Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 31 (5.8.1937)
- Date
- 1937-08-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 * 1. Beiblatt CYZeitung 5.August 1937-Seite 3 j Zu Ludwig Holländers | Gedenken | Von Hans Reichmann | Am o. August hätten wir Ludwig Hol- J länders 60. Geburtstag gefeiert. Es wräre | gewiss keine laute Feier gewesen, und ' I wir hätten von " einer Krönung seines J Lebenswerkes nicht sprechen können. (j Aber mag es auch schwer und vermessen ~$ scheinen, sich die Stellung eines Ver- 4 storbenen zu einer Zeit zu erdenken, die | er nicht mehr erlebt hat, — ein Schluss j scheint uns gerechtfertigt: Ludwig Hol- |j länder hätte an seinem 60. Geburtstag in | der Rückschau auf ein vierzigjähriges 1 Wirken sein Leben nicht als vergeblich | gelebt empfunden; ebenso wie wir ihm | heute unvermindert für Führung und Hal- | tung danken, die er uns vorgelebt hat. | Es scheint uns trotz der Bedenken i gegen eine allzu vereinfachende Charakteranalyse gestattet, das Wesen Ludwig Hol- 5j länders von zwei zentralen Kräften her zu 1 bestimmen: Von dem Trieb zu schürf en- 5 dem Forschen und vom Erzieherischen her. Schon in seinen entscheidenden Entwickl lungsjahren hat er im engsten Kreis seiner studentischen Freunde sich als ihr freundschaftlicher Erzieher bewährt, und er hat diese Aufgabe beibehalten, als er weit über die studentische Lebensgemeinschaft hinaus zur führenden Gestalt in der jüdischen ' Oeffentlichkeit wuchs. Er hat nie aufgehört, Menschen zu formen, sie in einer j nachsichtigen, oft freundlich ironischen Art zum Nachdenken über sich selbst und > über ihre Einordnung in einen grösseren Lebenskreis anzuregen. Er hat Junge und * Alte immer wieder zu neuen Fragestellun-! gen geführt und als Schriftsteller und Redner tausende jüdische Menschen persönlichkeitsformend beeinflusst. Viele danken l ihm die entscheidende jüdisch-politische \ Prägung ihres Wesens. Er hat eine Hal- * tung gepredigt und gelebt, die heute Juden i aus Deutschiland als Schätzungswerten Typ I l in der Judenheit der Welt erscheinen lässt. | Als Schüler Lujo Brentanos hat er, der „ Jurist, die Soziologie zu seiner Lieblings- IWissenschaft erwählt. Sie hat in ihm jene wissenschaftliche Skepsis geweckt und fruchtbar, gepflegt, die glatte und marktgängige Lösungen ablehnte und gerade die Schwierigkeit der Probleme stets neu aufzeigte, deren Lösung seine Lebensarbeit "I galt. Er hat niemals die billigen Parolen > J T,von Tag und. Markt und Menge" guti * geheissen und hat zu mancher Zeit von un- < gelösten Problemen gesprochen, die andere als längst erledigt und nicht mehr bestehend ansahen. Deshalb hat man ihn manchmal einen Pessimisten gescholten. Für ihn war die Judenfrage keine abgeschlossene, eindeutige Erscheinung. Er hat sie von vielen Seiten, vor allem sozial-, psychologisch beleuchtet, Rückschläge vorausgesehen und ihre Bewältigung erstrebt. Zu einer Zeit, in der die sogenannten Gebildeten unter den Juden jüdische Werte ableugneten, Flucht aus dem Judentum und Taufe als erwünschte Lösungen praktisch und theoretisch gesellschaftsfähig machten, hat er sich gegen die falsch verstandene Assimilation, nämlich Assimilation gleich Tarnung oder Aufgabe des Judentums gewandt, und er ist ihr mit flammender Leidenschaft entgegengetreten. Hinwendung zu echtem Judentum, Heranziehung bewusster jüdischer Menschen, deren jüdisches Bewusstsein auf Wissen, Stolz und aufrechter Art beruhte, das waren Ziele, für die er ein Vierteljahrhundert packend und erfolgreich eiferte. Sie haben nichts an Aktualität eingebüsst. Wenn heute seine Freunde und Schüler und alle die Menschen, die er einmal angesprochen hat, das Bild Ludwig Holländers in stillem Gedenken vor sich erstehen lassen, so empfinden sie, was er ihnen an Persönlichkeitsprägung und jüdischer Zielrichtung gegeben hat und grüssen ihn in dankbarer Verbundenheit. Kolumbien als Einwanderungsland Von besonders sachkundiger Seite wird uns folgendes geschrieben: Der interessante Artikel über Kolumbien in der C.-V.-Zeitung vom 29. Juli enthält neben einer Reihe von wichtigen und zutreffenden Angaben über die dortigen Verhältnisse doch auch einige Irrtümer, die richtiggestellt werden müssen; vor allem aber deutet er die Schattenseiten so wenig an, dass allzu leicht falsche Vorstellungen entstehen können. Diese Schattenseiten bestehen vor allem in folgendem: Erstens ist Kolumbien ein ausgesprochen tropisches Land, das direkt am Aequator liegt. Dementsprechend ist das Tiefland wegen seiner Hitze für Europäer überhaupt kaum bewohnbar, wenigstens nicht auf die Dauer; in den höher gelegenen Teilen ist zwar die Hitze nicht so mörderisch, dafür stellt aber die Höhenlage einer Stadt wie Bogota (der 2600 Meter hoch gelegenen Hauptstadt Kolumbiens) Ansprüche an Herz und Lunge, denen nur kerngesunde Naturen auf die Dauer gewachsen sind, und selbst in den mittleren, am ehesten zuträglichen Höhenlagen, wo das sogenannte Kaffeeklima herrscht, bieten das Fehlen der Jahreszeiten, an die unser Organismus nun einmal gewöhnt ist, und manche anderen Eigentümlichkeiten der Tropen so erhebliche Anpassungsschwierigkeiten, dass nur nach sorgfältiger Untersuchung auf Tropenfähigkeit eine Auswanderung nach Kolumbien verantwortet werden kann. Einen zweiten wichtigen Nachteil Kolumbiens gegenüber manchen anderen südamerikanischen Einwanderungsländern stellt die Kleinheit der dortigen jüdischen Gemeinschaft dar. In ganz Kolumbien gibt es heute etwa 3000 Juden — daher liegt es auf der Hand, dass diese junge Gemeinschaft nicht imstande ist, erhebliche Unterstützungen für neu Eingewanderte aufzubringen. Da nun aber die Einwanderung von Juden aus Deutschland und anderen Ländern in letzter Zeit einen verhältnismässig erheblichen Umfang angenommen hat, 6ind die Mittel des Hilfskomitees bis zum äussersten beansprucht worden, während gleichzeitig die Unterbringungsmöglichkeiten geringer wurden. Infolgedessen ist für eine ganze Reihe von Berufen ausdrücklich vor der Auswanderung nach Kolumbien zu warnen, wie dies seitens des Hilfsvereins der Juden in Deutschland für Kaufleute ja auch schon geschehen ist. Gerade in den letzten "Wochen hat sich die Situation in dieser Hinsicht noch sehr verschärft, und eine Reihe von Eingewanderten befindet sich in schwieriger Lage. In diesem Zusammenhang ist es nun besonders bedenklich, dass bei Benutzung des im letzten Artikel der C.-V.-Zeitung geschilderten Weges ein grosser Teil des Vorzeigegeldes in Reichsmark gezahlt werden kann. Wenn die überseeischen Einwanderungsländer heute meistens ein Vorzeigegeld verlangen, so liegt dies in hohem Masse im Interesse des Einwanderers selbst; bedeutet es doch eine Reserve, auf die der Staat oder auch der Einwanderer selbst zurückgreifen kann, w-enn dieser in Not gerät. Auch durch ein Vorzeigegeld, das, wie in Kolumbien, auf längere Zeit zu deponieren ist, erhält der Einwanderer ein gewisses Anfangskapital; denn das Depot ißt beleihbar. Werden nun mehr als drei Viertel des Vorzeigegeldes in Reichsmark bezahlt und bleiben in Deutschland, so besteht die grosse Gefahr, dass der Einwanderer völlig mittellos in Kolumbien ankommt. Seine Lage ist dann um so schwieriger, als die Landesteile, in die der Einwanderer meist hinstrebt, nämlich die Landeshauptstadt Bogota oder Städte wie Cali und Meddelin, von den Landungshäfen weit entfernt sind und die Fracht allein für das Gepäck dorthin erhebliche Summen beansprucht. All diese Momente müssen auf das sorgfältigste berücksichtigt werden, ehe sich jemand zur Auswanderung nach Kolumbien entschliesst. Endlich sei noch auf den nicht unwichtigen Druckfehler hingewiesen, dass das Vorzeigegeld von 250 Pesos, umgerechnet in deutsche Währung, 460 Mark ergäbe; tatsächlich entspricht die genannte Pesosumme nicht ganz 36 0 Mark. Schutz der Ausgewanderten Ein Vorschlag des Erzbischofs von Canterbury Eine Abordnung von Vertretern der Völkerbundsliga und anderer Körperschaften hat dem britischen Aussenministerium neue Vorschläge zur Regelung der Fürsorge für Ausgewanderte durch den Völkerbund unterbreitet. Führer der Abordnung war derErzbischof von Canterbury. Ausserdem gehörten ihr Lord N o e 1 Buxton, Lord C e ci 1, General Sir Wyndham D e e d e s , Mrs. Edgar D u g d a 1 e und andere bekannte Persönlichkeiten, unter ihnen Professor Norman Bentwich als Vertreter des Council for German Jewry, an. Die Abordnung ist am Montag von dem Unterstaatssekretär für Aeusseres, Viscount Cranborne, empfangen worden. Das Foreign Office hat über diesen Empfang ein Commnnique ausgegeben. Da* nach hat die Abordnung auf die Besorgnisse weiter Kreise der britischen Oeffentlichkeit angesichts der für 1938 geplanten Schliessung des Internationalen Nansenfudket BetfittM m wWmßW'iw^rwr wtßIrirwwww Metati Mie&t iwnnf^w ^wwwirf Amtes und des gleichzeitigen Erlöschens des Auftrags des Oberkommissars für die aus Deutschland Ausgewanderten hingewiesen. Die Abordnung habe es als wünschenswert bezeichnet, dass anstelle des Nansen-Amtes und des Oberkommissariats für Auswandererfürsorge eine einheitliche Völkerbundskommission eingesetzt werde, deren Aufgabe es sein sollte, mit Ermächtigung durch den Völkerbundsrat alle diejenigen Ausgewanderten, um die der Völkerbund sich bekümmert, zu schützen und ihre endgültige Niederlassung zu beschleunigen. Lord Cranborne wies auf die von Aussenminister Eden am 21. Juni im Unterhaus zu dieser Frage erteilte Antwort hin und versprach, dass die Regierung den Vorschlägen wohlwollende Aufmerksamkeit widmen werde. Das Schicksal der Südafrika-Einwanderer G. H. Johannesburg, Ende Juli. Die Härten, die die Konsequenzen des Alienspakt nach sich ziehen könnten, scheinen doch die Regierung zu veranlassen, günstigere Entschlüsse über die Aufenthaltserlaubnis der nach dem 28. Januar 1937 Eingewanderten zu fassen. Es besteht die Aussicht, dass alle Auswanderer, die einen noch gültigen ,Pass haben und nicht aus den ehemaligen Quotaländern (Polen usw.) kommen, eine Verlängerung ihrer Aufenthaltserlaubnis von sechs Monaten bekommen, und man hofft weiter, dass nach Ablauf dieser sechs Monate die 'Aufenthaltserlaubnis zu einer endgültigen verlängert werde. Es sollen also alle diejenigen unter diese neuen Bestimmungen fallen, die Europa in Unkenntnis des Gesetzes vom 28. Januar verlassen haben, praktisch sind es alle, die im Laufe des März eingetroffen sind. Direktor David Schweitzer, der Vizepräsident des europäischen Council des American Joint Distribution Committee und Finanzdirektor des Joint, ist zum Ritter der Ehrenlegion ernannt worden. * Der diesjährige Esperantokongrees findet vom 7. bis 14. August in Warschau statt. Der Kongress steht im Zeichen der oOjährigen Wiederkehr des Tages, an dem Ludwig Zamenhof sein erstes Esperantoalphabet veröffentlichte. Karl und Manci Novelle von Mala Laaser 1. Fortsetzung Eine Stellung, fürwahr! Dieser Herr Neumark war ein sehr robuster Mann. Die meisten seiner Schüler griffen dankbar zu, wenn er ihnen einen Posten verschaffte. Natürlich hatte er keine Beziehungen zur Grossindustrie, aber'es kam ihm nicht in den Sinn, dass ein Jude heutzutage noch wählerisch in Bezug auf Geld verdienst sein könnte. Es schien ihm also ganz selbstverständlich, dass der junge Brinkmann sich voll Begeisterung auf den Weg machen würde, um sich bei „Roderich Meyer & Sohn, See- und Fluss-Fischihandlung" als empfohlener Bewerber vorzustellen. „Fahren Sie express hinunter", befahl er nach dem Unterricht seinem erblassenden Schüler, „200 Mark im Monat sind nicht zu verachten."' Um was für eine Art von Arbeit es sich etwa handele, wollte Karl wissen. „Dämlack", schnauzte Neumark wütend, „Aufsichtsrat sollen Sie da ganz sicher nicht spielen! Kann Ihnen doch wohl ziemlich wurscht sein, was Sie tun! Geld stinkt nicht, mein lieber Junge, also ab, marsch, Hals- und Knochenbruch!" Unterwegs wurde Karl von einem heftigen Gefühl der Vorfreude überfallen. Es ging ihm wie einem Feinschmecker, der geschworen hat, lieber zu verhungern, als einen Teufelsfrass herunterzuwürgen, und der mit beiden Händen in den Breitopf greift, sobald der Hunger ihn ausreichend mürbe gemacht hat. Er wollte, lieber Gott, er wollte mit jeder Zuckung seines „Willens die Akten der behäbigen Vergangenheit zur Seite legen. Zum ersten Male erfühlte er im Zwang der Zeiten einen verborgenen Sinn: Das „Muss", das alle törichten Hemmungen zerschlug und die Notwendigkeit, -sich vor dem neuen Leben männlich zu beweisen. Nur eine einzige, schwere Bitternis blieb, noch in ihm zurück: Manci! Wahrscheinlich hatte er ein wenig die Vorstellung, dass ein Mädchen in einem Mann einen Helden zu sehen wünsche, und zwar nicht einen jener annonymen Kämpfer der sieben Wochentage, sondern einen „echten" Helden mit Nimbus, Geld und grossem Stil. Im Augenblick, da er als „junger Mann für Verkauf und Comptoir" in Meyers See- und Fluss- Fischhandlung eintreten würde, war jenes Heldentum auf immer für ihn verloren. So nahm er sich vor, zu lügen und den Schein zu wahren, solange er sich wahren Hess. Am 1. März trat Karl seine neue Stellung an. Der Laden lag im Hansaviertel, ganz in der Nähe seiner Wohnung. Jeden Morgen um 8 Uhr erschien er im Geschäft, legte Mantel und Hut in einem kleinen Raum ab, der vom Laden durch einen verschossenen Rupfenvorhang getrennt war und der gleichzeitig als Büro und Aufbewahrungsort für leere Kisten und Fässer diente, schlüpfte in einen braunen Leinenkittel und begann, während Fischhändler Meyer die ersten Kunden bediente, mit einem Federwisch die Auslagen im Schaufenster, auf dem Ladentisch und den Regalen an den Wänden von Staub zu reini- •gen. Danach übernahm er selber den Verkauf, holte Bücklinge am Schwanz aus der Kiste, griff nach einer Handvoll Sprotten, schnitt auf einem weissgekachelten Tisch einen riesigen Kabeljau in Scheiben, lobte einer zaudernden Hausfrau die Güte der kleinen Zander oder der Barsche, der Schollen und Hechte unter Hinweis auf Geruch und dunkelrote Kiemen, langte wohl auch hin und wieder in das sprudelnde Bassin, in welchem die lebenden Karpfen und Bleie durcheinanderjappten und holte einen zappelnden Fünfpfünder heraus. Zuerst war ihm übel geworden, wenn er einen Fisch töten solite. Aber rasch erfasste er, dass einer es ja tun musste, und er lernte es, sich dieser Auf-e gäbe mit erbarmendem Geschick zu unterziehen. Am liebsten verkaufte er Konserven und Salate, die man säuberlich mit einer Kelle in die Pappschälchen schöpfen konnte. Auch gegen Rollmöpse, saure Gurken und gehackte oder zerschnittene und wild gewürzte Herrlichkeiten hatte er im ganzen nichts einzuwenden. Ausgesprochen •ungern aber kam er mit den Heringstonnen in Berührung, denn ein fetter Hering lässt sich nicht mit Gabeln, Zangen oder Löffeln aus der Glabberlaake holen, sondern man muss ihn richtig mit der Hand anfassen und festhalten, damit er nicht unversehens wieder in die duftende Tonne zurückgleitet. Wenn Karl auf diese Weise, mit der Hornbrille auf der feinen Nase, einen toten Hering fing, fühlte er sieh aufrührerisch und wenig glücklich. Mit der Zeit wurde ihm aber auch das zur Gewohnheit. In den Stunden zwischen 12 und 2 Uhr hatte er Mittagsruhe. Den frühen Nachmittag verbrachte er gewöhnlich damit, dass er Abrechnungen und Briefe schrieb, die Einnahmen des vergangenen Tages feststellte und die notwendigen Buchungen vornahm. Gegen 5 Uhr, wenn der abendliche Kaufandrang begann, stand er wieder in seinem braunen "Kittel im Laden und wog, hackte, pries die Ware und reichte Päckchen und Pakete über den Tontisch Manchmal geschah es, dass Bekannte des Brinkmannschen Hauses zum Einkauf kamen. Das wurden schreckliche Augenblicke für Karl, obgleich die meisten, besonders die jüngeren Leute, wie er, in neuen Berufen untergetaucht waren und weder Grund noch Neigung hatten, auf seine Tätigkeit hinabzublicken. Alle reichten ihm, wie früher, die Hand, sagten „Doktor Brinkmann" zu ihm und baten, Empfehlungen an die Frau Mutter ausrichten zu wollen. Das war alles. Selten kam es vor, dass jemand sich beim Hinausgehen verstohlen die Hände am Paletot wischte, um die Fischfeuchte seines Händedrucks zu entfernen. Karl Brinkmann wurde vielen durch seine Art, mit dem Leben in dieser Zeit fertig zu werden, Vorbild und Ansporn. Er empfand das bald, und er wurde stolz darauf. Fischhändler Meyer hatte rasch entdeckt, dass seine akademische Neuerwerbung grosses Geschick in der Herstellung von Salaten entwickelte und dass die Kunden hinter diesen raffiniert bereiteten Salaten eifrig her waren. Also Hess er Karl nach Gutdünken in der Zubereitungsküche herumpatschen und neue, köstliche Mischungen erfinden. Währenddem expedierte er selber und war immer wieder erstaunt, von seiner Kundschaft zu erfahren, dass man, seit „der Doktor" im Geschäft wäre, doppelt gern bei ihm kaufe. Diese Feststellung, im Verein mit deutlich ansteigenden Abendeinnahmen, veranlasste Herrn Meyer, schon nach knappen acht Wochen, zu einer Gehaltsaufbesserung von 20 Mark im Monat. Manci hatte von Karl nur erfahren, dass er seit dem 1. März als kaufmännischer Angestellter in einer „Fisch-Export-Firma" beschäftigt wäre. Sie hatte, ihrer Natur entsprechend, keine detaillierten Fragen gestellt. Sie mussten es nun beide ertragen, dass sie sich nur an den Sonntagen sehen konnten. Als Karl aber über die ersten Schrecknisse seiner neuen Tätigkeit hinweg war, fing er an, Manci zu quälen. „Warum kannst du dich nicht täglich wenigstens für eine Abendstunde freimachen?" fragte er sie bei seinen allmorgendlichen Teiephonanrufen. „Hat man so etwas schon jemals gehört, dass ein Arzt bis 12 Uhr nachts eine Laborantin zur Verfügung haben muss?" Aber Manci erfand immer wieder irgendwelche Ausreden. Plötzlich erwachte ein grässlicher Verdacht in ihm. „Sag mal, Manci, was ist das eigentlich