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Central-Verein-Zeitung · 1937-10-14 · 41 (14.10.1937) · page 12

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
41 (14.10.1937)
Date
1937-10-14
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seife 12 C.-V.-Zeifung Nr. 41 »14. Oktober 1937, siechen Vorgänse. „Times" berichten, dass man der Fräse der Neubesetzung des Bürgermeisterpostens von Jerusalem viel Aufmerksamkeit zuzuwenden "habe. Das Amt werde wohl provisorisch einem Engländer übertragen werden. „New S t a t e s m a n and Nation" befasst sich in einem Leitartikel mit den Massnahmen der Palästina-Regierung. Kein Einsichtiger werde verkennen, dass die zweifellos gerechtfertigten Verhaftungen und Deponierungen Kopf und Herz des arabischen Nationalismus treffen würden. Der Druck und die Intrigen von aussen würden sich jetzt eher verstärken. Auf der in Bournemouth tagenden Jahreskonferenz der Labour Party wurde gleichfalls die Palästinafrage erörtert. Es wurde der Wunsch zum Ausdruck gebracht, die Regierungspolitik in dieser Hinsicht genau zu verfolgen und die Interessen beider Bevölkerungsteile zu schützen. Bemerkenswert ist eine Aeusserung des Abgeordneten Tom Williams, der der Regierung wegen ihrer zögernden Haltung lebhafte Vorwürfe machte, dass die Partei weder projüdisch noch antiarabisch, sondern pro- .palästinensisch sei. K. J. R. dass die Methode der Jugendali ja-Ausbildung in Kolonien viel besser sei als die frühere Methode der Unterbringung in Instituten. Ausser Lady Reading wurden noch weitere Referate u. a. von Eva Stern (Berlin) und Rabbiner Dr. Grünewald (Mannheim) gehalten. Die Vorträge wurden mit grossem Interesse aufgenommen und lebhaft besprochen. Eine religiöse Jugend-Alijagruppe nach Mikwe Jisrael Mikwe Jisrael, unweit von Tel-Aviv auf dem Wege nach Jerusalem gelegen, stellt einen der ältesten landwirtschaftlichen Punkte in Palästina dar. Seit fast 70 Jahren empfingen hier zahllose Schüler aus allen Ländern ihre Ausbildung in allen Zweigen der palästinensischen Landwirtschaft, hier wurden sie an landwirtschaftliche Arbeiten gewöhnt, um später die für den Aufbau und die "Entwicklung der Landwirtschaft notwendigen Fachkräfte im Lande abzugeben. Der landwirtschaftliche Unterricht, für den 22 Lehrkräfte zur Verfügung stehen, umfasst ausser den naturwissenschaftlichen Fächern im engeren Sinne: Allgemeine Landwirtschaftskunde, Blumenzucht. Zitrus- und Weinbau. Gemüsebau, Getreidebau. Viehzucht. Hühnerzucht. Molkerei. Imkerei. Bodenkunde, Bewässerungswesen, landwirtschaftliche Maschinen. Der landwirtschaftliche Betrieb der Schule erstreck! sich auf 2600 Dunani. Die Schule besitzt, grosse Pardessanlagpn, Obst- und Weingärten, Baumschulen, Versuchsfelder. Kuh- und Hühnerställe, ein chemisches Laboratorium, eine Tischlerei, ein landwirtschaftliches Museum. Bücherei. Die praktische halbtägige Arbeit wird durch den theoretischen Unterricht von Fachkräften ergänzt und vertieft. Besondere Anregungen erhält der Unterricht durch das Vorhandensein einer landwirtschaftlichen Versuchsstation. Die Jüdische Jugendhilfe, die in letzter Zeit dazu überging, Gruppen der Jugendalija auch in bestimmten ausgewählten Anstalten ausbilden zu lassen, hat sich nun entschlossen, eine religiöse Gruppe nach Mikwe Jisrael zu senden. Die Ali ja ist für den Monat November geplant. Anmeldungen von einigen Jugendlichen können noch erfolgen an den Ausschuss für religiöse Jugendalija, Berlin-Charlottenburg 2. Kantstr. 158. Konferenz der Jugend-AIija in Amsterdam In Amsterdam fand kürzlich eine Konferenz des Niederländischen Komitees zur Beförderung der Jugendalija statt, auf der u. a. Lady Reading eine Ansprache hielt. Sie sagte, dass in England jede jüdische Frau, ganz gleich weichen Standes, an der Arbeit der .Jugendalija teilnehme. Lady Reading berichtete über ihre Eindrücke in Palästina und bemerkte dabei, Bevölkerungszahlen nach der Teilung Palästinas Von unserem Dr. E.-R—z- Palästina-Berichterstatter Staatsgebieten, wie ßie die Royal Commission bezeichnet hat, folgendes Bild: Jerusalem, im Oktober. Der sonst so ausführliche Bericht der Royal Commission hat leider keine tabellarische Uebersicht über die Grössenordnung der jüdischen und arabischen Bevölkerung in den drei palästinensischen Staatsgebieten gebracht, deren vorläufige Grenzen sie vorgeschlagen hat. So ungewiss die Einzelheiten der Durchführung des Teilungsplanes auch noch sein mögen, so interessant und wichtig ist es jedoch, sich ein ungefähres Bild von der Zahl der Juden und der Araber zu machen, die in jedem der drei Staatsgebiete wohnen werden; bei dieser Ueberlegung ist unterstellt, dass zunächst keine wesentlichen Umsiedlungen stattfinden. Die Berechnungen wurden auf der geographischen .Grundlage angestellt, dass der Jüdische Staat ausser Tel-Aviv die Städte Haifa, Tiberias, Safad und Acco emschliesst, der Arabische Staat die Städte Jaffa, Tulkerem, Nablus, Jenin, Beisan, Hebron und Gaza. Das Mandatsgebiet ist zunächst mit der Gesamteinwohnerschaft von Jerusalem unter Einschiuss von Ramie, Lydda, Nazareth und Bethlehem berechnet- Unter dieser geographischen Abgrenzung, die ja noch keineswegs als endgültig anzusehen ist, auch wenn das Teilungsprinzip durchgeführt wird, sind nachstehend die Begriffe: ..Jüdischer Staat", ..Arabischer Staat" (der natürlich Transjordanien nicht e i n s c h 1 i e s s t, auch wenn beide zusammengeschlossen werden sollen) und ..Mandatsgebiet Palästina" gebraucht. Es ist weiter von der Gegenwartsbevölkerung von 1335 000 Menschen im gegenwärtigen ganzen Mandatsgebiet ausgegangen worden. Von dieser Bevölkerungszahl sind etwa 400 000 Juden, SSO 000 Araber, und 55 000 Menschen gehören anderen Bevölkerungsgruppen an. Zunächst die Verteilung der 400 000 -Juden über die drei Staatsgebiete. Selbst dann, wenn Jerusalem oder wenigstens die jüdischen Vorstädte Jerusalems, nicht zum jüdischen Staat fallen, werden mehr als 75 Prozent aller Juden des heutigen Mandatsgebietes innerhalb der Grenzen des künftigen Jüdischen Staates leben, nämlich 303 000. Die Zahl der Juden im arabischen Staatsgebiet wird 19 500 betragen, und im künftigen Mandatsgebiet Palästina wird es eine jüdische Bevölkerung von 77 500 Menschen geben. Von denSSO 000 Arabern werden weit mehr al sdie Hälfte, 490 000, im künftigen Arabischen Staate wohnen. Beachtlich ist ihre Zahl im Jüdischen Staatsgebiet mit rund 290 500, während aui das künftige Mandatsgebiet Palästina knapp 100 000 Araber fallen. — Von den übrigen Bevölkerungsgruppen Palästinas entfallen etwa 12 000 auf den Jüdischen Staat, 20 000 auf den Arabischen Staat und 23 ODO auf das künftige Mandatsgebiet Palästina. Tabellarisch ergibt sich für die Grössenordnung der Bevölkerungsgruppen in den drei palästinensischen Juden und Araber in den drei künftigen Palästinastaaten Künftiges Bevölkerungs- Jüdischer Arabischer Mandatsgruppe: Staat: Staat: gebiet Palästina: Juden ...... 303 000 19 500 77 500 Araber .... 290 500 490 000 99 500 Sonst. Bevölkerung rd. 12 000 rd. 20 000 rd. 23 000 Gesamtbevölkenmg 605 500 529 500 200 000 Es sei abschiiesesnd darauf hingewiesen, dass es sich bei den vorstehenden Zahlen um persönliche Schätzungen des Verfassers handelt, zu denen soweit als möglich vorhandene amtliehe Angaben aus früheren Jahren oder Angaben jüdischer Amtsstellen aus der Gegenwart zugrunde gelegt wurden. Das Wechseliffld Scheckrecht Palästinas Der Umbruch aller Dinge in Palästina wird auch das Recht nicht unberührt lassen. Während für das öffentliche Recht, wie auch die Dinge sich gestalten mögen, erhebliche Aenderungen unausbleiblich sind, wird das Privatrecht weniger betroffen werden. Arbeiten, die Teile des palästinensischen Privatrechts dem allgemeinen Publikum näherbringen, behalten deshalb ihren Wert. Mit glücklichem Griff hat J. Sussmann das Wechsel- und Scheckrecht herausgehoben, dessen Kenntnis angesichts der internationalen Verflechtung der Handelsbeziehungen wichtig ist. Das palästinensische Wechsel- und Scheckrecht folgt dem englischen Vorbild. Die meisten. Paragraphen sind dem englischen Gesetz wörtlich entlehnt. Doch finden sich eine Reihe von Abweichungen und Auslassungen, so dass sich die Zählung der Paragraphen gegen einander verschoben hat. Der engere Zusammenhang mit dem englischen Recht ist dadurch gewahrt, dass die Auslegung unter Bezugnahme auf das englische Wechsel- und Scheckrecht ausdrücklich vorgeschrieben ist. Im Gegensatz zu anderen Rechten erlaubt das palästinensisch-englische Recht, in die Wechselverpflichtung die Zahlung von Zinsen und bestimmten Teilzahlungen aufzunehmen. Der Scheck stellt nach englischer Rechtsauffassung eine Unterart des Wechsels dar, er ist ein Wechsel, der auf eine Bank gezogen und auf Verlangen zahlbar ist. Der Uebersetzung sind Anmerkungen beigegeben, die die Abweichungen vom englischen Recht hervorheben und die wichtigsten englischen und alle bisher in Palästina ergangenen Entscheidungen zum Wechsel- und Scheckrecht anführen. Dankenswert sind einige Exkurse. Die Wechselfähigkeit deckt "sich mit der Fähigkeit zum Vertragsschluss. Diese ist in Palästina nicht, einheitlich geregelt, der Verfasser stellt die wichtigsten Bestimmungen zusammen. Ebenso bringt er eine Uebersicht über die prozessualen Bestimmungen. Einen entsprechenden Exkurs über den Wehseiprotest hat er leider nicht gebracht. Die Verschiedenheit der englischen, deutschen und französischen Rechtssprache macht eine Uebersetzung juristischer Texte aus dem Englischen in das Französische oder Deutsche schwierig, während zwischen Deutsch und Französisch in dieser Hinsicht keine besonderen Schwierigkeiten bestehen. Sussmann hat die nicht leichte Aufgabe, die Gesetzesworte deutsch wiederzugeben, im ganzen recht glücklich gelöst. Ein eigentlicher Fehler ist mir nicht aufgesessen^" der Sinn ist stets getroffen. An einigen Stellen möchte ich jedoch Vorbehalte machen. Wenn in Artikel 26 von „Gegenleistung" gesprochen wird, so ist Sussmann in der Verdeutschung zu weit gegangen. Das englische „consideration", ein Zentralbegriff des englischen Rechts, und eigentlich unübersetzbar," kommt so nichi genügend zur Geltung. Wenn in Artikel 71 von „Wechselserien" gesprochen wird, so ist das englische „set" gewiss richtig übersetzt, aber „Wechselduplikate" würde von Juristen deutscher Sprache schneller begriffen werden. Der „holder in due course" (Artikel 28) wird als „gutgläubiger Erwerber" wiedergegeben. Sachlich nicht unrichtig, aber insofern irreleitend, als das englische Vorbild (Bills oi Exchange Act 1882 sec. 29) den Ausdruck „holder in due course" neu eingeführt hat, um den Ausdruck Holder in good faith durch einen umfassenderen zu ersetzen. Holder in due course ist, wer einen Wechsel formal richtig erworben hat (legitimierter Wechselinhaber), wenn er ausserdem noch guten Glauben hat. Die Uebersetzung ist nicht nur geeignet, in das palästinensische Wechselrecht einzuführen, wer sie mit dem englischen Recht vergleicht, kann daraus manches zum Verständnis der englischen Rechtssprache lernen. Die deutsche Uebersetzung von Dr. J. Sussmann ist im Nekudah-Verlag, Nukacero, Csr.. erschienen. Dr. Hans Kaiisch. Bericht an den XX. Zionisten* kongress und an den Council der Jewish Agency for Palestine in Zürich, Herausgegeben vom Zentralbüro für die Absiedlung deutscher Juden in Palästina. Jerusalem, August 1937 — Aw 5697. Der Rechenschaftsbericht, den die „Deutsche Abteilung" der Jewish Agency dem Zionisten- Kongress und der Agency-Tagung in Züricb vorgelegt hat, enthält eine Fülle ausserordentlich interessanten Materials über die Einzelheiten der Arbeit der Jerusalemer- und Londoner-Büros für die Einwanderung, Ausbildung und wirtschaftliche Förderung der bis Mitte 1937, also in etwas über vier Jahre, aus Deutschland in Palästina eingewanderten etwa 35- bis 38 000 Juden. Die Tätigkeit der Jugend-AIija und der in diesem Jahre in Betrieb genommenen Ludwig- Tietz-Werkstätte werden besonders hervorgehoben. Eine Fülle von Aufstellungen, Finanzberichten und Tabellen vervollständigen diesen Rechenschaftsbericht. Das umfangreiche Zahlenmaterial lässt allerdings einen Einblick in die durchschnittlichen effektiven Aufwendungen des Büros für den einzelnen Einwanderer und den Anteil der Regiekosten nicht zu. Dies wäre zweifellos für weite, dem Palästina-Aufbau verbundene Kreise auch im Hinblick auf die Vergleichszahlen der Kosten der Wanderung nach anderen Ländern wünschenswert gewesen. Als Gesamteindruck bleibt der einer konstruktiven Leistung wanderungspolitischer An, der Dauer zu wünschen ist. F. S. Formlos läuft es auseinander, und zwischen diesem und jenem bleiben weite Strecken des Abstands und der Furcht. Eine zerrissene Landkarte liegt um das asiatische Jerusalem. Im weiteren Kreise zieht eine Reihe kahler Hügel entlang: dort sitzt, wer um die Stadt ringt. Der englische Hochkommissar in seinem Schloss; die orthodoxe Kirche auf dem Oelberg, die jüdische Verwaltung in Rechavia. die Universität auf dem Skopusberg. Es ist der Rand einer flachen Schale, die diese Nacktheit des Sinnlichen in ihrer Mitte mit den Energien europäischer Dynamik erreichen möchte und immer ihr fernbleiben wird. Jeder ist missirauisch gegen jeden, jeder übersetzt den Sinn dieser Welt in sein Idiom und bietet an in den Sprachen, die er zu sprechen vermag: die politische Eroberung, die wirtschaftliche Aufschliessung, die religiöse oder staatliche Erneuerung, die wissenschaftliche Dienstfertigkeit. Wie fern bleibt auf der kontinentalen Höhe Jerusalems die laute Geschäftigkeit Tel-Avivs, dieser jüdischen Stadt, die man ablehnen kann, die aber in ihrer Art etwas Spezifisches und darum Berechtigtes bedeutet: Die Orientierung zur Mittelmeerwelt hat vor dem Judäischen Berglande aufgehört. Einmalige Anstrengung sinkt hier zusammen, weil das seelische Klima zu umfangreich für den einzelnen ist. Der Schritt in der herben, leichtgeirunkenen Bergluft hebt sich in Zeiten hinein, denen kein wirtschaftlicher und technischer Fortschritt gewachsen ist. Hier von Generation zu Generation zu leben, heisst von den Zeiten und Räumen Asiens überwältigt werden. Stadt und Land dünstet unerbittliche Hoheit und zieht einen ins Ungewisse und Ungefähre, wie das Meer den Fischerknaben berauscht. — Wollen die neuen mittelländischen Juden eine innerhalb der asiatischen Welt organisch eingegliederte politische Mission erfüllen, — sie müssten Jerusalem ans Meer bauen! Shük Ein hochgetürmter steinerner Ring umfasst. die alte Stadt. Aus dem reinlichen Bezirk, wo der schottische Tommy im karierten Rock vor englischen Verwaltungsgebäuden die Wache hält, steigt man auf schräger Rampe hinab, einige Stufen noch unter dem Torbogen selbst. Denn das Riesengemäuer ist im Druck seiner Masse versunken, während der Erdboden mit angehäuftem Schutt meierweit über seine Wurzeln emporwuchs. Hinab auf den unvordenklich geschichteten Grund der asiatischen Stadt! — Lautheit und Lärm verebben in den winkligen Tiefen der Steinschluchten . . . Die Gassen sind eng. laufen nicht gerade, haben kein Ziel (wie eine Grossstadtstrasse, die hier- oder dorthin auf dem kürzesten Wege führt), behagen sich nicht in geselliger Ruhe (wie eine Kleinstadtstrasse, wo jeder bequem dem Nachbarn benachbart ist). Ein sickerndes, weit verästeltes Rinnsal durchschwemmt die Stadt ohne Ordnung und Abstand. Die Häuser giessen sich auf die Gassen aus. Es wühlt sich um Flanken gemauerter Höhlen, unter dunklen, gekuppelten Gängen, durch den Widerstand kreuzender Menschenstrudel. Unvorhergesehener Engpaß schnürt die Gassen zusammen, ein Haken bricht sie in stockendes Gewühl oder in plötzliche ängstliche Leere. Nebenströme münden ein, aus engen Durchlässen und unter niederen Torbögen schleicht Bewegung. Hier und dort hängt der reichgeschnitzte Käfig eines Frauengemaches über dem Gewoge. — So ist der arabische Sh.uk, ein Häuserhaufen von umständlicher Wüste ungegenständlich und formlos, eine durcheinander getriebene Herde. Die Gassen bedeuten die Stadt, und nicht die steinernen Häuserwaben und nicht die einzelnen Menschen! Gestaltloses Gesumm wandert durch eine versteinerte Wüste. Denn alles lebt in der namenlosen Flut des unveränderlichen, gemeinsamen Zustands. Heimlich ist es im Shük. Unsere Schuhe mit harten Sohlen und klappernden Absätzen haben den ruppigen Ton des Fremden, der sich selber anprangert vor dieser Fremde. Denn auf weichen, biegsamen Sohlen schreitet der Araber, oder der Aermere schmiegt den schmalen bräunlichen Fuss in Nacktheit auf das holprige Pflaster. Der lastentragende Esel steht ergeben wartend vor dem Gewölbe, an die Mauer gelehnt sitzt auf einem Steine Jakob, ein junger Mann mit dem Felle mancher Schafe behängt. Er trägt sein braunes Gesicht, von kurzer Bartkrause umrahmt, mit den dunklen Augen im Weissen edel auf schlankem, gebeugtem Halse und blickt über uns hinweg und hindurch. Hinter einem niedrigen Torbogen führt es zu schwärzlichem Gewölbe, und in der Tiefe — irgendwoher von einem Sonnenstrahle durchbrochen — schon geht man vorbei — ist es wahr? — kehrt zurück und sieht es von neuem: im dunklen Verliesse im Kreise, im engsten Kreise schreitet das Kamel, verbundenen Auges, lässt das Einsinken der gepolsterten Hufe elastisch ausschwingen im Wiegen des bogenförmigen Halses und treibt den knirschend mahlenden Mühlstein. Der Hüter singt dazu ein heulendes Wüstenlied. In den gewölbten Fluren, getrennt nach Gewerben, sitzen Handwerker und Händler: die Flechter, die Schuster, die Goldschmiede. Wollzupfer reissen über gespannte Sehnen das weissgraue Fliess. Aber die abgehäuteten roten Leiber der einstmals munteren Hammel bietet die dumpf riechende Gasse der Fleischer zum Kaufe an und schmückte die muskelprallen Seiten mit Flecken von' Flittergold. Aus den sauber gehäuften Tischen der frischen Gemüse duftet es zart und streng nach violetten Auberginen und blassgrünen Gürkchen und zierlich gespitzten Zwiebeln, während Orangenberge und sonnenheisse Datteln mit tiefer Süsse betäuben. Die Seiden- und Teppichhändler kauern mit inständiger Geduld unter den gestapelten Ballen auf dem steinernen Boden oder auf niederen, binsengefiochtenen Schemeln. Der Schreiber ist der Gelehrte unter den Händlern des Shüks: er lauscht in einem offenen Laden der geifernden Rede seiner Klienten und bringt sie in schönrednerische Worte und bedeutende Zeichen. Eine Garküche stellt frischgebackenen Brotfladen und gebratene Fleischbissen zur Schau, und die Gäste greifen mit gemessenem Behagen danach, hockend auf der Spannung ihrer Schenkel. In einem bescheidenen Kaffeehause sitzen weissbärtige Herren, prachtvoll umwallt vom gestreiften wollenen Umhang, und bedienen sich der geliebten Wasserpfeife — ja, sie thronen mit einer gedrungenen Gebärde, die ihre königliche Haltung geniesst, und der nachdenkliche Kopf schwebt frei über ihnen. Ein Schuhputzercheü im geflickten Kittelkleide bemüht sich um die Gunst der würdigen Träumer, klopft ermunternd an sein messingbeschlagenes Arbeitsgesteilchen und wirbt um den Kunden mit beschwörenden Worten . . . Durch die engen und oft überwölbten Strassenkanäle schwimmt ein zäher und geschmeidiger Strom. Das Steingewürfel geht in ihm •unter, die Menschen kommen und verschwinden aus unbemerkten Gängen, von steilen Treppen herab und durch kellerige Einstiege. Lastträger, gehüllt in Lumpen und aus kranken, schorfbedeckten Augen fast blind in die Luft stierend, schleppen Warenbündel aus einem Speicher. Ernsthafte Beduinen Steigen mit weiten schwebenden Schritten die Stufen einer Moschee hinan (während sie den Saum ihres Kleides anheben, zeigt es sich, dass sie den europäischen Sockenhalter verwenden). Wenige Frauen nur, schwarz und verschleiert, lassen sich sehen. Das bahnt sich den kurvenreichen Weg, verwilderte» Katzenvolk schleicht einem um die Füsse, Staub und Dunst der vielen Menschen, der Tiere, der Wohnhöhlen, der tief verwahrten und angepriesenen Waren. — Plötzlich ein jäher Halt! Ein Streit ist entbrannt! Laut und vernichtend bricht es aus gedrosseltem Vulkan, rauhe Laute tierhaf.ter Wut, um die Ecke der schulterbreiten Gasse fallen Freunde und Gegner dazu, nackte Arme, trocken und muskelzäh. Hier lebt eine andere Welt, lebt ausser Zeit und Raum. Ein Schwindel überfällt mich; grenzenlose Niederlage unserer Welt! — Wo bist du, Zeit . . .? (Fortsetzung folgt.) Der Leiter der Abteilung für innere Krankheiten an dem Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Geheimrat Professor Dr. Hermann S t r a u s s, ist zu vorübergehendem Aufenthalt in Palästina eingetroffen, wo er eine Reihe fachwissenschaftlicher Vorträge halten wird.

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