Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 32 (12.8.1937)
- Date
- 1937-08-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Mr.32»2. BeiBTatt CYIeituBg 12. August 1937 * Seite 5 H Joseph Joachim und Ignatz Bruell Zur 30. Wiederkehr ihres Todesjahres Der Spätsommer des Jahres 1907 brachte der Musikwelt zwei schwere Verluste: am 13. August verschied in Berlin Joseph Joachim, der weltberühmte Geiger, und am 17. September folgte ihm in Wien Ignatz Bruell, der popur läre Komponist der komischen Oper „Das goldene Kreuz". Die beiden Musiker begegneten sich erstmals in Berlin im Oktober 1871. Joachim stand bereits im Zenit seiner Laufbahn. Den jungen Wiener Komponisten empfing er auf das freundlichste und forderte ihn auf, sein Trio mit ihm zu spielen. Unter dem Eindruck seiner Persönlichkeit schrieb er: „Joachim ist gewiss von allen grossen Künstlern der liebenswürdigste und einfachste. Seine musikalischen Urteile sind aber sehr streng. Er lässt nur Brahms gelten." In der Tat feierte er seine grössten Triumphe als Interpret Brahms und Beethovens. Joachim, als siebentes von acht Kindern einer jüdischen Lehrerfamilie in Kittsee bei Pressburg am 28. Juni 1831 geboren, war als Siebenjähriger bereits als musikalischer Wunderknabe berühmt, als Dreizehnjähriger empfiehlt ihn Mendelssohn von Leipzig aus mit wärmsten Worten nach London, wo er und sein Quartett fast 50 Jahre die Zierde der Londoner Season bildeten und den Geschmack für klassische Kammermusik weckten. Joachim besass eine umfassende Allgemeinbildung. Während seiner Konzertdirektortätigkeit in Hannover studierte er in Göttingen. Er war mit der berühmten Schumann-Sängerin Amalie Weiss verheiratet, von der er sich später trennte. Seine Tochter Marie war eine bekannte Opernsängerin. Von seinen Kompositionen sind seine drei Violinkonzerte, vor allem das „In ungarischer Weise" bekannt geblieben. Von besonderem Interesse sind seine ..Hebräischen Melodien" für Bratsche und Klavier op. 9. Während Joachim in Norddeutschland seine Wahlheimat gefunden hatte, wurzelte Ignatz Bruell im Oesterreichertum. 1846 in der mährischen Provinzstadt Prossnitz geboren, fand sein Talent nach der Uebersiedlung in das Kulturzentrum Wien (1850) und durch die Musikpflege in seinem kultivierten Elternhause verständnisvolle Förderung. Anton Rubinstein „entdeckte" den Vierzehnjährigen und empfahl ihn an den bekannten Klavierpädagogen Julius Epstein, der auch der Lehrer seines engeren Landsmannes Gustav Mahler wurde. Bruell wirkte später selbst als erfolgreicher Pädagoge und feinsinniger Pianist, vor allem als Interpret Schumanns. Seit 1866 konzertierte er alljährlich in Norddeutschland, häufig gemeinsam mit dem Schubert-Sänger Max Friedländer, dem späteren Musikhistoriker der Berliner Universität. Damals schrieb er an Epstein:- „Ueber das Berliner Musiktreiben will ich Ihnen nichts erzählen, da Sie selbst Musikblätter lesen. Die grössten Genüsse verschafft mir Joachim mit seinen Quartetten. Er wurde — zweimal gerufen, hier das Höchste!" Kammermusik und Gesangskompositionen, von denen die „Irischen Lieder" und die „Toskanischen Quartette" öfters gesungen werden sollten, hatten ihm bereits einen Namen als Komponist gemacht, als 1875 seine Spieloper „Das goldene Kreuz" einen beispiellosen Erfolg errang. Das geschickte Libretto verdankt er Mosenthal, dem Dichter der „Deborah" und Ratgeber aller jungen Tondichter und Nicolais „Lustigen Weibern von Windsor". Das Werk eroberte nach der Berliner Premiere die deutschen und ausländischen Bühnen im Sturm. Werke Bruells, wie der Einakter „Gringoire", die „Königin Mariette", die Märchenoper „Das steinerne Herz" (Libretto von J. W. Widmann) waren zwar erfolgreich, erreichten aber nicht die Volkstümlichkeit der „Christine", trotzdem auch sie die gemütvoll-heitere Liebenswürdigkeit des Bruellschen Melos besitzen. Bruell hat sein Judentum nie verleugnet; am wohlsten fühlte er sich im geistig angeregten Kreise seiner Familie und Freunde, zu denen ii. a. Sonnenthal, Huberman und vor allem der Cellist David Popper und der Komponist Karl Goldmark gehörten. Stets blieb' er der kindlich-reine Mensch, wie es nur ein echter Künstler sein kann. P. Ehrenhaus Künstlerische Veranstaltungen Alfrecl Auerbach, den Lesern dieses Blattes durch manchen humoristischen Beitrag nicht unbekannt, veranstaltete im Berliner Kulturbund einen Rezitationsabend „Jüdischer Humor". Der Schriftsteller und Rezitator, von seinem berühmteren leiblichen und geistigen Verwandten Berthold Auerbach offenbar mit einer gehörigen Dosis Optimismus ausgestattet, konnte naturgemäss aus dem beinahe unbegrenzten Gebiet jüdischen Humors nur wenige Beispiele geben, für die er einleitend nicht ein lautes Lachen, sondern nur ein behagliches Lächeln in Anspruch nahm. Seine Auswahl war, zumindest im ersten Teil der Vortragsfolge, auf dies Lächeln geschickt abgestellt: nach einem heiteren Stimmungsakkord, den eine eigene aittestamentarieche kleine Legende anschlug, bot sie einige Stücke aus der erzählenden humoristischen Literatur einer nicht zu fernen Vergangenheit, von denen heute allerdings kaum mehr als die Namen der Autoren bekannt sind. Oder wem ist noch die „Monographie der deutschen Postschnecke" von unserem Ludwig Börne gegenwärtig? Auerbach nahm ihr die Stacheln der Satire, die mehr für Börnes stets angriffsbereiten Witz als für einen versöhnlichen Humor spricht, und machte aus ihr einen harmlosen Torso. Auch zwei kleine Erzählungen des ewigen Witzboldes Saphir, an dem der" Vortragende eine Art „Ehrenrettung" vollziehen wollte, gaben sich im Grunde recht zahm; dagegen strahlte von einer auch dem Stoffe nach jüdischen Novelle des Dänen Meir Aaron Goldsehmidt eine angenehme Gemütswärme aus, und auch die Geschichte der beiden streitsüchtigen jüdischen Alten von Salomon Kohn, dem Verfasser der Prager Ghetto-Erzählungen, Hess eine wehmütig-leise Heiterkeit anklingen. Im zweiten Teil des Programms machte Auerbach uns mit ein paar Bildern aus einem selbstverfassten Entwicklungsroman „Am Webstuhl der Zeit" bekannt, von dessen buntem Kolorit sich die Farbe des Humors nur schwer ablöst, und gegen Schluss gab es leider eine Entgleisung in das Gebiet schaler Bühnenwitze, die vom Thema des Abends weit abseits lagen. Auerbach, der ein äusserst dankbares und beifallsfreudiges Publikum fand, sollte sich auf seine eigentliche Domäne beschränken: auf die Wiedergabe des Gemächlichen, Genrebildlichen, für das seine beschauliche Art die Sicherheit der Beobachtung und eine naive Freude an der unverbildeten Natur alles Lebendigen mitbringt. Im Berliner Kulturbund lasen jüdische Dichter und Dichterinnen aus eigenen Werken. Es waren nicht mehr als fünf (und es waren gewiss nicht die repräsentativsten, die heute zumeist verstreut in der Welt leben); aber noch in der Beschränkung hätte das Programm auf eine einheitlichere Linie gebracht, und vor allem: es hätte viel straffer zusammengefasst werden müssen. Man sollte bedenken, dass der Aufnahmefähigkeit der Hörer gewisse Grenzen gesetzt sind, und dass es nicht angeht, sie fast drei Stunden in den Dienst des gesprochenen Wortes zu stellen. Es wurde ein reichlich buntes Potpourri geboten, eine wahllose Folge von Poesie und Prosa, von Ernstem und Heiterem, das sich bis ins Scherzhafte verengte, von Betrachtung und individueller Gefühlsäusserung (die an der Klippe des Sentimentalen nicht immer vorbeisteuerte). Den Auftakt gab der blinde Dichter Max Z o d y k o w : ergreifend durch die Beziehungen eigenen menschlichen Schicksals zu den dichterischen und ethischen Motiven, die er zu gestalten versuchte. (Leid in Aktivität umzuwandeln, forderte der Blinde.) Sodann kam die sympathische, den Lesern der C.-V.-Zeitung wohlvertraute Hilde M a r x, die sich, in all ihrer gereiften Jugend, getrost gegen die Spötter zur Wehr setzen durfte, die die „grossen Gefühle" als „unmodern" verachten, weil sie selbst, auch im engsten dichterischen Bezirk, ursprünglich, schlicht und echt empfindet. Neben ihren eigenen, auch formal ungemein gewandten Gedichten rezitierte sie an diesem Abend als kollegiale Helferin zwei Kapitel aus dem realistischsymbolischen Generationsroman „Der Leuchter1* von Arthur Silbergleit, der sich, 'dann selbst als fromm-aufgerichteter Dichter der religiösen Renaissance in zwei lyrischen Stücken von neuem bestätigte. Auf ein beachtliches, künstlerisches Niveau erhob sich Herbert Friedenthal mit einer historisch-biographischen Novelle „Der Tod des Salomon Maimon": hier war ein Stück Lebensgeschichte, in der bewährten Technik der Rückschau, ohne jede Idealisierung, wenn auch nicht ganz frei von Tendenz, epische Vision geworden. In die dünnere Atmosphäre anspruchslos-heiterer Unterhaltung führte uns zum Schluss des Prc* gramms Josefa Metz mit einem jüdisch gefärbten, jüdisch pointierten Kapitel aus ihrem Buch „Eva — aus einer glücklichen Kindheit", sowie mit ihrer „Spezialität", den Kindergedichten. Sie waren ehemals das Entzücken kinderfroher Mütter; heute ist von den spielerischen Klängen dieser gereimten kindlichen Wunschträume nur noch ein leises Echo zurückgeblieben. H. L. Der Berliner Kulturbund wirbt! Werbeveranstaltungen für Nichtmitglieder Um den Berliner Juden, die noch nicht dem Jüdischen Kulturbund angehören, eine Probe künstlerischer Arbeit zu geben, werden eine Reihe von Sonderaufführungen für kostenlosen Besuch veranstaltet. Der Erwerb des-^ Programms mit der Werbebeilage (Preis 0,25 RM) ist für jeden Besucher die einzige Bedingung. Die Werbeveranstaltungen bieten, beginnend jeweils 20 Uhr 15 Min., im Theater Kommandantenstrasse 57, am 19-, 21. und 23. August: „Die Czardasfürsti n", am 24. August einen Heiteren Abend des Kulturbund o r c h e s t e r s, am 25. und 26. August: „J e a n", Komödie von Bus-Fekete. Mit Rücksicht auf die starke Nachfrage empfiehlt es sich, Platzbestellungen, die nach der Reihenfolge der Eingänge berücksichtigt werden, möglichst bald an die Werbeleitung des Jüdischen Kulturbundes, Berlin SW 19, Kommandantenstrasse 57, zu richten. iWochenplän des Berliner Kulturbunds Theater in der Kommandantenstrasse 57; „Hoffnun 2" 14. August, 21 Uhr (Abt. 27, 37), . 15. August (Abt. 28, 38), 16. August (Abt. 29, 39), 17. August (Abt. 1, 11)', 18. August (Abt. 3, 13), 19. August „Czar dasf ürstin" (Werbevorstellung I), jedesmal 20 Uhr 15 Min. •*<^ •*"»"■ "m- Heinrich Beer: Frauenporträt Foto Karplus (Zu dem 'Aufsatz auf der nächsten Seite) « MeirGoldschmidt Zum 50. Todestag KOPENHAGEN, im August. „Ich bin ein Jude, was will, ich unter euch?" Mit diesen Worten — halb pathetisch, halb ironisch — trat Meir Goldschmidt 1844 auf einem dänischen Volksfest an das Rednerpult. In seinen Lebenserinnerungen sagt er, es sei die grosse Frage seines Lebens gewesen, die er begrenzt, umhüllt, dunkel in sich getragen und nun aufgeworfen habe; er fährt fort, die Frage sei mit einem lauten Willkommen beantwortet worden, und seine Umgebung habe ihm die Hände entgegengestreckt. An einer anderen Stelle seiner Erinnerungen erzählt er uns, dass er einmal auf den Gutshof zurückgekehrt sei, den seine Eltern in der dänischen Provinz besessen hatten. Ein Mädchen kam, sah ihn und fragte: „Was willst du?" Es war ihm die Frage der anderen an sein ganzes Volk. So hatte es nach ihm seit uralten Tagen gelautet: „Wir sassen in Kanaan, aber es hat uns nicht gehört. Wir waren Mieter, es wurde uns gekündigt, und wir mussten fort, in die Ferne, wo die andern uns fragten: Was willsi du hier?" Eine dänische Literaturgeschichte der Gegenwart hält die Fragestellung Meir Goldschmidts heute für überholt; sie sieht weder vom Standpunkt des Landes Dänemark noch von dem des jüdischen Verfassers aus ein Problem. Ja, der sehr behutsame Biograph Goldschmidts sieht schon für Goldschmidts Zeit in den quälenden Ueberlegungen des Schriftstellers etwas Krankhaftes. Aber in diesen neueren Auffassungen finden wir bereits die Denkweise und Lebenshaltung Georg Brandes' wieder, die dem Land und seinen Menschen unverkennbar ein gutes Stück ihres Gepräges gegeben hat. Vor Meir Goldschmidt hat Henrik Hertz, einer der meist gespielten Dramatiker Dänemarks, alles getan, um seine jüdische Abstammung in Vergessenheit zu bringen. Nach Goldschmidt hat Georg Brandes selbstbewusst zu seiner dänischen wie seiner jüdischen Geburt ja gesagt und weder in dem einen noch dem anderen ein Problem, aber auch in ihrem Ergebnis nichts irgendwie Fragwürdiges gesehen. Mit kühler Sachlichkeit warf er Henrik Hertz seine Feigheit und Meir Goldschmidt seinen jüdischen Komplex vor, wobei er das Wort zitierte, Goldschmidt serviere überflüssigerweise ständig seine Grossmutter in scharfer Sosse, Zwischen Henrik Hertz und Georg Brandes steht Goldschmidt. Er war und ist auf dänischem Boden der Träger der Problematik, der etwa jn Deutschland Jakob Wassermann autobiographisch und in einem Teil seiner Romane Ausdruck verliehen hat. Es ist Anlass, sich Meir Goldschmidts heute zu erinnern; am 15. August jährt sich sein Todestag zum 50. Male; Dänemark wird Goldschmidts gedenken, der zu den hervorragendsten Vertretern seiner Literatur gehört; wir finden ihn im Philolexikon unter Ziffer 7 der berühmten Goldschmidts; ein Weniges ist übersetzt. In Dänemark ist er bis zur Stunde ein gelesener Schriftsteller. Seine Erzählungen und Romane stehen . in den Regalen der Volksbibliotheken. Da die Bücher bei einem jeden Ausleihen einen Stempel bekommen, ist ohne grosse Enqueten durch die Jahre und Jahrzehnte hindurch unschwer festzustellen, dass kaum ein Monat vergangen ist, in dem nicht die einzelnen Bände seiner Werke mehrfach nach Hause genommen worden sind. Diese Tatsache straft Goldschmidts Problematik „Ich bin ein Jude, was will ich unter euch?" im Grunde Lügen; sie gibt ihm posthum die Anerkennung, die er zeitlebens erstrebte, nämlich als dänischer Dichter zu gelten. „Eines Tages", so schreibt er über einen Wendepunkt seines Lebens, „sagte eine dänische Frau zu mir, ich sei ein dänischer Dichter, und ich 6ollte es wieder werden." Aus diesen Worten entsprangen Erzählungen und Schilderungen, „Der Erbe", „Die Wankelmütige auf Grauheide", „Die fliegende Post", „Der Rabe", „Liebesgeschichten aus vielen Ländern'', und was sonst ich bis zu meinem Todestag noch schreiben mag." Die Literaturgeschichte hat festgestellt, dass er die dänische Sprache beherrscht und bereichert hat, dass er den Bildungsroman grossen Stils auf dänischen Boden verpflanzt hat, aber charakteristischerweise dahin abwandelte, dass die Helden nicht zu leben, sondern zu sterben lernen. Es steht fest, dass er dadurch die ganze skandinavische Literatur der Folgezeit, etwa J.P. Jacobsens „Niels Lyhne", Henrik Pontoppidans „Glückspeter", Ibsens „Peer Gynt" entscheidend beeinflusst hat. Aber das alles ist Literaturgeschichte. Dass er trotz allem gefühlten Zwiespalt der Natur ein lebendiger, seinen Tod überdauernder Mensch seiner Zeit und seines Raumes, ein dänischer Dichter war, steht in den vielen Stempeln der Bücher der zahlreichen Volksbibliotheken. Während die Grossen der dänischen Litera-, tur vor und mit ihm, etwa Andersen, Kierkegaard und Paludan-Müiler, ihre Phantasie der Figur des Ahasver, des ewigen Juden, liehen, hat Goldschmidt der dänischen Literatur da9 jüdische Genrebild, das Bild des ewigen Juden des Alltags gebracht. In seinem Roman „Der Jude" und den mannigfachen jüdischen Erzählungen finden wir den Freitagabend, den Seder und die Barmizwofeier; Bibel, Talmud und Kab. bala haben ihre Spuren gelassen; jüdischer Witz und jüdische Melancholie geben den scharf charakterisierten Menschen ihr Kolorit; die Juden der alten Generation sprechen dänisch und jiddisch. Aber neben die orthodoxe Welt seiner Grosseltern und Eltern tritt die von den politischen, sozialen und kulturellen Strömungen der eigenen Zeit erfasste Jugend. Mit ihm beginnt die in der dänishen Belletristik und Dramatik bis in unsere Tage nicht abreissende Kette der jüdischen oder christlichen Romeos und Julias. Goldschmidt ist in seinem Leben mehrfach Sören Kierkegaard, dem alle überragenden dänischen Denker, begegnet. Kierkegaard stand Goldschmidts literarischem Schaffen sehr wohlwollend, wenn auch keineswegs kritiklos gegenüber. Er hat Goldschmidts Erzählungen einmal als süsse Milchsuppen bezeichnet, nicht ohne Berechtigung, aber süsse Suppen sind eine Lieblingsspeise der Dänen, während sie bis zur Stunde Kierkegaard für schwerverdaulich halten. Die Bedeutung, die Goldschmidts Organ „Der Korsar" und der von Kierkegaard herausgeforderte Kampf mit dem Korsaren im Leben Kierkegaards gespielt hat, ist jedem Kierkegaard- Kenner geläufig. Es ist einer der schönsten Beweise für Goldschmidts Menschlichkeit und Klugheit, dass er den Kampf mit Kierkegaard nie gewollt und seinerseits abgebrochen hat; und dass seine Autobiographie jäh abbricht, nachdem der Mensch und Denker Kierkegaard in sein Leben getreten war. Er war gewiss einer der ersten, der vom Geiste Kierkegaards einen Hauch verspürt und ihn zu begreifen versucht hatte. Es gibt Dänen, die eine Verwandtschaft von Kierkegaard und Goldschmidt behaupten. Gewiss war Goldschmidts Lebensweg vom Aesthetiker zum Ironiker, vom Ironiker zum Humoristen, von hier zum Ethiker bewusst und unbewusst von Kierkegaard geprägt, aber am letzten und entscheidenden Sprung des grossen Christen Kierkegaard in den Glauben an einen unverständlichen, nie und nirgendwo auf Erden zu greifenden Gott war er durch sein Judentum gehindert. Goldschmidt hat ein dickes Buch über die „Nemesis" geschrieben, das seine Weltanschauung enthält und das Georg Brandes am besten als eine schlechte Doktorarbeit charakterisieren zu können glaubte. Nemesis ist Goldschmidt ein anderer Ausdruck für die Tatsache, dass unsere Welt und unser Leben letztlich ein Reich der Ordnung ist, wo nach ewigen Gesetzen das Gute belohnt und das Schlechte bestraft wird. Dichter, wie er war. überbrückte er ein Leid durch ein Lied, und seine Weltanschauung versöhnte die Gegensätze seines Lebens durch den Glauben an die messianische Idee, an ihren Ausgleich der Widersprüche durch den Sieg von Recht und Liebe. Di. Fritz Bauer. Die T'nuat Tora wa* Awoda'für Deutschland, Berlin W 50, Augsburger Strasse 60, gibt zu den hohen Feiertagen unter dem Titel „Jamim noraim" ein Arbeitsplan und Stoffsammlungen, von Bernhard S. Jacobson in 2. Auflage, heraus.