Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1937-08-19 · 33 (19.8.1937) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
33 (19.8.1937)
Date
1937-08-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2277379-2277516-2277549--12143-2281729
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seife 6 C-V.-Zeifung Nr. 33* 19. August 1937 „Theater-Wirtschaft" „Unsere" Oper Zum Schauspiel hat der Kulturbund die Beziehungen bekanntlich mit seiner Geburtsstunde aufgenommen; sein Umgang mit der Musik aber ist — so paradox es idingen mag — noch ein wenig älter. Mancher entsinnt sich wohl noch einiger Konzerte, die im Hochsommer 1933 in der Synagoge Prinzregentenstrasse stattfanden und in denen ein „Jüdisches Orchester" (so nannte es sich schlicht) unter Leitung von Kurt Singer und Michael Taube dem noch ungeborenen Kulturbund Freunde zu werben suchte. Und der Kulturbund hat der Musik diesen Dienst nicht vergessen: in seinen jüngsten Monatsblättern bekennt er sich zur Oper als seinem „verhätschelten" Lieblingskind, und daneben behauptet das Konzert gleichenRang.Schliesslich steht ja an der Spitze in Kurt Singer ein Mann, dessen persönliches Künstlerrum gerade hier am stärksten beheimatet ist. So nimmt die Musik eine zentrale Stellung ein im Kulturbund. Aber damit ist es noch nicht getan. Wenn in diesen Tagen an die noch Fernstehenden der Ruf zur Mitgliedschaft ergeht, so nützt es wenig, die Erinnerung an schöne Abende zu beschwören, in begeisterten Schilderungen zu schwelgen, die nur in dem etwas aufklingen lassen, der dabei war. Es ist vielmehr überschauend zu prüfen, zu würdigen, welcher Weg im ganzen beschritten, wie er verfolgt wurde. Die kulturelle Problematik, in die wir hineingestellt sind und der jene endlosen Diskussionen um die Programmgestaltung des Kulturbundes entspringen, wirkt sich im Musikleben in etwas gemilderter Form aus, verglichen etwa mit dem Bereich des Dichterischen — das „Inhaltliche" steht nicht in so starkem Masse im Vordergrund. Eine universelle Tendenz in den Programmen rechtfertigt sich um so eher, als sich ja eine jüdische Kunstmusik erst in Ansätzen darbietet. Die Erscheinungen, in denen sich bisher jüdische Musik hauptsächlich darstellt, Synagogengesang und Volkslied, sie können im Kulturbund nur ein gewisses Gastrecht gemessen; ihr eigentlicher Boden ist nicht das Konzert, auf das sich der Kulturbund seiner soziologischen Struktur nach angewiesen sieht. Freilich: hat er sich — Situationsmässig bedingt und von da berechtigt — schon jedem an sich wertvollen Schaffen jüdischer Komponisten verpflichtet gefühlt, unabhängig von der stilistischen Haltung, so lernte er bald, mit Elan da zuzufassen, wo neue Musik betont jüdischen Gepräges ihn zu seiner grössten Mission befähigte: Träger eigenwüchsig jüdischer Kultur, zu sein. Von den Bearbeitungen jüdischer Volkslieder bis zum „Jüdischen Tanz" von Karol Rathaus etwa (den man sogar auf Platten vom Kulturbundorchester hören kann) spannt sich der Rahmen, und man liess es nicht damit bewenden, Vor, handenes aufzugreifen, sondern gab mit dem jüngst abgeschlossenen Preisausschreiben ' der Produktion einen starken Antrieb. Hier, in der Pflege neuer jüdischer Musik, gab es bisher nur eine Steigerung, und hier wird es, das scheint gewiss, auch in Zukunft keinen Stillstand geben. Für künstlerische Konjunkturjäger ist allerdings kein Platz, und wir stellen heute mit Anerkennung fest, dass gegenüber allen Versuchungen, die die Lage mit sich brachte, der Grundsatz der Qualität stets die Oberhand behielt. Die früheren Massstäbe wurden gewahrt, und auch der verwöhnte Hörer braucht kein Auge bzw. Ohr zuzudrücken, um mit den Programmen zufrieden sein zu können. Jede Einseitigkeit wurde vermieden, wer gewohnt war, in der kraftvollen Sprache alter Musik künstlerische Erneuerung zu suchen, durfte erfreut erfahren, dass diese schöne Tendenz heutiger Musikpflege übernommen wurde. Aber auch andere Geschmacksrichtungen kamen zu ihrem Recht: das zeitlich Näherliegende, das Allbekannte und Leichtverständliche beglückte die Hörer, und es ging auch nicht immer bloss mit ernsten Dingen zu. Uns allen gehen noch die hinreissenden Rhythmen der „Czardasfürstin" durch den Kopf, und wie tief das Bedürfnis, sich ins Harmlose hinein zu entspannen, wurzelt, zeigt die Tatsache, dass man (aus organisatorischen Gründen) ausdrücklich" einen zweimaligen Besuch der Operette ausschliessen musste. "Nun trifft man immer wieder Leute, die es nicht lassen können, durch höhnisch gemeinte Vergleiche mit den grössten Bühnen. und Stars ihr vermeintliches fachliches Urteil „unter Beweis zu stellen", wie es im Kritikerjargon so schön ■ Iheisst. Billig und gänzlich unfruchtbar! Es führt ja doch keinen Schritt weiter, und der Kulturbund ist sich seiner unvermeidlichen Begrenzung durchaus bewusst. Er hat, nach einigen allzu kühnen Griffen in seiner Anfangszeit, immer sicherer die ihm gemässen Aufgaben zu finden gewusst, für die er mit gutem künstlerischen Gewissen seine Kräfte einsetzen kann. Seine Potenz kann und soll nicht in einzelnen Starleistungen liegen: wohl aber bietet seine Organisation die Voraussetzungen für eine echte Ensemblekunst. Obwohl die Auswanderung alles im Flusse hält, gelang doch die Wahrung und — verfolgt man die Entwicklung in grössten Umrissen — ständige Steigerung des Niveaus. Wenn Dr. Singer in den jüngsten „Monatsblättern" die freundliche Haltung der Presse erwähnt, so wollen wir ihm sagen, dass die immer wachsenden Leistungen eine solche Haltung erst ermöglichen. Den Abseitsstehenden wollen wir es noch einmal sagen: Ihr braucht im Kulturbund nicht beide Augen zuzudrücken, auch nicht eins. Anspruchsvollste Werke, wie „Carmen", kamen überraschend stark heraus. Wir sahen Kräfte von wirklichem Format am Pult und auf den Brettern, wir konnten verfolgen, wie auch sie in der Arbeit wuchsen. Wir erlebten es mit ehrlichem Stolz, wie das bunt zusammengewürfelte Orchester zu einem Klangkörper voll Zucht und strengster Einheitlichkeit reifte. Die Zeiten, in denen man ein „na ja. die Bläser!" hören musste, sie liegen schon weit zurück. Der Chor, den das Publikum in der Oper nicht immer genügend beachtet, erzwang in zahlreichen Konzerten Aufmerksamkeit und Würdigung seiner prachtvollen Tongebung und intensiven Schulung, die er dem unermüdlichen Berthold Sander verdankt; jeder seiner Mitglieder vermag sogar solistisch seinen Mann „zu stellen. Schliesslich fand auch das Ballett oft stürmischen Sonderbeifall. — In den Konzerten fand auch die Virtuosenleistung Raum, und in den Vorträgen über Musik wurde ein grosser Kreis in geschickter und geschmackvoller Art zu tieferem Interesse und Verständnis geführt. Alles in allem: im Kulturbund herrscht reichstes musikalisches Leben. Aus der Spannung zwischen den einzelnen Kulturen, aus unserer ganzen Situation heraus beständig zum Ringen nach neuen Wegen gewiesen, gibt er seinen Menschen in ihren tiefsten seelischen Bedürfen Erfüllung und tastet mit ihnen gemeinsam nach einem Ziel, das ferne vorschwebt: nach eigener jüdischer Kultuc, Hans Freyhan, Nein, lieber Leser, es handelt sich nicht um das, was Sie sich bei dieser Ueberschrift vielleicht denken. Es handelt sich um eine ganz ernste und seriöse Sache, um etwas, worüber man beim Theater nicht gerne spricht, das man aber doch immer dringend braucht, um Geld! Aber nicht etwa in dem Sinne, dass wir Sie gerade in dieser Betrachtung zum Geldgeben auffordern wollen, sondern wir wollen Ihnen zeigen, wie das Geld — das sich aus vielen tausend Einzelbeiträgen (der Ihrige ist doch selbstverständlich schon lange dabei!?!) zusammensetzt — verwandt wird, welchem Zweck es dient. Es gibt Menschen — vielleicht gehören auch Sie dazu —, denen grosse Zahlen immer besonders imponieren. Auch damit können wir aufwarten und wir wollen drei von ihnen an den Anfang unserer Betrachtung setzen: In den vier Jahren seines Bestehens — wohlgemerkt: es handelt sich um einen Abschnitt von vier Jahren, nicht etwa nur um das letzte Spieljahr — wurden für den Jüdischen Kulturbund in Berlin fast 3 Millionen Mark an Mitgliedsbeiträgen gezahlt und davon nahezu 2 Millionen als Gehälter, Honorare und Löhne an die bei ihm beschäftigten rund 2 00 Menschen ausgegeben. Wie gefallen Ihnen diese Ziffern? Finden Sie nicht, dass sie die wirtschaftliche Bedeutung eines Unternehmens schon genügend kennzeichnen, das 200 jüdischen Menschen Arbeit und Brot gibt — und 18 000 (wann werden es 36 000 sein?) Ablenkung, Erheiterung und Entspannung? Aber wir wollen noch ein wenig mehr in Einzelheiten hinabsteigen, um Ihnen einen Begriff davon zu geben, welche wirtschaftlichen Leistungen ein derartiger Betrieb, der Ihnen ja mitgehört, zu vollbringen hat. Der Berliner Kulturbund hat einen jährlichen Gesamtumsatz von 750 000 Mark, das ist mehr als die Hälfte der Umsätze aller Kulturbünde im Reich. Da aber noch nicht alle Juden, die es sein könnten, seine Mitglieder sind (Sie gehören doch sicherlich nicht zu diesen Aussenseitern?), konnte er aus den Mitgliedsbeiträgen und Nebeneinnahmen allein seine Ausgaben nicht voll decken. Er hat vielmehr, auf ein Jahr umgerechnet, pro Jahr etwa 30 000 Mark Zuschüsse (die in diesen 750 000 Mark enthalten sind) bekommen — selbstverständlich nur von jüdischen Stellen. Aber auch das braucht Sie nicht besonders in Erstaunen zu setzen, denn Sie müssen wissen, dass auf dem ganzen 'weiten Erdenrund wohl kaum ein Theater, das Oper und .Schauspiel gleichzeitig veranstaltet, wie es ja unser. Kulturbund tut, zu finden ist, das sich ganz aus Eigenem erhalten könnte. Der Jüdische Kulturbund hat aber schon ein Jahr gehabt, in dem er ohne Subvention ausgekommen ist. Das war 1934/35. Der Kulturbund muss, das haben Sie aus den Zahlen gesehen, sehr sparsam wirtschaften. Und so werden Sie verstehen und begrüssen, dass er fast alle Dekorationen und Kostüme in eigenen Werkstätten herstellt. In ihnen beschäfigt er jüdische Maler, Tischler, Schneider usw.'~ und das Rohmaterial dazu bezieht er von jüdischen Firmen. Und das müssen Sie, wenn Sie den Kulturbund als Wirtschaftsfaktor erkennen wollen, mit in Ihre Rechnung einsetzen. Denn er gibt. nicht nur den direkt bei ihm Beschäftigten Arbeit, sondern auch den Inhabern und Angestellten der jüdischen Firmen, bei denen er seine Materialien kauft. Vom finanziellen Standpunkt aus hat der Umzug von dem grösseren Haus in der Charlottenstrasse in das kleine Theater in der Kommandantenstrasse seinerzeit gewisse Vorteile mit sich gebracht: Die kleinere Bühne verlangt nicht solche anspruchsvollen und damit auch keine so teuren Dekorationen. Ausserdem haben die tüchtigen Techniker und Bühnenbildner des Kulturbundes die Technik der Projektion bis zu einem kaum geahnten Ausmass ausgebildet, wodurch viel Material gespart wird. Wollen Sie noch ein Beispiel von sparsamster Wirtschaftsführung hören? Nun, dann wollen wir Ihnen ein kleines Geheimnis verraten! Sicherlieh hat Ihnen die Dekoration im dritten Akt der „Czardasfürstin", jene hübsche, grüne Hotelhalle, ebenfalls besonders gut gefallen. Wissen Sie auch, auf was der Hintergrund gemalt war? Auf die nackte Brandmauer am Ende der Bühne! Andererseits macht aber das kleine Haus auch wieder mehr Unkosten als ein grösseres Theater, da jetzt mehr Vorstellungen im Monat gegeben werden müssen, damit alle Abonnenten ein Siück zu sehen bekommen; jede Aufführung bringt aber immer neue Spesen mit «ich. Wie stark im übrigen die Beanspruchung des Personals ist — auch hier muss gespart werden —, können Sie daraus ersehen, dass bei der „Czardasfürstin" Abend für Abend allein auf der Bühne und im Orchester rund 120 Personen beschäftigt sind, und im ganzen Haus etwa 150 Menschen. Das vergegenwärtigt man sich nicht, wenn man gemütlich im Parkett sitzt. Und wie viele Unkosten gibt es sonst noch, an die Sie gar nicht denken! Da sind, um nur einige Beispiele zu erwähnen, die Theatermiete, der Druck der Eintrittskarten, die Garderobenversicherung, Tantiemen, Licht, Heizung, Papierverbrauch und noch vieles, vieles andere. Allein die Mitgliederbuchhaltung umfasst 18 000 Konten, und jede 3&e*u*&und im Q'Mx £estdk C.V.Xeltunq 99 PFENNIG IM VIERTELJAHR^ Montage: LÜH Szkolny Bestellzettel auf Seite 3

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.