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Central-Verein-Zeitung · 1937-11-04 · 44 (4.11.1937) · page 10

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
44 (4.11.1937)
Date
1937-11-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 16 C.-V.-Zeifung Nr, U * % November 1937 Saison zu leiden hat, und dass auch in manchen Zweigen des städtischen Handels und Gewerbes die Erträge geringer geworden sind. Auf den städtischen Märkten erfolgten Preisabschläge, die grossenteüs zu Lasten des Produzenten gingen, und auch die Absatzmengen konnten, nicht immer behauptet werden, da ein Teil des Publikums sich billigen Auslandserzeugnissen zuwandte. Der jüdischen Eier- und Geflügelwirtschaft hat in letzter Zeit der neue Schutzoll eine Erleichterung gebracht. Diese Beobachtung zeigt, wo auch in den übrigen Produktionszweigen das Problem zu suchen ist. Die Einfuhrziffern beweisen, dass auch in Gemüse, Obst, Milch und Butter von einer Ueberproduktion keine Rede sein kann. Im Gegenteil. Die Agrarproduktion hatte in den letzten Jahren mit der Zunahme der konsumierenden Bevölkerung nicht Schritt gehalten. Erst der arabische Streik von 1936 brachte den entscheidenden Anstoss zu einer Produkiionserweilerung,' die eigentlich schon vorher fällig gewesen wäre. Die vergrösserle Erzeugung wurde zu angemessenen Preisen glatt Ps»! tfnratirnwelri Hyp°,hekcn-Grim<is,ücke iUSll SlUiGiHUWdHl Vermögensverwaltungen Immobilien Berlin V/8, Friedrichsir. 166. Ruf 120897 abgesetzt. Auch nach der Rückkehr ruhigerer Verhältnisse hätte die Geinischtwirtschaft eine steigende Produktion gut verkaufen können, wenn die Einwanderung wieder gestiegen wräre. Da aber die Einwanderung gering blieb, wäre es nötig gewesen, den Anteil des jüdischen Bauern an der Versorgung des Inlandsmarktes .entscheidend zu vergrössern. Die arabische und ausländische Konkurrenz machten jedoch grosse Anstrengungen, den jüdischen Markt zurückzuerobern und hatten dabei teilweise Erfolg. Die Wirkungen dieses Preiskampfes wurden für einen Teil der neueren Wirtschaften, die auf kleiner Bodenl'läche aufgebaut und daher auf Futtermittelkauf annewiesen sind, noch durch die erhebliche Verteuerung des Futterimportes erschwert. Bei gewissen Privatbetrieben, die während der Prosperity mit hohen Investitionskosten eingerichtet worden waren, machte sich eine finanzielle Anspannung bemerkbar, und auch manche genossenschaftlichen Siedlungen leiden unter dem Druck ihrer kurzfristigen Schulden, die sie in Ermangelung ausreichender langfristiger Aufbaudarlehen hatten aufnehmen müssen. ° Ehat den Anschein, als ob stellenweise die genossenschaftlichen Siedlungen — sowohl in der Kollektivform des Kibbuz wie in der mehr individualistischen Form des Moschaw Owdim — elastischer gewesen seien als die rein privatwirtschaftlichen Siedlerstellen. Aber es ist noch zu früh, und das Beobachtungsmaterial reicht noch nicht aus, um diese Eindrücke zu verallgemeinern, und Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Die Probleme der Arbeitersiedlungen, die sämtlich auf genossenschaftlicher Grundlage aufgebaut sind, wrurden dieser Tage im Landwirtschaftsrat der Histadrut eingehend erörtert Einer der Hauptredner erklärte, dass es trotz gewisser Schwierigkeiten in manchen Zweigen der Wirtschaft völlig falsch sei, von einer Krise zu sprechen. Die Produktion der Arbeitersiedlung und der Absatz der Tenuva zeige eine ständige Zunahme. Die Siedlungen, die ohne den Bodenwert ein Kapital von zusammen drei Millionen LP investiert haben, konnten im Laufe der Zeit durch produktive Wertschöpfung ein Eigenkapital von 600 000 LP akkumulieren. Die vierzig Kibbuzim, die auf der Tagung vertreten waren, erzielten im letzten Jahre per saldo einen Reingewinn von 36 000 LP. Insgesamt waren 71 Siedlungen mit einem Jahresumsatz von zusammen einer Million LP vertreten. Schwieriger ist die Lage der jungen Siedlungen, die keine ausreichende Finanzhilfe für den Aufbau finden. Die genossenschaftlichen Siedlungen haben eine besonders straffe Organisation, die ihnen in Einkauf und Vertrieb, sowie — in bescheidenem Umfang — auch bei der Kreditbeschaffung von Nutzen ist. Ein sehr wesentlicher Faktor ist schliesslich der Umstand, dass die Kibbuzim zum grossen Teil von jungen Menschen aufgebaut worden sind, welche die zum Teil unerhörten Härten der Uebergangszeit leichter ertragen konnten, die bis zur Ertragsreife der eigenen Wirtschaft nicht vom Kapital, sondern von schwerer Aussenarbeit lebten, und die auch nach Konsolidierung der Kwuza ein recht anspruchsloses Leben führen. Der durchschnittliche Lebensstandard für jedes arbeitende Vollmitglied der Kwuza beträgt gegenwärtig etwa vier LP im Monat, einschliesslich Wohnung. Kleidung, Steuern, Krankenkasse, Ernährung und Nebenausgaben. Aber mehr als ein Viertel dieser Summe entfällt auf den Unterhalt von Eltern und sonstigen Angehörigen, die von einzelnen Mitgliedern angefordert, aber von der Gesamtheit aller ernährt werden, sowie auf Erziehung, Unterricht und Wartung der Kinder, die ebenfalls aKe Genossen gemeinsam mit den Eltern der Kinder bestreiten. Mehr als ungerecht war© freilich" Hie Behauptung, dass der private Siedler unter übertriebenen Anforderungen an die Lebenshaltung leidet. Aber soweit es sich um Menschen handelt, die erst in reiferen Jahren zu Landwirten wurden, waren gewisse Umstellungsschwierigkeiten, die nun einmal auf das „Kapitalkonto" zurückwirken mussten, oft unvermeidlich. Eine wesentliche Rolle spielt auch die Tatsache, dass manche Privatsiedlungen während der Prosperity ihren Boden teuer bezahlt und relativ viel Geld in das Wohnhaus hineingesteckt haben. Die Kalkulation solcher Wirtschaften leidet unter einer dreifachen Vorbelastung: unter dem hohen Bodenpreis, unter dem hohen Anteil des „unproduktiven Kapitals", das für den Hausbau verwandt wurde, und oft auch unter einem Mangel an Betriebskapital, der gelegentlich zur Aufnahme teuerer kurzfristiger Kredite zwingt. Noch mehr belastet wird die Rentabilitätsberechnung, wenn der neue Bauer nicht bedenkt, dass sich überall das in der Landwirtschaft investierte Kapital mit einer sehr bescheidenen Verzinsung begnügen müßs und nur zusammen mit dem Ertrag der eigenen Arbeit eine auskömmliche Existenz liefert. Die Kwuza, die nur Keren Kajemet Boden pachtet, die nach vorgeschriebenem Wirtschaftsplan im Gemeinschaftshause wTohnt, ist vielleicht vor solchen Kalkulationsfehlern bewahrt. Dafür zahlt sie in manchen Fällen anderes Lehrgeld, und es kann nicht geleugnet werden, dass die private Wirtschaft auf privatem Bodenbesitz auch manche Vorteile hat. Ein grosser Teil der jüdischen Jugend aus Deutschland ist bekanntlich in die Kwuza gegangen, ein Teil der Einwanderer mittleren Alters hat die private Siedlung vorgezogen. Das „jeckische" Geflügel- und Eierdorf Ramot Haschawim hat sich einen festen Platz in der Wirtschaft des Landes erobert, andere Dörfer, wie etwa Kfar Schmarjahu bei Herzlia oder die Siedlungen der Küstenebene und des Emek Hefer, die ebenfalls zum guten Teil von Einwanderern aus Deutschland besiedelt worden sind, befinden sich in hoffnungsvollem Aufbau. Man sucht auch weiterhin nach neuen Wegen, um die milteisländische Siedlung nicht nur mit der Arbeitskraft, sondern auch mit der — zum guten Teil durch Transferschwierigkeiten — verminderten Kapitalkraft des neuen Einwanderers in Einklang zu bringen. So hat, um ein Beispiel zu nennen, die Siedlungsgesellschaft Rassco jetzt die Gründung von drei neuen Dörfern vorbereitet, auf denen sie den Gedanken der mittelständischen Privatsiedlung auf Keren-Kajemet-Boden weiter entwickeln will un<i 'den Typ 3er Halb Wirtschaft geschaffen, die zwar — im Gegensatz zur Hilfswirtschaft — die ganze Arbeitskraft des Siedlers, aber — im Gegensatz zur Voll wir tschaft — nicht sein ganzes Kapital erfordert, also die Möglichkeit offenlässt, den Arbeitsertrag durch Zinseinnahmen zu ergänzen. So zeigt sich also auch in 'der Gemischtwirtschaft die widerspruchsvolle Erscheinung, dass auf der einen Seite zwar das Wachstum fortschreitet, auf der anderen aber gewisse Spannungszeichen sichtbar geworden sind. Das Wachstum kann weiter fortgesetzt werden, wenn 'die Planung der Produktion weiter ausgebaut wird. Allgemein wurde festgestellt, dass man 'den jüngsten Preisrückgang nicht nur als „Krisenerscheinung" werten dürfe, sondern dass es sich teilweise auch um eine Korrektur 'der „Unruhepreise", also um eine Rückkehr zum Normalzustand handelt, dem die Kalkulation des Landwirts sich anpassen muss. Ein Teil des Absatzrückganges wurde durch erhöhten Eigenverbrauch der Siedler ausgeglichen. Daneben sind Bestrebungen im Gange, die Absatzorganisation weiter zu rationalisieren, um dadurch die Vertriebs- und Verteilungskosten weiter zu senken, die Stellung des jüdischen Produktes auf dem jüdischen Markte zu stärken und unnötigen Wettbewerb zu vermeiden. Schliesslich wird auch die jüdische Landwirtschaft ebensowenig wie die Landwirtschaft anderer Länder auf die Bereitstellung langfristiger, billiger Konsolidierungskredite sowie auf einen Ausbau des Zollschutzes verzichten können. Nicht nur die politischen Wirren und die plötzliche Verlangsamung des Wachstumstempos sind für die gegenwärtigen Schwierigkeiten verantwortlich "zu machen. Auch ohne diese äusseren Störungen wäre einer so jungen Wirtschaft ein gewisses Lehrgeld nicht erspart geblieben. So weit man aus den bisherigen Ansätzen schliessen darf, besteht die begründete Hoffnung, dass auch die gegenwärtigen Probleme eine Lösung finden werden. Dass neue Kolonisation auch die Gefahr von Rückschlägen mit sich bringt, konnte niemanden überraschen. Aber man soll über allen Rückschlägen im einzelnen auch die eine Grundtatsache nicht übersehen, die einen Beweis für die innere Kraft der Landwirtschaft darstellt: Produktion und Absatz der jüdischen Gemischtwirtschaft sind auch heute noch grösser, als im Prosperity-Jahr Von Fritz Benjamin [8. Fortsetzung]. VII. Haifa, Landschaft und Stadt Der schmale Leib des Landes bricht auf, von Ost nach West streicht das geöffnete Tal. das Karmelgebirge mündet ins Meer: die Bucht von Haifa! — Eine Bergschranke wurde von tellurischer Kraft beiseitegeschoben, und eine segensreiche Tiefe fand ihren Raum: die Ebene Jesrel, der Emek genannt. Durch die fruchtbare Weite hindurch, die Berge Samarias zur Rechten, die Berge Galiläas zur Linken, konnte der Wandernde bald das Tal des Jordan erreichen, und war man erst hier, dann fand es sich weiter in die östlichen Länderfernen hinein. — So ist es mit dem Karmel bestellt: er trennte sein Schicksal von der Schwermut des Judäischen Gebirges, und der Blick, der von Süden nach Norden, von Norden nach Süden die Dünenglätte begleitete, wandte sich in alle Richtung der Winde! Asien, Afrika und Europa finden auf. geöffneter Brücke ihren gelenkigen Raum. (Jerusalem aber liegt abseits im Gebirge, eine heilige Stadt in spannungsloser Einsamkeit!) In Europa ziehen die Ströme zum Meere, tragen weither auf gebändigtem Lauf die befrachteten Kähne und, wo das milde Wasser des Flusses sich mit der Salzflut mischt, wird es zum künstlich gebürdeten Hafen. Dort ist westliche Grenze der Welt, schneller Ausgang und Ende.— Aber in Asien liegt die währende Mitte. Kreuzweg und Uebergang ... Da gleitet das gebirgige Land sachte und immer sachter ins Wasser hinaus, wie eine graue Riesenschnecke den wirbellosen Körper vorwärts beweget. Das Meer umspült seinen breitgelagerten Fuss, und eine kleine .Ewigkeit füllt mit leisen Wogen die weiche Linie der ausgebusten Küste. — So mündet der Karmel aus der schweigenden Höhe des Landes ins verbindende Meer . . . Denn dieses ist Asien! — Es gibt Toren, die Haifa lobsingen und es mit Neapel vergleichen. So aber spricht nur ein Sinnenblinder, der vom organischen Wesen und Werden einer Erde nichts weiss! Der war ein schlechter Europäer, der sich am Schlagwort begnügt! — Aber schlägst du ein Bilderbuch auf oder kommt wer von drüben angereist und hat den handlichen Pholoapparat weidlich benutzt, dann lächelt dir in malerischer Kulisse die Bucht von Haifa entgegen: unser romantischer Europäer hat sich am Hange des Karmelberges ein Plätzchen gesucht, dass sich sein Auge recht des geschlossenen Bildes erfreue. Das gerundete Ufer umfasst den polierten Meeresspiegel des Golfes, und jenseits blendet ein Haufe grell weisser Häuser — das uralte Akko der Araber. In der weiten Ferne schwebt ein Gebirge, und unser Künstler wird es nicht unterlassen, dich am heissen Tage gruslig-erfreut auf die schneebedeckten Hochgipfel von Hermon und Libanon hinzuweisen: Haifa, auf europäisch gesehen, ein Guckkastenbild und eine klischierte Landschaft! — Haifa ist schön, aber seine Schönheit ist mitternächtig und träumerisch. Denn dieses ist Asien! Die Kaifa-Bay ist eine stille Bucht, und wüstenhaft verwehen ihre dünenrieselnden Ufer. Haifa, die Landschaft, ist unmalerisch und unromantisch wie ganz Palästina, weit und versehwebend, schön wie ein Harfenspiel und ein auf- und niederklagender Gesang. Diese Landschaft ist asiatisch: weitgelockerter Raum und Uebergang (nicht wie London und Genua, die Häfen, zielsichere Richtung!). Unsichtbare Fernen überkreuzen einander und ziehen wieder von dannen: aus der Tiefe des Landes, durchs fruchtbare Emektal, kamen und kommen die Kraftströme Asiens an das schätzeverteilende Meer, die Königin Babylons und Assyriens zu ihrer Zeit, das Erdöl Mesopotamiens und die Fliegerboten aus Indien in unseren Tagen. .Wer aber von der nordsüdlichen Uferlinie des Mittelmeeres sich nach Haifa geleiten lässt, umrundet den Fluss des Karmelgebirges und tritt in die Bucht ein: so sahen die alten Küstenfahrer den Ort, so streiften die neugierigen Phönizier den Meer-, sauin ab. wartend, dass wo aus dem Ungewissen der östlichen Länderfernen sich" ihnen Gelegenheit zum Warenaustausch böte, und eine langsame Kamelkarawane ihre indischen Schätze gegen Erze aus Spanien und Bernstein aus den Ländern des Nordens verhandele. — Von Osten und W7esten und Norden und Süden wird die Bucht von Haifa im weitgeöffneten Tale zur erwünschten Begegnung. Weiträumig verbindet sich das Feste dem Meere, ein Umschlagplatz zwischen den Kontinenten. So ist die asiatische Landschaft der Haifa-Bucht. * Fast zwei Jahrtausende war Haifa verödet, weif der Emek verödet war, und was an Handel und Wandel, von Räubern bedrängt, aus der gefährlichen Ländertiefe kam, wandte sich nach dem uneinnehmbaren Akko. Denn während Jaffa hinter seinen Klippen im Meere und Jerusalem in einsamer Gebirgswacht durch die Jahrhunderte blieben, war Haifa ein vergänglicher Ort. Das wiedererstandene Haifa ist jung! Wie das politische Schicksal diesen Raum zerstörte, so greift der politische Wille wieder nach seiner natürlichen Gunst. Dem Meere entlang, im Süden 4er Bucht und den Blick nach Norden gerichtet, liegt die arabische Stadt enge Strassen, bescheidene Moscheen, eine stille Gemeinschaft orientalischer Sitte, durchmischt mit hastigem Auftrieb Europas. Am eingezäunten Hafenbezirk überragen stählerne Dampferrümpi'e den Quai. Eine prächtige breite Strasse greift das Ufer entlang: Kingsroad. Da sind oder da werden die Kontore der Handelshäuser sein. Geschäftspaläste wachsen und schieben sich vor die ärmliche ältere Stadt. Am Markt fliessen die Strassen zusammen, gefüllt mit Verkehr und bunter Beschaulichkeit. Aber die schmalen Häuserfronten genügen nicht mehr, im Erdgeschoss und in luftiger Aufstockung sind Ladengeschäft und Büro in einander genistet, der enge Raum quillt über und das orientalische Gewand wird zu einer dünnen Kulisse. Zu jeder Stunde kommen die übervollen, ratternden Autobusse aus den jüdischen Dörfern des Emek, aus den Vororten am Meere und auf Hängen und Höhen des Karmel und tauschen die Menschenfracht anderer Wege. Denn hier treibt eine wirkliche Stadt aus ihrem gegebenen Mittelpunkt im Hafen in die nach allen Richtungen gebahnte Landschaft hinein. — Eingestiegen denn in das vergnügte Gedränge! Durch enge Gassen hebt es einen steil empor mit Kehren und Schleifen. Noch blieb zwischen dem Unten und den jüdischen Neustädten ein luftiger Abstand, und schwarze Lämmer rupfen die dürftige Weide am felsigen Anstieg . » . Schon wird die Stadt wieder zur Landschaft: 'die Hänge des Karmelgebirges gliedern sich und werden von weitgebogenen Strassen und schnellen Zickzackwegen organisiert. Unter die mattgrüne Silbrigkeit seiner Kiefernbüsche sind in sonnenprallem Gewirr tausend und aber tausend weisse Häuser gestreut. Sie überkanten einander und stehen in den Lücken der vorderen Reihe, um den Blick nach dem Meere nicht zu verlieren. Zur Breite und Höhe baut sieh's in steinigen Wellen, hört nicht auf, eine Landschaft zu sein, und bis zum Kamm des Gebirges, das sich in sanfter Abdachung zum Meere senkt, steigen die Villen locker hinan, vom Geäder steiler und schmaler Wege erreicht. So stark und bedeutend ist der natürliche Raum, dass nichts sich verliert, und alles in dichtem Zusammenhang eines städtischen Wesens ruht. Hier wird kein durch Jahrhunderte kultiviertes Land zu einer gesitteten Stadtschaft, sondern eine junge Siedlung baut sich mit kühler Nützlichkeit in ihren Boden hinein. Es schmeichelt dem Auge nicht, sondern ein Mangel an Bildlichkeit ernüchtert eher die weiten Blicke. Nichts ist sinnfällig und nichts ist gesellig, aber zwischen das mehr oder minder gelungene Einzelwerk der tausend Häuser schmiegt das Karmelgebirge seinen waldig-gekrausten Rücken und fügt das schnell Gebaute wieder zu einer organischen Einheit. Das Auge lernt es zu sehen: man hebt sich, und der Spiegel des Meeres hebt sich einem entgegen. Man sieht die Schiffe kommen und gehen, sieht die weit auseinander gerückten Gebirge, überall sieht man in die jüdische Erde hinein! Die Windrose liegt einem zu Füssen. Tel-Aviv war Not und Zufall neben dem älteren Jaffa, Haifa aber ist von Anfang an bei sich zu Hause. Es begriff seinen Sinn, ein geographischer Raum wurde erlebt, ein Hafen und eine politische Stadt zu sein. Die Ferne sieht einem ins Haus mit übersichtlicher Weltverbundenheit. Ein Meer, eine Bucht, Stadt und fruchtbare Ebene! Ist es nicht schön, dies Haifa in Palästina?! * Aus den letzten Häuserwellen der Stadt steigt die bequeme Strasse am steiler werdenden Hange geradenwegs in den Himmel hinein. Nadeliges Kieferngeäst am leicht beschatteten Wege durchgittert die abgründig strahlende Bläue der Luft, und eine leise Brandung rauscht aus der Tiefe. Unten am Ufer liegen Badeplätze und ein freundlicher Vorort hat seine Landhäuser ans Meer gereiht. Auf der Karmelspitze, am Ausgang der Bucht und das offene Meer weithin mit dem Blinkfeuer des Leuchtturms streifend, thront das Kloster der Mönche, die ihren Namen diesem Berge entlehnten. Ein friedlicher Bezirk ragt mit ernster Freundlichkeit ins Uferlose empor. Auf das wellige Dach des Waldgebirges, mit versteckter Ruhe und kühleren Winden, zieht es den Städter. Siedlungen haben sich auigetan, und manches stattliche oder bescheidenere Haus steht auf schlanken Betonsäulen stelzfüssig am Abhang und schlägt zur Strasse hinüber eine luftige Brücke. Denn Schluchten und Schluchten durchdringen einander, von biederem Gebüsch durchwachsen, und aus ihren Winkeln iiiesst immer wieder der geborgene Blick hinunter zum weisslich beschäumten Strande. Die schattige Nähe spricht einen traulich an, und die beschwingten Räume lassen das Stadtgebiet des mächtigen Haifa in einen weiten Ausblick verklingen ... Erst spät erzwang sich Europa den Eingang In den verödeten Raum der Stadt und Landschaft von Haifa. Gleichzeitig begann die jüdische Einwanderung. Ihre Arbeit gedieh, über die nächsten Ziele hinaus, für ganz Palästina. Felder und kahle Hänge des Karmelgebirges wurden bebaut. Werkstatt entstand und Strasse und Eisenbahn, die Schiffahrt zog sich zum wiedererstandenen Hafen, und das arabische Akko versandete in seinen Erinnerungen. So ist die Art. dieser europäisch gesehenen Stadt: eine konstruktive und keine spekulative Idee! Was wäre indes der Brückenkopf am asiatischen Ufer, wenn nicht das asiatische Land zu ihm gehörte! Der fruchtbare Emek ist die Verankerung, deren Haifa bedarf. Hier ist ihr kontinentales Rückgrat und ihr asiatischer Nerv. Um mit verdienter Gunst die Arbeit zu krönen, schuf im natürlichen Schutz der Bucht der neue Landesherr, die englische Mandalsregierung, den ersten ausgebauten Hafen Palästinas. Haifa bedeutet in jedem Sinne einen politischen Raum: historisch, geographisch, sozial . . . Ein Wahrseichen wurde dieser Stadt errichtet, als vor dem Kriege schon das jüdische Technikum entstand, als eine systematische Vorbereitung auf die nationale Heimstätte des jüdischen Volkes; hier denn am begünstigten Hafenplatz ein Schaubild städtischer Zukunft und eine Politik mit technischer Werbung. Doch die Ereignisse entschieden sich schneller, als das Programm sich die Leistung zutraute, und über Nacht verwirklichte sich der koloniale Rahmen der Stadt. Nun schliessen sich an das kuppelgekrönte Gebäude der Technik die menschenreichen Vorstädte an, und unten, im Innern der Bai, sitzt die Grossindustrie Palästinas: Elektrizität, Chemie und Zement, Glas, Eisen und Stahl. Haifa ist eine weitläufige Stadt geworden, stolz und — besorgt um seine politische Zukunft. Denn eine Nachkriegsgeneration soll sich jetzt auf diesem Boden bestätigen, nüchterner als jene der zionistischen Väter. Die Juden in Haifa sind selbstbewusst geworden wie befreite Völker der europäischen Kolonialwelt, Haifa ist tätig von weitgesteckter Begier: aus dem Emek herüber strömt der Stolz auf den erlösten Boden, der von den hoffnungslosen Zeiten befreit ist. Der vorsichtig gesteckte Rahmen der zionistischen Gründer genügt nicht mehr. Alles strebt zur Wirkung, verlangt nach Weite und Breite. Anders als im händlerischen Tel-Aviv oder in der Burgstadt Jerusalem greift Ergänzung hierhin und dorthin und lockert die Kräfte. (Fortsetzung folgt.)

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