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Central-Verein-Zeitung · 1937-09-02 · 35 (2.9.1937) · page 5

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
35 (2.9.1937)
Date
1937-09-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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C-V.-Zeitung Nr.35 * 2.Beiblatt Von alten und neuen ^%Jm S«.j«5 2. September 1937 Vergangene Zeiten Von Dr. Rosy Bodenheimer- Frankfurt a. M. Noch in ihrem bescheidensten Erzeugnis spiegelt sich das Wesen einer Zeit. Ja Gerade die anspruchslosen Gegenstände des Alltages, die eine Epoche hervorbringt, verraten unbeschönigt, „wie es wirklich gewesen ist". Vor mir liegt ein Bündel alter Luchot. Sie reichen von der Mitte des 18. Jahrhunderts mit geringen Lücken bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Die meisten sind in der berühmten hebräischen Druckerei zu Sulzbach entstanden, einige sind in Amsterdam, andere in Fürth oder Frankfurt gedruckt. Aus ihren schwer vergilbten, offensichtlich stark benutzten Blättern steigt der Werktag unserer Ahnen auf, die mit dem Luach in der Tasche auf die Märkte und Messen zogen, und denen er ein Ratgeber war in so vielen Fragen ihres schwierigen Lebens. Aus den wenigen Reihen jüdischdeutschen Textes, die mit primitiven Holzschnitten geschmückt, dem Zahlengerippe des Kalenders beigegeben sind, formt sich das Bild des Juden im Deutschland jener Zeit, unbeschönigt, aber auch unverzerrt. Seine wirtschaftlichen und seine politischen Interessen, seine medizinischen und seine kosmischen Vorstellungen, seine Angst und sein Glaube, alles das spiegelt sich in 'diesem bescheidenen Gebrauchsgegenstand seines Alltages. Denn so ein Luach hatte für jenes Geschlecht eine ganz andere Bedeutung als etwa für uns Heutige. Ein Jude im Deutschland des 18. Jahrhunderts brauchte nicht den Luach zu Rat zu ziehen, im zu wissen, wie ein Jomtow fällt, oder "^aarin eine Jahrzeit sein wird. Er lebte und pachte mit dem jüdischen Kalender, und jj-eine Daten waren eine Selbstverständlichf keit Aber wann die verschiedenen „Jeri- £dim und Sehewakim (Messen und Märkte) jjiii Aschkenas Pöheim, Polen und Mähren" '^aren, das konnte der interessierte jüdische 'Kaufmann aus seinem Luach erfahren. Die | Vielzahl der genannten Orte gibt Zeugnis?\on der Grösse seines Aktionsradius. Aber a der Luach weiss noch mehr. Er weiss nicht «nur, dass am Sonntag, dem 7. Tischri, im \ Jahre 1752 die Leipziger Messe beginnt, er J weiss auch schon genau bei seiner Druckte MjM» -M Z% <H >■*-• v^vv-dh: dibvi. ü£ Jfr SSu&cn&dlen&eij 1 , %■ «if» ■ * oufta« 3afcr 1776 ™ eJ*ls _ , irü ' gratis gigcten & Unter Approbation Ui 1 ^Son ®\ Äomfll. ^ßjef! in Neuffen | •) tu £ero &c{itanf. ^«f.if(c(«R r£ l * Acadcnne fcer' &ij>:ni"#üfl€a, £ ,* «JTl» r"> 1 .___.__* I * I . , * 1 ¥ i p1^ V?pn nv legung, dass es an diesem Tage dort „lieblich warm'' sein wird, er weiss auch, dass am 13. Ijar ein Donnerwetter stattfinden wird. So hat der Sulzbacher Luach die langfristige Wettervorhersage auf seine Art schon im 18. Jahrhundert gelöst. Am Ende des Kalenders wird das Jahr in seiner Gesamtheit in einem sogenannten „Jahrlauf der Fruchtbarkeit'' charakterisiert. Und seltsam mutet es uns an, dass hier in diesem jüdisch-frommen Buch astrologische Vorstellungen der europäischen Umwelt, die um jene Zeit längst ihre Blüte hinter sich hatten und unmodern geworden waren, angstvoll und gläubig bejaht wurden. Es zeigt sich auch hier wieder das längst bekannte Bild einer gewissen Enge und Rückständigkeit im Denken der grossen Masse der Juden in Deutschland inmitten der abendländischen Geistesblüte des achtzehnten Jahrhunderts. So ein Jahrlauf der Fruchtbarkeit sieht zum Beispiel im Jahre 1756 folgendermassen aus: Er charakterisiert zunächst das Jahr nach dem Planeten, der es beherrscht. Das ist der Jupiter, „das ist Kochaw Zedek (der Stern der Gerechtigkeit), da der Massel Keschet (der Schütze) in Massel Dagira (die Fische) treten tut", merkt auf, was folgt daraus: „Das Jahr insgemein zeigt in allem sehr gut. Beesras haschem (mit dem Beistand Gottes)." Dann folgt eine Wachstumsprognose für Gerste, Hafer, Linsen, Hirse, "Hanf, Krummet, „Graut und Rüben". „Auch von Menschen in diesem Jahr Geburt der Kinder wohl gestellt. Mit Krankheiten beesras Haschem bechesed (gnädig)." Nicht immer kann der Kalender so viel Angenehmes versprechen. Ein Jahr später, 1757, regiert der Mars. Da gibt es eine schwTarze KTankheitsprognose. „Mit Cholim (Kranken) will nit meiden, wrie gefährlich anzeigt", sagt der Verfasser des Kalenders, „Gott möge alles zum Guten wenden." Und in diesem Notjahr, in dem die Sterne Unheil melden, bricht mitten durch die Vorstellungswelt verängstigter Ghettoastrologen der jüdische Urglaube, dass Gott der Herr ist auch über die Sterne. „Er schafft den Himmel und sein Heer." Mit astrologischen Vorstellungen muss es auch zusammenhängen, dass manche Tage für grosse Unternehmungen günstig, andere aber verhängnisvoll sind. Der Luach gibt genau an, „welche Tag gut sein für den, der da will von einem Haus in ein andern ziehen oder über Feld reisen" und an welchen der, der seine Seele hütet, sich fern von so etwas halten soll. Und wie hätte es einer wagen können, einen Aderlass vorzunehmen oder ein Zugpflaster zu setzen, ohne den Luach zu Rate zu ziehen, der jeö^mo fti "jC/ ' ofn s- ^™ £*k^J3*M<%M ppp!UT7:js^:-$ «J£ -PT::f>; pwn^'i 'isir^r-i nbiprjtr^pr S: er 2! wrnbf- 'unirr^jr: rr.iusn.pi-3> _ fwii^r« m-»-»imi '««,<.« n-i\i-> Vvsv.nfcni l»n"~51 ^bl.ri. j f-irboprrp 'c%s]D"i pp^']W<s v%: w^rnEJ 'w-?i5icr? rv:^2 v^p :?3T Q'^?. iir:r*r w | rrrm pH2 p°p HD DSi: | pmto* »mo r^'? p^3- °& c M * Q5e5rucft auf Ccirsrüffsn Qt'fccn» £ot % bim pnei eAufe- 3uö«a TOatcrt $ Ä /ja»**^. ©etfon > J "itt:ioMBn;. m>. s&&?^&%^ *S f v$ ^3&EBF$$ sBm*® we^irf o>r^P J^tws V5 'yb;t-*ii3 jton* ifc ivt-zfl *****^****** »** T*** 3f**^******* j-)Dü i?« jwn ui b \nv f^n P'3l5T?iirfc"l!5 05&'ipST5 J'p'^'blfe?;jf> 2tv^D; f/p *************** x-*******^-x-****» nigp i?to r!?D3 f,l> ^p5^'1' f>* U S*?:r Cp-P i'P^ii ^M»iPi?^-^5^ : <J^5 wfr "^'5 **************h-** »»^*«»««***« l?TO f^f» Mu 7^in njn pM o'p^p yivv 151* ]CMi5 c:j^n jü'5*7 s PpJ?tW^^9 Titelseite und Monatsbilder aus dem „Juden-Calender auf das Jahr 1776" Neben den Bildern jiddische Texte in hebräischen Leitern, die %enau angeben, zu welcher Stande, Weichet Minute und Sekunde der Monat in dem betreffenden Jahr beginnt Bibliothek der Jüdischen Gemeinde Berlin (4) xmm ftiB ]vo STT^^^ Yt ^^T|ip^-'^^? -x^^fi^ ■}V7'^JBK»7tMi>*VTr Ä A&AA^^4r:pr"3 ]LV*07' '-'^t'w p t)?f>5 A> -H****S-***->******if***^** ];no tict r ^asg3 r-f? rrrr ilrr r-^i^S^; 7^ ü 17:1? T5 Jtf»rC3-17 '^IDpjT^ifJlJ Jf»0,fl; »*****-*.#***********<*****»***** rrntf ^td ü5#>r^T^» -jyjfcp^üTDTS» ^v-n^rpb^-^^ OGO^;cv,^ wfa J : 5^1759& ^1 WO 03» tpi^!j:d75j»^?;if> v>:fi uvra? ■jfeuü^e'pbp J'JPW 1?jfv'PprT ^3 1)53^ : 'CIOP&V'BD OGGGO Dn31 fltD | vfi*nf>?5!J) ny» [ 131 fr pfr»Y73?D; jü^p '»pip j»5^f , 7?:p pM ifjrt p^p; U2P ceco "3|p^D Ijt» Wb V9 Ö173'P P]P'5D o^p^p J'-^r? J3M JSMJ3 D3P3 : Ü3P731P *****^********************Ht:** nbra b*btt; 9^ 7te 13n I 7;i:-ü7?;'r 5ip«! c^jp^»^ j*^!^ jc-iö .<3fe» s tSVün;* den Tag des Jahres genau bezeichnet hat, ob er für einen solchen Eingriff geeignet oder fatal ist? Noch andere medizinische Ratschläge hält der Luach bereit. Er warnt seine Leser, dass im Monat Cheschwan die „Kelt in den Guf (Körper) vom Menschen dringt und schliesst die Schweisslöcher zu, drum ist, um gesund zu baden und Schweissbad zu baden, weilen dadurch die Schweisslöcher eröffnet werden. Alle Speisen sein warm gesund und. der Mensch soll sich bewegen mit Arbeit und Spazierengehn." Und wenn im Chaudesch (Siwan) der Sommer anfängt, gibt der Luach gleichfalls Yerhaltimgsmassregeln. „Wer haben kann, soll sich mit feuchten, kühlen, leichtverdünnten Speisen bedienen, auch zu hüten suchen, dass der Magen durch viel und kalt trinken nit zu sehr erfüllt und erkältet wird. Warmbier vor dem Essen getrunken, soll der Leber sehr gesund sein." Der Luach hat Hausmittel gegen viele Schmerzen, gegen Zahnweh und gegen Augenweh. Und, wenn die Kinder Scherazim (Würmer) haben, dann soll man rote Möhren nehmen, „so gross wie eine Haselnuss. Dunk ein in Brandwein, leg es auf den Nabel und bind es zu. Also werden die Scherazim im Leib vergehn. Beesras Haschem," Der fromme Grundton des Luach schlägt immer wieder durch. Wenn er z. B., wie im Jahre 1759, eine schlechte Krankheitsprognose geben muss, redet er dem Volke ins Gewissen, man solle „Tefillo tun und belew achad (einig) sein" und nicht „wie in dieser Zeit, in dieser Welt bei unserem Volke*' sich gegenseitig den Lebensunterhalt kürzen. Ein jeder solle daran denken, es werden wieder aufgerichtet werden „unsere Brüder, das ganze Haus Jisroel, die in Not und Gefangenschaft gegeben sind". Dass an dieser, jüdischen Not auch der Siebenjährige Krieg mitschuldig war, beweist ein Verschen aus dem Sulzbacher Kalender des Jahres 1759: Nun herzliebe Leut,, Betracht diese Zeit Und wollen Haschem Jisborach bitten, Uns den S c h 01 e m bald zu schicken. Zu Tauro und Mitzwes wollen wir uns wenden, Den Gaue) Zedek bald zu senden. Omen. Die grosse Politik spielt aber auch sonst hinein in den Sulzbacher Kalender. Und zwar, charakteristisch für das Zeitalter des fürstlichen Absolutismus, charakteristisch auch für die höfisch gerichteten Interessen unserer Juden, von denen viele um jene Zeit fast an allen deutschen Höfen als Hoffaktoren in engem Kontakt mit den Landesfürsten stehen, sind es gerade die Geburtstage der Fürsten, die der Sulzbacher Kalender seinen Lesern bietet. . Da kann man z. B. lesen, dass „Friedrich König in Breissen und Kurfürst zu coocooc_, 1W Y?!£ Wss^agg Ti^-^-,^-^^^^^? ^Sf/^S&, Mrl^Wk "VN :i& 7I1B lyi pryyj: opprt 3'pip J»*33M. 73*£ •j&'5i$ c:jnf p i»:pjJ : 1»}'»PPP& Brandenburg am 26. Januari" Geburtstag hat, und wTie alt er gerade in dem betreffenden Jahre wird. Maria Theresia, seine Gegnerin, hat am 13. Maius Geburtstag, grosse und kleine Herrn sind mit ihrem Wiegenfeste vermerkt, darunter selbstverständlich auch „Carolus Philippus, Kurfürst zu Pfalz, unser gnädigster Kurfürst und Herr zu Sulzbach." Freilich ganz auf der Höhe der politischen Ereignisse ist der Luach nicht immer. Noch im Jahre 1791 steht Ludwig der Sechzehnte als Dauphin vermerkt und 1799 ist für den Sulzbacher Kalender Polen noch nicht verloren. Da figuriert Stanislaus August, der Letzte auf dem Throne des alten Polen, noch unentwegt als König von-Polen, obwohl seit 1795 der alte polnische Staat aufgehört hat zu sein, und der arme Stanislaus im August 1798 im Petersburger Exil das Zeitliche gesegnet hat. Und so ist der Kalender charakteristisch nicht nur für das, was* er von den Umweltsereignissen bringt, sondern auch für das, was er nicht bringt. Wir Heutigen können es kaum glauben, dass Jahre dahinrollen, deren Jahreszahl Hunderte von schicksalsschweren Vorstellungen vor unserer Phantasie erstehen lässt — man denke 1789, 1790, 1791, 1792 und dann die wuchtigen, von Nappleon geprägten Jahre — von denen man, wären nur die Luchot jener Zeit erhalten geblieben, nicht wüsste, dass sich in ihnen etwas besonderes ereignet hat. Wir sehen die konservative Geistesrichtung unseres Luach. Zäh schleppt er altes und überlebtes Geistesgut durch veränderte Jahrzehnte hindurch und kapselt sich ab vor einer wildbewegten Gegenwart. Und doch muss auch er zwangsläufig von der neuen Zeit ein neues Gepräge erhalten. Die Judenheit in Deutschland verändert ihr Gesicht. Die Assimilation, die zuerst nur eine dünne Oberschicht umgemodelt hatte, ergreift in den früheren Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts breite Massen der deutschen Juden. Und unser Luach, der im 18. Jahrhundert ausschliesslich mit hebräischen Lettern gedruckt wurde, lässt nun immer mehr deutsche Buchstaben und Worte in sich, eindringen. 1808 stehen im Frankfurter Luach bereits die Monatsnamen auf deutsch, und in den dreissiger Jahren sind die Tage und alle Bemerkungen, die sich auf das weltliche Alle Ihre Bücher belletristische u. fachwissenschaftliche jeder Art von der Buchhandlung am Zoo Fritz Ring Charlottenburg, Joachimsihaler Sir. 43-44 Mitglied der füdischen Gemeinde Telefon: 91 65 06 Zutcndung nach allen Stadiieilen

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