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Central-Verein-Zeitung · 1937-11-11 · 45 (11.11.1937) · page 3

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
45 (11.11.1937)
Date
1937-11-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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<*Uu ANTWORTEN AUF IN E RUNDFRAGE Seite 3 11. November 1937 Nr. 45 1. Beiblaff &s*y G-V.-Zeifung Alfred Auerbach „Der schöpferische Augenblick" — ich will ihn nicht mit Gedanken eintasten, ich will ihn feiern, den Augenblick der künstlerischen Begnadung! Du, künstlerisch schöpferischer Mensch, du bist ein Instrument, bereit zur Schwingung. Du kannst nicht selber auf dir spielen, wenn du spielen sollst* „Es" spielt auf dir, „es** das Geheimnis aus den Ferien, Ahnung, du bist der Detektor, den die Klänge wecken, sie suchen dich im Traum, im Tageslärm, in dem Tumult der Sorgen, irgendwo und irgendwann, du kannst die Zeit nicht bestimmen... Wenn die Schwingung aus geheimnisvollen Weiten dich erreicht, klingst du! Verstand setzt seine Brille auf und fragt:' ..Woher, warum, wieso/* Er wird umsonst auf Antwort warten. Redseligkeit umschwatzt das kosmische Geheimnis und erzählt vom „göttlichen Funken" und von der „Muse, sich naht..." Grotesker noch die Weisheit die der künstlerische Erzieher zu hören bekommt, wenn von dem .«schöpferischen Augenblick" gesprochen wird. Sie lautet: „Mit Fleiss und Energie wird man ihn auch erreichen können". Als ob man den schöpferischen Augenblick mit Belehrung herunterholen könnte. Als ob Studium und Systematik an ihn heranführen könnte. Reich musst du sein, schöpferischer Mensch an Können und an Wissen und Erleben — du Bereitschaftsinstrument — reich musst du sein und dennoch ... der Augenblick, er kann an dir vorüberziehn; Warum*? Das ist sein Geheimnis! Anekdoten umlagern die Frage nach dem richtigen Moment. Wieviele Geschichtchen werden da berichtet Man erzählt: den da, den sucht der rechte Augenblick nur auf, wenn er in feierlichem Aufzug auf ihn harrt, den andern besucht er gewohnheitsmässig im tabakerfüllten Raum, und jenen wieder im Taumel des Alkohols. Psychologie und Psychoanalyse spüren dem Moment gelehrt und emsig nach und suchen ihn in Schichten des Bewusstseins, oben, unten, in der Mitte, und im Kurzschluss durch Kontakt Doch er bleibt Geheimnis, und wir haben Kunst so lange nur. als er Geheimnis. Man beliebt Unterschiede zu machen zwischen .«reproduktiver" und produktiver Kunst Wie oberflächlich.' Aueh im sogenannten .,Nachscbafren*" muss der schöpferische Augenblick sich offenbaren, sonst bleibt nur die Virtuosität Artistik, technisches Phänomen! Man beachte doch, wie im Film, im Grammophon die Weihe "dieses letzten „Augenblicks", Grundstock einer jüdischen Bibliothek Von Dr, Werner Cahnmaisn (München) Ich habe einen neuen Beruf. Ich bin Bücherberater — eine ebenso ehrenvolle wie unerträgliche Beschäftigung. Es hat sich herumgesprochen, dass ich Rezensent für die G.-V.-Zeitung bin. und da man anseheinend von der Ansicht ausgeht, dass ein Kritiker die rezensierten Bücher auch liest und dass er überdies ein aligemein bücherkundiger Mann sein muss, so kommt es, dass ich "im Lauf der Zeit eine stattliche Reihe von Konsultationen hinter mich gebracht habe. Und das. ist recht so. Ein Jude soll fragen — nicht nur in der Sedernacbt — und abgegesehen vom rosebo, dem uninteressierten Bösewicht der Haggada, dem man „die Zahne stumpf machen" soll, muss man für alle Arten von Fragern eine Antwort bereit halten, die jedem in seiner Art einen Zugang zum Verständnis eröffnet und ihm von da aus auf seinem Weg weiter hilft Die häufigste und für den gegenwärtigen Zeitabschnitt am meisten kennzeichnende Fragerkategorie ist diejenige, die ihre Frage mit „eigentlich sollte ieh" einleitet, dann aber sofort hinzufügt, dass die Not des äusseren Lebens zu drückend sei, um die Kraft zur Konzentration frei zu machen, dass man abends nach getanem Tagewerk zu müde sei. um sich zu geistiger Tätigkeit aufzuraffen, und dass es schlechthin an Zeit zu allein fehle, was über . Ort und Stunde hinausreiche. Diese Menschen verlangen nach leichter Kost, lach konzentrischer oder konkreter Darstellung. Dem Wunsch nach Unterrichtung müssen knappe Nachschlagewerke wie das Philo-Lexikon, das Philo-Zitaten-Lexikon das Geschehnis der I mm enviederoffenbarartg fehlt — statt dessen die Erstarrung der letzten Feingeheimnisse in der Zubereitung für die Maschine. Du aber, du Poet, dem die Sendung vcard, geweckt vom Moment, von diesem unberechenbaren Augenblick, mit deinen Werten, deinen Worten die zu bewegen, die Beweglichkeit der Seele haben, du schwingst ihnen die Gabe zu, Ahnungen aus Fernen. Du, der du Ehrfurcht hast vor der Weihe dieser Offenbarung, vor dem Geheimnis, das kein Glockenzeichen ruft, kein Signal und auch nicht die Apparatur,, du Poet, der nicht dasitzt, dasteht vor denen, die da harren mit dem Anrecht der Bezahhmg auf den schöpferischen Augenblick. ■— Du Poet, der warten kann und soll, bis der Moment sich kündet in der Stille, in dem Lärm, im Dunkel wie im Bangen des Geschehens — irgendwie, irgendwoher, du, dem das Glück der reinen, heiligen Erwartung wurde, wahre dir dein Recht, Erwählter da, das Recht des „schöpferischen Augenblicks". Gerson Stern Es besitzt für einen Schriftsteller wie für jeden Freischaffenden einen besonderen Reiz, aufgefordert zu werden, sich über den schöpferischen Augenblick zu äussern. Fast ist es so, dass er gezwungen wird, sich seinen leizten — hierunter das Letzte des Möglichen verstanden — Erregungen und Bewegungen gegenüberzustellen. Es fällt zunächst auf, dass vom schöpferischen Augenblick gesprochen wird. Ein Augenblick also, kein Zustand, eine Tatsache, kein Begriff. Was empfindet, der Künstler „nach geschehener Tat" als den schöpferischen Augenblick? Was geschah? Es können sich die Fragen einschieben: Was ist schöpferisch? und Wer ist schöpferisch? Wir dürfen nicht annehmen, dass dies stets feststehende Begriffe waren. Es sagt uns nicht zu, den Satz hinzusetzen: Schöpferisch ist allein das Genie, wenn hiermit nicht ausgedrückt werden solt dass im schöpferischen Augenblick das Genialische durchbricht. Er erhebt den Prozess in das Genialische hinein. — Wir wehren uns auch dagegen, Fantasie mit der schöpferischen Kraft an sich gleichzusetzen. Wir glauben vielmehr, dass diese heraustritt aus den tiefsten, unserem Bewusstsein entzogenen Gründen unseres Seins, das heisst also, dass sie hinausgeht über Kombination und Fantasie, und dass nicht der Verstand sie begrenzt Denn der schöpferische Augenblick ist nicht die Kristallisation gehegten Fühlens und Wägens oder einer oder das Buch von Wischniizer „Die Juden in der Welt" genügen. Darüber hinaus bieten die kleinen Büchereien des Philo- Verlags und des Schocken-Verlags sowie die Lesehefte des Schocken-Verlags die Möglichkeit, mit geringen Kosten eine umfassende jüdische Bibliothek im kleinen aufzubauen. Gute Unterhaltungsliteratur dagegen, Romane, gibt es nur wenige, und das ist gewiss der Grund, warum in Gesellschaft so wenig vom jüdischen Buch die Rede ist. Denn wenn von irgendeinem Literaturzweig, dann gilt von der Romanliteratur der Satz, dass die meisten Leser — Leserinnen seien und Frauen sind ja auch die bald stillen, bald lauten Regenten der Gesellschaft- Mancher vielgelesene jüdische Schriftsteller aus dem neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert war und ist höchst aufschlussreich für die Haltung von Generationen; das wird auch der anerkennen,- der vielen dieser Schriftsteller menschliche . und jüdische Vorbildhaftigkeit nicht zugesteht Heute ist diese ganze, oft so sensationelle Literatur unter die Horizontlinie gesunken. An ihrer Stelle hat Gerson Sterns „Der Weg ohne Ende" viel Aufnahmebereitschaft gefunden und ähnlich Sorna Morgensterns „Der Sohn des verlorenen Sohnes". Ich persönlich schätze zwei Bücher der Jüdischen Buchvereinigung besonders hoch, die ich vor allem Menschen der älteren Generation immer wieder empfehle: Es ist dies Georg Hermanns „Eine Zeit stirbt" mit seiner gereiften Psychologie und Jakob Picards Novellenband aus dem Leben der alten Dorfjuden aus Süddeutschland. Eine Literaturgattung für sich haben die jüdischen Schriftsteller des Ostens geschaffen oder über den Osten, von Franzos und Mendele angefangen über Perez und Asch zu Bialik, Schneur, Agnon und manchen anderen, von denen fast alle in guten deutschen Uebersetzungen vorliegen. Neulich gab ich einer Dame in den dreissiger dieser Wesenheiten. Es ist vielmehr ein Durcabruch besonderer Begebenheiten in uns, die den schöpferischen Augenblick gebären. Man kann ruhig von einem solchen Akt sprechen. Wir könnten nunmehr sagen, schöpferisch ist uns, was uns einem gehobenen Erleben auf Grund eigener Regungen gegenüberstellt Und der ist schöpferisch, der uns hierzu befähigt Kann ein Dirigent kann ein Violinspieler, kann ein Schauspieler, kann ein Sänger schöpferisch sein? Keiner wird es bezweifeln* Er formt das in sich von Anderen Gegebene durch eigene Regung zu einem gehobenen Erleben* Es wird seine Form sein, in die er in begrenzter Möglichkeit das an sich Gegebene giesst und diese, seine Bewegung kann Anderen der ihnen notwendige Mittler sein und wird so zu einer schöpferischen Tat Beim „Empfangenden" — nicht jeder, der hört ist es — müssen wir die Fähigkeit voraussetzen, über Empiangsbereitschaft hinauszugehen. Das zu ihm Kommende muss ihn zu einem neuen Erleben erheben. Hiermit endet in ihm der Vorgang ohne eine schöpferische Auslösung. Der so Empfangende scheidet damit aus unserer Betrachtung aus. Man kann das Erleben der oben erwähnten Künstler als rezeptiv bezeichnen. Dies wül besagen, dass diese zu einer besonderen Empfänglichkeit befähigt sind, sie werden von dem gegebenen Werk in erhöhter Weise berührt Sie werden davon ergriffen und geben diesem Ergriffensein durch die Art ihrer Wiedergabe eine Weiterwirkung von ihnen Eigenem. Mit dieser Rezepiivität hat der schöpferische Augenblick des Freischaffenden nichts gemein. Ihm eignet mehr etwas Spontanes, etwas plötzlich Herausbrechendes, wenn es sich auch um ein langsam Gewordenes handelt Der schöpferische Augenblick ist hier nicht e i n Kulminationspunkt nicht e i n Höhepunkt, sondern es ist der Höhepunkt, da Gewordenes hervorbricht zu der sich vom Schöpfer lösenden, selbständigen Gestaltung. Ein Kunsthistoriker spricht von dem „fruchtbaren" Augenblick. Es ist gleichsam so, es findet eine Geburt statt Ein Neues, bislang nicht Vorhandenes tritt hervor, löst sich vom Erschaffer, um in die Welt zu gehen. Es ist ein vielleicht schon lange Genährtes, von dem der Freischaffende besessen war. Ja, es kann soweit kommen, dass der schöpferische Augenblick gleichsam die Befreiung von einem Besessensein (nicht einer Besessenheit) ist Wenn wir es ganz einfach auszudrücken versuchen, so könnten wir sagen: Der schöpferische Augenblick ist der Augenblick der Begebenheit der als der bedeutendste und für die Anschauung des Künstlers bezeichnendste besonders hervor- Jahren, die ohne jede Berührung mit lebendigem Judentum aufgewachsen war, Shmarja Levins autobiographisches Werk „Kindheit im Exil'" und^,Jügend im Aufruhr" zu lesen und ich erhielt das Eingeständnis, aus diesen Bänden habe sie, die schöne Leserin, zum ersten Male eine dichte jüdische Welt vertraut und lebenskräftig angesprochen. Ich glaube, jeder, der, von ähnlichen Voraussetzungen herkommend, dieser Spur nachfolgt, wird das gleiche Erlebnis haben. Vielleicht wird er dadurch zu einer mehr systematischen Judentumskunde angehalten, wie sie die einführenden Bücher von Leo Hirsch (,,Judentumskunde"), Manfred Swarsensky („Das jüdische Jahr") für das durchschnittliche Publikum, Moritz Zobel („Der Sabbat" und „Das Jahr des Juden"), dagegen für den, der schon höhere Ansprüche stellen wilL, darbieten. Am Ende dieses Weges steht der Siddur und der Machsor, das zweigeteilte jüdische Gebetbuch. Viel schwieriger zu beraten sind die Gebildeten unter den Verächtern einer jüdischen Geistigkeit. In dem weiten Reich des europäischen Gedankens gross geworden, sind sie von der Ueberfülle dessen, was ein Jahrhundert an Weltliteratur bot, übersättigt. Die jüdische Welt die in Wirklichkeit so gross ist wie jede andere, erscheint ihnen auf die enge Judengasse eingeschränkt, und sie fürchten, in der Hingabe an sie Wertmassstäbe zu verlieren, die sie mühsam errungen haben. Nur wo das Jüdische zugleich ein europäisches Ereignis ist sind sie bereit, sich überwältigen zu lassen. Heinrich Heine war ein solches Ereignis. Seit drei Jahrzehnten sind die Bücher von Martin Bub er, vor allem die ehassidischen Bücher wie „Die Legenden des Baalsebem", „Die Geschichten des Rabbi Nachman" „Der grosse Maggie" und seine Nachfolge", die jetzt in einem Dünndruckband vereinigt sind, und die „Reden über das Judentum" diejenige Literatur gewesen. gehoben werden muss. Wir würden bei einer solchen Darstellung aber gerade ein Wesentliches nicht zum Ausdruck bringen. Ich möchte hier Folgendes einschalten: Vor mir lag das Manuskript einer grösseren Arbeit eines Schriftstellers, Es war die Originalniederschrift. Die meisten Seiten waren in gleichmässiger Schrift geschrieben. Aber dazwischen kamen immer, wieder Seiten, wo die Hand über den Boges geflogen war. Die Schrift zeigte grosse, auseinandergezogene Buchstaben. Man sali, es wai eine Ueberstürzung. Es musst e fast gewalttätig ein Entäusserungszwang hervorgebrochen sein, der nicht schnell genug zu Worten geformt und zur Niederschrift gebracht werden kennte. Ungewollt brachte der Schriftsteller einen Bildbericht seines schöpferischen Augenblicks. Es ist begreiflich, dass dieser „Geburt" Erscheinungen vorangingen. Luigi Pirandeilo äusserte sich einmal hierüber: „Die Freude, die der Fertigstellung eines literarischen Werkes vorangeht, ist ein unbeschreibliches Glücksempfinden." Man kann sagen, dass die Liebs des Schaffenden Die Juden und das Buch (Alis Seelemcurcgarrien, Ulm 248$) ^ji^ywy»yjj OTuwyg. amy. WMMfrwa» awya.ttl!4ffiEaua» die viele gebildete, dem überlieferten Judentum entfremdete Juden wieder zu einer Ahnung jüdischen Erlebens zurückführte; in der Vorrede zu den „Geschichten des. Rabbi Nachman" steht das Tiefste und Treffendste, was zur Erfassung des jüdischen Seelengrundes gesagt worden ist. Es scheint dass diese Wirkung heute nachzulassen beginnt — vielleicht deshalb, weil es den Menschen unserer Zeit zu sehr an Ruhe und reifer Besinnlichkeit fehlt Ich habe die Beobachtung gemacht, dass junge Mädchen und Frauen weit mehr als Männer geneigt sind, in eine Welt mystischer Ergriffenheit hinabzutauchen. Die Realisten — und das sind, ja die Männer alle, wenigstens ihre- Absicht nach — greifen lieber zur Geschicbtsdarstellung. Aber gerade da hapert es gewaltig und ich bin immer in grosser Verlegenheit, wenn ich um meine Meinung gefragt werde. Der alte Graetz ist ebenso staubwie ruhmbedeckt, der zehnbändige Dubnow ein Riesenwälzer-, an den sich nur herantraut, wer viel überflüssige Zeit vor sieb sieht, Kastein und Prinz sind hymnische Erzählungen und manche knappen Zusammenfassungen wie die von Elbogen und Bernhard-Cohn sind dem Siegel eines Stenogramms zu vergleichen. Für dis Epoche der spätjüdischen Antike hält man sich immer noch am besten an die Quellenschrift, den viel umstrittenen, aber zu allen Zeiten gelesenen Flavius Josephus. In eben, diesem Jahr nun hat der Jüdische Verlag den Dubnow in einer gekürzten dreibändigen Volksausgabe herausgegeben, und diese ist für den Führer eines Bundes, der sich auf Heimabende vorbereitet, für des jüdischen Kaufmann in seinen spärlichen Mnssestunden, für die Mutter, die mit der» Schulwissen ihres Kindes Schritt haitea will, ebenso lesbar wie für d«n, der von Ranke und Jakob Burckhardi her hohe An-. sprüche an Prägnanz des Stils und Klarheit der Darstellung mitbringt. Dagegen fehlt es noch immer an Einzelmonographien zur

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