Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 45 (11.11.1937)
- Date
- 1937-11-11
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 20 C.-V.-Zeitung Nr. 45 * IT. November 1937 Die Lage in Polen Noch immer ist es im Hochschulkonflikt zu keiner Entscheidung gekommen. Die Fronten beginnen sich jedoch deutlicher abzuzeichnen, und der Kreis derer, die in diesen Ereignissen ein Symptom für die Verwilderung des Geistes unter 'der Jugend sehen, erweitert sich iägüch. So hat der Senat der Universität Lemberg dem Rücktrittsgesuch des Rektors Kulczynsk'i nicht stattgegeben. Zahlreiche Professoren haben in einem Brief an den Rektor, den als erster der frühere Ministerpräsident Polens, Professor Bartel, unterschrieben hat. ihrer" Solidarität Ausdruck verliehen. In diesem Brief heisst es u. a.: „Zur Zeit, wo die im Widerspruch mit den verpflichtenden Prinzipien der Moral und Würde stehenden Erscheinungen immer zahlreicher werden, ist die Stimme Euerer Magnifizenz, die sich nicht nur der Anarchisierung unseres Lebens widersetzt sondern auch fordert, die Urheber und die Teilnehmer an diesen Missetaten zur "Verantwortung zu ziehen, ein ernster und würdiger Beitrag zur Verteidigung der immer mehr bedrohten Kultur des öffentlichen Lebens in Polen/' Änlass zu dem Rücktritt des Rektors, den wir bereits gemeldet haben, gaben die Demonstrationen der nationaldemokratischen Studenten am 3. November, am „Tag ohne Juden". Hierbei kam es zu zahlreichen Exzessen. Jüdische Studenten wurden am Betreten der Universitätsgebäude verhindert und schwer misshandelt. Die Demonstranten zogen auch vor die Wohnung des Rektors, der mit seiner Frau am Krankenbett seines Kindes war. In der entstehenden Aufregung erlitt die im gleichen Hause wohnende Gattin des Universitätsprofessors L o r i a einen Herzschlag. Diese Vorgänge veranlassten einen Brief von Frau Kuiezynska, der Gattin des Rektors. „An die polnischen Mütter". Er hat ein starkes Echo gefunden. So sehreibt die polnische Schriftstellerin Haiina Görska u. a., sie begreife die Verzweiflung und den Zorn der Frau Kuczynska, aber ihr Schmerz mache nicht in den Räumen eines Gelebrtenhauses halt, sondern er erstrecke sich auf alle jüdischen Mütter, die am Morgen nicht wüssten. ob ihre zu den Vorlesungen eilenden Kinder am Abend gesund und nicht geistig besudelt -und seelisch zerbrochen heimkehrten. Sie fühle auch mit jenen polnischen Müttern, deren Söhne systematisch mit Has3 vergiftet würden. In ähnlichem Sinne haben sich andere Frauen geäussert. - Zu den tatsächlichen Zuständen ist folgendes zu bemerken. Geschlossen sind die Hochschulen in Warschau und Lemberg. Auch die Universität Lemberg hat die Vorlesungen unterbrochen. Dort wurden die judenfeindlichen Anschläge entfernt und. die Studenten aufgefordert, in einer Abstimmung binnen vier Tagen .zu erklären, ob sie mit den Juden, mit den Nationaldemokrater oder getrennt von beiden zu sitzen wünschen. Die jüdischen Studenten haben es abgelehnt, sich an dieser Abstimmung zu beteiligen. Interessant ist, dass auch eine ukrainische Studentengruppe sich gegen die Ghettobänke ausgesprochen hat, und dass die Nationaldemokraten die Anordnung des Rektors als einen Sieg gegenüber den Ukrainern und Juden bezeichnen. Die Unruhen haben nun auch auf Posen übergegriffen. . Als Symptom für die Haltung der Regierung sei vermerkt, dass aus Anlaes der Feierlichkeiten der polnischen Unabhängigkeit am 11. November sämtliche Jugendverbände des ganzen Landes ohne Unterschied ihrer politischen Einstellung aufgefordert wurden, mit der Armee zur Parade aufzumarschieren und so ihre Verbundenheit mit dem Heer zu zeigen. Die jüdischen Jugendorganisationen haben eine solche Einladung nicht erhalten. Die Abgeordnete Frau P r y s t o r, die Initiatorin des in Polen geltenden Schlachtgesetzee, das bereits in seiner jetzigen Fassung*die ortho- .doxe jüdische Bevölkerung vor die grössten Schwierigkeiten stellt, hat mit anderen Abgeordneten für die neue Session des Sejm einen Antrag auf vollständiges Schächtverbot eingebracht. Begründet wird diese Forderung damit, dass die bisherige Kontingentierung den Fleischhandel geschädigt habe. Hierüber und über Massnahmen, die ein eigenes jüdisches Winterhilfswerk in die Wege leiten solV treten die grösseren jüdischen Gemeinden in diesen Tagen zu einer Beratung zusammen. Das jüdische Wirtschaftskomitee hat den Behörden bereits eine Denkschrift überreicht, in der darauf hingewiesen wird, dass die ungenügende Berücksichtigung notleidenden Juden durch das allgemeine Winterhilf swerk in krassem Missverhäitnis zu den bedeutenden Leistungen der jüdischen Bevölkerung für die Winterbilfsaktion stehe. Or. Zwei Reden In einem feierlichen Akt wurde Lord Rothschild, dem Neffen des Adressaten der Bal- 'our-Deklaration, ein Diplom über die Eintragung der Deklaration in das Goldene Buch des Jüdischen Nationnlfonds übergeben. Bei dieser Gelegenheit hielt das Mitglied der Exekutive der Jewish Agency. ' Professor Seiig Brodetsky. eine Rede, in der er seiner Ueberzeugung Ausdruck' gab, dass die nächsten beiden Jahrzehnte die Staatsgesinnung in Israel stärken und ein grösseres Mass jüdischer Freiheit bringen würden, einer Freiheit, die mit der Bekämpfung oder Verletzung anderer nicht verbunden sein werde. Die Balfour-Deklaration sei nicht ein Denkmal von vor zwanzig Jahren, sondern eine Wirklichkeit. Vielleicht würden andere Dokumente unter dem Gesichts-. punkt praktischer Politik an ihre Stelle oder an die des Mandates treten, aber in der Geschichte werde sie als der Ansporn zu der Entwicklung Palästinas in den letzten,beiden Jah- -en erhalten bleiben. Auch ein anderes Mitglied der Exekutive der •Jewish Agency, Dr. Maurice J. Karpf, der die amerikanischen Nichtzionisten in der Exekutive vertritt, hat eine grundsätzliche Rede über das Palästina-Problem gehalten. Zu Beginn seiner Ausführungen, die er auf der Reichskonferenz für Middle West des National Coucil of Federations and Weifare Funds machte, gedachte er der Arbeit Felix Warburgs für die Juden aller Länder. Er unterzog dann die Stellungnahme sowohl der Zionisten wie der Nichtzionisten zum Teilungsplan einer eingehenden Analyse. Für die Zionisten sei meist die Ueberlegung massgebend, dass im Falle einer Ablehnung eine nicht wiederkehrende Gelegenheit versäumt würde. Das jetzige Angebot könne in einem späteren Zeitpunkt zurückgezogen oder verkleinert werden. Sie wissen, dass England sich vor allem durch seine imperialistischen Interessen leiten lassen werde. Auch materielle Ueberlegungen seien für den Entschluss der meisten Zionisten, den Teilungsplan zu bejahen, massgeblich. Die Argumente der Teilungsgegner gehen von der Befürchtung aus, dass der geplante jüdische Staat wirtschaftlich und politisch ungesund wäre. Andere Teilungsgegner verlangen das ganze Palästina und wenden sich gegen Zugestand-- nisse. Diesen Meinungen gegenüber erläuterte Dr. Karpf die Stellungnahme der amerikanischen Nichtzionisten, die mit einer einzigen Ausnahme ebenso wie manche Nichtzionisten ans England und Deutschland gegen den Teilungsplan' seien. Einige von ihnen bezeichneten sich als grundsätzliche Gegner eines Judenstaates. Sie seien in die Agency eingetreten, weil sie an dem Aufbau Palästinas als Zufluchtsstätte und kulturelles Zentrum mitarbeiten .wollten. Das Problem des Judenstaates komme für sie überraschend. Sie meinten auch die Erklärung der Königlichen Kommission, dass Juden und Araber nicht zusammenleben könnten, müsse abgelehnt werden. Die Juden seien treue, die Gesetze achtende Bürger, und nur Uebernatio nalisten riefen Unruhe und Schwierigkeiten hervor. Dr. Karpf führte dann weiter sehr wesentliche wirtschaftliche, bevölkerungspolitische, militärische und allgemeinpolitische Argumente an. die ihm in Uebereinstimmung mit der Meinung der meisten amerikanischen Nichtzionisten die Ablehnung der Teilung erforderlich zu machen schienen. Abschliessend schilderte er den Kampf der amerikanischen Nichtzionisten auf der letzten Tagung der Jewish Agency, in dem sie vor der Welt die Bereit-, schaft der Juden bekundet hätten, zu einer Verständigung mit den Arabern zu gelangen. -^^^MgmH^WanaMHm Bleich -^JL „ *- ~ - * "5*=: ~* £■ \ ^-y-"^-^- * i- - _ _ Ziele jüdischer Gegenwartswanderung. In unserem Bericht über die Vortragsveranstaltung in Nr. 44 vom 4. November haben sich zu unserem Bedauern Fehler eingeschlichen. So hat u. a. Dr. Bamberger nicht von einem ständigen Ueberwiegen der aschkenasischen Juden und nicht von einer Einwanderung sefardischer Juden nach der Vertreibung aus Spanien nach Südamerika gesprochen. T*'? S'' ALTEN B URG FRANKFURT a. M. LEIPZIG WITTEN ad. Ruhr lautes NL11 UM] Immer iührend j l^lliMIHsl <;fi§§p Alsberg & Blank Textil-Kaumaus FAHRGASSE VW \/fc^*3t, J A. D. SONST ABL.-VACHE. VJ^ä?'^ ANNABERG HALLE a. 5. .KON GS ^J&-* ^^ÄMeft Sie durch eine Anzeige im Stellenmarkt der C.-V.-Zeitung. 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