wischnilzer- Bernstein zu verdanken ist. Die Ausstellung wurde Montag abend eröffnet. Beim Schein des Cbanukkaleuchters sprachen u. a. Dr. Rahel Wischnitzer - Bernstein und Direktor Heinrich Stahl. Die eigentliche Gedächtnisrede für Akiba Eger. den grossen Talmudjuden und den menschlichen Berater der damaligen Judenheit, hielt Rabbiner Dr. Altmann (Berlin). Er schilderte temperamentvoll und warm die Bedeutimg des Forschers, des ..letzten Gnons". der in Wort und Schrift die Juden seiner Zeit zu bewu-:siem Judentum führte. Im Namen der Jüdischen Gemeinde wurde Rahel Wischnitzer- Bernstein für die grossen Verdienste um die Akibaffeue Akiba- Trinkgefäss in Form eines Hirsches aus Silber Geschenk Akiba Egers an seinen Enkel Hirsch David Eger. (Leihgabe P-echisanwalt Bruno Kley}}.) Fot.HediSvhi'ff Organisafion der Abrabauel- und Eger-Ausstellung die neu gescl Eger-Gedenkmedaille überreicht. Ks ist eine ebenso umfangreiche wie intere^anie Schau, die man durchwandert. Akiba Eeers Name u„d Schaffen ist verknüpft ™n dpn den Juden vertrauten Plätzen im Osten. Denn von Märkisch-Friedbmd. wo er geboren ist (die Ausstellung zeigt die 1772 datierte hölzerne Beschneidungsbank mit den köstlichen Silbers'ickereien auf der gepolsterten Lehne aus' dem Geburtsstädtchen), ging der Weg des gelehrten Mannes nach Lissa und nach Posen. Dort waren die jüdischen Familien stets büdungszugewandl, für Musik, Literatur und Bildende Kunst interessiert. Wenn wir die Räume mit den vielen Erinnerungen an Akiba Eger durchwandern, begegnen wir nicht nur den ganz persönlichen Dokumenten, vielen, vielen Porträts in Oel, als Radierung oder Kupferstich, ja sogar in Pelit-point-Stickerei, sondern auch die Menschen seiner Umwelt treten lebendig vor unser geistiges Auge. Rahel Wischnitzer-Bernstein hat ein? der vielen Abts-*; (ungen ..Wandlungen in Gemeinwesen, Gottesdienst. Geisieshaltung und Erziehung" betitelt. Dn sieht man unter anderem den Kupferstich mit dem Napoleonischen Sanhedrin in Paris 1807. Damame Denisrtrait hat jene Tagung der ..Israeliten des französischen Imperiums und des Königreichs Italien'* festgehalten. Oder Abraham Furado (1756 bis 1817), ein prominentes Mitglied des Sanhedrin in Bordeaux, Isaac Raphael Finzi, den Oberrabbiner von Padua, Vizepräsidenten des Sanhedrin. und nicht zuletzt Louis Eger, den Rabbiner, porträtiert in Nancy. Ganz besonders reizvoll die Aquarellminiaturen von Salonion Pinhas, die die Mitglieder de« Westfälischen Konsistoriums in Kassel darstellen (180S bis 1813), ganz biedermeierisch, ausschauende Herren aus Eschwege, Kassel, Warburg. Ein Wort gilt in dieser Ausstellung den Frauen um Akiba Eger. Sie haben wie jene Malchen Bendix, verehelichte Schwerin (so benennt sie der instruktive Katalog!) das Porträt von dem Posener Oberrabbiner gestickt. . Das war um 1840, da man mit Wolle und Seide und mit Goldperlen auf Stramin Pelit-point-Arbeiten machte. Das Bildnis der hübschen Stickerin (Besitz Alma Hirschfeld, Berlin) ist ein echtes Biedermeierbild wie das Oelgemälde der Schwester Samuel Egers. der Kusine .Akiba Egers. Jeanette Schönchen Sieskind lebte von Die jüdische Volksliteratur / Leo Rein 3. Fortsetzung Beliebi waren in dieser Zeit auch, die Zusätze und Ausschmückungen. Abschweifungen und Geschichtsklitterungen, die eiu Thema. wrie man scherzhaft zu sagen pflegt, bis zut ..Erschaffung der Welt" zurückführen. So geschieht es in einer Ueberseizung der Ester-Rolle, die den hebräischen Text, die Uebersetzung. Auslegung und Deutung sowie Zusätze enthielt, die aus gottesdienstlichen Vorträgen stammten. Da wird etwa von dem Thron des Königs Ahasveros gesprochen, aber sogleich hinzugefügt, dass es eigentlich nicht der Throu des Ahasveros. sondern derjenige Salomos gewesen sei, den Hiram, 3er König von Tyrus, hatte anfertigen lassen. Und nun folgt eine mystisch anmutende Schilderung dieses Throns, die an chaldäiscb-babylonische Bildwerke erinnert und zugleich die Macht des Sagenkreises um König Salomo belegt: Auf jeder Stufe des Thrones sassen Grosstiere und Fabeltiere. Löwen und Leoparden, Adler, Bären und Stiere. Betrat der König Salomo eine Stufe, so hoben die Tiere ihm die Tatzen entgegen und stützten ihn . . . Des weiteren leitet dieser Thronstuhl den Verfasser auf andere Stühle, auf die Stühle des Synhedrions usw., bis er schliesslich doch noch zu seinem Thema zurückfindet. Die weltliterarische Wanderung gewisser Motive wird durch einige berühmte Fabeln bezeugt, die sich auch in dieser Literatur finden. So die Sage von der tieftrauernden und doch treulosen „Witwe von Ephesos"; sie wird im grossen Maassebuch als Beispiel für den „Jezer hara", den „bösen Trieb" und die Leidenschall angeführt. Sowohl Maassebuch wie ..Zeena Ureena" enthalten das Motiv vom Prokrustesbett; hier wird es nach Sodom verpflanzt. Die Leute von Sodorn waren übermütig, weil sie viel Silber und Gold besassen. Daher zerstörten oder sperrten sie die Strassen, die zur Stadt führten, denn sie «lachten, die Fremden kämen nur, um ihnen das Gold und Silber zu nehmen. Sie gaben sonderbare Antworten und machten sonderbare Gesetze. Wenn einer über eine Brücke fuhr, so musste er einen Goldgnlden zahlen: fuhr er aber durch das Wasser daueben, so musste er acht Goldguiden entrichten. Wenn jemand die Frau seines Freundes oder Nächsten geschlagen hatte, so dass sie vorzeitig gebar, musste er sie beiraten. Wenn jemand geschlagen wurde, so musste er dafür, weil er wie beim Barbier Blut gelassen hatte, noch bezahlen. Die Sünde des Ehebruches wurde bei ihnen für nichts geachtet. Für die Gäste, die dennoch kamen, hatten sie ein bestimmtes Bett; wenn der Gast länger war als das Bett, hieben sie ihm die Füsse ab: war er kürzer, so dehnten und reckten sie seine Glieder solange, bis er hineinpasste. Es trug sich aber zu. dass Elieser, der Knecht Abrahams, nach Sodom kam. Nach ihrer Sitte schlugen sie ihm eine Wunde, dass Blut von ihm ging. Als er zum Richter ging, verurteilte ihn dieser, für die Wunde zu bezahlen. Da nahm Elieser einen grossen Stein und warf ihn dem Richter ins Gesicht, so dass er eine greuliche Wunde bekam und heftig blutete. Da sprach Elieser: Nun bezahle mir für die Wunde, die ich dir gemacht habe, so will ich den bezahlen, der sie mir gemacht hat. Auch an das berüchtigte Bett führten sie ihn. Er aber sagte: er hätte, seit seine Gebieterin Sara gestorben, das Gelübde getan, in keinem Bette zu schlafen, und entging so dem Verhängnis. Ein anderes berühmtes Motiv findet sich im Buche von der „Seelenfreude"; es ist dem vielverbreiteten Buche „Prinz und Derwisch" des spanisch-jüdischen Dichters Ibn Chisdai entnommen. Von diesem Buche aus ist das Motiv wohl in jene italienischen Novellen-Sammlungen gekommen, die Shakespeare so gern zu benutzen pflegte; wir finden es, ganz ähnlich, in der Rahmenhandlung der ..Zähmung der Widerspenstigen" wieder. In einem nicht näher angedeuteten . Land nimmt man keinen vornehmen Mann zum König, sondern sendet Reiter aus. die einen möglichst zerlumpten Bettler einfangen müssen: Man flösst ihm einen Schlaftrunk ein, legt ihn in ein königliches Bett, zieht ihm beim Erwachen königliche Kleider an. kurz, behandelt ihn wie einen wirklichen König. Drei Jahre iang lässt man ihn regieren; der Bettler gerät allmählich in den Wahn, sein voriges Leben sei ein Traum gewesen. Nach Ablauf von drei Jahren gibt man ihm wieder einen Schlaftrunk ein, legt ihm seine wohlaufbewahrten Bettlerkleider an und setzt ihn auf der Landstrasse, an derselben Stelle, von der man ihn geholt, aus. Nun weiss er, dass er geträumt hat, König gewesen zu sein. Dieses Spiel wiederholt sich, bis man doch einmal an einen klugen Bettler gerät, der sich der Wirklichkeit seiner vorherigen Bettlerschaft sehr wohl bewusst ist und ein wenig vorsorgt. Er fragt einen Diener, was ihm geschehen werde; der antwortet ihm ehrlich, wofür er durch eine hohe Stellung belohnt wird. Der einstige Bettler sendet zur passenden Zeit an die Stelle, wo er aufgefunden wmrde, Pferde und Wagen, Dienerschaft und Schätze, fährt damit, als es so w^eit ist, in seine Heimat und wird dort noch ein angesehener Mann. Die Moral der Geschichte lautet natürlich; der Mensch soll seines bescheidenen Ursprungs eingedenk sein. So barg diese Literatur wertvollen Inhalt in anspruchsloser, oft unscheinbarer Hülle. Und was bedeuten heute alle diese Sagenstoffe? Sie sind zunächst wohl Gegenstand der Sagenforschung; darüber hinaus aber bilden sie ein bedeutendes dichterisches Rohmaterial, das der erneuten dichterischen Ausdeutung und Bearbeitung in grossem Stile wartet und würdig ist. VII. Die letzten jüdischen Spielleute Während Geist und Richtung der Werke, die im 16. und 17. Jahrhundert in so reicher Fülle, in Neudrucken auch noch im 18. Jahrhundert herauskamen,.etwa bis zur Mitte, teilweise auch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wirksam blieben, hatte sich ein kleiner Rest der jüdischen Spielleute doch in die Zukunft und in ein kleines Rückzugsgebiet, gerettet, in dem sie sich betätigen konnten, in dem ihre Tätigkeit als angenehm, ja, zu Zeiten als notwendig empfunden wurde: es war das Gebiet der Gelegenbeits-. Fest-, Hochzeits- und Purim-Dichtung. Unter ihnen sind die Nachfolger der mittelalterlichen ..Narren", die auch im jüdischen Raum eine Rolle spielten: die „Lezirn" (auch Lizon oder Spötter genannt), die manchmal Musikanten, manchmal Schwanke- und Witzeerzähler waren; es war in Böhmen der ..Marschalek" oder ,.Maschalik", dessen Namen die einen von „Maschal" — Gleichnis, die anderen von dem Worte „Schalk" herleiten; es war, gleichfalls wohl mehr im Osten, eine Gruppe Wandernder, die sich „fröhliche Juden" nannte. Sie alle haben immerhin Spuren hinterlassen; und wenn ihre Poesie auch nur minderen Ranges ist, oft nur in Rhythmus und Reim gegossene Volkskunde darstellt: sie gewinnen an kulturhistorischem und menschlichem Auteil, was sie an literarischem Interesse verlieren. Auch die Tradition des ernsten Spielmanns muss noch nachgewirkt haben; Lieder aus Anlass ^historischer, meist trauriger Ereignisse entstanden, so die ,.Megillat Vinfz,', nach dem Frankfurter Aufstand gegen die Juden (1616). Auch das tiefernste ..Totenlied", das R. Jakob Elijahn Teplitz sang, erinnert noch an die. spielmänpischjüdisebe Tradition: Wir wollen zu singen heben an, Wie es zum Letzten wird ergahn, Wenn wir w-erden von hinnen scheiden, Weib und Kind und Maiden Auch dazu — müssen den bittern Tod leiden. Ein Mensch, ein Mensch, was hast du dafür? Du läufst und rennst, was soll es dir? Wenn du schon wärst der ailerstärks'e Held Und hast.all das Geld — Doch musst du geh'n in jeue Welt. Pfui und pfach all dein Geld und Gut: Was helfet dir dein Uebermut? Von Haus und Hof musst du doch geh'n, Dein Silber und dein Gold musst du lassen steh'n. Du nimmst" mit dir ein Säckel Erd' und nichts mehr!