Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1937-11-04 · 44 (4.11.1937) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
44 (4.11.1937)
Date
1937-11-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277516-2277560--12347-2281948
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

12 entity mentions

Nr. 44 * 1. Beiblatt CYZeihtnq 3.MöveffiBw 193/» Seite 3 Ein Maler der Landschaft Zu Lesser Urys 75. Geburtstag am 7. November 1937 Wenn Lesser Ury, der am 7. November 75 Jahre alt geworden wäre, ein Reisetagebuch veröffentlicht hätte, dann müssten folgende Daten darin verzeichnet worden sein: Paris 1881—1883, Voiluvet 1882—1885, Paris 1928, London 1926, Rom und Capri 1890. Diese Anordnung mag willkürlich, vor allen Dingen nicht chronologisch anmuten; aber sie ist zwar nicht einem Reisetagebuch Lesser Urys entnommen, wohl aber dem Auktionskatalog des Nachlasses, den das Haus Cassirer im Jahre 1932 unter den Hammer brachte. Als Vorwort dieses Verzeichnisses der nachgelassenen Oelbilder, Pastelle und Zeichnungen, die sämtlich den Nachlassstempel tragen, dient die bekanntgewordene Rede von Adolph jrtWolfers W. 15, Kurfürstendamm 48/49 Tel.: 92 4755 — BUrgersteige, asphaltierungen, Pflasterungen Donath, die der Kunsthistoriker am 7. November 1931, dem Tage, da Lesser Ury 70 Jahre alt geworden wäre, gehalten hat. Mehr noch als alle berühmtgewordenen Landschaften des Künstlers beweist das Material der späten Schaffenszeit, dass Lesser Ury ein grosser Wanderer gewesen, der der Landschaft überall Licht, Luft und Wärme abgewann. Er wTar ein grosser Meister der Licht- und Luftprobleme, er malte, wohin er kam, d;e Seele des Landes und seiner Landschaft. Er sah die Natur in allen Tonarten, mit allen Lichtern und allen Schatten, mit allen Luftteilchen. Lesser Urys Landschaften sind unbegrenzt, unbegrenzt auch als Objekt für die Palette. Von der Koloristik seiner Bilder heisst es einmal bei dem Biographen: „In Lesser Ury ist das künstlerische Erlebnis geboren worden aus dem Zusammenhang der Seelenstimmung mit dem äusseren Eindruck, den der Maler empfangen hat/' Nicht alles zeigt die gleiche Qualität. Aber alles beweist, dass der Maler zeit seines Lebens ein Sucher und Finder des Lichts, ein Finder der Seele im Menschen und in der Natur gewesen. Lesser Ury ging durch die Schule des französischen Impressionismus, um er selber zu werden; die beiden Jahre in Voiluvet liessen den Landschaftsmaler formen, den „Feldarbeiter" entstehen, auf dem der Mensch nur Staffage ist, jene Herbstlandschaft auch und das „Flämische Bauernhaus" aus dem Nachlass. In der Campagna entstanden farbensprühende Aquarelle, in Rom und Capri malte Ury den Titusbogen und den Tempel der Vesta, die Marina in Capri, die Felsenküste und die Villa am Meer. Und weiter nördlich den Gardasee mit seinen Baumgruppen, die Seeufer mit den Anglern, den Blick auf den Monte Baldo. Wunderschön der dunkle See mit den Fischerbooten, ein Gemälde, das sich heute in Privatbesitz befindet. Londons Nebelstimmungen, den Dunst und den Abendhimmel über der Themse, die Brücken im feuchten Licht und die Rasenflächen im Hyde- Park, das alles malte Lesser Ury. Seine Bilder muten uns an wie aus der Farbe geborene Visionen, immer neue Visionen fand der Meister. Nicht immer sind es naturwahre Farben, die die Bilder atmen, aber es geht dem Betrachter doch, so, das3 er schliesslich zu dem Ergebnis kommt, irgendwo und irgendwann doch einmal derartige Impressionen koloristischer Natur kennengelernt zu haben. Von Gamille Pissarro, 'dem jüdischen Im- Prophet Adam und Eva Skulpturen an der Kathedrale in Reims Die Kathedrale in Reims wurde in diesen Tagen nach langer Restauratiomarbeit wieder eingeweiht pressionisten, erzählt man sich, dass er sich oft wochenlang in Pariser Hotels einquartiert habe, um vom Fenster aus seine Strassenbilder malen zu können. Wie er hat auch Lesser Ury 1928 die Atmosphäre der Seinestadt studiert, den Seinequai bei Nacht und im Nebel, die Kaft'eeterrasse am Boulevard, das Denkmai der Jeanne d'Arc mit dem Blick auf den Louvre gemalt. Gerade im Versteigerungskatalog von Cassirer sind viele dieser französischen Studien abgebildet, sie alle sind mit dem Nachlass-Stempel und der Jahreszahl versehen. Ueberall ist die Farbe das positive und schöpferische Element, sind die atmosphärischen Verhältnisse, der Regen mit dem glitzernden Dunkel und die leuchtenden Lichtfanfaren der Weltstadt Paris aus dem Urgrund einer erregten Künstlerseele erfasst. Es ist eine ganz intuitive Kunst, die Lesser Ury verkündete, ein Aufrauschen der Farbe, das seine Landschaften in die allererste Reihe stellt. Dr. Olga Bloch. Lesser Ury. Foto Grete Karplus Sammlung Pringsheim. Professor Alfred Pringsheim, München, schreibt uns zu der Notiz in Nr. 42 der C.-V.-Zeitung vom 21. Oktober, die seine Sammlung behandelte, folgendes: „Die in meinem ungeschmälerten Besitz befindliche, seit Erscheinen des erwähnten Falke-Katalogs durch eine Anzahl ganz hervorragender Siücke noch erheblich bereicherte Majolika-Sammlung besteht zur Zeit aus 437 Stücken und ist nach einem mir zu Gebote stehenden schriftlichen Zeugnis neuesten Datums des Herrn Falke die ,weitaus Foto Archiv iuiiniiiii!:iiiMiiiuii[ii[iiinti!itiiii![i!iiiiiiiiiiiiiiiiiiii!iiiiiiiii!tiiiiii!i!iiiniiiiiiiiiiuiiüiiiiiiii!imnf grösste und vollständigste* Sammlung dieser Art, sowohl in Deutschland wie im Ausland." Das Berliner Jüdische Museum beabsichtigt, am 28. November eine dem Andenken Rabbi Akiba Egers, dessen hundertjährigen Todestag wir in diesem Jahr feiern, gewidmete Ausstellung zu veranstalten. Die Ausstellung umfasst eine Reihe besonders interessanter, aus dem Nachlass Rabbi Akiba Egers stammende Erinnerungsstücke sowie eine Fülle bereits von der Familie zur Verfügung gestellter Leihgaben. Darüber hinaus wird der Versuch gemacht, ein Bild des Kulturkreises der Zeit Akiba Egers zu gebea. — Am 12. Dezember wird dann die langgeplante Ausstellung „Hundert Jahre jüdische Kunst. Aus Ber- 3UWELEN GOLD SILBER Bestecke echt Silber u. versilbert Trauringe Uhran s«*»"*'** & - -r und Verkauf aus Privatbesitz, stets Gelegenheiten GB II 129301 liner Privatbesitz." eröffnet, in der Meisterwerke von Israels, Pissarro, Liebermann und anderen jüdischen Künstlern gezeigt werden. Das Metropolitan-Museum in New- York erhielt von George C. Stone eine bedeutende Sammlung indischer und persischer Waffen als Geschenk. Die Familie Mendelssohn Zum 90. Todestag von Felix Mendelssohn-Bartholdy am 4. November Vor rund 120 Jahren schrieb eine jüdische Erzieherin von Paris aus ihrer Berliner Schwägerin von den neuen, grossen Ozeanschiffen und bekannte offen, „dass ich bei aller Bewunderung, die ich dem menschlichen Geist nicht versagen kann, wenn ich sehe, wie er dieses furchtbare Element betrügt, bekämpft und regiert, doch eigentlich wenig dabei fühle; das kleinste Gedicht eines Genius rührt mich mehr und macht mich stolzer auf die Menschheit". Es war Henriette Mendelssohns, die Tochter des Philosophen, die Schwester Abrahams und der späteren Dorothea Veit-Schiegel, die Tante des Komponisten; ihre geistige Einstellung ist kennzeichnend dafür, wie in der gesamten Familie Mendelssohn der Kultur vor der blossen Zivilisation der Vorrang eingeräumt wurde. Der Begriff „Bildung" — den heute manche, nur auf Tag und Stunde bedachten jüdischen Schichten gar zu bereitwillig opfern zu dürfen glauben — hat, seitdem Moses Mendelssohn sich und den Seinen weite Gebiete des europäischen Geisteslebens, anfangs unter harten Mühen, erschlossen hatte, bei seinen Nachkommen immer eine bedeutende Rolle gespielt, und es ist z. B. durchaus nichts Vereinzeltes, dass auch die Frauen dieses Kreises neben Französisch, Englisch und Italienisch das Griechische betrieben und Homer, ja Plato in der Ursprache lesen konnten, ohne mit diesem Können zu prunken. Und zu dem Ausspruch der Henriette gesellt sich ein Wort ihrer hochbegabten Nichte Fanny: „Es ist doch ein herrlich Ding um den Menschengeist, und Gott hat nichts Schöneres geschaffen." Der Sohn Fannys und des feinsinnigen Malers Wilhelm Hensel, Sebastian, hat 1879 das früher viel gelesene Hausbuch von der „Familie Mendelssohn" veröffentlicht, an das jetzt, da sich der Todestag des Komponisten zum 90. Male jährt, erinnert sein mag. Es ist über all den Zeitenwandel hinaus ein köstliches, reiches, lebendiges Buch geblieben, das jedem Willigen Belehrung, Freude und Anregung zu spenden vermag, weil es in ganz schlichter Aneinanderreihung von Briefen und Tagebuchstellen, die Sebastian zwanglos und pietätvoll ergänzt, einen Kreis hochgestimmter, begabter und für alles Menschliche zugänglicher Persönlichkeiten vor uns erstehen lässt. So nähe fühlte sich der Verfasser den Dingen und den Menschen, die er darzustellen hatte, dass er es in der ersten -Auflage, der viele weiteren folgten, nicht über sich brachte, die familiären Benennungen, die noch auf den ursprünglichen Plan eines Werkes für die Familie schliessen liessen, mit den Namen seiner Verwandten zu vertauschen. Wir nehmen bei der Lektüre teil an dem erstaunlichen Aufstieg einer Familie, deren Schicksale Moses Mendelssohn, der Freund Lessings, der Philosoph, dessen Schrift „Ueber die Evidenz" 1763 in einem akademischen Wettbewerb vor der Kants den Preis davontrug, mit der Reichshauptstadt verknüpft hat. Wir lernen all die Grossen des Geisteslebens kennen, denen die Mendelssohns in drei Generationen — das Werk reicht nur bis zum Tode Felix' — nahetreten durften. Mit viel Wärme ist das vorbildliche Familienleben der älteren und der jüngeren Generation geschildert, wie es sich echt patriarchalisch um Abraham und Lea, die Grosseltern Sebastians, abspielt. Wir hören viel von den „Sonntagsmusiken", die in den schönen weiten Räumen des Hauses Leipziger Strasse 3 von Fanny veranstaltet wurden und Jahre hindurch das geistig-musikalische Berlin zu vereinen pflegten. Und welch reiche Ernte fällt von all den Reisen, die Abraham und Lea, Felis, Fanny, Rebekka und die Anderen nach der Schweiz und Frankreich, nach Italien und England unternommen haben. Land und Leute, Begebenheiten, Naturschauspiele und Erlebnisse werden von den verschiedenen Familienmitgliedern in unbefangener Natürlichkeit, aber mit vielfach erstaunlichem Beobachtungs- und Schilderungsvermögen erzählt. Und wer etwa einen getreuen Erlebnisbericht von der Krönung der Königin Victoria (183S) haben will, der findet ihn in den anmutigen Reisebriefen von Felix. „Und wo Ihrs packt, da ist es interessant"; dieses Buch von einer hoch über dem Alltag stehenden, wirklich musischen Familie. Welch eine Fülle von Quellenzeugnissen ist dort niedergelegt für den Komponisten und Dirigenten Felix Mendelssohn, für seine künstlerischen Pläne und Anschauungen, sein Schaffen und seine Persönlichkeit, seine musikalische Weihe, sein reizendes Freundschaftsverhältnis zu Goethe, dessen Huld schon dem Knaben zustrahlte, die hohe Gunst, die ihm Königin Victoria und Prinzgemahl Albert zuteil werden liessen — das alles und viel, viel mehr wird man mit Interesse wieder verfolgen. Und ungezählte kleine, netto und interessante Einzelheiten sind eingestreut, die uns zu denken geben. In Einem nur wäre das Buch heute zu ergänzen: „das frohe künstlerische Element" in der Familie ist nicht — wie Sebastian meinte — mit Fanny und Felix „schnell dahingerafft", es hat in Wirklichkeit weitergewirkt, und eine Reihe angesehener Künstler und Musiker macht auch heute noch dem stolz verpflichtenden Namen Mendelssohn Ehre! Dr. Georg Schott * Die 90. Wiederkehr des Todestages von Felix Mendelssohn-Bartholdy am 4. November nehmen eine Reihe von Radiostationen zum Anla-ss, besondere Mendelssohn-Konzerte und -G-edenkstunden zu veranstalten. So bringen Prag II um 14.20 Uhr und Pressburg um 15>a Uhr Werke von Mendelssohn zu Gehör. — Der lettische Rundfunk gedenkt um 20.10 Uhr mit einem Festkonzert des Todestages. * Mendelssohns „Elias" wird von der Choral Society und dem Symphonieorchester in Loughborougb (England) in der Wintersaison zur Aufführung gebracht. # G-eorg Szell dirigierte am 27. Oktober in der Londoner Qneen's Hall ein Konzert des Londoner Symphonie-Orchesters. Er wurde für Februar zu zwei Orchesterabenden innerhalb der Londoner Courtauld-Sargent-Konzerte verpflichtet. Uriel Acosta hebräisch Sonderbericht für die C. V.-Zeitung PARIS, 1. November. Als Karl Gutzkow vor hundert Jahren die Pariser Theater besuchte, fesselten ihn besonders die politischen Möglichkeiten der Bühne. In der langen Reihe der Tendenzdramen, die aus solchen Eindrücken hervorgingen, steht als wirksamstes und kräftigstes der „Uriel Acosta", das Drama des kühnen Freidenkers, dessen Buch sich gegen die Tradition von Thora und Talmud auflehnt, der, von der Mutter und der Geliebten bestürmt, zum Widerruf seiner Ketzereien sich entschliesst und endlich in der. Tragik solchen Geschickes untergeht Freilich, dies Drama der Aufklärung und der Toleranz ist heute verstaubt, und man konnte mit Spannung erwarten, wie die H a b i m a nach, den grossen Leistungen des „Dybbuk" und des ,,Ewigen Juden" das Drama des deutschen Liberalen gestalten würde. In Berlin hat man diese Aufführung bereits 1930 sehen können. Das hebräische Theater ist frei und souverän mit dem Drama umgegangen und hat es völlig umgeschaffen. Nicht mehr liegt der Ton auf dem geschliffenen Dialog geistvoller Auseinandersetzungen, denen Sonnenthal in Wien, Matkowrsky in Berlin einst den Atem der eigenen glühenden Seele eingehaucht haben. Im Zusammenklang aller Künste macht die Regie des verstorbenen Granowski, die neben der darstellerischen Kraft der Schauspieler ebensosehr über die Schwesterkünste der Musik, der Malerei und des Tanzes gebietet, aus der schon verblassenden Zeichnung des Dramas ein golden schimmerndes Meisterwerk, in dessen ein* zelnen Bildern das Hell-Dunkel Rembrandts mit farbenfreudigen R^naissanceschöpfungen, wechselt. Im Gegensatz zu jüdischem Ghetto und jüdischer Armut, die im „Dybbuk" und im „Ewigen Juden" den Hintergrund bilden, zeigt dieses Stück die Aristokratie des Judentums, die'

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.