Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 42 (21.10.1937)
- Date
- 1937-10-21
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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- Lod 4× ep/1045074
- Hebron 2× ep/1047559
- Safed 1× ep/1046078
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Nr. 42 4. Beiblatt Blutige Tatsachen Der arabische Terror hat mit einer fast unheimlich wirkenden Präzision in den verschiedensten Teilen des Landes in der Nacht zum Freitag eingesetzt. Er begann mit dem Ueberfall auf einen Zug zwischen Kalkilieh und Ras-el-Ain, bei dem vier Eisenbahnwagen entgleisten. Eine Bande bewaffneter Araber drang In .die Wagen pin und versuchte, die Fahrgäste auszuplündern. Noch grösseres Aufseben hat ein zweiter Anschlag auf einen englischen Militärzug erreg'. Dieser sollte ein Bataillon ctes Sussex- Regiments zur Ablösung nach Aegypten bringen. Der Zug wurde durch eine Maschinengewehrabteilung auf einem Panzerwagen und durch Scheinwerfer gesichert. Dennoch wurde er mehrfach von den Arabern beschossen, ohne dass allerdings ein Menschenleben zu Schaden kam. Die Folge der Feuerüberfälle war die Einstellung des nächtlichen Eisenbahnverkehrs im ganzen Lande. Verschiedene Zwischenfälle in Jerusalem führten dazu, dass am Freitag vormittag der Ausnahmezustand für das Stadtgebiet verkündet wurde. Anschläge gaben bekannt, dass der Verkehr zwischen 6 Uhr nachmittags und 5 Uhr morgens unterbunden wird. Weiteres grosses Aufsehen hat ein am Sonnabend verübter Anschlag auf den Flughafen in Lydda erregt. Der Flughafen, der noch nicht vollständig fertiggestellt ist, wurde mitsamt seiner Anlagen in Brand gesteckt. Der Oberkommandierende der britischen Armee in Palästina, Generalmajor W a v e 11, hat sich sogleich nach Lydda begeben und eine Inspektion vorgenommen. Die Regierung verhängte den Ausnahmezustand über Lydda; es wurde vorgesehen, dass der öffentliche Verkehr während 23 Stunden am Tage ruht, nur für eine Stunde sind die Strassen freigegeben. Mehrere arabische Häuser wurden auf Befehl Generalmajor Wavells mit Dynamit gesprengt. Weiter hat die Regierung beschlossen, die im vorigen Jahre der Stadt Lydda auferlegte, aber noch gestundete Kollektivstrafe von 5000 Pfund einzuziehen. Die besondere Schärfe, mit der hier vorgegangen wird, ist wohl darauf zurückzuführen, dass die Terroristen anscheinend den systematischen Versuch machen, Palästina vom internationalen Luftverkehr abzuschneiden. An einzelnen Terrorakten verzeichnen wir die folgenden: Der Muchtar des Dorfes Jaunen bei Rosen Pina ist von arabischen Wegelagerern beschossen worden, vermutlich weil er zu Juden in freundschaftlichen Beziehungen stand. Auf die Polizei- Station auf dem Berge Kanaan bei Safed wurde ein Feuerüberfall verübt, ebenso auf die Kolonie Gordonia bei Chedera. In Akko haben die Behörden 30 einflussreichen Kauüeuten mitgeteilt, dass sie auf Grund der Ausnahmebestimmungen für Unruhen in der Umgebung verantwortlich gemacht werden würden. Die Zwischenfälle in Jerusalem, 'die dann zur Verhängung des Ausnahmezustandes führten, bestanden in zahlreichen Feuerüberfällen und Bombenabwürfen. Drei in einem Autobus befindliche Juden wurden verletzt in das Hadassa-Krankenhaus eingeliefert. In der Kolonie Mozar wurde bei einem Ueberfall auf einen Omnibus ein Araber getötet und acht Juden verletzt. In Hebron wurden zwei englische Polizisten aus dem Hinterhalt erschossen. Schüsse, die keinen Schaden anrichteten, fielen bei Chedera und Ramat Hakowesch. Auf das Kinderdorf Ben Schemen wurden eine Stunde lang Schüsse abgegeben, die aber niemand verletzten. Weitere Feuerüberiälle sind im Laufe des Freitag auf die Siedlungen Rosch Pina, Ginegar, Newe Jacob und Migdal Zedek verübt worden. Bei Arza wurde der Wächter Jizchak Wischnewski und der Hilfspolizist Jacob Cohen verwundet. In Nazaret versuchten vier bewaffnete Araber eiri*n Ueberfall auf den Distriktsbeamten Moussak Khamiss, der sie aber durch Revolverschüsse verjagte. In der Gegend von Kaukad wurde die Irak-Petroleum-Linie angebohrt und Feuer angelegt. Bereits am Freitag begannen überall Aushebungen neuer Hilfspolizisten. Die neuen Polizisten lagen sofort nach ihrer Mobilisierung in den öffentlichen Gebäuden der grösseren Orte in Bereitschaft, um an gefährdeten Punkten einzugreifen. Der Sonnlag brachte Terrorakte in verschiedenen Teilen des Landes. In den Jemenitenviertel von Ness Ziona wurde ein elfjähriger jemenitischer Knabe erschossen. Es gelang der Polizei schliesslich den Angriff abzuwehren. Im Brennerviertel in Tel-Aviv wurde eine Bombe geworfen, die keinen Schaden anrichiete. Die Kolonie Bat Schlomo wurde beschossen. Das Stadtviertel Talpiot, einer der modernen jüdischen Stadtteile des neuen Jerusalem, ist gleichfalls heftig beschossen worden. Prominente jüdische Persönlichkeiten versuchten vergeblich die zentrale Regierung zum sofortigen Einschreiten zu veranlassen. Schliesslich gelang es den Distrikskommissar MacLaren zu erreichen, der einige Beamte zur Untersuchung entsandte. Ein Feuerüberfall wurde auch auf das Haus des britischen Polizeikommandos in Dschenin unternommen. Im Zusammenhange hiermit wurden fünf Araber in die Festung Akko eingeliefert. Auch in Hebron fanden wegen der Erschiessung der britischen Polizisten zahlreiche Verhaftungen statt. In der Jerusalemer Vorstadt Keren Abraham ist der ungarische Jude Samuel Guttmann durch einen Messerstich schwer verwundet worden. Im christlichen Viertel der Altstadt -wurde ein Araber erschossen. Besonders gespannt ist die Lage in Jaffa. Gegen die dortige Niederlassung der Anglo- Palestine-Bank wurde eine Bombe geschleudert, die erheblichen Schaden anrichtete. Auch die Hauptpolizeistation und mehrere Polizeiautos wurden stark beschädigt. Die grossen Indusirieunternehmungen des Landes wie die Irak-Petroleum-Gesellschaft, die Shell Company, die Palestine Pottash Comp., auch die Palestine Electric Corporation und andere wurden von Polizei und Militär streng bewacht. An verschiedenen Orten des Landes hat die Regierung scharfe Strafmassnahmen ergriffen. In Lydda wurden 48 arabische Notabein verhaftet. In den Dörfern Rantie und Hole bei Petach Tikwa wurden vier arabische Häuser von der Polizei mit Dynamit gesprengt. Der Ortschaft Kalkilie ist wegen Durchschneidung der Telephondrähte eine Kollektivstrafe von 100 Pfund auferlegt worden. Ausserdem wurde dorthin ein starker Polizeiposten gelegt. Vereinzelte Ueberfälle und Anschläge kommen in allen Teilen des Landes vor. Besonders in Mitleidenschaft gezogen ist offenbar das Gebiet um Hebron, wo die~Regierung eine Kollektivstrafe angekündigt hat für den Fall, dass die Unruhen nicht aufhören. Ferner sind das Gebiet zwischen Tulkerem und Dschenin, das Gebiet von Jaffa und die Gegend nördlich von Jerusalem besonders betroffen. Die Histadrut hat öffentlich davor gewarnt, die Strasse von Tel-Aviv nach Jaffa zu benutzen. Im Süden, in der Gegend von Beer Schewa hatte eine starke Bande tagelang ihr Unwesen getrieben, doch hat die Polizei in Verbindung mit dem Militär jetzt die Verfolgung aufgenommen. Auch in Nordpalästina sind nahe der syrischen Grenze kleinere Banden aufgetaucht. den. um für diese Gebietsteile eine den christlichen und moslemischen religiösen Gefühlen entsprechende Regierungsform zu finden. Der Negew soll eine gewisse Zeit unter direkter britischer Kontrolle verbleiben und die britische Mandatsverwaltung zur Sicherung des neuen Mandates umgebaut werden. Transjordaniens Erschliessung soll finanziert werden, um den Arabern im Mandatsgebiet günstige Bedingungen für eine freiwillige Aussiedlung zu schaffen. Als Endziel der schrittweise durchzuführenden Entwicklung sieht auch Stein die Schaffung eines einheitlichen jüdischen Territoriums als eine sich selbst regierende Einheit, vor. Zweiteilung Palästinas? Ein Diskussionsbeitrag Leonard Stein, der in London lebende Ehrenanwalt der Jewish Agency. veröffentlicht jetzt Vorschläge zur Teilung Palästinas, die er in einem Memorandum bereits dem Züricher Zjonistenkongress vorgelegt hat und die ihres nüchternen Realismus wegen Hervorhebung verdienen. Entgegen aller Ideologie geht Stein von dem Standpunkte aus. dass die Palästinateilung in der einen oder anderen Form unvermeidlich geworden sei, es komme für den Politiker jetzt darauf an, das objektiv beste Ergebnis zu erzielen und vor allem auch die mit der überstürzten Errichtung eines jüdischen Staatswesens verbundenen Gefahren zu meiden. Bei der vom Peel-Bericht vorgeschlagenen Form der Teilung werde nicht nur" ein sehr ernstes, auch durch Bevölkerungsaustausch kaum glatt lösbares Minderheitenproblem, sondern auch eine schwierige Finanzsituation für das jüdische Staatsgebilde heraufbeschworen. Andererseits sei die Frage, ob in den von jüdischer Seite aufzunehmenden Verhandlungen erhebliche Verbesserungen und Konzessionen gegenüber dem Vorschlag der Peel- Kommission zu erreichen sein würden, pessimistisch zu beantworten. Aber selbst wenn die jüdischen . Forderungen erfüllt werden würden, seien noch Gefahren vorhanden. Die jüdische Bevölkerung Palästinas sei noch nicht homogen und in den Problemen der Staatsführung nicht erprobt genug, um die äusseren und inneren Aufgaben eines neu sich bildenden Staates voll zu meistern. Die scirwerste Lage bilde dabei die Minoritätenfrage und die Verletzlichkeit der Grenzen. Jede, selbst die günstigste Umgestaltung der Teilungspläne bringe ' ein grösseres Risiko mit sich, als akzeptiert werden dürfte, wenigstens wenn man an dem Projekt der sofortigen Errichtung eines jüdischen Staates festhalte. . Auf Grund dieser Gedankengänge kommt Stein zu dem Vorschlag, aus dem Mandatsgebiet das rein arabische Territorium, das der Peel-Bericht für den arabischen Staat vorsieht, herauszulösen und den ganzen Rest, unter Einschluss des Negew, unter dem britischen Mandat zu belassen. Das Mandat soll dabei mit der Verpflichtung ausgestaltet werden, die jüdische Einwanderung bis zum vollen Ausmass der ökonomischen Fassungskraft des Landes zu erleichtern, es soll ferner die volle, verantwortliche Selbstregierung vorbereiten; im Endstadium sollen die Altstadt Jerusalems, Bethlehem und Nazareth abgelöst wer- Die neue Palästina-Kommission Wie „Manchester Guardian" meldet, soll die neue auf Veranlassung des Völkerbundes einzusetzende Palästinakommission erst später als ursprünglich beabsichtigt die Ueberfahrt nach Palästina antreten. Bisher sei entgegen, allen Gerüchten kein Kommissionsmitglied ernannt worden. Diese Verzögerung, so erklärt das Blatt, ist auf die Unruhen in Palästina und den Tod Lord Peels zurückzuführen, ,31a nchester Guard i a n" meint, Lord Peel wäre sicherlich in die Kommission entsandt worden. Ein Mitglied der ursprünglichen Kommission sollte von vornherein der neuen zur Taisachenerhebung bestimmten Körperschaft angehören. Die Initiative bleibt wach Der Waad-Leumi. Mitglieder der Exekutive der Jewish Agency und Vertreter verschiedener Kreise des Jischuw sind zu einer dringenden Beratung über die aktuellen Probleme" Palästinas zusammengetreten. Der Merkas Chaklai, der Ausschuss der Landarbeiterschaft bei der Histadrut, hat einen neuen grossen Kolonisationsplan für Ober-Galiläa beraten, den die Palestine Jewish Colonisation Association (PICA) aufgestellt hat. Die PICA hat verschiedenen Kwuzot langfristige Kolonisationskredite gegen 2% ige Verzinsung gewährt, die erst im Laufe von 60 Jahren' rückzahlbar sind. Politische Personalien Sir Artur Wauchope, der sich bekanntlich zur Zeit nicht in Palästina, sondern in London befindet, hat sich wegen eines Augenleidens in klinische Behandlung begeben und seine für die nächste Zeit vorgesehene Rückkehr nach Palästina um mindestens drei Wochen verschoben. Der Distriktskommissar für den palästinensischen Norddistrikt, Edward Keit Roach, ist wegen eines Asthmaleidens in das Jerusalems r Krankenhaus gebracht worden. Der zum Nachfolger des ermordeten Distriktskommissars Andrews zum Kommissar von Galiläa ernannte Kirkbride bat eine Reihe jüdischer Siedlungen seines Amtsbereichs besucht. Wilhelm Stark, ein kürzlich aus Deutschland nach Palästina eingewanderter Jude, hat auf dem Friedhof von Kfar Gilead Selbstmord begangen. — Am Meeresstrand bei Kissaria ist die Leiche des aus Deutschland eingewanderten Oskar Strauss aufgefunden worden. Die Todesursache konnte nicht festgestellt werden. Von Fritz Benjamin [". Fortsetzung]. Totes Meer Gerundet wie eine Sichel streicht der steinige Rücken des Oelbergs und des Skopusberges nordöstlich um das Stadtbild Jerusalems. Eine Strasse führt auf die Höhe des Skopusberges. Da steht beute die Jüdische Universität. Zur Rechten und Linken bäumt das Judäische Gebirge seinen buckligen Kamm, aber nach Osten, über «in versteinertes weissliches Polster entrückt, gehl es zum blanken Spiegel des Salzmeeres in der Tiefe. Ein Felsenwall starrt dahinter wagrecht von Norden nach Süden wie eine zweite Küste Arabiens; in kahlem Abbruch stürzt er ins •Jordangesenke hinab. Von den Bergen Moabs, aus Transjordanien, dem verbotenen Lande, kommt da? Schicksal Jerusalems, der asiatischen Bergstadt, die auf ihrem Gebirge thront und zum Meere keinen Beruf hat . . . — Zum Salzmeer hinunter ist es ein gutes Stündchen auf schönster, breiter und geteerter Strasse. Indessen achthundert Meter hoch weht in Jerusalem herzhafte Berglüft, und fast vierhundert Meter unter dem Mittelländischen Meere wird man in Jericho und am Badestrande des Toten Meeres ankommen. Der erstaunlichen Sache wird jene halbwegs aufgelötete Tafel — sea level — nur unzulänglich gerecht. Die Strasse beginnt mit vorbereitenden schlängelnden Schritten, nimmt ihren Anlauf, windet inid krümmt sich in engeren Kehren und saust ninab zu schwindelndem Abstieg. Ein Schluchtweg Jammert die Strasse ein, und staubiger Wind legt einem entgegen. Da hat sich die Erde ihre spärliche Decke vom Leibe gerissen, und ihre Knochen und Sehnen liegen zutage wie in der Anatomie ein urweltlicher Riesenkadaver. Die Sememen Wülste sinken zusammen, und über die kreidigen Hänge, die sich in schmale Talfalten stürzen, sind Feuersteine locker verstreut und spannen rostbraune Bänder um die geschmolzenen Kanten; Beduinen, unsagbar armes Volk, zelten unter schwarzen, niederen Segeln; einst verbargen sich Propheten in chaotischen Höhlen. Die unselige Wüste ergiesst sich mit langgezogenen Rücken und Rillen in die Steppe des Salzmeeres.. Im versunkenen Lande, randscharf voll dunkelgrüner Sättigung, ruht unter hochgesäulten Bananen und Palmen ein arabisches Städtchen — Jericho! Ein süsser Blütenduft schwankt über schwelgerischen Gärten. Wasser rieselt die Gassen entlang, plätschert in Bächen und teilt sich schlammig ins bestellte Feld. Uralte Mauern stehen ringsum wie zerborstene Wurzeln. Aber draussen vor der Oase, wo der Jordanfluss sein trübes Gewässer und seine munteren Fischiein einem schnellen Ende entgegenschlängelt, lässt sich das •linterweltliche Schicksal auf der abgründigen salzverkrusteten Scholle nur unbehaglich erleben, wie man so schamlos in den Furchen der Schöpfung wühlt . . . Denn als eine bläuliche längliche Scheibe spinnt sich das Sodomitische Gewässer einem entgegen. Arbeiterhäuser richten sich kahl und flach gegen die glanzlose Luft. In Lagunenfeldern voll grauweissen Schlicks schwitzt die bittere Beute aus der Tiefe des Salzmeeres, das die Schätze des ausgekeuchten Bodens mit geringen Umständlichkeiten darbietet und dem aufwendigen Tiefenschachte Europas böse Konkurrenz macht. Halli und Hallo! — Der Fahrer hält mit forschem Schwünge vor einem Bungalow. Am Mäste flattert der Unionjack, auf der Terrasse heult ein Lautsprecher, und der livrierte Neger serviert türkischen Kaffee. An einem schmalen kieseligen Strand von schmutzig grauer Farbe spült das Tote Meer. Klebrige Schaumröllchen flattern auf, und der Finger bedeckt sich beim Eintauchen mit einer salzkristallenen Kruste. Des Sommers kommt die Welt Jerusalems mit dem Abendwinde herunter, badet und tanzt und fährt im Mondschein wieder hinauf. Hinter dem makabren Vergnügungsbetriebe starrt eine erstorbene Landschaft. Das Ungemässe schmerzt . . . Tiefe Mitternacht, als Jerusalem mit freien und kühlen Lüften wieder erscheint. Ganz niedrig liegt die ewige Stadt unter dem ungeheuren Himmel. Die Würde atmet in ausgebreitetem Schweigen. — Nichts ist hier nah und gesellig genug, um damit freundlich zu leben; nichts ist so fern, um sich daran zu messen . . . Abschied von Jerusalem Was bot doch Tel-Aviv dem kritischen Gelüste an herrlichen Gelegenheiten, Bewegung, Menschen, Detail . . . Aber in Jerusalem ist jedes Wort zu schwer und von Begriffen belastet, jedes Wort zu genau, um die schwebende Luft zu erfassen. Es hat schon seinen Grund, dass die schlacksigsten Tel-Aviver, wenn sie nach Jerusalem heraufkommen, sich fünf Minuten vor der Stadt den Kragen zuknöpfen. Ein merkwürdig beschwipstes Gefühl lässt einen die Füsse auf so besondere Weise stellen, dass es einem wie im Traume ergeht und man die Schwere mehr wahrnimmt als unter ihrer Bedrängnis zu leiden. Eine Stadt im Gebirge — man hat schon viele gesehen! Aber keine ist je so einsam gewesen, wie dieser Ort hier, keine so gottverlassen! Das heisst denn wohl, dass keine so sehr nach ihrem Gotte gedürstet hat. Blickst du auf das Mauergedränge herab, so spürst du, dass diese Stadt auf der Höhe liegt, und dass es unter ihr noch unendliche Abstände zu allem im irdischen Sinne fruchtbaren Boden gibt. Eine herbe Unsinnlichkeit betäubt dich und spottet deiner europäischen 'Massstäbe. Die asiatische Stadt ist erschaut und erkannt, dich überkommt ein Gesicht, und ein langer, tiefer Rhythmus tönt dir ins Ohr . . . Braungrau ziehende Hügel, steinübersäte Olivengärten, und eine steigende Sonnenfülle. Wundersam ist die Schönheit des Kalkgesteins, das in seinen weisslichen, gelblichen, rötlichen Pastelltönen eine rührende Zartheit ausstrahlt. Doch spürt man es dem weichen milchigen Steine an, dass seine Lager ein durstiger Grund sind und die Wassersnot Jerusalems verschulden. Bald schichtet sich der frisch gebrochene oder gesprengte Grund zur gequaderten Wand. So baute sich das zionistische Jerusalem über der Verlassenheit eines sacht in die Höhe steigenden muslimischen Friedhofs auf und rückte Verwaltungsgebäude und Synagoge zu einem jüdischen Forum zusammen. Es lässt sich nicht missverstehen in seiner politischen Sprache! In Tel-Aviv ist es eine leichte Aufgabe, der schnellen Entwicklung im wörtlichen Sinne von Süden nach Norden nachzugehen. Alle Welt dort hat, wenn nicht dieselben Voraussetzungen, so doch dieselben Ziele. In Jerusalem aber lässt sich von einem Stadtbilde ausserhalb der Altstadt überhaupt nicht sprechen. In lockeren Vororten wohnen stille Menschen, voll von Plänen, Gelehrte und Beamte. Etwas vorsichtig Verschwiegenes liegt in der Luft. Auch ihre Bewohner sind von anderer Art als im wahllosen Tel-Aviv. Es kann nicht jeder in der reinen, kühlen Atmosphäre Jerusalems leben! Sie werden strenger vom Lande erfasst als in der nachgiebigen Zone der Mittelmeerwelt. Selbst die händlerische Jaffastrasse hat ein anspruchsloseres Gesicht als die Herzistrasse in Tel-Aviv. * Es macht nachdenklich, warum das reisende Europa Palästina als ein Niemandsland sehen möchte, wenn es nicht gerade besondere Interessen zu vertreten gilt. Du wirst es bestätigen: ein für allemal wohnen die griechischen Götter auf dem schneebedeckten Olympos! Doch bevor es zu solcher Eindeutigkeit kam, haben vielleicht die tollsten Katastrophen die Ueberlieferung geschüttelt: geographische, historische und linguistische Verwechslungen, seelische . und politische Umwertungen. Selten genug, dass unser Auge dem zu folgen vermag! Da verehrten z. B. die Moslims in einem alljährlichen Feste das Grab des Mose zwischen Jerusalem und Jericho, wo doch nach unserer Meinung keine Rede davon sein kann, dass der herrliche Mann jemals den Boden des Gelobten Landes betrat. Aber was tut es ihnen?! — Sie haben