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Central-Verein-Zeitung · 1937-09-17 · 37 (17.9.1937) · page 4

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
37 (17.9.1937)
Date
1937-09-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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5 elf e 4 C-V.-Zeltung Nr.37 » 17.Sepfemb"er1937j Ewigen. Vor ihm stand eine Waage. Die Schalen sehwankten nach unten und wieder nach oben, Leben und Tod hielten sich das- Gleichgewicht. Da stürzte sie nieder und flehte verzweifelt um des Sohnes Leben. ' Und ein Engel streifte ihr den Ring vom Finger. Im Strahl der blitzenden Sonnen leuchteten in ihm eingezeichnet alle Taten des Herrschers, die guten und die minder guten und die schlechten. Und der bösen Taten waren es nur wenige, der schönen und liebenswerten aber viele. Da nahm der Ewige den Ring und warf ihn in die Schale des Lebens. Und sie senkte sich tief und .Hess die Schale des Todes in die. Höhe' schnellen, dass ihr Inhalt wie Spreu zerstob. Ruhig lag der kranke Fürst, sein Gesicht war milde und bleich. Lebte er, oder hatte der Herr ihn zu sich berufen? Low fühlte den Puls, er zählte die Schläge des Herzens und merkte, wie das Fieber wich. Da kniete auch er nieder und sprach innig sein Dankgebet für die Errettung des Fürsten. Und die Höflinge schwiegen und traten beschämt zur Seile. 4. Wenige Tage vor dem Laubhüttenfest kehrte Low aus der Residenz in seine Höhle zurück. Unterwegs schon erfuhr er, dass Stürme und Erdbeben die Wälder vernichtet, die Felder weggefegt, die Wege verschüttet und alle? Leben getötet hätten. Eine unbeschreibliche Angst befiel ihn. Lebten seine Tiere noch, hatte der Herr seine Höhle verschont? Er trieb den Fahrer zur Eile an. Aber je näher man dem Ziele kam. desto grösser wurde die Verwüstung. Da lagen die hohen Baumriesen in wirrem Chaos durcheinander, wo früher Ebene war, klaffte jetzt die Erde auseinander, wo Bäche die Wiesen bewässert hatten, war vertrocknetes Geröll. Low stieg aus. entnahm dem Wagen die fürstlichen Geschenke, Lebensmittel und' Kleider, Früchte und bunte Bänder, alles das, was er zum Bau der Laubhütte mitgebracht hatte. Er legte es abseits am Waldrand nieder und als der Wagen mit den. Reitern seinen Bücken entschwunden war, machte er sich auf. seine Hohle zu suchen. Er fand wohl die Stätte, wo Crispi seine Herde geweidet hatte, aber das freie Feld war zur Grube geworden. Er ging den vertrauten Weg zur Höhle, aber der Baum war geborsten und die Wurzeln ragten zum Himmel. Er rief lockend seine Tiere, aber kein Laut unterbrach die Stille der Verwüstung. Low setzte sich erschöpft auf die Erde. Als Korach und seine Rotte sündigten, — dachte er — tat der Herr die Erde auf und sie verschlang die Sünder. Aber die Tiere haben nicht gesündigt, die Felder haben nicht gefehlt, wie konnten sie den Zorn des Herrn erregen? Sie waren schuldlos. Und Low kam zum Schluss, er selbst müsse gesündigt haben. Hatte er nicht pflichtvergessen, dem frommen Dienst entsagt, für den er bestimmt? Da gelobte er im Stillen, nach dem Fest nach Heichelheim zurückzukehren, und nur noch im heiligen Buche Gottes zu lernen. Erst aber wollte er seine Hütte bauen nach den Vorschriften des Gesetzes. Hier, wo in der Nähe ein neuer Quell floss, war der richtige Ort. Er zimmerte aus Brettern und Latten seine Laubhütte. Bänder und Früchte hatte er im Ueberfluss in seinem Reisesack. Nur das Laub parzers ragrunde. Jedoch es bedarf nicht der Bezogenheit auf die Biographie des grossen Dichters, denn die köstliche Novelle besitzt genügend Eigenschwere, um unabhängig von dem veranlassenden Moment für sich allein bestehen zu können. Es ist die Geschichte einer unglücklichen Liebe, die deshalb unerwidert bleibt, weil sie trotz aller Aussichten auf Erfüllung nicht die Kraft findet, sich zu dem Objekt ihrer Neigung offen zu bekennen. Ein juuger Beamter, durch poetische und musikalische Begabung vor seiner Umwelt ausgezeichnet, liebt eine schöne, aber menschlich oberflächliche Sängerin; persönliche Hemmungen nötigen ihn, seinen Platz einem gewöhnlichen, durch materielle Umstände begünstigteren Nebenbuhler zu überlassen. Wunderbar ist in der Novelle die Atmosphäre eines österreichischen Biedermeier angedeutet. Das alles ist in einer kultivierten und deshalb dem vulgären Lesergeschmack unzugänglichen Sprache erzählt. In eine völlig entgegengesetzte Welt führt uns die zweite Novelle, die wohl zu den berühmtesten Novellen Heimanns gehört, hinein: „Wintergespinst." Spielt die erste Novelle in der warmen, von animalischer Lebensfreude geschwängerten Südwelt Oesterreichs, so ist die Handlung der „Wintergespinsf'-Novelle irgendwo in die karge und düstere Moränenlandschaft der nordischen Tiefebene . eingelagert. Hier in dieser Erzählung ist Moritz Heimann, der einen grossen Teil seines Lebens in dem weltabgeschiedenen märkischen Dorfe Kagel verbracht hat, ganz in seinem Element. Mit der Gegenständlichkeit eines Künstlers, dem die Landschaft, die er gestaltet, innig vertraut ist, malt er das gleichsam geschichtslose Leben eines in winterlicher Oede erstarrenden abgelegenen Dorfes. In dem Stil dieser meisterhaft aufgebauten und vorgetragenen Novelle greifen Mystik und Realismus ineinander. Höchst realistisch sind die Dinge der Wirklichkeit gezeichnet. Da ist die Dorfschenke, Mittelpunkt einer dumpfen und gleichförmigen Alltäglichkeit, in der ein vorüberziehender Handwerksgeselle eine Abwechslung bedeutet; dort die Dorfschule, in der die Person des Lehrers sich über, die Tücke, Kleinlichkeit und Roheit heilfehlte noch", der Sturm hatte es verweht. So machte er sich auf die Suche. Vielleicht hatte der Herr die andere Seite des Waldes verschont, dass er dort die Zweige brechen konnte. Indessen kam des Weges ein junges Weib, schlank von Wuchs, gross und kräftig, ebenmässig waren ihre Hände und Füsse, flink ihr Gang. Sie sang ein Lied und schien es eilig zu haben mit ihrem Bündel, das sie auf dem Rücken trug. Als sie die Hütte sah, blieb sie zuerst erstaunt stehen, dann setzte sie ihre Last ab und ein freudiges Lächeln glitt über ihr Gesicht. Der Herr hilft immer, wenn man ihm vertraut, dachte sie. Die Juden, die hier ihre Hütte bauen, werden mir gestalten, mit ihnen das Fest zu begehen. Sie sah sich nach dem Eigentümer der Laube um. Als sie niemand entdecken konnte, machte sie sich flink daran, die Hütte weiter auszuschmücken. Die schönsten Aepfel holte sie aus ihrem Bündel und hängte sie über der Eingangstüre auf. Niedergeschlagen kam Low mit leeren Händen von seinem Gang zurück. Da sah er -von weitem die Frau, die seine Hütte schmückte. Als er nähertrat, wandte sie sich ihm mit fröhlichem Lachen zu: ..Eine Ueberraschung, ein fremdes jüdisches Mädchen bittet Euch und Eure Frau, das Sukkotfest hier verbringen zu dürfen. Die Nacht bricht an, und der Weg zur Stadt ist noch weit und in der Finsternis schwer zu gehen bei dieser Verwüstung. Nehmt diesen Apfel zum Gruss, damit ich Euch danach die Hand reichen kann." „Gesegnet sei Euer Eingang", sagte Low, ganz benommen von der unerwarteten Begegnung. „Gerne geb ich Euch Obdach. Aber hier ist keine Frau. Ich bin allein, doch auch in meiner Einsamkeit sollt Ihr mir willkommen sein." „Wenn zwei einsame Menschen sich zusammentun", entgegnete das Mädchen, „verdoppelt sich jede Freude, und das Laubhüttenfest ist ein Freudenfest. Vater und Mutter sind von mir gegangen. Ich bin Sara, die Tochter des Lehrers aus Gross-Linden jenseits des Waldes, und bin auf dem Weg zur Stadt, um dort bei guten Leuten Stellung anzunehmen." Es wurde ein schönes und erhabenes Sukkotfest. Innig beteten die beiden jungen Menschen zu Ihm, dem sie sich in der Einsamkeit nahe fühlten. Herrlich klangen ihre Stimmen zusammen in den Lobgesäogen des Herrn. Und wenn sie nach der Andacht zusammenfassen, erzählten sie einander von ihrem Leben. So sprach David Low auch von dem. was sein Gewissen plagte,, dass der Ewige sich von ihm gewandt und dass er nun zur Busse gelobt habe, nur noch Ihm zu dienen. „Ihr habt keinen Grund zur Klage", sagte das Mädchen. „Der Ewige vernichtete Land und Leute, Pflanzen und Getier, Euch aber hat er ausgenommen und. zum Leben begnadigt, indem er Euch in die Stadt entführte, ehe hier das Unwetter tobte." Low sass still in inniger Bewunderung seiner Gefährtin, er trank ihre tröstenden Worte. So vergingen die Tage des Festes. Wenn Low allein war, erschien es ihm undenkbar, ohne Sara zu leben. Sie waren sich in den wenigen Tagen so vertraut geworden, wie wenn sie Jahre hindurch miteinander gelebt hätten. Aber, durfte er sie an sich binden? Hatte er dem Herrn nicht loser Anwohner weit erhebt; da sind schliesslich die Menschen selbst, die in schwerer und eintöniger Arbeit ihr Dasein fristen müssen. Aber in diese gleichsam stillstehende Welt greift die Hand übersinnlicher, ausserirdischer Mächte sichtbar ein: das ist die mystische Komponente der Erzählung. Held der Novelle ist ein einfacher, in der Schlichtheit und Reinheit seines Wesens liebenswerter Dorfjunge, 'der unschuldig eines Diebstahls bezichtigt wird und gerade in dem Moment, als sich seine Unschuld erweist. Selbstmord verübt. Und zwar deshalb, weil er das Leid der ungerechtfertigten Beschuldigung jetzt nicht mehr als eine Auszeichnung des Schicksals empfinden darf. „Denn es gibt*', so lautet die nur scheinbar paradoxe Lehre der Dichtung, „ein allgemeines Gefühl des Unglücks, darin wir uns wohl fühlen, als hätte nun das Schicksal keine Macht über uns. Hört es auf, so beginnt wieder das eiserne Spiel von Ursache und Wirkung, und wir scheinen uns mechanischer als vorher, härter und uninteressanter." Schon diese Grundsentenz der Novelle dürfte durch die Art ihrer Formulierung beweisen, dass in der Person Moritz Heimanns sich der Dichter und der Denker nicht voneinander' trennen lassen. Denn die in dem Bande veröffentlichten Essays — wir nennen etwa „Die Heimat" oder „Das Haus" — stossen mit ihren Ausdrucksmitteln ins Dichterische vor. Auch die veröffentlichten Buchbesprechungen — wahre Muster ihrer Gattung — sind nicht Rezensionen im eigentlichen Sinne, die Stoff, Gehalt und Form der besprochenen Bücher zergliedern, sondern eigenschöpferische Verdichtungen der seelischen Substanz, die aus den Büchern in Heimann übergegangen ist. Aus der Art dieser nicht überheblich urteilenden, sondern demütig empfänglichen Kritik wird es deutlich-, warum dieser Mann der Freund und Erwecker so vieler bedeutender Dichter werden und als Berater eines weitausgreifenden Verlegers eine literargeschichtliche Rolle spielen konnte. Aber derselbe Mann ist zugleich ein produktiver Denker gewesen, dessen philosophischer Lebensertrag namentlich in dem erst jetzt vollständig gehobe* nen Schatz seiner Aphorismen vorliegt. Modern gelobt, zu „lernen"? Wie sollte er Unterhalt schaffen für Frau und Familie? Und dann: liebte sie ihn denn, ihn, Low, den jüdischen Einsiedler? „Als wir uns zum ersten Male sahen", sagte er am letzten Abend, „gabst du mir einen Apfel; einen Apfel gab auch Eva dem ersten Menschen und er verlor das Paradies. Mir aber erging es anders. Ich habe durch dich das Paradies gewonnen. Alles, was mich erfreute, Wald und Wiese, Feld und Blumen, Tiere .und Kräuter, hat mir der Herr genommen. Da kamst du und brachtest mir die. Erkenntnis, dass das Schönste der Natur die Frau ist, an Lieblichkeit und Anmut allem überlegen. Und dies Paradies wird mir genommen sein, wenn du mich verlässt. So frage ich dich in dieser Abschiedsstunde, willst du mein Weib sein?" Sara hatte ihn fest angesehen, jetzt umfasste sie ihn und küsste ihn auf Augen und Mund und gab so ihr Ja zu seiner bangen Frage. Vereint zogen sie am anderen Tage nach Heichelheim, wo der verlorene Sohn und die neugefundene Tochter voller Herzlichkeit aufgenommen wurden. # So berichtet uns die alle Chronik der Familie Heichelheim, deren Stammbaum wir 700 Jahre zurückverfolgen. Die Nacherzählung stammt von Adolf Landau ist der Stil seines Denkens auch insofern, als •er, dem die Kraft zur philosophischen Systembildung offenbar fehlte, die aphoristische Denkweise bevorzugt hat. In welchem Umfange andere Dichter ihn hierin beeinflusst haben, dies festzustellen, muss einer besonderen Untersuchung vorbehalten bleiben. Ergreifend wirkt Jedenfalls das Ringen eines unbedingt ehrlichen und unbestechlichen Geistes, der sich um die Erkenntnis sämtlicher, zwischen Leben und Sterben kreisender Erscheinungen müht. Unter der Qual des Denkens, die dem Philister zum Spott gereicht, hat Heimann schwer gelitten: „Wenn ich mich niederlege, quälen sich die Menschenbilder in meinem Hirn, quälen sich und mich mit schlimmerer Pein - als bei Tage. Welche Angriffslust, welche Ohnmacht gegen sie!" — Unverkennbar ist der jüdische Grundzug in der Art seines Denkens. Ein Hang zum Grübeln, eine Neigung, sich mit den gewonnenen Resultaten nicht zufrieden zu geben, ein tiefeingewurzelter, am Logischen verzweifelnder Skeptizismus, eine heroische Unerbittlichkeit der Folgerung weist in diese Richtung. Ist dieser Mann nun ein „grosser" Dichter und Denker gewesen? Es erscheint uns müssig, dieser Frage nachzugehen. „Alles Werk", heisst es in Heimanns Drama vom „Weib des Akiba", „ist halb; und. häufte ich Lehren wie einen Hügel und Taten wie ein Gebirge, so ist ihnen ihre Grenze gegeben, und die Mühsal war vergeblich und fängt von vorne an." — Es ist das Stigma einer solchen Natur, zu den schicksalsmässig Unvollendeten zu gehören. Ehe noch seine Produktion ausreifen konnte, ist er vorzeitig gestorben. Er ist ferner gestorben, bevor sein Verhältnis zum angestammten Judentum die letzte Klärung gefunden hat. Aus einem strenggläubigen Hause hervorgegangen, hat er dennoch sich innerlich von der Orthodoxie losgesagt. Er, der enge Freund Micha Josef bim Gorions, des Sammlers der jüdischen Sagen, hat die politische Idee des Judentums abgelehnt und an die Möglichkeit der Assimilation und des Lebens in der Diaspora geglaubt, anderseits aber die Kräfte, die zum Beispiel in der chaluzischen Bewegung aufkeimten, gewittert. Ein endgülti- Hymne an die Sonne Von Edith L. Meyer Du Lächeln Gottes, das vom Himmel träuft auf uns Lebendige, zum Licht geboren: du bist die Kraft, die ewig unverloren. Von deines Leuchtens Gnade überhäuft, entrinnen wir den dunklen Schicksalstoren. Du hast das Chaos siegreich überwunden, die Nacht in ihren strengen Kreis gebannt, du Gotteswort, in edle Form gebunden als schönstes Werk von deines Meisters Hand, du Atem seiner tiefsten Schöpferstunden. Gespeist von deines Lichtes Gnadenquell umkreisen dich die brausenden Gestirne. Im Wolkenschaum entschwebst du höchstem Firne und steigst und steigst und wölbst dich flammenhell als Diadem um deines Meisters Stirne. ges Wort in der jüdischen Frage zu sprechen, blieb ihm jedoch versagt. Er, der sich stets auf der Flucht vor der gemeinen Deutlichkeit der Dinge befand, ist trotz der Erfolge und vielfältigen Beziehungen, die Leben und Beruf ihm einbrachten, innerlich ein Einsamer geblieben. Jüdisch in seiner Aufgeschlossenheit dem gegenüber, was das Dasein ihm an Gutem und Bösem bot, jüdisch auch in seiner Unabgeschlossenheit. und nicht zuletzt jüdisch in seinem Bekenntnis zum Leben im Geiste: Ich habe teil am Ceiste, der wie Wind Die Samen wirbelt, die die Narben kitten. Und habe drum von manchen mehr gelitten, Als manche wissen, die mir über sind. Fritz Friedlaender Fö£ 99?4- Ms wtmhlümm Iliefern wir die C.-V.-Zeitung. Wer sie noch nickt liest, bestellt sie mit diesem Bestellzettel Senden Sie mir bis auf Widerruf {Jie C-V.« Zeitung 99 Pfennig für Oktober, November, Dezember zahle ich bei Vorlage der Postquittung an den Briefträger. Die beiden letzten September - Nummern werden mir kostenlos geliefert. Name: ......................................................................... Ort:.............................................................................. 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