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Central-Verein-Zeitung · 1937-09-17 · 37 (17.9.1937) · page 13

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
37 (17.9.1937)
Date
1937-09-17
Page
– (sequence 13)
Language
German
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"Br. 37 & Beiblatt Palästina-Umschau der C.-V.-Zeitung Seite 1? 17. Septbr, 1937 Was Ormsby-Gore in Genf gesagt hat Aus 3en Protokollen der Mandatskommission Jetzt erst ist das stenographische Protokoll der 32. Tagung der Ständigen Mandatskommission, die vom 30. Juli bis 18. August Genf abgehalten wurde, der Oeffentiichkeit übergeben worden. Es enthält u. a. die Erklärungen, die Kolonienminister Ormsby-Gore im Verlaufe dieser Tagung zu Einzelheiten des Teilungsplanes der Königlichen Kommission abgegeben hat. Minister Ormsby-Gore führte aus. dass der auf den Juden lastende Druck, der sie zwinge, eine neue Heimat zu suchen, jetzt besonders schwer sei. Dieser Druck habe die Idee des Zionismus aus dem geistigen Problem, als das es zunächst in England und auch unter den Juden verstanden wurde, zu einem Flüchtlingsproblem verwandelt. Während man zunächst nur von der Hoffnung auf die Entstehung einer neuen Kultur in Palästina getragen war, bestehe jetzt auch der Wunsch, dass Palästina den Juden helfen möge, aus Druck zur Freiheit zu gelangen. Hierbei aber müsse man auf lange Sicht rechnen, und nicht davon ausgehen, wie die augenblickliche Meinung einer bestimmten Regierung sei: denn die britische Regierung sei abhängig von Strömungen der öffentlichen Meinung, und zur Zeit herrsche bei ihr das starke Gefühl, dass auch die Rechte der eingeborenen Bevölkerung in Afrika und anderen Eingeborenenländern des britischen Imperiums des Schutzes bedürften. Nach der Vertreibung aus Spanien haben, so führte der Minister weiter aus. die Juden in grosser Anzahl im Nahen und Mittleren Osten Zuflucht gefunden. Die dort entstandenen jüdischen Niederlassungen, die sich grösstenteils in einer mohammedanischen Umwelt befänden, seien heute durch die Konflikte in Palästina gefährdet, und es sei zu befürchten, dass sich die Beziehungen der Juden in der ganzen Welt verschlechtern würden, wenndas Palästinaproblem Dicht gelöst werde. Die blosse Fortsetzung der Unterdrückungaber sei keine Lösung. Sie würde bei der Bevölkerung Englands immer unpopulärer werden, und auch das würde für die Juden nicht gut sein. In dieser schwierigen Lage sei vielmehr die Teilung die hoffnungsvollste Lösung. Sie werde es gestatten, mehr Auswanderer nach Palästina zu bringen, als das gegenwärtige Mandatssystem. Denn wenn die jüdische Regierung des Judenstaates, was zu hoffen sei. eine gute und duldsame Regierung sein werde, so würden sich auf die Dauer auch die Beziehungen zu den Arabern bessern, und es werde leichter sein, die Araber zu bewegen, die Juden sogar in ihre Gebiete zuzulassen. Obgleich gewisse Teile der •luden aus verschiedenen Gründen entschlossene Gegner der Teilung seien, habe man Ursache anzunehmen, dass eine grosse Zahl von Juden bereit sei, die Teilung als Grundlage weiterer Verhandlungen zu benutzen. Unbedingt notwendig sei. dass der jüdische Staat eine jüdische Mf-hrheit habe, denn es werde einen Misserfolg von Anfang an bedeuten, wenn man die Laufbahn eines Judenstaates mit einer nichtjüdischen Mehrheit beginnen würde. Eine grosse Schwierigkeit sei die Frage des Bevölkerungstransfers eines Teiles der arabischen Landbevölkerung aus dem Judensiaat in die arabischen Länder. Sie werde viel Zeit und viel Ungemach erfordern, aber sie werde trotzdem in Angriff genommen werden müssen. Ihre Untersuchung werde einer neuen fachmännischen Körperschaft übertragen werden müssen. Auf Grund der vorliegenden Ziffern sei anzunehmen, dass allein in Transjordanien hunderttausend arabische Familien angesiedelt werden können. Die Erschliessung . Iransjordaniens sei bisher von den Arabern zum Teil aus Furcht vor einer jüdischen Infiltration vernachlässigt worden. Unter der neuen Situation und bei Bereitstellung von Geldmitteln sei sie keineswegs aussichtslos. Einen Anschlu ss des Nege'w an den Judenstaat lehnte der Minister ab. Er bezeichnete dieses Gebiet als ein Beduinenland, in dem der Mensch auf das Kamel angewiesen sei und in dem es nur wenig und schlechtes Wasser gebe. Ohne Aufwendung von Millionen von Pfund sei dort keine intensive oder halb intensive landwirtschaftliche Entwicklung zu erhoffen. Der Negew sei ein völlig arabisches Gebiet, und eine Zusammenarbeit von Juden und Arabern, die in der Vergangenheit wohl möglich gewesen wäre, sei dort nur aussichtsreich, wenn in Zukunft einmal der volle Friede hergestellt sein würde. Den Anschluss von Akko an den Judenstaat bezeichnete der Minister für notwendig, obgleich in Akko 8550 Araber und nur 250 Juden leben. Die Juden nämlich würden infolge der Beschränkung ihres Gebietes und unter dem Druck der . Einwanderung gezwungen sein, zu industrialisieren, und der offenkundige Platz für eine Industrialisierung sei die Haifa-Akko-Bucht. Die Ueberlassung eines Teiles von Jerusalem für den jüdischen Staat erklärte der Minister als ein äusserst kompliziertes Problem. Einerseits sei es schwer, ein einheitliches jüdisches Gebiet innerhalb des Stadtkomplexes zu finden, andererseits würden durch eine derartige Angliederung noch kompliziertere Grenzziehungen notwendig werden. Die Bevölkerung Haifas, der Handelshauptstadt Palästinas, bestehe fast zu gleichen Teilen aus Arabern und aus Juden. Da Haifa Endpunkt der Oelleitung aus dem Irak sei, ferner den einzig wirklich guten Hafen besitze, Zentrum des Eisenbahnwesens und den strategischen Schlüssel Palästinas bedeuie. so sei es notwendig, die Stadt unter ein besonderes Regime zu stellen. Der Staat „Erez Israel" Aus dem Protokoll der Aussprache der Ständigen Mandatskommission heben wir folgende Punkte hervor: Zu der Namensgebung der neuen palästinensischen Staaten führte der Kolonienminister aus, dass der jüdische Staat sich Erez Israel nennen werde, während der arabische es vorziehen dürfte, sich als Süd-Syrien statt als Felestine zu bezeichnen. Er persönlich sei dafür, dass der Name Palestine für das Ständige Mandatsgebiet beibehalten werde. Er nehme drei Arten von Postmarken in Aussicht: Erez-Israel . mit zwei gekreuzten Dreiecken (Davidsstern) für den jüdischen Staat. Für Süd-Syrien vielleicht das Porträt des Staatsoberhauptes, und für das Mandatsgebiet Marken mit dem Kopf König Georg VI. und dem Namen Palestine, Zur Frage 'der Verträge erklärte der Minister, dass es, da Regierungen noch nicht beständen, notwendig sein werde, "die einstweiligen Vereinbarungen mit provisorischen Körperschaften zu treffen. Auf jüdischer Seite halte er für die geeignetste Körperschaft nicht die Zionistische Organisation, sondern die Jewish Agency, die au! Grund des Mandats zur Zeit als offizielle Vertretung der Juden anerkannt sei. Sie sei die umfassendere Körperschaft. Die Königliche Kommission habe zwar in ihrem Bericht diese Tatsache übersehen und von Verhandlungen mit der Zionistischen Organisation gesprochen; es sei aber klar, dass nach dem bestehenden Mandat die Jewish Agency die für Verhandlungen zunächst zuständige Körperschaft sei. Eine längere Debatte ergab sich über das Prinzip der wirtschaftlichen Auf nähmef ä'h i g k e i t als Grundlage der Einwanderungspolitik. Der stellvertretende Vorsitzende der Kommission, Professor Rappard. fragte, ob es sich'bei der angeordneten Beschränkung der Einwanderuns auf" tausend Personen monatlich um eine Uebergangsmassnahme handele, oder ob sich darin die" künftige Politik der Mandatarmacht für den Fall dokumentiere, dass der Teilungsplan nicht verwirklicht wird. Das würde ein" Absehen von dem bisher befolgten Grundsatz der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit be- ' deuten. Hierauf antwortete der frühere Chefsekretär der Palästina-Regierung, J. H. Hall, dass es sich hierbei vermutlich u m eine v o r - übersehende Massnahme handele. Im übrigen sei der Grundsatz der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit im Mandat nicht verankert. Diese Auffassung korrigierte Professor Rappard dahin, dass zwar im Mandat nicht ausdrücklich von der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit die Rede sei, dass aber eine Einwanderungsbeschrankung nach politischen Grundsätzen mit der im Mandat geforderten Erleichterung der Einwanderung nicht in Einklang gebracht werden könne. Im weiteren Verlauf der Tagung gab Kolonienminister Ormsby-Gore die Erklärung ab, dass der Vorschlag der Königlichen Kommission, die Einwanderung für die kommenden fünf Jahre auf 12 000 jährlich zu beschränken, von der Regierung no»h nicht angenommen worden sei. Die Beschränkung der Einwanderung auf 8000 für die nächsten acht Monate sei eine Interimsentscheidung. In bezug auf den Umfang des jüdischen Staates erklärte der Minister im Verlaufe der Aussprache unter anderem noch folgendes: Auf den ersten Blick könne es so scheinen, als ob das Territorium so klein sei, dass es nur sehr wenig bedeute. Die Juden aber würden sich auf stärkste Intensivierung des wirtschaftlichen Aufbaues konzentrieren, und dadurch würde der neue Staat imstande sein, seine Bevölkerung bedeutend zu vergrössern. Zu der Frage, ob die Juden fähig seien, sich selbst zu regieren, sei auf die Arbeit des Waad Leumi und der Jewish Agency in Palästina hinzuweisen. Diese Körperschaften hätten bisher bemerkenswerte Verwaltungsfähigkeiten bewiesen, und es sei daher unvorstellbar, dass die Juden nicht fähig sein sollten, eine Verwaltung oder eine Regierung zu führen. Es würde zwar innere Reibungen und Parteien geben, aber es besiehe kein Grund anzunehmen^ dass die Juden, wenn ihr jahrhundertelanger Traum von einem eigenen Staat verwirklicht wird, in seiner Leitung versagen würden. Der Standpunkt der Kommissionsmitglieder Die Ansicht der einzelnen Kommissionsmitglieder über den Teilungsplan ging ziemlich einhellig dahin, dass man die grosseu Schwierigkeiten des neuen Projektes nicht übersah, sich aber trotzdem in mehr oder minder modifizierter Form dazu bekannte. Der Vorsitzende der Kommission. Orts, brachte wohl die allgemeine Stimmung damit am besten zum Ausdruck, dass er sagte, es handle sich nicht darum, die beste Lösung zu finden, sondern die am wenigsten unbefriedigende. Er persönlich machte sich, im übrigen zum Wortführer des als ..vorläufige Meinungsäusserun g" der ständigen Mandatskommission bereits veröffentlichten Vorschlages, vor der Bildung zweier selbständiger Staaten ein längeres Provisorium einzuführen. Unter besonderem Hinweis auf die Gefahren des Transfers der arabischen Landbevölkerung befürwortete er die Ersetzung des gegenwärtigen Mandates durch zwei Mandate für die beiden Staaten bis zur Erreichung eines Entwicklungsstadiums, in dem sie sich selbständig zu erhalten und die vom Völkerbundsrat festgelegten Bedingungen für die Beendigung eines Mandats zu erfüllen in der Lage sein würden. Der dem Verhandlungsprotokoll beigefügte Bericht der Mandatskommission, der dem gegenwärtig tagenden Völkerbundsrat unterbreitet worden ist, ist im Auszug hier bereits bekanntgegeben Wörden. Aus dem nun vorliegenden ausführlichen Wortlaut tragen wir die folgenden Ergänzungen nach: Zu der Frage der Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Mandates führt der Bericht der Mandatskommission aus, dass die Mandatsverpflichtungen grundsätzlich zwar nicht unvereinbar gewesen seien, dass der Konflikt zwischen Arabern und Juden sich aber fortdauernd verschärft habe. Die Gründe liegen einerseits in der Entstehung des Nachkriegsnationalismus, andererseits in der Gewinnung der vollen politischen Freiheil seitens der arabischen Nachbarvölker Palästinas im Osten, Süden und Norden. Angesichts dieser Freiheitsbewegungen stammverwandter Völker war es für die Araber Palästinas doppelt beunruhigend, dass in ihrer „£ine VedekiH&s* Anzeiqe? Se/bs tvers tän dl ich in die C.-V.-Zeitung! Sie wollen ja,daß recht viele Ihre Anzeige lesen. Die C.-V. -Zeitung hat die größte Auflage von allen jüdischen Zeitungen, die in Deutsch fand erscheinen." ^oHdcke^ 0^t6^Ufest Von Fritz Benjamin 2. Fortsetzung Eben noch war Tel-Aviv eine polnische Stadt, und die polnische Sprache beherrschte die Strasse. Nun kamen die :,Jeckes" (kein Kosewort, sondern eine ganz verteufelte Kritik!). Aber die Ereignisse Europas lösen im jüdischen Lande einen bedenklichen Sinn aus: Volk stösst nicht zum Volke, sondern die verschiedenen Voraussetzungen und Fragestellungen der Diaspora prallen im engen Bezirke Palästinas aufeinander. Die „Jeckes" treffen am Strande von Tel- Aviv ein, als entdeckten sie ein südliches Seebad. — Es sei ihnen zugut gehalten, dass sie im allgemeinen besser gelebt hatten, als andere •luden in anderen Ländern es gewohnt gewesen waren oder sich's nun in Palästina erlaubten. Darum genügt der vorgefundene Lebensstandard flen Anspruchsvollen keineswegs, und sie erwarten, dreist genug, einen reibungslosen Dienst am Kunden als ihr verbrieftes Recht. Die soziale Schichtung ist für sie ein Glaubensbekenntnis. So sieht das Land den entrüsteten und überheblichen „Jeckes" in der Karikatur. — Wem möchte man es zumuten, im jungen Lande alles schön und herrlich zu finden! Eines nur muss vorausgesetzt werden: guter Wille und Takt! Aufbau ist das Gesetz ^Palästinas. Wer nicht an die Zukunft glaubt, ist sich selbst eine -tägliche Last und dem Lande ein Hohn! An der letzten Entwicklung Tel-Avivs zur kolonialen Grossstadt haben die Juden aus Deutschland entscheidenden Anteil, auch wenn sie zahlenmässig kaum mehr als 10 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Ihr Einfluss aber durchdringt die ganze Stadt. Höchst ungeeignet, iür sich eine Pioniertruppe zu bilden, weil sie mit den Künsten eines durch Jahrhunderte vorbereiteten Bodens rechnen, sind sie die berufenen Träger fortschrittlicher Verbesserung. Sind nicht nur Gewerbetreibende und Kaufleute, Gelehrte und Aerzte, Ingenieure und Handwerker von fachlichem Können und tatkräftiger Umsicht, sondern jeder von ihnen ist ein Vermittler abendländischer Geisteshaltung. . Weil sie danach streben, die gewohnten Lebensannehmlichkeiten wieder zu gewinnen, wissen sie allerorts die gebotene Leistung zu steigern. Sie zeigen, wie man leben, wohnen und gemessen sollte. Ihre Wirkung und Gefahr erweist sich als eine Welle der Europäisierung. Denn schliesslich — man muss ihre Tüchtigkeit anerkennen! Man lehnt sie ab, aber lässt. sich von ihnen verführen. Die traditionelle Frage an den Einwanderer, ob er sich den neuen Verhältnissen „zugewöhnt" habe, trifft bei ihnen auf Hemmungen besonderer Art. Denn ihr bestimmtes Wesen, dem die Anpassungsfähigkeit einer wandernden Diaspora verloren gegangen ist, kann dem Neuartigen nicht widerspruchslos genügen. Sie bringen ihre politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Voraussetzungen mit und stutzen davor, einem anderen Lebensgefühle und einer anderen geistigen Gesetzmässigkeit zu begegnen. Hier wird aus tiefster Seele die europäische Gruppierung der Menschen mit ihrer sozialen Perspektive und ihrem kausalen Besserwissen abgelehnt. Es waltet ein anderes seelisches Klima, während sie einer Lebenswirklichkeit entstammen, die ihr jüdisches Bewusstsein in einer vergleichsweise engen Sphäre nmschloss. „Zugewühnen?" — Aber wohin und wozu? fragt der Jude aus Deutschland. Er steht in Erez Israel mit einem peripherischen Gefühl der Unsicherheit, das je nach seiner Art von Sentimentalität, Trotz oder Ueberheblichkeit bestimmt ist. Hier fehlt der Massstab der Dinge, wie er ihn gewohnt ist. Weil er in jeder geographischen Gruppierung eine politische und kulturelle Haltung voraussetzt, findet er keinen Zugang in der neuen Gemeinschaft. Denn gerade jenes unfassbare geistige Wesen, das die Zukunft des palästinensischen Menschen ankündigt, ist dem europäisch Erzogenen ein formloses Geheimnis. Weil er gewöhnt ist, alles auf die sichtbare räumliche Systematik zu beziehen, kann'er mit der Grenzenlosigkeit des Erlebnisses nichts anfangen. Er versagt vor der höchst sublimierten Geistigkeit, deren Aeusserungen und Sinnbilder er nicht versteht. Der Jude aus Deutschland fragt nach all dem, was das profane Leben des jüdischen Volkes ausserhalb der traditionell anerkannten religiösen Sphäre ausmachte, er fragt nach der Wirklichkeit und — stösst in lauter Negative! Ihm fehlt eben das, was sein abendländisches Dasein als die antikisch-diesseitige Komponente seiner Erziehung ihm vermittelt hat, eine bis auf unsere Tage wirkende sinnliche Einheit, die zwar je und je ihre Nuancen hat, aber doch für den gesitteten Europäer einen festen Boden darstellt. Sein Kosmos sieht sich verengt. Probleme zwar schwirren genug, die im engen Kreise Palästinas mehr als Exempel denn als Ziel gemeint sind, und Begriffe treiben über den Boden, die ihn chaotisch bedrohen, ohne seiner europäischen Vielfalt zu genügen. Nichts befriedigt ihn, den Juden aus Deutschland, der an das sachlich Zuverlässige mit abergläubischer Ueberschätzung gewöhnt ist. Weil er aber die Regeln nicht findet, die er für seine organische Zugewöhnung brauchte, bringt er selber unbewusst Gedankengut und Lebensformen ins Land, stürzt seinen Individualismus in die überfüllte und desorganisierte Leere und gerät — vielleicht sogar gegen seine idealistische Zuversicht! — in die Stellung eines Kolonisators, der die eigenen Massstäbe fordernd gegen eine fremde Umwelt spannt. Denn er ist beispielhaft an diesem Punkt zionistischer Geschichte: alle, die vor ihm kamen, Hessen nichts in Europa zurück, weder die Fanatiker jüdischer Wiedergeburt, noch die Scharen aus Polen und Russ- . land und aus der Levante, die ihr Leben in der sparsamen Enge ihres Judentums gelebt hatten. Palästina wurde für sie ein neuer, manchmal leichterer Boden ihrer jüdischen Existenz, aber kein weltpolitischer Umschwung! — Erst die Juden aus Deutschland bringen, bewusst oder unbewusst, eine Widerstandskraft mit sich; jetzt muss sich an ihnen der zionistische Gedanke bewähren, weil die geistige Auseinandersetzung mit Europa begingt« Hier ist der Kampf zwischen Europa und Asien, zwischen Raum und Zeit! Wir kommen nach Palästina, durchdrungen von Fortschritt und Form europäischer Erziehung. Ein fremder Massstab wird in optimistischem Glauben an das jüdische Volk gelegt, eine Leistung wird ihm abverlangt wie bei jenen mechanischen Wundern, die das Tiefenwasser aus der Erde zwingen. Wohl, seine Seelenquellen sind unerschöpft, und Jacob wird in aller Ewigkeit mit dem Engel ringen! Aber Gestaltungen solcher Art vollziehen sich nur in einem währenden Aufbau, und keine gutgemeinte Propaganda wird eine neue jüdische Kultur auf die Beine stellen. Darum überschätze man auch nicht die Tiefenwirkung im Zustrom der Juden aus Deutschland! Schon ihre Kinder wachsen in andere Wertungen hinein. Gesicht von Stadt und Land Lieber Freund! — — der Himmel schüttet seine schuldigen Wassermengen auf das orientalische Land! Kein Regen mehr, wie ihn das gemässigte Europa zur milden Befeuchtung seiner Nerven braucht, sondern ein hemmungsloser Einbruch der Natur, unzüchtig wie die Knorpelarme der Kakteen, die der nächsten Sommerdürre entgegenwuchern. Fröstelnd sitze ich im windigen Zimmer . . . Ein Steinhaus immerhin! Aber das schlechtgebaute Steinhaus ist besser als die transportablen Baracken und die Zelte des Einwandererlagers! O Freund, wohin wird?s mich führen, wenn Du, der Architekt von zünftiger Handwerklichkeit,' fachliche Auskunft von mir verlangst! Muss ich nicht Dinge beim selben Namen nennen, die sich auf unvergleichlichen Bewusstseinsebenen bewegen? — Denn Dir, dem Sesshal'ten, steht das Bauen an! Du planst Dein Haus, kennst seinen Grund, lebst im Rhythmus einer eingespielten Gemeinschaft, Du baust auf einer festbehüteten Erde, baust in den ruhenden Raum! Ein diszipliniertes Handwerkswesen regt sich auf parallelen Gleisen, bis alles denn über vorbereitete Weichen zur gemeinsamen Richtung zusammentrifft. So wächst das Haus und steht ia gemächlicher Zeit unter Dach und Fach. {Fortsetzung folgt.)]

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