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Central-Verein-Zeitung · 1937-10-07 · 40 (7.10.1937) · page 15

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
40 (7.10.1937)
Date
1937-10-07
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 40 4. Beiblatt Palästina-Umschau der C-V.-Zeituii Probleme der Uebergangszeit Von unserem ^-Palästina-Berichterstatter Tel-Aviv, Ende September. Das wirtschaftliche Forschungsinstitut der jewiob Agency hat nunmehr auch die laufende Konjunktur-Beobachtung und Konjunktur-Berichtersiatiung aufgenommen und seine ersten drei Monatsbulletins über die Wirtschaftslage herausgebracht. Die Berichte stellen ganz bewusst und ausschliesslich den jüdischen Wirt. aftssektor in den Vordergrund ihrer Betrachtungen. Der wesentliche Unterschied zu eleu wichtigen Arbeiten des Statistischen Amtes der Regierung besteht darin, dass die Regierung sich auf objektive Wiedergabe statistischer Daten beschränkt, während das jüdische Institut auf der breiteren Basis der Konjunkturanalyse jnd Konjunkturpolitik arbeitet. Die Aufbereitung des Materials fürdie Königliche Kommission, die Schaffung der Unterlagen für Certifikatsanforderung der Jewish Agency wurden dem Institut übertragen. Einige dieser Aufgaben führten zu grundlegenden Untersuchungen ganzer Wirtschaftskomplexe und zur Aufstellung konkreter Vorschläge. Es zeigte eich gerade auf industriellem Gebiete, dass die Wirtschaft zwar dabei ist, sich auf ein verlangsamtes Wachstumstempo umzustellen, und dass die gegenwärtige Depression den Ausieseprozess, der nach einigen Jahren so stürmischer Gründungstätigkeit ohnehin einmal hätte kommen müssen, verschärft hat, dass aber zweifellos noch immer eine stetige Ausdehnung des Produktionsapparates stattfindet. Auch die gegenwärtige Maschineneinfuhr übersteigt noch bei weitein den laufenden Ersatz- und Erneuerungsbedari — der bei einem so jungen Produktionsapparat ja besonders klein ist — und lässt einwandfrei eine weitere Expansion erkennen. Eine der Ursachen für die jüngsten Schwierigkeiten einiger Industriebetriebe war die Tatsache, dass zu viel Kapital in An 1 a g en investiert und zu wenig flüssiges Betriebskapital für die lautende Arbeit bereit gehalten wurde. Gerade in einer Periode steigender Weltkonjunki u r. welche die Rohstoff- und Halbzeug-Importe der palästinensischen Industrie erheblich verteuert hat, macht sich der Mangel an Betriebsmitteln besonders fühlbar. Dem neuen Institut ist es gelungen, die Befürchtungen der Regierung, dass die Gewährung von Schutz- und Erziehungszöllen für bestimmte Industrien, eine UeberieueTung der Inlandspreise nach sich ziehen müssien, auf wichtigen Gebieten zu widerlegen. Auf dem Gebiete der Bau Wirtschaft wurden ebenfalls umfangreiche Erhebungen durchgeführt. Man kam unter anderem zu dem Ergebnis, dass der im Verhältnis zum Durchschnittseinkommen noch immer recht hohe Stand der Wohnungsmieten zum Teil auf der Höhe des Zinsfusses beruht. Um durch Erschliessung zusätzlicher und billiger Kreditquellen eine Senkung des Zinsfusses anzustreben, wurden Erörterungen über die Mögiichnes Aufbaus einer Art Sparkassenorganisation. welche gewisse noch nicht systematisch erfasste Kleinsparer-Einlagen dem Hypothekenmarkt zuführen soll, aufgenommen. Ein weiterer wichtiger Fragenkomplex ist die Entwicklung der gemischten Landwirtschaft, die sich mit ihrer ständig steigenden Produktion einem Markte gegenübersieht, dessen Aufnahmefähigkeit zwar mengenmässig noch keineswegs ausgeschöpft ist, dessen Preisbildung aber durch arabische und ausländische Konkurrenz stark beeinflusst wird. Die Verteuerung des Futterimports um 70 bis 80 Prozent zwingt zur Ausdehnung des heimischen Futteranbaus. Daneben aber hat das Institut festgestellt, dass auch sonst in Produktion und Verteilung noch gewisse Verbilligungsmöglichkeiten vorhanden sind. Insbesondere sollen Wege erschlossen werden, um eine rentable Verarbeitung der überschüssigen Frischmilchproduktion zu Butter, Käse usw., die heute noch in grossem Umfang importiert werden, zu ermöglichen. Im übrigen konnte die heimische Gemisehtwirtschaft ihren Absatz in Haifa und Jerusalem sogar noch weiter steigern, aber der grösste städtische Markt, Tel-Aviv, hat durch den dort besonders spürbaren Rückgang der Bautätigkeit, von der ja auch beinahe ein Drittel der Industrie abhängt, gelitten. In der 0 r a n g e n w i r t s c h a f t ist für die kommende Saison eine gewisse Erleichterung zu erwarten, da die Marktlage sich günstiger zu gestalten scheint, die Bemühungen um Rationalisierung des Exports wenigstens gewisse Fortschritte gebracht und die Banken von einer Einschränkung des Kreditvolumens abgesehen haben. In einer Sonderuntersuchung kommt das Institut zu dem Ergebnis, dass die Stellung der Jaffa-Orange auf den europäischen Märkten weniger von den Beziehungen der einzelnen Länder zu Palästina abhängt alsvon ihren handelspolitischen Bindungen an Spanien und Italien, den beiden anderen grossen Orangenlieferanten. Trotzdem wäre, es möglich, ohne Beeinträchtigung dieser Länder und selbst in dem engen Rahmen der gegenwärtigen Mandatsbesiimmungen durch Einführung eines Minimal- und Maximal-Tarifs den Orangenexport nach allen Staaten, die ihrerseits Interesse an der Ausfuhr nach Palästina haben, zu steigern. Auch mit der Bevölkerungsfrage hatte sich das Institut zu befassen. Palästinas natürlicher Bevölkerungszuwachs stellt gegenwärtig einen Weltrekord dar, namentlich im mohammedanischen Sektor, aber auch der jüdische Geburtenüberschuss ist weit grösser als in irgendeiner anderen jüdischen Gemeinschaft in der WTelt. Aber diese Erscheinung beruht vorwiegend auf dem grossen Anteil, den das jugendliche Element seit der letzten Masseneinwauderung an der Gesamtbevölkerung hat. Auf der anderen Seite ist gerade in zahlreichen landwirtschaftlichen Genossenschaftssiedlungen eine deutliche, offenbar wirtschaftlich zu erklärende Tendenz zum Zweikindersystem zu beobachten. Es wird daher die Frage aufgeworfen, wie weit durch besondere Massnahmen zugunsten kinderreicher Familien und kinderreicher Kwuzoth ein Wandel geschaffen werden kann. Denn neben der Einwanderung ist selbstverständlich die Erneuerung von innen heraus, die Schaffung eines bodenständigen, eingeborenen Jischuw eine Notwendigkeit für die Zukunft des Landes. Auch der A u s s e n h a n d e 1 Palästinas bildet ein interessantes Konjunkturbarometer. Die gesamte Wareneinfuhr war im ersten Halbjahr 1937 mit 8,14 Millionen LP um 21 Prozent höber als im gleichen Zeitraum des Vorjahres und nur um 5 Prozent niedriger als im ersten Semester 1935, also einer Zeit guter Konjunktur. Zweifellos ist diese Zunahme der Einfuhr ein Zeichen dafür, dass sich die Wirtschaft bis zu einem gewissen Grade von dem Schock, den sie durch den Ausbruch der Unruhen erlitten hatte, erholt hat. Zum Teil aber ist die Besserung nur scheinbar. Die Steigerung der Einfuhrwerte wird nämlich zum Teil bedingt durch die Steigerung der Preise für wichtige Einfuhrwaren. Das wirkliche Einfuhrvolumen hat sich nicht so stark erhöbt wie der Einfuhrwert. Die Verteuerung wichtiger Einfuhrgüter wirkt sich auf die Bautätigkeit und manche Industriezweige ungünstig aus. Zum Teil hat die Wirtschaft die Teuerung ihrer Auslandsmaterialien durch Lohnsenkungen auszugleichen versucht. Aber auch dadurch entsteht ein gewisser circulus vitiosus. Geringere Löhne bedeuten geringere Massenkauf kraft, und es ist eigentlich gerade in Zeiten schwächerer Konjunktur ein Widersinn, dass von jedem einzelnen Umsatz ein grösserer Teil ins Ausland f Ii esst und ein kleinerer — in Form von Arbeitslöhnen — im Lande bleibt, als in guten Zeiten. Das frühere Verhältnis hat sich also ziemlich umgekehrt. In den Zeiten der Weltwirtschaftskrise bildete Palästina eine Insel der Prosperity. Dagegen wirkt sich die gegenwärtige Besserung der Weltkonjunktur auf Palästina eher ungünstig aus. In einigen Punkten freilich ist auch Palästina Nutzniesser der internationalen Wirtschaftsbelebung. Der Druck der D u m p i n g - E i n - fuhr, die in den vergangenen Jahren den palästinensischen Markt mit den Erzeugnissen notleidender Industrieländer überschwemmte und dadurch die Entwicklung der heimischen Industrie erschwerte, hat im wesentlichen aufgehört. Eine zweite günstige Wirkung der gebesserten Weltkonjunktur ist die erhöhte Aufnahmefähigkeit des Auslandes für palästinensische Erzeugnisse. Die gesamte Warenausfuhr war mit 3,75 Millionen LP um volle zwei Drittel grösser als im gleichen Zeitraum des Vorjahres und sogar um 16 Prozent grösser als im ersten Halbjahr 1935, Selbstverständlich ist zum grösseren Teil die bedeutende Zunahme der Zitrusausfuhr in der letzten Saison für diese Steigerung verantwortlich. Ein Teil der Früchte hatte aber unter Regen- und Hagelfällen während der Ernte gelitten und konnte deshalb nur zu schlechten Preisen abgesetzt werden. In dem gleichen Jahr, in dem die Preise vieler Einfuhrwaren so erheblich gestiegen waren, zeigten also die Durchschnittserlöse unseres wichtigsten Exportartikels einen Rückgang. Auch der Export der heimischen Industrie hat sich günstig entwickelt. Zu seiner weiteren Förderung haben Jewish Agency. Anglo Palestine Bank und Industriellenverband ein" Ausfuhr-Förderungsinstitut gegründet, das durch Gemeinschaftsarbeit im Ausland neue Märkte erschliessen soll. pMdsMsse ssmh Ude&m Erscheint wöchentlich ohne Gewähr. Postschluss für Luftpostsendungen bei folgenden Postämtern: Berlin SW11: Frank?urtiMain Bahnpostarat 10 oder Flughafen: München Postamt 2 (Flughafen). Einwurf bei anderen Postämtern oder in anderen Orten bis zu 1 Tasr früher. Abkürzungen: B. A. Buenos Aires: Boul/= Bouiogne: Chcrb. Cherbourg. Ziffern in Klammern Postschlusszeiten. Ab Seeweg nach Nordamerika An Berlin Hamburg: Brem. Cherb. N.-Y. 7.30. 7. 10 (19) ..Europa11 S. 10. 9.10. 14.10. 11.10. 11.10. (19) „Queen Mary" 13.10. 18.10. 13.10. 11. 10. (S) „Deutschland11 14.10. 15.10. 22.10. Luftweg: Bis auf weiteres keine Verbindung. Seeweg nach Südamerika Berlin Frankf. Hambg. Cherb. Boul. Rio B. A. 7.10. US) S. 10. CS) 0.10.25.10. 29.10. 13.10. (16) 1-1.10. (6) "27.10. 30.10. 14.10. (IS) 15.10.(8) 15.10. 1.11. 5.11. Luftweg: Zuschl. 1,50 RM für je 5 g (1.25 Brasil.) Berlin Frankfurt Köln Rio B. A. 9.30. (9) 9.10. (11) 9.10. (14) Fr. Luftp. 12.10. 13.10. 13.10.(21) 13. 10.(24) Dt. Luftp. 16.10. 17.10. Seeweg nach Südafrika Berlin Köln Southampton Kapstadt I. 3.10.(14) 13.10.(21) 15.10. 1.11. Kapstadt—Johannesburg (oder Pretoria) 30 Stunden Luftweg: Zuschlag 35 Pf. für je 5 g Berlin München Brindisi 9.10.(7) 9.10.(30) 10.10.(9)) Laufzeit II. in. (8) 11.10. (IS) 13.10. (9) ■ .^%0U 12.10. (7) 12.10. (10) 13.10. (9) j 9 Ta§G 15.10. (S) 15.10. (IS) 17.10. (9) See- und Landweg nach Palästina Berlin München Haifa 8.10.(16) 9.10.(9) via Belgrad—Istanbul 13.10. 10.10. (14.) 10,10. (9) via Belgrad—Istanbul) 15.10. 12.10.(16) 13.10.(9) Schiff 14.10. ab Brindisi 18.10. 13.10.(16) 14.10.(9) via Belgrad—Istanbul 19.10. Luftweg: Zuschlag 10 Pf. für je 5 g; m'md. 15 Pf. Berlin München Athen Brindisi 9.10.(6) 9.10.(10) 10.10.(13) f 9.10.(18) 11.10.(9) { Laufzeit 10.3.0.(6) 10.10.(10) 11.10.(9) ( ca. Wz Tarre 32.10.(6) 12.10.(10) 13.10.(13) i 14.10.(6) 14.10.(10) 15.10.(13) > Mit dem Inkrafttreten des Winterllugplans am 3. Oktober sind verschiedene Aenderungen im Luftpostverkehr nach Üeberseeländern eingetreten. Im Verkehr mit Palästina wird der beschleunigte Postflug über Neapel und Athen nach Lydda, der bisher zweimal wöchentlich stattfand, in beiden Richtungen dreimal wöchentlich durchgeführt, und zwar jeden Dienstag, Donnerstag und Sonnabend früh ab Berlin und jeden Sonnabend, Montag und Mittwoch ab Lydda. Bei der Südamerika-Lufpost startet die Maschine der französischen Linie am Sonnabend vier Stunden früher als bisher in Berlin und Frankfurt und nimmt in Köln eine Zwischenlandung vor, so dass der dortige Flughafen gleichfalls Postleitstelle geworden ist. Auch im Verkehr mit Südafrika ergeben sich zum Teil veränderte Zeiten. ^tßiück&K, tJö^ Von Fritz Benjamin 5. Fortsetzung Schabbat in Tel-Aviv Mit Sonnenuntergang hat alles stillgestanden, und ein Märchen umhüllt die eben noch betriebsamen Häuser. Man möchte leise gehen, beunruhigt und geborgen zugleich in der atemlosen stille. Die Strassen sind leer. Wenige nur sind auf die bezahlte Gastlichkeit angewiesen, sitzen '•n Jen Cafes vor einem Glase Tee, plaudern und -p.elen Schach, den Ellbogen auf den Tisch gehoben, und ihre schwarzgelockten Häupter •'ekronen ein nachdenklich versunkenes Dreiec-k. f>er zwergenhafte Küfer in Rischon Lezion hatte > eranlassung genug, sich zu beklagen: die Juden trinken nicht! immerhin — elektrischer Strom und Strassen- * Beleuchtung stehen zur Verfügung, das Wasser lautt. Doch stiege jetzt wer in die Eisenbahn, die xon arabischen Beamten bedient wird, er käme >n eine fremde Welt und hätte ein schlechtes Ge- Wsen dazu. Denn es bliebe instinktlos, die Ziehte Meinung als Vorwand gelten zu lassen, der einzelne könne sich wohl freiheitlich darüber hinwegsetzen! Schicksalhaft reckt eich das Verbot! Es steht mir nicht an, meine Höflichkeit auf die Land' ssitte abzustellen und dem Förmlichen seine Ehre zu erweisen. Denn eben um dieses, eine Form in gewohnter Diesseitigkeit, handelt es bich nicht! Und suchte ich darin meine Zuilucht, so ergäbe ich mich nicht nur einer unberechtigten Unerheblichkeit, die sich der Kotomalweisheit des Eroberers bedient, sondern es bedeutete für mich, als Juden, ein aus- »rtiliessendes Bekenntnis. Abgründe des Erlebtes umstarren in massloser Konsequenz dieselbe Welt, die Gott in den Schöpfungstagen erbaut hat! Jede europäische Perspektive muss daran versagen. Der Schabbat steht zwischen Woche und Woche *ie eine einsame Ewigkeit. Uns allen entrückt kein Ereignis unserer Voraussicht und arbeitsteilenden Sorgfalt, unabsehbar wie eine ins Bodenlose fallende Insel. Er wiegt auf Wellen unwirklicher Stille und zieht die Menschen in geisterhaftem Zuge zu ihrer Gemeinschaft. Am späten Tage treibt ihre magische Flut durch verlorene Strassen; noch wartet ein blasses Licht zwischen den reglosen Dingen. In einer weiten Halle drängen sich Tausende, stehen Kopf an Kopf im dunklen Stimmengewirr, eine vor grauen Wänden undeutliche Menge. An der Stirn des Saales gähnt eine leere Bühne, und zur rechten ragt das hölzerne Schnitzwerk einer zinnengekrönten Burg, Bildnis Jerusalems, wie ein riesenhaftes Kinderspielzeug anzuschauen, das ein Bastler inmühseliger Arbeit zusammenleimt, die Jahrmärkte damit zu bereisen und in Pfennigen sein Brot zu verdienen. Ueber uns schwimmt das flaue Licht der abendlichen Stunde ... Dämmernde Nachdenklichkeit füllt den Saal mit lauschenden Ohren. Von der länglichen Tafel vorne erhebt sich ein Mann und spricht mit kurzer Geste und stockend-kehlig - anprallenden Worten. Zwei jüdische Menschen, jüdische Dichter, betrifft es, ihren gemeinsamen Sinn und ihr unterscheidendes Wesen. Eine begriffliche Welt flattert über der raumlosen Gemeinschaft. Aber ihnen gefällt es, den Sang ihres jüdischen Daseins auf eine verschworene Weise zu lernen, eigenes Erlebnis in deutende Worte zu hüllen. So hören sie in dichter Einsamkeit, und auf dem Schalle steigt ihre Hingabe ... Ein anderer Sprecher folgt dem ersten. Der stämmige Mann in ergrauendem Lockenkranz dröhnt in der Fülle eines weichen und männlichen Wesens, seine volle Stimme schwingt durch die Dämmerung, die uns tiefer und tiefe* umbettet, wie eine abgründige Leere vor dem ersten Tage, wie ein Ungeborensein! Ehrfürchtig lauscht das Volk seinem grössten Dichter und lässt sich ins Geheimnis seiner Seele geleiten... Nun ist der Saal von Dunkelheit zugewachsen, so dass die Stimme des Redners aus einer Urtief? klingt. Der Laut liegt über der Menge, der Ton des gottgegebenen Wortes steht körperlos und allmächtig über den geschlossenen Sinnen. Das Wort bricht ab, — und auf der Bühne regt es sich mit trappelnden Kinderschritten und dem ordnenden Zuruf des Lehrers. Knabenstimmen beginnen im Chor und Wechselgesang und schweben über dem nächtlichen Saal. So ernst, so jung, so heilig und fröhlich! Im hölzernen Zierat des zinnengekrönten Jerusalem leuchten bunte Lichter und verkünden, dass der Schabbat sein Ende fand! V. Asiatisches Jerusalem Das Auto wirft uns vom Mittelländischen Meer hinauf in die Winterhöhe Jerusalems, Dies ist die Stadt des asiatischen Erdteils und eine Festung binnenländischer Weite. Vom Meere her ist sie kein Ziel, zum Meere hin hat sie keinen Beruf. Vom Beduinenlande ist sie gekommen, thront auf dem Gebirge und bleibt im Osten. # Man sagt, es sei ein schrulliger, ein überwundener Standpunkt, vom westöstlichen Gegensatze zu sprechen. Daran sei es heute nicht mehr! Warum aber sollte es in unseren Tagen unter dem mechanischen Vorzeichen von Wirtschaft und Technik gelingen, die orientalische Welt europäisch zu akklimatisieren, was einst weder der griechischen Kultur, noch den römischen Legionen oder der religiösen Besessenheit der Franken zum besten geriet und gewiss nicht in dem einseitigen Sinne, in dem sie es unternommen hatten! Ich glaube dem unsicheren Scheine nicht es könnte jemals Wirklichkeit des Westens zu einer Wirklichkeit im Osten werden. Denn wie könnte es sein, wenn der Mensch selber nicht wirklich wäre und bereit, sich als Anfang und Ziel der Dinge zu betrachten! Ein Jeder will nur, was er kann, und die naiv-stolze Forderung eines freien Willens beschränkt sich klüglich auf die Gesetzmässigkeiten der eigenen Natur. Ein jeder ist und leistet seine Wirklichkeit in den Proportionen seiner Welt Hier aber in diesem Lande ist nichts wirklich ausser dem Einen: Gott, Schicksal! -- Der Osten nimmt nichts mehr, als was er sich unbeschadet zumuten kann, um dem Westen mit seinen eigenen Waffen zu begegnen. * Was ist es nur mit dieser einzigen Stadt Jerusalem! — Die Frage tastet um einen unheimlich abstrakten Kern. Lebt denn nicht jeder, wie es ihm zukommt, und ist nicht Wohnen sichtbarster Grad seiner Teilnahme.' — In diesem alten Jerusalem, mitten in seiner zinnengekrönten Ringmauer hausen Zehntausende zusammen: Jude und Araber, Armenier und Kopte leben dem eigenen Fanatismus zum Trotz im Bunde einer Schicksalsgemeinschaft. Ein düsteres Steingewürfel klammert sich an den Felsenabsturz, wird von schmalen, menschenvollen Gassen durchwühlt und verwahrt seine heiligen Stätten. Religiöse und private Zone durchdringen, bedingen einander ... Aber vor den Toren hat sich Europa benachbart. Denn dies ist keine organische Weiterbildung vom Alten zum Neuen, — nein, die belagerte Stadt wird zu einem Dauerzustande, und es geht um ein Prinzip, das zwischen West und Ost auszumachen wäre. Hat aber anderseits wer da draussen den Mut, des alten heijigen Jerusalem ganz zu entraten? Der Name zieht sie alle zum Unsinniichen hin, der kargen, rührenden, unvergleichlichen Nacktheit des Sinnlichen in ihrer Mitte, und das Bild der Phantasie ist schliesslich stärker als alle Wirklichkeit (Fortsetzung folgt.) Kein Rücktritt des High Commissioners Das Kolonienministerium dementiert Meldungen, die in den letzten Tagen in der Presse über den bevorstehenden Rücktritt des High Commissioner Sir Arthur Wauchope erschienen sind und seinen Ersatz durch Feldmarschall Sir Philip Cetwode, der in den Jahren 1930/85 Oberkommandierender in Indien gewesen ist. Das Kolonien-Ministerium erklärt/ es handele sich um alte G.erüchte, die jeder Begründung entbehren.

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