Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 33 (19.8.1937)
- Date
- 1937-08-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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2.Beiblatt. G-V.-Zeitung Nr.33 19.August 1937 Die Gründung des Jüdischen Kulturbundes Berlin vor vier Jahren stand im Zeichen der Energie, des Wagens und der Entschlossenheit. Das zweite Jahr bestimmte in seinem Lauf und Gelingen der künstlerische Ehrgeiz; in das dritte Jahr gingen wir mit dem Wunsch, einheitlich in Programm und Leistung zu werden; das vierte Jahr zeigte in einem: Entschlossenheit, künstlerische Wertbeständig- \eitt Gesinnung. Und doch ist dies alles ein Nichts gegenüber dem erhebenden Gefühl, jetzt, zu Beginn des fünften Jahres anerkannte Mittler sein zu dürfen zwischen gestern und morgen, zwischen TAlier und Jugend, also sinnvoll vorwärts zu weisen in Neuland, ohne Altes sinnlos zu entthronen.- Wirklich: wir sind froh in unserer Arbeit, aber immer nur halb zufrieden in unserem Erfolg, ehrgeizig im Weiterschaffen, aber: glücklich und stolz nur als Bannerträger eines grossen Gemeinschafisgedankens der Juden von gestern und von morgen. Kurt Singer. &aOfättuhfamd Das Schauspiel-Ensemble Als der Jüdische Kulturbund vor nahezu vier Jahren mit seiner ersten Aufführung vor das Berliner Publikum trat, fand er sich in der etwas förmlichen und unbequemen Situation des Gastgebers, der die einzelnen Mitglieder seiner Famiiie den geladenen Gästen erst umständlich vorstellen muss. Die schauspielerischen Physiognomien, die er präsentierte, waren dem Publikum gänzlich unbekannt;. es fehlte jeder künstlerische und erst recht jeder menschliche Kontakt, und der Theatergänger, der so gern von Erinnerungen zehrt, mussle, wenn er sich dem Neuen ungetrübt hingeben wollte, das Alte nach Möglichkeit vergessen lernen. Hinzu kam, dass das sogenannte Starsystem mit der plakatmässigen Herausstellung der „Berühmtheit" speziell die B e r 1 i n e r Judenschaft, die immerhin einen Bruchteil des allgemeinen Theaterpublikums bildete, in wachsendem Masse verwöhnt hatte; Stars waren aber, aus inneren und. äusseren Gründen, für die neu ins Leben gerufene Kulturbühne nicht zu haben. Es spricht für Bühne wie für Publikum, dass die Annäherung der beiden sich zunächst fremd gegenüberstehenden Elemente rasch und. ohne Schwierigkeiten vonstatten ging. Die soziologisch völlig veränderte und neuartige Struktur seinen Händen der künstlerische Ehrgeiz geweckt, wie aus verborgenen Fähigkeiten das Wachstum des einzelnen gefördert wurde und die schauspielerische Leistung ein eigenes Gesicht bekam. Aber Jessner war im Grunde der sachliche Regisseur, dessen Phantasie offenbar mehr vom Gegenständlichen des.szenischen Vorgangs als von den sprachlichen und seelischen Entfaltungsmöglichkeiten des Darstellers in Anspruch genommen wurde. Erst sein Nachfolger in der Oberregie, Fritz W i s t e n , selbst Schauspieler aus der besten Wiener Tradition und der vorzüglichste Sprecher der Kulturbundbühne, hat sich innerhalb der imaginären Welt der Bretter, um ein bekanntes Wort Max Reinhardts zu zitieren, mit dem kostbarsten Material dieser Erde, den Menschen, intensiver beschäftigt. Ohne die Bedeutung des Bühnenwerkes selbst je aus dem Auge zu verlieren, tastete er sich an die Individualität des einzelnen Schauspielers heran, erspähte die innere Beziehung zu der Figur, die er darzustellen hatte und drang vor allem. im Sprachlichen nicht nur auf eine technische Beherrschung des Wortes und die Gliederung des Wortgefüges, sondern im Hin und Her des Dialogs auf feinste Abschattierung, auf Stufung, auf Wortklang und Sprachmelodie. Den Erfolg seiner radikalen Bemühungen haben wir bereits kennengelernt, als Wiste'n zum ersten Male auf der Kulturbund- Seite 5 des Unternehmens, in dem die Ausführenden und Empfangenden ausschliesslich Juden waren,, förderte eine solche Annäherung: vor allem aber war es das überraschend lebendige und suggestive Ensemblespiel, das von der ersten Vorstellung an dem Gefühl der Fremdheit entgegenwirkte. Jedes schauspielerische Ensemble wird, zumal wenn es, wie hier, aus den verschiedenartigsten Kräften und von den verschiedensten Bühnen her neu zusammengestellt wurde, im einzelnen gewisse Gradunterschiede aufweisen, die auszugleichen die vordringlichste Aufgabe einer erzieherischen Regie ist. Fast drei Jahre lang hat Fritz Jessner, der jetzt als Regisseur in Bern tätig ist, sich dieser verantwortungsvollen Aufgabe mit beachtenswertem Erfolg unterzogen. Es wäre undankbar, zu verkennen, wie unter bühne — in Shaws, besinnlicher Komödie ..Man kann nie wissen" — die Rolle des Schauspielers mit der des Regisseurs vertauschte: hier hatte der ausserordentlich begabte jugendliche Angehörige der schauspielerischen Avantgarde, Walter Herz, als Dr. Valentine die Sprödigkeit seines Naturells plötzlich abgestreift und wusste auch mit den Leuchtkugeln der Shawseben Sprache reizend zu jonglieren. Und — um auch ein Beispiel aus jüngster Zeit anzuführen: in der romantisch-spielerischen Komödie „Jean" von Bus-Fekete stellte Wisten mit beherztem Zugriff den bisherigen grotesken Komiker AlfredBer- 1 i n e r als jugendlichen Charakterspieler und Liebhaber heraus, wagte also ein Experiment, bei dem die Unterschiede des Darstellungsstils besonders auffällig in Erscheinung treten musslen. Dass es in überraschendster Weise gelanü, legt für die verständnisvolle Einsicht des Regisseurs in die Anpassungsfähigkeit und den Gestaltungswillen des Schauspielers -wiederum ein beredtes Zeugnis ab. Mit Verlusten an künstlerischer Substanz, in diesem Falle also mit Verlusten an Menschenmaterial, wird ein Bühnenensemble immer zu rechnen haben — wie viel mehr eine Gemeinschaft, die vom schicksalhaften Zuge der Zeit, dem Wandertrieb, erfasst wurde. . So hat die Kuiturbundbühne in ihrem Personalbestand manche bedauerliche Einbusse erlitten: sie musste Kurt Katsch, den ersten Charakterdarsteller, an die jiddische Bühne Amerikas abgeben; der talentvolle Jose Ernesto Lewy, der sich früher Ernst Lenart nannte, ist zum ausländischen Film übergegangen: Hermann Heuser, dessen markanter Malvolio noch in bester Erinnerung ist, wirkt in Palästina; Mira R o s o w s k y , die als Viola und Hedwig, bei Shakespeare und Ibsen, einen interessanten Bergner-Typus zu repräsentieern schien, hat der Bühne inzwischen Valet gesagt und sich in England verheiratet; und — last not least — durch einen frühen Tod ist die sympathische K ä t e F o e r d e r abberufen worden, d ie als schwärmende Recha und als süss-zarte Desdemona schon an der Wiege der Kulturbundbühne gestanden hat. Geblieben ist aber noch der alte Stamm bewährter schauspielerischer Kräfte — jetzt stark und eigenwüchsig genug, um dem Unternehmen auch weiterhin einen festen künstlerischen Rückhalt zu geben. Wer möchte auch etwa die ausgezeichnete Jenny Bernstein missen, die erstaunlich Wandlungsfähige, die in der Darstellung grauköpfiger Exzellenzen und mondäner Frauen im gefährlichen Alter ebenso exzelliert wie in der Charakteristik ostjüdischer Volkstypen? . Wem ist, speziell in den letzten beiden Schauspielnovitäten, nicht Elfriede Borodkin in dem Liebreiz und der seelischen Anmut ihrer Erscheinung aufgefallen? Dazu manche andere Frauengestalt des Ensembles, wie Gerda Klein -Weiss mann mit dem leidenschaftlich ausgeprägten Zug ins Moderne, wie die sanfte Ruth Mannheimer, die aus ursprünglicher Zurückhaltung in Spiel und Bewegung immer freier und gelöster wurde, oder wie L i 11 i Kann, deren derb zupackendes Naturell sich einmal in einer lokalen Posse ausleben müsste. Auch auf der Männerseite wird man längst mift vertrauten Gesichtern gern wieder begegnen: so neben Wisten, der sich seit seiner Regietätigkeit als Schauspieler im Verborgenen gehalten hat, den beiden bereits Genannten, Walter Herz und Alfred Berliner, so Sigmund Nunberg, dem jovialen Polterer, Herbert Grün bäum, dem beachtlichen Darsteller dumpf verschlossener wie wild aufbegehrender Charaktere, des ferneren der schlanken Heldenliebhabererscheinung von Hans Karl R Osenberg, der die Hauptrolle der amerikanischen Aerztekomödie „Menschen in Weiss" ihres sensationellen Charakters geschickt entkleidete und vorher schon den Glanz prophetischer Jugend auf die östliche Gestalt des Sabbatai Zwi ausstrahlen liess. Nicht zu vergessen des vielbewährten Martin Brandt, der oft dazu verurteilt ist, unsympathische Figuren dem menschlichen Interesse der Zuschauer nahe zu bringen, des aufs schärfste profilierenden, beweglichen Alfred Lichtenstein, des rundliehen, immer wirksamen Chargenspielers Fritz Lion, des gemessenen Willy Prager und der anderen Männer und Frauen, die sich als dienendes Glied dem Ganzen einordneten, und deren Namen hier nicht genannt werden. Wenn die reichhaltige, durch Gemeinsamkeit des Schicksals, der Idee und des Zielbewusst- ' seins zusammengehaltene Ensemble jetzt an die Schwelle des fünften Spieljahres gelangt, so darf man hoffen, dass es, vor neue grosse Aufgaben gestellt, nicht nur seinen künstlerischen Aufstieg weiter fortsetzen, sondern auch bei den noch Abseitsstehenden die Beachtung finden wird, die es sich in mühevoller und fruchtbringender Arbeit redlich verdient hat. Dr. Hugo Lachmanski. Die Karikaturen auf dieser Seite stellen dar: rechts oben Dr. Kurt Singer. Von links nach rechts: Fritz Wisten, Jenny Bernstein-Schaffer, Max Ehrlich, Hans Sondheime r, Dr. Werner L e v i e, Dir. Hans Zander, Julius B ab, Julius K u th an, Ruth Mannheimer, Walther Herz, Gerda K1 e i n - W e i s s m a n n , Alfred Berliner, Susanne Loewenstein. Sämtliche Karikaturen in dieser Beilage zeichnete Fritz Melchior.