Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 37 (17.9.1937)
- Date
- 1937-09-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der dreibändige Dubnow Von Dr. Werner Cahnmann Wir, die wir Zeugen grosser geschichtlicher Prozesse geworden sind, die selbst derjenige, der sie handelnd oder leidend miterlebt, nur mit Mühe verstehend deuten kann, wir beginnen zu begreifen, vor welchen turmhohen Schwierigkeiten der Forscher stehen muss, der es unternimmt, weitentfernte Zeiten neu lebendig zu machen. Für den jüdischen Geschichtsschreiber vollends kommen zu den allgemeinen Schwierigkeiten besondere' hinzu. Die Quellen sind zerstreut, spärlich, einseitig, in allen Sprachen der Erde abgefasst und häufig durch Uebe'rarbeitung entstellt. Zeit und Raum, welche der jüdischen Geschichte den Rahmen geben, sind weltweit, Zu haben in den guten Fachgeschäften erstrecken sich von Urzeiten bis in unsere Tage und vom weitesten Osten bis zum fernsten Westen über Länder und Kontinente hin. Daher spricht Dubnow von einer „Weltgeschichte des jüdischen Volkes". Aber ebenso wie auf dem Fort „Welt" liegt der Bedeutungsakzent, auf dem Wort „Volk". Für den grossen Historiker der Dubnow vorhergehenden Generation, Heinrich Graetz, war die Geschichte der Juden eine „Geistes- und Leidensgeschichte", das soll beissen, sie war ihm die Geschichte einer Gemeinschaft, die, nach der Zerstörung ihrer.eigenen Staatlichkeit, ihre Aktivität im Studium des Gotteswortes sublimiert, während ihr das äussere Leben in ermüdender Gleichmässigkeit von Aufnahme und Austreibung von der kaum anders als schematisch gesehenen Umwelt diktiert wird. Dubnow dagegen betrachtet den gesamten Ablauf der jüdischen Geschichte als das Ergebnis einer „nationalen Individualität*'. Das geistige Leben der Nation — denn als solche gezeichnet er sie — ist für ihn kein Schlupfwinkel weltferner Grübler, sondern eine Orgaüisierung der Kräfte, welche geeignet sind, den. von Tod und Vernichtung umdrohten Volksiörper lebendig zu erhalten. Die jüdische Lehre ist Kleid und Panzer der jüdischen Existenz, der Messianismus eine politische Idee. Man erkennt an dieser Anschauung, wenn man sie mit der Graetzischen. konfrontiert, ohne weiteres die grössere „Modernität" des Verfassers, der nunmehr auch schon wieder der Nestor seiner Zeit geworden ist. Er ist der Repräsentant einer mehr und mehr "kollektivistischen Bindungen sich zuneigenden Epoche, er ist aber auch — als russischer Jude gegenüber dem in Deutschland lebenden Graetz — der Sohn eines kollektivistischen Judentums, das seine Emanzipation ungleich der westlichen zu einem nationalen Vorgang gestaltet hat. Unsere Generation hat schon genügenden Abstand von den Geschehnissen der letzten Jahrzehnte, um auch die Einseitigkeit Dubnows erkennen zu können. Bei ihm erschöpft sich der nationale Charakter im Politischen. Der noch nicht auf die Rampe getretene Geschichtsschreiber einer totalitären Epoche wird auch diesen Haltepunkt nicht anerkennen können. Er wird in einem umfassenderen Sinn, als es Dubnow für richtig gehalten hat, Soziologe sein müssen, er wird sich frei zu machen haben von jeder rationalistischen oder apologetischen Verallgemeinerung. Alle Aeusserungen des Volkslebens, alle Einwirkungen der Umweltsbedingungen im weitesten Sinn, die Wirtschafts- und Sozialgeschichte und die Geschichte der Denkformen bis in die entlegensten Winkel der Pamphletlileratur hinein sind in erneuter Forschungsbemühung aufzuspüren und aus ihrem eigenständigen Wertcharakter heraus zu verstehen und darzustellen. Dieser dritte Versuch nach Graetz und Dubnow steckt heute noch in den Vorarbeiten. Dies vorausgeschickt, ist das. Erscheinen des dreibändigen „Dubnow" im Interesse der breiten jüdischen Leserschaft zu begrüssen. Auch der zehnbändige „Dubnow" ist kein Quellenwerk und kann es nicht sein. Es würde die Kraft eines einzelnen Menschen bei weitem übersteigen, wollte er in eigener durchgehender Quellenforschung die Urgründe eines sich über alle Räume erstreckenden Geschichtsweges von beinahe drei Jahrtausenden kritisch durchleuchten, bevor er sich an eine zusammenhängende Darstellung wagt. Trotzdem wird der ernsthaft Interessierte, der sich Zeit nehmen ^ill und kann, immer wieder auf die Excurse Uüd Literaturangaben zurückgreifen, die aus der zehnbändigen Ausgabe in die dreibändige nicht übernommen sind. Dagegen wird die Kürzung des Textes auf ungefähr ein Drittel des ursprünglichen Umfangs allseitig akzeptiert werden. Das, was weggelassen wurde, erhöht, wohl da und dort die Farbigkeit der Darstellung, aber es hat kaum eigenen Wert. Es ist nicht so sehr Forschungsergebnis als das, was man historische ' Belletristik genannt hat, und man kann es in den Werken, aus denen Dubnow schöpft, wie beispielsweise für weite Strecken der spätorientalischen. Epoche im Flavius Joseph.us, ebensogut nachlesen wie bei Dubnow selbst. Dafür treten alle Vorzüge des Dubnowschen Werkes in der gekürzten Ausgabe um so deutlicher zutage: die durchsichtige Architektonik des Ganzen, welche den riesigen Stoff nach Hegemoniezentren ordnet und die klare, leichtverständliche Prägnanz des Stils. Das Vorwort zur neuen Ausgabe hat recht, wenn es meint, dass trotz der Weglassung vieler Einzelheiten und des ganzen wissenschaftlichen Apparats doch „keine der wichtigeren Begebenheiten, keine einzige Persönlichkeit von historischem Format und keines der Denkmäler des geistigen Schaffens unberücksichtigt geblieben" sind.' Unter diesem Titel veröffentlicht der Schock en-Verlag als Band 72 seiner „Bücherei" (Berlin 1937) fünf Aufsätze aus der Feder des scharfsinnigen Publizisten, weil es eine Aufgabe des Historikers sei, „wesentliche Zeugnisse geistiger Bemühung um die Erneuerung jüdischen Wesens durch Sammlung und Auswahl der Generation der Enkel zu, erhalten auch dann, wenn das Geschlecht der Söhne sie schon halb vergessen hat." Der erste dieser Aufsätze, betitelt „Die Aufgabe des Zionismus", ist 1911 geschrieben. Der kulturelle Standort der europäischen Juden — namentlich in Deutschland — wird bestimmt, und dem Zionismus als Erkenntnis eines überindividuellen Willens nationaler Selbstbehauptung wird die pädagogische Rolle der jüdischen Regeneration an Haupt und-Gliedern zugewiesen. An. diese grundsätzliche Analyse schlieest eine.praktische Untersuchung an: „Das neue Judentum und die schöpferische Phantasi e", erschienen 1913. Wesen und Gestalt der jüdischen Form wird hier gedeutet und .in bewusstem Abstand von theologischer und schlechthin religiöser Gebundenheit und Gehorsamsstimmung, als freies und naives Produkt der schöpferischen Phantasie gefordert. Die beiden folgenden Beiträge. März 1914, setzen sich mit einem Aufsatz von Julius Guttmann in den „K. C. Blättern" auseinander. Im ersten Aufsatz gibt Calvary unter der Devise „Religion un d Na ti o n a 1 s G em e.in s ch af t swerte" eine genaue Strukturanalyse des religiösen Liberalismus, der Orthodoxie und einer Der Tänzer Nijinski Noch gibt es keine Biographie über Ernst Oppler, der in diesen Tagen siebzig Jahre alt geworden wäre. Aber es liegt ein reiches Malwerk vor, Gemälde, Radierungen, Zeichnungen und eine grosse Zahl aquarellierter Studien zu grösseren Entwürfen, die vielfach gar nicht mehr zur Ausführung kamen. Der Biograph könnte in den allerersten Bildern des toten Malers an Liebermann erinnern, in dessen künstlerischen Spuren Ernst Oppler wandelte, bis er sich selbst fand. Die Strandbilder haben mit den holländischen Seestücken Liebermanns auf den ersten Blick Aehnlichkeit, aber im tiefsten Grunde ist Oppler auch dann Vorläufig liegt nur der erste Band der dreibändigen Ausgabe (Jüdischer Verlag, Berlin 1937) vor, der — getreu dem Dubnowschen Einteilungsprinzip — die „orientalische Periode" der jüdischen Geschichte umfasst, und zwar sowohl die reinorientalische bis zum Auftreten Alexanders und dem Abschluss des kanonischen Schrifttums, als auch die folgende Epoche, in der auf dem Boden des Orients östliche Elemente sich mit westlichen um die Vorherrschaft streiten. Das jüdische Hegemoniezentrum schwankt 'in jenem Zeitabschnitt innerhalb des orientalischen Bereichs zwischen Palästina einerseits, Aegypten und Babylon andererseits, um sich schliesslich in der Epoche der letzten Kodifikation des Talmud in Babylon zu verfestigen. Der Leser erlebt die Höhen und Tiefen eines beispiellos dramatischen Volksschieksals mit atemloser Spannung und mit der Anteilnahme desjenigen, dem sich im Lesen die Rollen des Zuschauenden und des Miterlebenden vermengen. weniger genaue des jüdischen Nationalismus. Alle "drei Erscheinungsformen des jüdischen Lebens besitzen einen sachlichen Inhalt und sind daher echte Bekenntnisse; aller drei Inhalt ist vom Jüdischen her gesehen kein erschöpfender Wert. Dem Liberalismus und der Orthodoxie fehlt die gemeinschaftsbildende Kraft, ..das nationale Bekenntnis kann keineswegs die Werte ersetzen, die von der Religion ausgehen mögen." Der folgende Aufsatz, überschrieben „Nationale tendenzen", bemüht sich um eine Herausarbeitung des funktionellen Standorts und der Funktionselemente des jüdischen Nationalgefühls. Calvary findet das Wesen der nationalen Bindung nicht in der Errichtung eines Sonderdezernats neben der Religion oder im Gemenge mit anderen Gemeinschaftsgefühlen, auch nicht schon in der natürlichen Tatsache der Bluts- oder Geistesverwandtschaft als solcher, sondern in einer Spannung, in. dem „Getragensein von einer zentralen Erregung". — Die Reihe der Aufsätze sckliesst mit einem Aufsatz über den „B 1 a u - W e i s s", der dem ersten Jahrgang des „Juden" entnommen ist (1916). ab. Es ist an uns, dem Schocken-Verlag zu bestätigen oder zu bestreiten, dass die Veröffentlichung dieser Dokumente des „postassimilatorisehen Zionismus" zu einer Zeit, in der man schon den „nachzionistischen Standpunkt" zu vertreten beginnt, eine Tat von historischer Tragweite ist. — Bestechend ist die Eindringlichkeit der Sprache und die Präzision der Formulierung. Es ist viel weniger geschriebenes, es ist gesproche- Anna Pawlowa FoL (2) Grete Karplus ganz er selbst in der klaren Sicht, der deutlichen Scheidung von Nähe und Ferne, der Atmosphäre, die koloristisch sich anders ausnimmt als auf den Bildern des Begründers des Impressionismus um die Jahrhundertwende. Oppler hat viel gemalt, viel gezeichnet und radiert. Man kann nicht sagen, dass es Zeiten gab, in denen er die Radiernadel vor dem Pinsel bevorzugte. Er malte heute die „Kastanienallee", lichtumflutet vom Grün in verschiedensten Nuancen, morgen dagegen porträtierte er wieder die Gestalten des von ihm geliebten Kaiserlich Russischen Balletts. Vielleicht liegen darin die beiden Pole seiner künstnes Wo rt, daher nicht immer frei von Ueberspitzungen und fast demagogischen Wendungen. Inhaltlich bestätigt die Schrift nicht überall die Richtigkeit der Rosenzweigschen . Formulierung vom Zionismus als einem genialen \\^'ß&^^% 'AiifßM0W&; 'ist :.s iAd," g u tife-i L0 d w a' r e h "• UNSERE VERKAUFSGESCHÄFTE. Berlin, T&uentzlenstra&e 16 Essen, Am HanptbahnhoflO Hamburg. Jangfernstftg 43 Bocham. Kortumsttafce 67 Köln a.Rh.. Hohestraße 115 Frankfurt a.M„ RoÄmarkt 15 Easen. Limbeckstraße . 10 Zentrale. Offenbach a. M Wuppertal-Elberfeld, Herzogstrafie 36 Diagnostiker und einem mittelmässigen Therapeuten. Calvary bestreitet seinen Zionismus in erster Linie von der Seite der negativen Kritik her. Ob er sich nun den aufgeklärten, assimilierten Juden, ob er den Rationalismus, den religiösen Liberalismus, die Orthodoxie unter die Lupe nimmt, immer merkt man ihm die Lust an der fast bis zum Sarkasmus schonungslosen Formulierung an. Es ist keine reine Freude, manche einseitigen quälerischen Selbstbezichtigungen vom ,J3ildungs"deutschtum, von der Wurzellos-igkeit, dem Intellektualismus, dem Individualismus, der mangelnden Produktivität, der gesellschaftlichen Unsicherheit, dem leeren Aesthetizismus der modernen Juden zu lesen. Wir wissen heute, dass die polemische Uebertreibung der Geburtsfehler jeder revolutionären Bewegung ist, und dass der Zionismus selbst die Eierschalen ungerechter Verallgemeinerung mit wachsender Reife abgestreift hat. Aber wir sind nun einmal trotzdem nicht in der Lage, diese sehr unbarmherzige Form der Kritik ohne Schmerzen und — ohne Bedenken zu vertragen. Insoweit hätte sich der Schocken-Verlag die Mühe der Erinnerung sparen können. Diese Denkweise wird historisch — auch ohne unser Zutun. Andererseits ist vieles von dem, was Calvary mit Recht beanstandet, längst nicht mehr Privileg zionistischer Kritik, sondern Gemeingut des Gesamt-Judentums geworden, ebenso wie der Drang nach Gemeinschaft und die Gemeinschaftsbildung selbst geradezu das Fundament der verantwortlichen Arbeit in j e d e m jüdischen Lager geworden ist. Was Calvary an Positivem seinen kritischen Ausführungen folgen lässt, geht über das ehrliche und durchaus eindrucksvolle Pathos frühzionistischer Dialektik selten hinaus, interessant in Ansehung der ungeheuren und ungeheuer schnellen Entwicklung, die der Zionismus selbst seit den vormärzlichen Tagen eines romantisch beschwingten und etwas dilettantischen Idealismus bis zum heutigen Stand einer sehr konlerischen Laufbahn, die Porträt und Landschaft heissen. Seine Interieurs, das „Lesende Mädchen" oder das „Mädchen im Fenster" und auch das frühe Gemälde der beiden Frauen in dem Zimmer mit den alten Möbeln und den bunten Tapeten kann man zwischen diese beiden Genres stellen, weil in allen diesen Bildern die Begabung Oppiers für das Porträt einerseits und die Seite für die Landschaft, die hier Staffage ist, andererseits zutage kommt. Viele Menschen seiner Zeit wurden von ihm festgehalten: Bronislaw Huberman, mit der spielenden Geige in der Hand, diese spielend, Jakob Wassermann, die Künstler des Russischen Balletts. Unter ihnen besonders Anna Pawlowa und ihr Partner Nijinski. Mit der Schilderung der Tanzkunst geht bei Ernst Oppler die Erfassung der Persönlichkeit Hand in Hand, die psychologische Schilderung des zarten Menschen, der in seinem rot-weiss gestreiften Kostüm über die Bühnen Europas tanzte. Die Welt des Theaters wird in vielen Skizzen zu Opernaufführungen verlebendigt, Oppler hat, um ein Beispiel nur,zu nennen, das Blatt der „Sylphiden", einer Tanzschöpfung des Russischen Balletts, in drei Fassungen hinterrlassen. Und fast ebenso oft hat er an der Radierung gearbeitet, dem grossen Erfolg der Pawlowa, dem „Sterbenden Schwan". Das Reifen einer Idee kann hier besonders eingehend beobachtet werden. Immer ging es dem Künstler um die Ausdrucksfähigkeit, nie um die Richtigkeit der Kunst. Im Blatt „Die Pawlowa" im „Schmetterling" sieht man, wie in rasendem Tempo die Kurve dem Tänzerpaar nachfliegt, die Linien fliehen förmlich und die schwarzen Flecken von Haar und Mütze hinterdrein. Aus den Opplerschen Radierungen spüren wir das Charakteristische der Persönlichkeit, die Fähigkeit des Malers, durch die diskrete Nadelführung und den künstlerischen Takt Haltung und Würde im Bild der Tänzerin nahe zu bringen. Dr. 0. B. Alle Ihre Bücher belletristische u. faehtoissenschaftliche jeder Art von der Buchhandlung am Zoo Frifz Ring Charloäenhurg, Joacbimsihaler Sir. 43-44 Mitglied der jüdischen Gemeinde Telefon: 91 65 06 ' Zusendung nach allen Stadtteilen Das neue Judentum Zu einem Buch von Moses Calvary / Von Dr. Heinz Kellermann EmSt Oppler / Zum 70. Geburtstag am 19. September