Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 35 (2.9.1937)
- Date
- 1937-09-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 35 * 1. Beiblatt CVZeitunq 2.Septbr. 1937 »Seite3 Das Bleibende / Zu Rosch Haschana 5698 Von Rabbiner Dr. Hugo Hahn, Essen I. „Ein Geschlecht geht und ein Geschlecht kommt, aber die Erde bleibt ewig bestehen", so lautet die Antwort K o h e - 1 e t s auf die Frage nach dem Vergänglichen und Bleibenden in der Welt. Natur und Geschichte scheinen sein Urteil zu bestätigen. Die Erde ist die Wiege und das Grab alles organischen Lebens. Geburt und Tod begegnen-sich in ihrem Schoss. Ihr Reichtum bedeutet den Segen, ihre Kargheit die Armut der auf ihr beheimateten Geschöpfe. Ihre Gestalt bestimmt die Art der Früchte, die auf ihr gedeihen. Ihr Aussehen formt das Gesicht der Menschen und Völker, die sich auf ihrem Rücken ansiedeln. Sie ist die „Mutter Erde", von der alle Kraft des Wachstums ausgeht, zu der alles Leben im Verwelken zurückkehrt. Gibt die Geschichte uns nicht dieselbe Lehre? Wieviel Grossreiche des Altertums hatten im vorderasiatischen Raum ihren Traum von der ewigen. Herrschaft geträumt? Wieviel Dynastien hatten geglaubt, ihren Thronsitz für die Ewigkeit gegründet zu haben? Städte, die vom Ruhm ihrer Erbauer für alle Zeiten Kunde geben sollten, machten sich breit und fielen wieder dem alles zuwehenden Sande anheim. Ein Volk machte dem andern den Platz an der Sonne streitig. Menschen kamen und gingen. Nur die Erde blieb bestehen. Ist Kohelets Scharfblick nicht bewundernswert? Muss nicht jeder klar und weitsichtig Denkende seiner Anschauung vom Wesenhaften und Vergänglichen in der Welt zustimmen? So will es scheinen. Um so erstaunlicher ist es, dass ein Jude in der Mitte des zweiten Jahrhunderts, Rabbi JosnabenKorcha, mit aller Fntschiedenheit gegen die Auffassung Kohelets Verwahrung einlegte, indem er lehrte: Richtiger wäre es gewresen, wenn der Prediger geschrieben hätte: „Die Erde geht und die Erde kommt, aber der Mensch bleibt ewig bestehen!" Was hat der Protest dieses Talmüdlehrers, von dem viele behaupten, er sei der Sohn des berühmten Rabbi Akiba gewesen, zu bedeuten? Kommt in ihm, wie in so mancher midrachichen Deutung, die maische Lehre vom Sinn des Daseins zu ihrem eigentlichen Selbstverständnis? Viele Aeusserungen der Bibel scheinen 7* ar im Einklang mit der Philosophie des Kohelet zu stehen. Die fünf Bücher Mose sind angefüllt vom Landhunger Israels, vom Schrei des jüdischen Volkes nach dem Heiligen Land, nach dem Besitz eigener Erde und eigenen Bodens. Der biblische Mensch kennt die gewaltige Bedeutung, die der Erde im Werdeprozess eines Volkes zukommt. Er weiss um die besonderen Kräfte des Erdbodens, die der Mensch respektieren muss, will er auf ihr ans Ziel seiner Wünsche und Bestrebungen kommen. Er ist sich bewusst, dass die Erde ihren Mund auftun und die Rotte Korachs m sich einschlingen, dass sie die Völker, durch deren Treiben sie sich verunreinigt fühlt, von ihrem Boden ausspeien kann. Die Erde hat ihr Gesetz, das geachtet werden muss. Ihr muss von Zeit zu Zeit ein Jahr der Erholung gegönnt werden. In jedem Segensspruch, den der Jude vor dem Genuss einer Erdfrucht spricht, zumal m der Feier der drei Wallfahrtsfeste, klingt heute noch ein deutlich vernehmbarer Ton ]ener ursprünglichen Verbundenheit des biblischen Menschen mit der Mutter Erde nach. Trotz der Ehrerbietung vor dem Gesetz der irdischen Kräfte konnte es im Judentum im Gegensatz zu den heidnischen Kulten nie zu einer Vergottung der Erde kommen. Sie ist nach der Lehre der Bibel nicht selbstgeworden und hat damit keine eigene Verfügungsgewalt. Sie ist vielmehr geschaffen und in ihrem Sein demselben Schöpfer Untertan, der den Menschen vom Staub der Erde zum Leben gerufen hat, auf dass er sie beherrsche und auf ihr das Königreich Gottes baue. Das-kann der Mensch nur, weil und sofern er mehr als Erde ist. Er trägt den Abglanz des Ewigen in seiner Seele und ist damit über alles Nurirdische und Naturhafte hinausgehoben. Er hat so Anteil am Ewigen und Bleibenden. Das macht seine Würde und seinen Rang unter allen Bewohnern der Erde aus. Wie es der Sänger des 8. Psalms gesagt hat: „Liessest ihm ein Geringes nur mangeln göttlich zu sein, kröntest ihn mit Ehre und Glanz, liessest ihn walten der Werke deiner Hände." Rabbi Josua ben Korcha wusste, was er wollte. Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, als ob manche Sentenzen Kohelets in allzu gefährlicher Nähe fremder Anschauungsweisen entstanden wären. Durch die Umkehrung des so selbstverständlich erscheinenden Urteils über das Vergängliche und Bleibende im Leben wollte er die wahre Meinung des Judentums zum Durchschlag bringen, derzufolge nicht die Erde, sondern der Schofarbläser Aus eher Familienbibel, gedruckt in Amsterdam um 1720 Fol. Grete Karpias Mensch im Mittelpunkt des Geschehens in der Welt steht. Der Mensch hat seine Aufgabe und darum seine Zukunft. Er reicht im Sterben die Fackel des ewigen Lichts dem kommenden Geschlecht weiter, damit der Tag einmal heraufdämmern kann, von dem der Prophet gekündet hat, dass in ihm die Gotteserkenntnis die Erde füllen wird wie Wasser die Meerestiefen decken. Der Mensch ist der Garant des Ewigen auf Erden. Der Mensch muss erhalten werden, soll das Schöpfungswerk nicht dem Chaos anheimfallen. Der Mensch muss dauern, damit die Erde dauern kann. n. Die Existenz des Juden in der Welt ist der beste Beweis für die Wahrheit der These des Rabbi Josua ben Korcha. Nicht dass Judaea besiegt und seiner Bewohner beraubt wurde, macht das Besondere des jüdischen Schicksals aus. Aehnliches haben auch andere Nationen in ihrem staatlichen Dasein erlebt. Das» wir Juden aber nach dem Verlust unseres eigenen Landes uns selbst nicht verloren haben, dass wir uns bei unserem Gang durch die Zeiten und Zonen in unserem Sonderdasein erhalten konnten, das ist das Wunder jüdischer Existenz. Die Vertreter der soziologischen Wissenschaft versuchen mit Aufwand von viel Gelehrsamkeit, das jüdische Rätsel in der Geschichte zu erklären und zu deuten. Ihre Bemühungen um die Aufhellung der soziologischen Bedingungen, die zur Erhaltung des Judentums beigetragen haben, sollen nicht gering geachtet werden. Aber sie sind nicht in der Lage, die Tiefe des Wunders auszuschöpfen. Israel wäre, wie viele Völker, nach dem Verlust seines eigenen Landes untergegangen und der Vergessenheit anheimgefallen, hätte es nicht auch zur Zeit seiner Sesshaftigkeit den gekannt und anerkannt, der durch sein Wort den Himmel geschaffen und die Erde gegründet hat. Der der Besitzer und Eigner alles Bodens ist. In dessen Hand das Schicksal der Länder und Völker liegt. Er hat die Israeliten aus Aegypten, die Phili-. ster aus Kaftor und die Aramäer aus Kir herausgeführt (Arnos 9, 7). Er kann den Assyrerkönig zum Boten seines Willens berufen und ihn seines Reiches berauben, sofern er sich seinem Wort widersetzt. Er kann den Nachkommen seines Freundes Abraham das Heilige Land zueignen und es ihnen in der Stunde der Treulosigkeit wieder entreissen. „Denn mein ist die Erde", sagt Gott zu den Kindern Israel (III, B. M/25, 23) „und ihr seid nur Fremdlinge und Beisassen bei mir." Heute erleben wir mit besonderer Eindringlichkeit wieder die Wirklichkeit des Wortes: die Erde geht und die Erde kommt. Juden aus vielen Ländern sind auf der Suche nach neuem Land und neuen Boden. Und die Erkenntnis, dass nicht nur „Erde geht", sondern auch „Erde kommt", wirkt sich an den. Menschen unseres Geschlechts in kaum geahnter Weise aus. Der jüdische Mensch unserer Tage wächst in einer neuen Weise und in einem neuen Ansmass der auch in vielen Einwanderungsländern der Diaspora kann der Jude heute nur Fuss fassen, wrenn er sich durch seiner Hände Arbeit den „Segen der Erde" im Schweisse seines Angesichts erarbeitet. Die Kunde von einem eigenen jüdischen Staat in Palästina hat nur so viel Realitätswert in sich, wie sie Bereitschaftswillen in jüdischen Menschen zur Erlösung und Fruchtbarmachung des Bodens in Palästina auslöst. Wie einst das Wüstengeschlecht, so ist die heutige Generation des Judentums auf der Suche nach neuem Lebensraum. So vordringlich diese Aufgabe ist, so notwendig es uns erscheint, immer bessere Methoden zur Regulierung des jüdischen Auswandererstroms zu finden und in Anwendung zu bringen, so muss doch gesagt werden, dass damit das uns Heutigen gestellte Problem nicht gelöst ist. Die Suche nach neuen Lebensmöglichkeiten darf die Suche nach dem Dauernden und Bleibenden in unserem Leben nicht übertönen. Diese Forderung besteht überall in der Welt, sie gilt nicht zuletzt auch für Palästina. Hier wie dort gilt es, den jüdischen Menschen zu schaffen und zu bilden, der die Kraft undden Willen in sich verspürt, die Vergangenheit an die Zukunft zu binden und so die einzig mögliche Garantie für die ewige Dauer des Judentums übernimmt. Der Lebensraum in der Welt, der uns Juden zur Verfügung steht, ist klein. Viel zu klein für die Not und die Ungewissheit, die in unseren Tagen liegen. Das darf und kann uns aber nicht abhalten, auch im engen Raum unser Judentum zu leben und zu formen. So heisst es in einer alten Erzählung: Der König berief einen weithin berühmten Weisen, der seinen Sohn, den Thronfolger, erziehen sollte: „Welche der sieben Wissenschaften soll mein Sohn zuerst lernen?" fragte der König. „Die Kunst, diesen Kreisel zu drehen", antwortete der Weise und zog einen Kreisel aus Elfenbein aus seinem Gewand. Der König wunderte sich gar sehr, stellte aber seinem Kind einen herrlichen Onyxtisch in seinem Gemach für seine Uebungen zur Verfügung. Bald reichte der Tisch für das Spiel des Knaben nicht./ mehr aus, und der grosse Empfangssaai des Palastes musste geräumt werden, damit das Kind den ^Kreisel drehen konnte. Als schliesslich der weite Platz im Hof des Palastes mit Marmor belegt wrerden musste, um die Spiellust des Knaben zu befriedigen, da sagte der König zu dem Weisen: „Nun ist es genug, lehre meinen Sohn neue Künste." „Er kann das noch nicht", erwiderte der Weise. „Wie?" zürnte der König, „soll ich vielleicht den Boden meines ganzen Königreiches glatt stampfen lassen, damit der Kreisel meines Sohnes seine Bahn ziehen kann?" „Es gibt ein noch grösseres Feld für deinen Sohn", meinte der Weise. „Sieh, was ich tue." Und der Weise öffnete seine linke Hand und trieb mit seiner Rechten den Kreisel in einer immer gleichbleibenden steten .JW* ,!■■ m ALLIGATORS UNSERE VERKAUFSGESCHÄFTE. Berlin, Tauenirieastrafee 16 Hamburg. JuBgfcrastieg 43 Köln a.Hfa., Hohestraie 115 E ■ a e a, Limbeckstrafc« 10 Essen, Am HanptbahnhoflO Bochum, KortuxaatwÄ« 67 Frankfurt a.M., Roimarkt 15 Zentrale, Offenbach *.M Wuppertal'Elberfeld, HerzogstraÄe 36 Bahn auf der kleinen Fläche seiner Hand. ,.0 König", sagte dabei der Weise, „lehre deinen Sohn diese Kunst der Künste: aus sich selbst einen Raum zu erzeugen, so gross wie die Erde und so grenzenlos wie die Ewigkeit." Zu Beginn eines neuen Jahres überprüfen wir unser Leben. Wir scheiden das Zufällige vom Notwendigen, das Dauernde vom Vorübergehenden. Wir halten Ausschau nach dem Bleibenden im jüdischen Dasein, das von „Geschlecht zu Geschlecht" sich bewährt hat und auch uns den Weg in die Zukunft weisen soll. An den Hohen Feiertagen wollen wir vor allem darum bemüht sein, im Gebet die Kraft zu suchen und zu finden, die uns befähigt, in aller Enge unseres Daseins die Weite und Ewigkeit des Judentums zu sehen, in deren Widerschein wir den Weg in ein neues jüdisches Jahr voller Opfer und schwerer Pflichterfüllung suchen wollen. Alte Feiertagsweisen Von Oberkantor Magnus Davidsohn Der Gottesdienst der Hohen Festtage, der in diesen Blättern wiederholt von verschiedenen Gesichtspunkten aus beleuchtet wurde, bietet in der Fülle seine:- Gebetreichtums und in der Variabilität seiner grossen Momente naturgemäss die grösste Auslese alter Weisen, die uns, weil sie Gebetworte umkleiden, heilig geworden sind. Die Aufgabe, über diese alten Weisen einmal zu sprechen, in einer Zeit, da die eigenartige Stimmung der Hohen Feste in ihrem grossen Ernst uns stärker denn je gefangen hält, ist ebenso dankbar wie schwierig. Schwierig deshalb, weil die Quellenforschung bisher noch immer nicht restlos gelungen ist, ja nicht einmal so weit gediehen ist, dass man wenigstens bei einem Teil dieser alten Melodien mit Bestimmtheit behaupten kann, woher und wieso sie entständen sind. Grosse Werke sind in letzter Zeit fast in der ganzen Welt über Synagogenmusik geschrieben worden. Besonders ist auf I d e 1 s o n , den Gelehrten aus Cincinnati, hinzuweisen, der ein Fundamenlalwerk ohnegleichen geschaffen, auf der Basis eigener Forschungen, Studien in den verschiedensten Ländern und an Hand eines Quellenmaterials, das ihm von dem Begründer dieser Wissenschaft Eduard Birnbaum überantwortet wurde. Es hat dabei sein Bewenden nicht. Wir sind sicher, dass die grossen jüdischen Musikgelehrten in aller Welt weiter emsig an der Forschung sind. Neujahrsabend! Von der eigentlichen Neujahrsweise ward hier oft schon gesprochen. Kurz nur sei noch einmal berichtet, dass sie aus der Choralliteratur in die Synagoge Eingang gefunden hat. Aber dann das Abendgebet, ein gemütvolles Rezitativ, Dur und Moll wechselnd, die Weise ständig wiederholend, bis zum Kiddusch, dem Weih- und Verkündigungsgebet, der keine andere Melodie kennt als die der drei Wallfahrtsfeste. Der Morgen mit seiner schwermutsvollen Jigdai-Melodie hebt an, sie ist Allgemeingut fast aller Länder geworden, sie wird auch von den frommen Männern leise gesungen, wenn G'millut chessed geübt wird an denjenigen, die müde diese Weit verlassen haben. Um vielen traditionellen Weisen näherzukommen, sie auf ihren Ursprung hin einigermassen zu prüfen, ist es doch notwendig, dass hier einmal drei Skalen mitgeteilt werden, auf DAS SPEZIALHAUS FÜR Stoffe Wäsche Kleidung Teppiche Cardinen Möbel d0nt«g> den & St )ePtember D. und ■ a'~^„fe, "•"< G^ScHLOsseN BERLIN Ca * SPANDAUER STRASSE KONiGSTBAS.SE GEGR. 4 8 t s