Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 38 (23.9.1937)
- Date
- 1937-09-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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fk. 38 S.Beiblatt Pa lä« t iiia-I m seil au der C.-V.-Zeitunf Seite 11 23. Septbr. 1937 Das Echo in der arabischen Welt In Genf Wichtige Beiträge hinsichtlich der Stellungnahme der arabischen Staaten zur Palästina- Politik brachten die Sitzungen des Völkerbundes vom 18. und 20. September. In der am 18. September abgehaltenen Sitzung 'der Völkerbundsversammlung wandte sich der ägyptische Aussenminister Boutros Ghali Pascha gegen den Plan der Teilung Palästinas und forderte die Errichtung eines arabischen Nationalstaates in Palästina. Boutros Ghali Pascha stützte sich bei seinen 'Ausführungen auf den Briefwechsel zwischen Sir Henry MacMahon und dem späteren König Hussein des Hedschas und behauptete, aus diesem Briefwechsel gehe hervor, dass Palästina von England den Arabern versprochen worden sei. Der ägyptische Aussenminister hatte in seiner Rede vor der Völkerbunds Versammlung betont, dass das Palästina-Problem seine Regierung und das ägyptische Volk nicht nur im Hinblick darauf interessiere, dass Palästina ein Nachbarland Aegyptens ist, dessen Bewohner die gleiche Sprache sprechen und dem gleichen Kulturkreis angehören, sondern auch mit Rücksicht auf die engen Beziehungen Aegyptens zu England, der Mandatarmacht für Palästina. Aegypten wünsche, dass die Palästina-Frage auf der Grundlage von Recht und Gerechtigkeit gelöst werde, das heisst, das? Palästina den Palästinensern gegeben würde. Ihre Gegnerschaft gegen die Teilung rühre von den folgenden Erwägungen her: 1. Die Teilung verletzt die Rechte der Araber auf Palästina und steht im Widerspruch zum Völkerrecht; 2. die Teilung stellt einen Bruch des von England den Arabern gegebenen Versprechens der Unabhängigkeit in den arabischen Gebieten dar; 3. der Teilungsplan löst nicht die Frage der Befriedung Palästinas, denn er bereinigt nicht das Problem der Beziehungen zwischen Juden und Arabern; 4. der Plan löst nicht die Weltjudenfrage; 5. er schafft zwei kleine, einander feindliche Staaten mit Bevölkerungen von verschiedener Religions- und Volkszugehörigkeit ohne die Möglichkeit gegenseitiger Verständigung. Als Antwort auf die Darlegungen des ägyptischen Aussenministers veröffentlichte die Vertretung der Jewish Agency in Genf am folgenden Tage eine Erklärung, in der festgestellt wird, dass der ägyptische Aussenminister über den Inhalt des MacMahon-Versprechens im Irrtum ist Eine Verständigung mit den Arabern könne nur auf der Grundlage der Auferchterhaltung jüdischer Einwanderung nach Palästina nach Massgabe der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des Landes herbeigeführt werden. In der von der Genfer Vertretung der Jewish Agency veröffentlichten Erklärung wird im einzelnen dargelegt, dass alle wesentlichen Auszüge aus dem Brief MacMahons an Sneriff Hussein im Jahre 1915 klar zeigen, dass Palästina in das Versprechen nicht eingeschlossen war. Die Jewish Agency würdigt dann die Sympathie und den guten Willen, den Seine Exzellenz Boutros Ghali Pascha für die Lösung der Judenfrage in einem Aufruf an Araber und Juden zu freundschaftlicher Verständigung zum Ausdruck gebracht hat. Sie erinnert daran, dass sie dauernd bestrebt war, die Möglichkeit einer Verständigung mit den Arabern Palästinas zu erforschen, stellt jedoch klar, dass eine solche Verständigung nur auf der Grundlage der Fortdauer der jüdischen Einwanderung gemäss der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des Landes erfolgen kann. Die Ständige Mandatskommission, eine Körperschaft, die aus unparteiischen Fachleuten hohen Niveaus bestehe, habe in ihrem Bericht an den Völkerbundsrat die Errichtung des Jüdischen Nationalheims als „eine Sache höchster Gerechtigkeit" bezeichnet. Sie habe auch hervorgehoben, dass die kollektive Notlage von Arabern und Juden sich miteinander nicht vergleichen lässt, da weite Gebiete des Nahen Ostens, die früher eine zahlreiche Bevölkerung beherbergten und die Heimat einer blühenden Kultur waren, den ersteren offenstehen, während die Welt für die Ansiedlung der letzteren in steigendem Masse verschlossen wurde. Der Standpunkt des Irak in der Palästinafrage wurde in der Sitzung des Völkerbundes vom 20. September von dem irakischen Aussenminister Tewfik el Swaidy auseinandergesetzt. Er forderte Abschaffung der Balfour-Dekfaration und des Palästina-Mandates. An dem westlichen Horizont, so führte er aus, hänge eine Wolke, die sich auszubreiten droht. Siebzehn Jahre lang sei seinem Volk in Palästina Ungerechtigkeit geschehen. Ein Land von einer Bevölkerung mif über einer Million Arabern sei ungeachtet "aller Proteste das Einwanderungszentrum für 300 000 Juden geworden. Man habe, fuhr der Vertreter des Irak fort, zwei Instrumente geschaffen, um diesem Prozess eine juristische Basis zu geben: die Balfour- Deklaration und das Palästinamandat. Die beiden Instrumente, die geschaffen worden seien, seien aufzuheben, da sie dem Artikel 22 des Völkerbundpaktes widersprächen. Die Haltung der Regierung des Irak sei am 4. August 1937 zum Ausdruck gebracht worden. Jetzt wolle er, sagte der Redner, nur zwei Gründe erwähnen, aus denen die Regierung des Irak an der Lösung der Palästinafrage interessiert sei: 1. der Umstand, dass die Bevölkerung Palästinas, die mohammedanische und die christliche, arabischer Rasse ist und mit den Arabern des Irak eine einheitliche Nation bildet; 2. dass die Unruhen in Palästina die arabischen Nachbarländer in Mitleidenschaft ziehen müssen: die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung im Irak stehe daher in Beziehung zu diesem Problem. Das englische Volk, sagte der Delegierte, das lange Zeit den Arabern freundlich gesinnt war. und das sehr viel getan habe, um dem Nahen Osten Frieden zu bringen, erfreue sich der Freundschaft und der Dankbarkeit des Volkes und der Regierung des Irak. In der Palästinafrage aber müsse die Irak-Regierung ihren Protest gegen die englische Politik zum Ausdruck bringen. Der Völkerbund habe die englische Regierung ermächtigt das Problem der Teilung Pafästinas zu studieren, und der Vertreter Englands habe versprochen, in nächster Zukunft Verhandlungen aufzunehmen. Es sei zu hoffen, dass diese Verhandlungen zu einer Lösung führen werden, die dem Vöikerbundspakt entspricht und die Rechte der Araber anerkennt. Während der Rede des Delegierten des Irak war die Sitzung nur schwach besucht. Im vorderen Orient Wichtiger vielleicht al§ das Ergebnis der Konferenz von Bloudan, über die wir in der vorwöchigen C.-V.-Zeitung berichteten, sind die Auswirkungen auf die arabischen und mohammedanischen Bevölkerungsgruppen der ganzen Welt, für die an dieser Stelle schon zahlreiche Beispiele gegeben werden konnten. Neuerdings hat auch auf Java in Niederländisch-Indien eine mohammedanische Protestversammlung gegen die Teilung Palästinas stattgefunden, die zur Absendung von Protestresolutionen an den Mufti von Jerusalem, die britische Regierung, den Völkerbund und den Pan-arabischen Kongress führten. Auch in Alexandrien kam es anlässlich der Eröffnung der Konferenz wieder zu zahlreichen Kundgebungen. In ihnen wurden Ent¬ Schliessungen gegen" die Teilung Palästinas gefasst und von England verlangt, dass es den Arabern Gerechtigkeit widerfahren lasse. In einer dieser Versammlungen wurde beschlossen, einen Fonds aufzubringen, der bei der Finanzierung des politischen Kampfes der palästinensischen Araber mithelfen solle. In Meknes (Französisch-Marokko) veranstalteten die pan-arabischen Nationalisten Kundgebungen gegen das französische Regime, die zu einem Judenpogrom ausarteten. Viele jüdische Geschäfte wurden zum Teil ausgeraubt, zum Teil vernichtet. Die Fremdenlegion schritt gegen die Aufrührer ein. 'Anlässlich des Staatsfeier tages der jungen Republik Libanon hat der Waad Leumi im Namen der jüdischen Bevölkerung Palästinas an die Regierung des Libanon ein Glückwunschtelegramm gerichtet, in dem es heisst: Die Jerusalemer arabische Tageszeitung ,.F e 1 e s t i n" veröffentlicht die Aufsehen erregende Meldung, dass der jahrelange Streit zwischen König Ibn Saud und dem Emir Abdulla von Transjordanien über die Hafenstadt Akaba beendet worden sei. König Ibn Saud soll seine Ansprüche auf Akaba gegen alljährliche Zahlung von 5000 Pfund aufgegeben haben. Wenn diese Meldung, die das Blatt aus zuverlässiger Quelle zu haben behauptet, zutrifft, so bedeutet sie, wiederum einen wesentlichen Fortschritt zu einer Vereinheitlichung der arabischen Kräfte. Es ist unverkennbar, dass dieser Fortschritt unter dem Druck der von England vorgesehenen Aufteilungspläne im Nahen Osten zustande gekommen ist. Inmitten dieser zu energischem Widerstand entschlossenen, sich innerlich konsolidierenden Front der arabischen und mohammedanischen Staaten gewinnt eine Erklärung der türkischen Regierung erhöhte Bedeutung, die der ITA aus höchst autoritativer Quelle zugeht. Danach habe die türkische Regierung beschlossen, in der Frage der Teilung Palästinas absolute Neutralität zu wahren. Sie sei zwar an der Wohlfahrt der früheren ottomanischen Territorien stark interessiert, gedenke sich aber bei aller Sympathie für die politischen Bestrebungen der Araber nicht in die inneren Angelegenheiten dieser Länder einzumischen, und vor allem nichts zu unternehmen, was geeignet wäre, das Prestige des Völkerbundes zu schmälern. Diese Informationen sind, wenn sie sich bestätigen sollten, um so erfreulicher, als die arabische Zeitung „F e 1 e s t i n" kürzlich eine völlig entgegengesetzte Nachricht über die angebliche Stellungnahme des türkischen Staatspräsidenten, Kemal Attatürk, veröffentlicht hat. Dieserii Blatt zufolge soll der Staatspräsident im türkischen Parlament zur Frage der Teilung Palästinas erklärt haben, dass die Türken sich durch sie verletzt fühlen. Sie würden es nicht dulden, dass das den Mohammedanern heilige Palästina als Arena europäischer Strömungen missbraucht werde. Die Mohammedaner _ seien geeint, und als geeinte Gruppe würden sie imstande sein, sich allen gegen sie gerichteten Bestrebungen entgegenzustellen. Unzweifelhaft neutral ist nach wie vor die Haltung der Libanonregierung, was schon daraus hervorgeht, dass sie sich an dem panarabischen Kongress in Bloudan nicht beteiligt hat. Dieses Verhalten wird jetzt noch durch einen Artikel der als offiziöses Sprachrohr der Regierung geltenden Zeitung ..L'OrieirT' unterstrichen, in dem erklärt wird, dass das Palästinaproblem den Libanon nur unter dem Gesichtspunkt freundnachbarlicher Beziehungen mit Arabern und Juden angehe. Es bestehe für den Libanon keinerlei Veranlassung, sich in den Streit mit Palästina einzumengen, er müsse vielmehr eine absolut neutrale Haltung wahren. Der arabischen Presse wird aus Beirut gemeldet, dass der Unterstaatssekretär im britischen Innenministerium, Ladson, demnächst nach Syrien und Libanon kommt, um die Gräber der im Weltkrieg gefallenen englischen Soldaten zu besuchen. Im Anschluss daran will er sich auch nach Palästina und dem Irak begeben. Anlässlich des Nationalfeiertages des Libanons beehren wir uns. euch im Namen des palästinensischen Judentums unsere Begrüssung zum Feiertag der Unabhängigkeit zu übersenden. Wir wünschen der jungen Republik und dem edlen Volk des Libanon Glück und Segen. Eine ruhigere Woche Die vergangene Woche ist endlich wieder ruhiger verlaufen als die vorhergehenden. Der Terror der radikalen gegen die gemässigten arabischen Elemeute scheint allerdings weiter zu gehen. In diesem Zusammenhang hat der Bürgermeister von Haifa, Hassan Schukri, seine Arbeiten in der Stadtverwaltung unerwarteterweise unterbrochen und einen längeren Auslandsurlaub angetreten. Mit ihm ist auch seine Gattin, eine Schwester des vor zehn Monaten von Terroristen erschossenen Ibrahim Bey Chalil, abgereist. Man glaubt, dass der verstärkte Terror der radikalen nationalistischen Elemente den Bürgermeister gezwungen hat, das Land zu verlassen, da bereits wiederholt Attentatsversuche gegen ihn unternommen worden sind. Der in der Nähe von Haifa wohnende Scheich Mahmud el Chatif, der in der letzten Zeit wiederholt Drohbriefe von der „Schwarzen Hand" erhalten hat, ist nach Syrien geflüchtet. In Blad il Scheich bei Haifa werden in letzter Zeit immer wieder auf die Einwohner Ueberfälle bewaffneter Banden unternommen, die Geld erpressen wollen. Das Gericht in Jerusalem hat Arje Katscher, ein Mitglied der Revisionistischen Partei, der am Ausgang des Jörn Kippur an der Klagemauer den Schofar geblasen hat, zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Der Angeklagte erschien vor Gericht in_ einen Tallit gehüllt. Er hatte keinen Verteidiger. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft Von Fritz Benjamin 3. Fortsetzung. Aber in Palästina baut die Zeit! Ja, die fliehende Zeit überbrückt mit flüchtiger Arbeit die Notdurft des Raumes. Das ist es! Bauen bedeutet hier eine Umsteigestelle der Menschen, bei der ein jeder mal an die Reihe kommt. Aber das Plötzliche und Zufällige solcher Handhabung schleicht den Bewohnern nach, und mangelnde Sachlichkeit schwankt wieder um ihre Existenz. So ist das pionierhafte Bauen der Wandernden! Sind diese dem Boden entwöhnten Menschen auch nur Pioniere zu nennen? — Obdachlose sind unterzubringen, und der Statistiker hat das Wort. Menschen kommen aus den verschiedensten Lebenssphären und haben für ihre Bedürfnisse nichts anderes zu bieten als — Geld, als höchstens Geld! Aber ihre inneren Voraussetzungen für das neue Leben bleiben ungeklärt. Ein beispielloser Umzug in ein anderes Weltbild! — Als die Mayflower-Fahrer nach Amerika kamen, durfte es Generationen währen, ehe sie vom Blockhaus zum Wolkenkratzer siedelten! Die USA bekommen bei solcher Betrachtung ein recht patriarchalisches Aussehen neben dem heutigen Palästina. Wohin soll das führen? — Erinnerungen und Vorbilder werden mitgeschleppt, — selbst der grosse Bialik gab solcher sentimentalen Schwäche an seinem Wohnhaus nach, und sagte er nicht im selben Sinne vom Hebräischen, dass man es zwar sprechen könne, dass sich's aber in der Muttersprache von selber spreche! Erfahrung fehlt, und die technische Ausführung ist mangelhaft. Aber das Wichtigste, das Entscheidende ist: der rücksichtslose Vorstoss auf den Grund der Dinge wird versäumt! Für Erkenntnis und Selbsterkenntnis stehen vorgefasste Begriffe. Ich sollte mich meines Kleinmutes 6chämen, yergässe ich mich nur bei den Schönheitsfehlern eines provisorischen Zustandes. Wahrhaftig, so meine ichs nicht! Bauen ist mir ein Gleichnis, schlichtestes und tiefstes Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Leichter ist es noch, ein Haus schlecht und recht auf den Boden zu stellen, als darin zum Palästinenser zu werden. Die sinnliche Wirklichkeit dieses Landes will erworben sein, um wieder besessen zu werden, und das natürliche Verhältnis zu jeder Handhabung kann nicht beiläufig hinter einem gedanklichen Erlebnis zurückstehen, sondern ist seine Voraussetzung. Denn so gewiss der Zionismus eine raumpolitische Unternehmung sein will, so sicher ist der jüdische Nachbar in Tel-Aviv kein beliebiger „Herr Zeitgenosse", sondern ein Bürger dieses Raumes, dem jedes Stück seiner Umgebung zugeordnet sei. Da hast du die Wirklichkeit: der Mensch ist das Mass der Dinge! Wer die neuen Strassen von Tel-Aviv durchwandert, könnte sich leichthin in irgendeiner neuzeitlichen europäischen Stadt glauben: dreistöckige Häuser mit flachem Dach und horizontaler Gliederung, eine eingeschnittene Loggia an jeder Wohnung, breitgelagerte Fenster. Von den kalkigen Fassaden knallt einem der Modernismus entgegen. (Hat sich aber beispielsweise der Architekt der sorgfältigen Auswahl eines Putzes angenommen und kehrt morgen an seine Baustelle zurück, so findet er vielleicht statt einer gelben Wand eine grüne vor, und — der Polier wundert sich noch über ein kleinliches Erstaunen bei solcher Nebensächlichkeit!) Eine beziehungslose Blässe liegt über allen Dingen, die Tendenz und Programm mit einem Ziele verwechselt und zum Begriffe verschwimmt, ohne Gehalt und Gestalt auch nur zu bemerken. Wache Teilnahme fehlt und Körperbewusstsein auch in den kleinsten Dingen. Wenige Strassen weiter beginnen die bescheidenen Reihen der osteuropäischen Kleinstädter. Niedrig und missmutig stehen sie da; eine Bananenstaude blüht im staubigen Vorgärtchen. Anderwärts ragen über das Erdgeschoss leere Balkone vor, und eiserne Träger warten auf die künftige Aufstockung. Die unfertigen Häuser erinnern ebensosehr an Wirtschaftskrise wie an die Möglichkeiten eines babylonischen Turmbaues, so dass im Zuwenig wie im Zuviel die Unbestimmtheit zusammentrifft. Steckengebliebene Mauern zehnjähriger Hoffnung werden von nagelneuen Geschäftshäusern übertrumpft, die den letzten Schrei schnittiger Sachlichkeit zeigen. Aber der glas- und marmorverkleideten Front benachbart stieren wieder die blinden Scheiben eines Kleiderlädchens. Die Gefühle des Handelsmannes lassen sich vorstellen: sein Leben hat sich im Ghetto von Tel-Aviv erfüllt, Fortschritt gilt seiner fatalistischen Auffassung als eine Torheit und bedroht nicht nur seine wirtschaftliche, sondern auch seine seelische Existenz. So schüttelt dich das Durcheinander dieser Kolonialstadt, die ihren Sinn jedes Jahr einer anderen Beeinflussung ausliefert. Ununterbrochen rollen die Autobusse, und Menschen überströmen die Dämme wie in einer Weltstadt. Je näher du dem alten Mittelpunkte kommst, desto schärfer durchdringen sich die Stufen der Entwicklung und der soziale Ton der Strassen wechselt. Weithin sichtbar hängt die Kuppel der grossen Synagoge über dem Stadtbild. Aber der plumpe Steinklotz des Gebäudes zerbröckelt, seine Türen und Fenster sind ungepflegt. Hier ist die Herzistrasse, Altstadt von Tel-Aviv. Sie kommt von Jaffa herunter als ein längliches Rinnsal, in dem das Scheidewasser das Lösliche an die Oberfläche bringt. Zwischen den Wänden des übereifrig Modernen und des kleinstädtisch Alten schwimmt eine eilige Menschenmenge. Ein straffes Bankgebäude grenzt an schmutzige Wechslerläden, an Strassenkreuzung und in Hauseingängen raunt ärmlicher Handel und Börse des Zufalls. Ausdruckswütiger Schwatz frisst sich von Gruppe zu Gruppe . Unwirkliches vernebelt in zeitloser Müdigkeit und verhüllt die blassen Gestalten, dass keine heisse Sonne des Morgenlandes die Leere durchdringen könnte . . . Eine grimmige Nacktheit des Sinnlichen wird zum Bekenntnis, — Blindheit der Stadt Tel-Aviv. Ein Leben summt in schicksalhafter Inzucht, raumlos und körperlos, und erstirbt . . Aus dem Schattenleben der wimmelnden Strasse leuchtet das hellgestreifte Hemdkleid und der umwickelte Tarbusch des arabischen Nachbarn. Keine Scheiche aus tausendundeiner Nacht, sondern ärmliches Arbeitervolk! Ihr weiter. Schritt federt die erhobenen Leiber, und männliche Sicherheit durchdringt die Naturhaften. Eine Länderweite ist hinter ihnen, Erde, die sie beschützt und anerkennt ... Wie wird das Volk der weitzerstreuten Juden die Achse seines Judentums aufrichten? Man sagt, die alte Welt habe ihre Völker zur Einseitigkeit erzogen: dem gehört die staatenbildende Kraft, jenem die gestaltende Schau, und das dritte grub die religiöse Ethik auf unverwüstliche Gesetzestafeln. Die Völker der alten Welt haben sich daran verzehrt, und die Juden verloren gar die Erde unter ihren Füssen! Denn sie vergotteten sie nicht, weil und auf dass sie Frucht trage, wie die Griechen, die selber zwar wie die Juden besiegt waren, aber sich noch jahrhundertelang ihrer olympischen Spiele erfreuten. Palästina war ein Boden ihrer Erlebnisse, aber nicht der Zweck ihres Daseins. Darum blieben ihre Augen blind, aus Bild Lastträger am Strand Zeichnung Fritz Benjamin