Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 36 (9.9.1937)
- Date
- 1937-09-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 »1. Beiblatt C-YZeitog 9.Septbr.T937* Seite S Zwischen Batavia und Sidney Jörn Kippur auf hoher See vor 75 Jahren Vor siebzig Jahren wurde in Mainz ein hebräischen Buch gedruckt, das „Ewen Saphir" hiess. Sein Verfasser hiess Jakob Saphir Halewi, war 1823 geboren, 1833 mit seinen Eltern nach Palästina gezogen, in Saf ed aufgewachsen und unternahm 1858 im Auftrag der palästinensischen Talmud-Tora- Schulen eine Weltreise, die ihn in die fernsten Judengemeinden führte. Er war in Indien, Singapore, Java und Australien. Sein Lebensbuch ist viel zu wenig bekannt Das efCeccmann <K&ßmann Herren- und Damen' Ausstatt u.n gen Berlin SW, Friedricksir. 50-51 obige Reiseerlebnis entstammt diesem Werk, und es hat auch einen langen Weg hinter sich. Es ist nämlich jetzt wieder einmal entdeckt worden und im soeben erschienenen „Australisch-jüdischen Almanach" von neuem aufgetaucht. Das Erlebnis selbst aber und besonders der Jom Kippur darin ist in seiner wortarmen, schlichten Deutlichkeit fast symbolisch, und also kommt es auch nach 75 Jahren zum Jom Kippur recht ... L. H. In Batavia blieb ich sieben Wochen, und da ich weder ein Dampfschiff bekommen konnte, das direkt nach Australien fuhr, noch eins von den drei Segelschiffen, die von Europa in den Stillen Ozean reisen und drei Stockwerke haben und eine Menge Kabinen mit Betten für tausend Menschen, so musste ich mit einem kleinen schottischen Segelschiff fürliebnehmen, das mit Waren nach Sidney ging; von Sidney werden die Waren dann nach den anderen australischen Städten geschickt: Kaffee, Zuckerrohr, Muskat, Pfeffer, Reis, verschiedenerlei Gewürz, Kokosnüsse und Kokosöl, auch zehn kleine arabische Pferde, die in Australien sehr kostbar sind, und drei grosse Schildkröten, die das ganze oberste Deck unseres Schiffes einnahmen. Ausser mir fuhr kein Passagier mit, da waren nur der Kapitän, sein Bruder und zehn Matrosen. Am dritten Tage des Monats Elul begab ich mich auf dieses Schiff, nachdem ich mich mit Lebensmitteln, für fünfzig Tage versehen hatte, Jom Kippur Von Rolf Radlauer Für einen Tag und einen Abend treten Wir bans* vor Dich mit Fasten und Gebeten. Und grosses Trauern will in uns entbrennen, Wenn wir gemeinsam unsre Schuld bekennen. Dann fühlen wir beschämt und sehr verwirrt, Dass wir uns weit von Deinem Weg verirrt. Nun aber rufen wir zu Dir und schauen Wie Kinder auf in Demut und Vertrauen. Zu jenen Stunden sind wir ganz Dein eigen, Wenn wir uns flehend im Gebete neigen. obwohl man mir zu verstehen gab, die Reise werde nicht länger als vierzig Tage dauern. Der Leser muss vei stehen, dass ich mir nicht Fleisch noch Wein noch andere gute Sachen mitnahm, sondern trocken Brot, Zwieback, gesalzenen Fisch, Sardinen, Kaffee, Zucker, Butter, Reis, Brennspiritus und guten Arrak, um das Herz zu erquicken, und Geschirr zum Kochen, grüne Bananen, unreife, die einige Tage liegen und reifen, dann kann man sie essen. — Der Kapitän wies mir einen Platz unten im Mittelschiff an. Ich meinte, es wäre ein übler Ort, doch später stellte sich heraus, dass es ein Glück für mich war. Am selben Tage hisste das Schiff die Segel, ein stiller Wind blies, und wir kamen langsam in Fahrt. Die ersten fünf Tage, da wir das Indische Meer zwischen den javanischen Inseln und Sumatra durchfuhren, sass ich auf dem obersten Deck des Schiffes an der frischen Luft und konnte keine Sekunde unten in dem Raum aushalten den man mir angewiesen hatte, so gross war die Hitze und so stickig die Luft da unten. Am sechsten Tage kamen wir zwischen den Inseln hindurch ins grosse Meer hinaus, gen Süden. Der Wind wurde stärker und die Luft kühler. Die Wellen des Meeres hoben sich und Übergossen das Schiff, das sich mächtig hin und her warf. Man verschloss alle Fenster und Oeffnungen. und ich zog hinunter ins Schiff, an meinen Platz, wo es keine Luft und kein Lichtt gab, nur eine einzige Oeffnung, durch welche die Matrosen in ihr Lager gingen. Als wir dann weiter nördlich ins offene Meer kamen, verstärkte sich der Wind hinter uns, und das Schiff flog wie ein Pfeil vom Bogen. Es fuhr mit einer Geschwindigkeit von zwölf Meilen die Stunde. ' Da das Schiff tief im Wasser ging, breitete man nur ein Segel aus. Als das Schiff ein wenig weiter südlich kam, wurde die Kälte gar gross. In allen meinen Kleidern und Decken konnte ich nicht warm werden, und selbst das Stroh, das man für die Pferde bereitet hatte, schützte mich nicht vor der Kälte. Meine Füsse wurden starr wie Steine, die Hände wie Stücke Blei, und ein Zahn schlug mir auf den andern. Ich vermochte es nicht mehr, in die Küche hinaufzugehen und mir das bisschen Reis zu kochen, wie ich bisher getan, weil das Deck mit Wassern überschwemmt war. Und die Matrosen gingen barfuss bis an die Knie. Denn das Wasser stürzte von einer Seite herauf und von der andern herab, und der Frost wurde gar gross, eo dass die Matrosen aus den Kesseln essen mussten, die auf dem Feuer standen und unten heiss waren und oben froren. Wie ein Gefangener im Gefängnis lag ich, in Decken gehüllt, zwölf Tage, und nur mit trocken Brot und Kaffee, den ich mir auf Spiritus kochte, erhielt ich mich am Leben. Derart fuhren wir ohne den mindesten Zwischenfall bis zum achten Tage des Monats Tischri. An diesem Tage sagten die Matrosen, ihnen stehe ein© finstere und bittere Nacht bevor. Gegen Abend wurde der Sturm immer stärker, Donner und Blitze überdeckten die See. Das Schiff wurde herauf- und herabgeworfen, und ein Sturm brach nieder mit Wolkenbruch und Hagel, und die Nacht wurde stockfinster. Die Sterne verbargen ihr Licht und der Mond seinen Schein, und oben vom Schiff ertönte ein entsetzlicher Tumult. Die Wände des Schiffes brachen. Die ganze Weisheit des Kapitäns half nichts, denn er hatte den Weg verloren. Oben hin und her laufend, stürzte er und brach eine Hand. Sein Bruder und nur fünf Matrosen blieben übrig, um das Schiff zu führen. Ich verlor fast die Besinnung vor Kälte und Schrecken. Und durch die Wand hörte ich die Matrosen: wenn der Sturm bis Mitternacht sich nicht legt, sind wir samt und sonders verloren! Das Blut erstarrte mir in den Adern. Wo sind alle meine Hoffnungen? Ich befahl Gott meine Seele und schwieg. Gott! Nimm meine Seele zu dir, wenn mein Körper schon nicht heimkehren soll zu seinem Volk und zu der Stadt, wo die Gräber seiner Eltern sind! Und in meinem Herzen dachte ich: heute nacht schlagen meine Hausgenossenzu Jerusalem Kapparot, und wenn sie wüssten, dass ich jetzt ihre Kappara, ihr Sühoopfer, bin, sie täten es gewiss auf ganz andere Weise. Doch gelobt 6ei Gott, der sich unser erbarmte. Nach Mitternacht wurde der Sturm ein wenig. schwächer, und als es tagte, sahen wir erst, was er getan hatte: die obersten Räume waren in kleine Stückchen zertrümmert, und die Wände des Schiffes waren geborsten unter den heranbreehenden Wellen. Sechs Pferde waren krepiert, ihre Kadaver warf man ins Meer, auch eine Schildkröte war tot. In Eile schlugen die Matrosen die Löcher zu und befestigten die Masten. Der Kapitän konnte sein Amt nicht versehen, denn er war krank, und sein Bruder, der ihn vertrat, führte das Schiff langsam und näherte es von Osten der australischen Küste. Am zehnten Tischri, Jom Kippur, war das Meer ruhig, und die Sonne kam hervor. Das Schiff ging übers Meer, das still wie Baumöl war, mit allen Masten voller Segel gegen den linden Wind. Man nahm die Verdichtungen "ab, öffnete die Fenster, und ich sog die frische Luft in mich hinein und lebte auf, so dass ich das Fasten nicht spürte und in meinem Raum in Andacht den Dienst des heiligen Tages tun konnte, freudigen und leichten Gemütes und mit Zuversicht,. dass Gott meine Gebete annehmen wird. Am Tage vor Sukkot 5622 erblickten wir den spitzen Berg vom Kap Wilson und waren an die Grenzen Australiens gekommen. Wir fuhren an verschiedenen Landen vorbei und begegneten auch Schiffen am Wege. In diesen Tagen hatten wir keinen Wind und kamen nur langsam voran. Am 28. Tischri landeten wir in Frieden im Hafen von Sj*dney, der Hauptstadt von Neu- Süd-Wales. Als ich die Erde erblickte, wurde mir's licht in den Augen, und ich vergass alle Nöte, die ich ausgestanden hatte. Wir hissten eine Fahne zum Zeichen, ein Lotse kam uns entgegen, and vor Nacht noch geleitete er uns in den Hafen ans Ufer. Des Nachts noch ging ich an Land, ich hatte keine Geduld mehr nach der schweren Fahrt von 53 Tagen, in denen ich wie ein Ge- Jorn Kippur Nach einem alten Kupferstich lil!l!IIIIillii!fl![!!iiil!l!ll]lii!il!lll!y{l!1!!llilll!III! Fat. Herbert Sonnmfsld l!jl!!llllfll!!!lll!ll!l[!iil1lll!!!!fllli!!!III!N^ fangener war, und Frost und Kälte, Hunger und Durst, Angst und Todesschrecken litt Gelobt sei Gott, der den gegen ihn Sündigen Gutes tut, der Gott Jakobs ist meine Hoffnung! Alte Weisen zum Versöhnungstag Von Oberkantor Magnus Davidsohn Hat das Neujahrsfest gewisse geschlossene Rezitative innerhalb der alten Weisen, so gibt der Jom Kippur ein ganzes Mosaikbild kleiner Melodienfolgen, die doch ungleich älter sind als jene des Neujahrsfestes. Von der Kol-Nidre- Weise war in diesen Blättern schon soviel die Rede, dass auf ihren Ursprung nicht mehr zurückgegriffen zu werden braucht. Gesagt aber muss werden, dass die einzelnen Teile gerade dieses musikalischen Bildes sehr oft bei anderen Gebettexten ihre Verwendung finden. Eine andere überraschende Tatsache sei hier verzeichnet. Wir hören sehr oft bei den Bittgebeten, Selichot am Versöhnungstag und insbesondere bei jenen, die einen Refrain haben, Pismonim, melodische Wendungen, die nicht nur der katholischen Kirchenlitanei ähneln, sondern zum Teil mit ihr gleichlautend sind. Diese Entdeckung machten wir gelegentlich des Studiums einer alten, noch handgeschriebenen Litanei, in der wir bei einem Requiem, das in der Passionszeit angestimmt wird, Intervall für Intervall jene wird, die alten Melodien des Kol-Nidre-Abends zu dem Bittgebet „Schaumea tefillo" rezitiert wird. Die alten Melodien des Kol-Nidre-Abend sind aber auch vielfach, vielleicht hervorgerufen durch die textliche Gestaltung, profanen Weisen entlehnt. Der verdienstvolle Münchener Kanto*- Kirschner spricht darüber sehr aufschlussreich in seiner Broschüre ,.Ueber mittelalterliche hebräische Poesien und ihre Singweisen". Die Aeusserungen anderer Musiker über diese Weisen am Kol-Nidre-Abend halten der Forschung nicht immer stand. Als ein Vorläufer zum balladesken Stil muss manche Melodie angesehen werden, die aus früheren Jahrhunderten zu uns herüberklingt, z. B. die Bearbeitung des Gebetes „AI taschtichenu", dessen Melodie Lewandowski sehr stimmungsvoll in die moderne Form gebracht hat. Es ist das Gebet, das Mendelssohn in einem seiner Oratorien verwandt hat. Trotz seiner wunderbaren Musik wäre dieser Teil des Oratoriums vielleicht noch charakteristischer ausgefallen, wenn Mendelssohn die jahrhundertealte Weise verwandt hätte. Der Versöhnungstag stellt an den Vorbeter nicht nur deshalb grosse physische und psychische Anforderungen, weil es kein Gebiet innerhalb des Gesanges gibt, in dem derartige Anforderungen an die Stimme gestellt werden wie am Versöhnungstage, sondern weil auch das Gedächtnis die vielfältigen alten Weisen zu behalten hat, die sehr wechselvoll in kurzen Sätzen vom Morgen- bis zum Abendgottesdienst anklingen. Jener Balladenstil, von dem oben, gesprochen wurde, wird auch in der tiefernsten Betrachtung „Hajaum jikossew" vernommen: .,Heut wird verzeichnet in das Gedächtnisbuch der Spruch ob Leben und Tod", um dann in ein fast jubelndes Dur umzuschlagen, wenn die Aufforderung ertönt: „Bringt Preis dem Herrn!" Alte Motive der Süknelitanei für den Versöhnungstag A w a u d o (Beisp.i) Lewandowski =te — wol — — a - nach - nu Win** SU ttd 'ÜhyhqI Met 60 laUce jqM sind l dann sollten Sie Ihr Geld in einer Leibrente anlegen, die Ihnen srösste Sicherheit und höchsten Ertrag bietet. Teilen Sie. uns Ihren Geburtstag (und den Ihrer Gattin) mit, so^ie die Höhe des zur Verfügung stehenden Betrages und fordern Sie unverbindlich unser Angebot. FAMBL ENSCHUTZ, E.V. — Abteilung für Altersversorgung — Berlin W.8, Taubensfrasse 35 — Telephon 12 441? 1