Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 30 (29.7.1937)
- Date
- 1937-07-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 4. Beiblatt Palästiiia-I mscliau der V.-Zeiiuiig .Seite. 13 29. Juli 1937 Wachsender Widerstand Lord Melchetts Anklagen ■ Die Palästiaadebatte im Oberhaus, deren Beginn in der vorigen Ausgabe der C.-V .-Zeitung schon ausführlich berichtet wurde, fand ihre Fortsetzung in einer Rede Lord Melchetts, der in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Britischen Abteilung der Jewish Agency eine eindrucksvolle, wuchtige Anklage gegen die Regierung erhob. Unter- Hinweis auf die in der Welt herrschende Judennot machte er die Unzulänglichkeit der von der Regierung vorgeschlagenen Lösung deutlich. Er bezeichnete es als seine Aufgabe, der Jewish Agency erklären zu müssen, dass England die Balfourdeklaration fallen gelassen habe. Damit würde die von den Ratgebern der Jewish Agency befürwortete Politik der Kooperation mit der Mandatarregierung um jeden Preis, die Politik der Loyalität gegenüber England, die während der vergangenen 15 Jahre unbeirrt verfolgt worden sei, ihr Ende gefunden habe. Er schloss mit dem Ausdruck der Hoffnung, dass die Geschichte dem englischen Volk noch einmal die Möglichkeit geben werde, das schwere Unrecht gutzumachen, das es 'den Juden jetzt antue. Nachdem in der am 21. Juli fortgesetzten Oberhausansprache Lord Reading gleichfalls unter Protest gegen den Teilungsplan den Vorschlag gemacht hatte, eine Kommission aus Mitgliedern der beiden Häuser des Parlaments zum Zwecke der nochmaligen Prüfung der Kommissionsvorschläge einzusetzen, und nachdem Lord Strabolgi die militärische Seite des Teilungsplanes in höchst pessimistischer Weise erörtert hatte, antwortete als Sprecher 'der Regierung Luftfahrtminister Lord Swinton. Er lehnte den Vorschlag Lord Readings als unnötig ab, wies auf die Schwierigkeiten des Vorschlages von Lord Samuel hin und bezeichnete auch die^strategischen Sorgen als unbegründet, da ausbrechende Unruhen sofort und nachhaltig unterdrückt werden würden. Er kennzeichnete dann nochmals die Undurchführbarkeit des Mandats und bekannte sich zu der in der Regierungserklärung vertretenen Lösung. Opposition im Unterhaus Am gleichen Tage, an dem der Schluss der Debatte im Oberhaus stattfand, erörterte auch das Britische Unterhaus den Peelbericht und die Regierungserklärung. Die ausserordentliche Spannung, mit der diesem grossen Tag entgegengesehen wurde, kam in dem vollzähligen Erscheinen der Regierungsmitglieder sowie in der vollen Besetzung des Hauses, der Galerien und 'der Journalistenloge zum Ausdruck. Minister Ormsby - Gore eröffnete die Debatte mit einem ausführlichen Expose über die von der Königlichen Kommission geleistete Arbeit und den Standpunkt der Regierung. Er bezeichnete den Bericht nicht nur als ein grosses liierarisches Kunstwerk, sondern als eine endgültige Feststellung der historischen Wahrheit, die für alle Zeit bestehen bleiben werde. Nach einem Appell an das Haus, die Worte zu wägen, da es sich um ein gigantisches Problem handle, das nicht nur die Beziehungen zu Islam und Judenheit, sondern das gesamte Verhältnis zwischen Morgenland und Abendland betreffe, gab er eine ausführliche Darstellung des viel besprochenen Briefwechsels zwischen Sir Henry MacMahon und Husseini, in dem angeblich den Arabern versprochen worden war, Palästina an ein zu errichtendes unabhängiges arabisches Reich anzuschliessen. Der Minister stellte zum erstenmal vor der Oeffentlichkeit der Welt fest, dass Palästina westlich, des Jordan von der Britischen Regierung, selbst wenn, sie es gewollt hätte, seinerzeit in dieses .Versprechen gar nicht hätte eingeschlossen werden können, weil zu der Zeit, dieses Briefwechsels England gar keine Verfügung über dieses Gebiet gehabt hätte. Es war damals an Frankreich ' versprochen und Frankreich hoffte, dass' das Land französisch werden würde. Die Entstehung der Balfourdeklaration bezeichnete der Minister als einen wohl überlegten Akt, der das Ergebnis wochenlanger Auseinandersetzungen dargestellt habe. Sie war in voller Uebereinstimmung mit dem MacMahon-Briefwechsel erlassen. Die Bedeutung der Balfour- Deklaration für die Juden sei es von Anfang an nur gewesen, ein jüdisches Nationalheim in Palästina zu errichten, nicht aber Palästina zum Heim für die Juden zu machen. Die Araber erinnerte er daran, dass für die Unabhängigkeit, deren sie sich auf der ganzen arabischen Halbinsel, dem Irak uad neuerdings auch in Syrien erfreuen, zehntausend britische Krieger in Palästina und noch viel mehr im Irak gefallen seien. Es sei tragisch, dass nach allem,, was England für die Araber getan habe,' jetzt nach 20 Jahren Palästina eine Wunde bedeute, die immer tiefer werde, je länger das Mandat andauere. Die Gegensätze dort seien nämlich nicht wirtschaftlicher und nicht verwaltungsmässiger, sondern ausschliesslich politischer Natur. Sie rührten aus den beiden aufeinanderprallenden Nationalismen der Juden und der Araber her. Der Minister begründete darauf nochmals die Notwendigkeit der Dreiteilung des Landes, hob alle ihre Vorzüge hervor und warnte davor, die Verhandlungen durch Einsetzung einer Kommission zu verschleppen. Nach der Rede des Ministers begründeten die Redner der Labour Party einen von dem Oppositionsführer Major Attlee eingebrachten Antrag, die- Vorschläge der Königlichen Kommission einem Prüfungsaussehuss zu übergeben. Der Präsident der PICA (Palestine Jewish Colonieation Association) erhob den Vorwurf, dass die Kommission ihre Befugnisse überschritten habe, indem sie von dem Boden des Mandats abgewichen sei. Sodann brachten W i n s t o n Churchill und Lloyd George einen Abänderungsantrag ein, in dem die Regierung ermächtigt wurde, ihre Vorschläge dem Völkerbund zu unterbreiten, „um nach angemessener Prüfung dem Parlament einen endgültigen Plan vorlegen zu können, in dein die Vorschläge des Command Papers in vollem Umfange berücksichtigt werden könnten". Diesem Antrag stimmte auch die Regierung zu und er wurde darauf von dem Hausen durch Erheben von den Sitzen angenommen. Die Annahme dieses An- Aus der Palästina-Wirtschaft Im Juniheft der Zeitschrift „Palestine and m i d d 1 e E a s t", die als Wirtschaftsblatt monatlich in Tel-Äviv erscheint, wird eine sehr interessante graphische Darstellung darüber gegeben, wie weit der jüdische Wirtschaftssektor in Palästina unter der Kontrolle öffentlicher jüdischer Stellen steht. Abseits von den grossen politischen Problemen, die sich zur Zeit um die Zukunft Palästinas stellen, scheint uns dieser Ausschnitt einen recht interessanten Ueberblick über die wirtschaftliche Struktur des Landes zu bieten. Wir geben deshalb die Darstellung nebenstehend im Original wieder. Die genannte Zeitschrift bemerkt zu dieser Zeichnung, sie stelle einen Versuch dar. die schon bestehende öffentliche Kontrolle der Palästina-Wirtschaft aufzuzeigen. Diese Kontrolle öffentlich-jüdischer Stellen würde die wichtigste Grundlage für jede zukünftige Wirtschaftsankurbelung in Palästina bilden. Dem prozentualen Anteil der öffentlichen Kontrolle in jedem der Hauptgebiete des wirtschaftlichen Lebens zeigen die schraffierten Felder der vier senkrechten Kästen in der Mitte der Zeichnung. Es stehen also rund 20 Prozent der „Bauwirtschaft, 30 bis 35 Prozent der Landwirtschaft, 5 Prozent von Industrie und Handwerk, 20 Prozent des Aussenhandels sowie schliesslich 10 Prozent des Binnenhandels unter dein Einfluss öffentlichjüdischer Organisationen, deren wichtigste Namen in die einzelnen Kästchen eingefügt sind. Die Zeitschrift weist weiter darauf hin, dass diese jüdischen Organisationen wieder verbunden sind mit dem öffentlich-jüdischen Finanzsystem, den nationalen Fonds (Keren Kajemeth, Keren Hajessod), der Anglo-Palestine-Bank, den verschiedenen Cooperativ-Banken usw., wie dies durch Pfeile in die Zeichnung eingefügt sei. Schliesslich wird darauf hingewiesen, dassdie Jewish Agency, die an der Spitze aller aktiven jüdischen Kräfte steht, auch heute in der Lage sein dürfte, in Verbindung mit allen diesen Institutionen ein Programm wirtschaftlicher Zusammenarbeit durchzuführen und damit einen wesentlichen Ausschnitt der jüdischen Wirtschaft in Palästina zu überwachen. b.w. ßiiiH!!!il!!if{|!iilif!M träges bedeutet, "dass sich das Parlament auf die Vorschläge der Regierung nicht festgelegt hat und dass damit die Möglichkeit für die Annahme eines für beide Parteien annehmbaren Gegenvorschlages nach der Stellungnahme des Völkerbundes noch gegeben ist. Als eine Art Nachklang zu dem grossen Tag im englischen Unterhaus richtete am 26. Juli der Abgeordnete Wedgewood eine Reihe von Anfragen an den Kolonienminister, die zu folgenden Feststellungen führten: Die Vorbereitungen für eine gesetzliche Regelung der von der Königlichen Kommission vorgeschlagenen neuen Einwanderungs- und Bodenpolitik in Palästina sind bereits im Gange. Durch diese Gesetze werden die Bestimmungen der für die Handhabung der Einwanderung massgebenden Palestine Immigration Ordinance entsprechend; abgeändert, und der High Commissioner erhält die Befugnis, eine Kontrolle über die Bodentransaktionen auszuüben. Eine weitere-Anfrage, die die Unterbindung der ferneren Agitation des Mufti betraf, führte zu einer ausweichenden Antwort des Ministers. In bezug auf den Schutz der Juden im Irak bei judenfeindlichen Unruhen sprach der Minister sein Vertrauen zu "der Regierung des Irak aus, die sich bisher ihrer Verantwortung in der <• Frage des Minderheitenschutzes bewusst gezeigt habe. Am Tage nach dieser nochmaligen parlamentarischen Erörterung, also am 27. Juli, reiste Kolonienminister Ormsby-Gore nach Genf ab, um der Mandatskommission in ihrer am 30. Juli beginnenden Tagung den Bericht der Königlichen Kommission vorzulegen. In seiner Begleitung befindet sich der frühere Sekretär der Palästin.aregierung, John Hathorn Hall, und der Sekretär der Königlichen Kommission, I. Martin. Anlässlich der Beratungen der Mandatskommission wird sich auch Dr. C h a i m W e i z - mann in Genf aufhalten, ferner eine Abordnung der Neuzionistischen Organisation, sowie der Präsident der Agudas Jisroel, Jakob Bosenheim. Der allgemeine Eindruck, dass durch" 'den Verlauf der Unterhausdebatte der bisher von der Regierung verfolgte schnelle und entschiedene Kurs eine Unterbrechung erfahren habe, und dass ein neues Moment der Unsicherheit aufgetreten sei, findet seinen Niederschlag in sehr geteilten Magister Kirsch! der gute Likör, Magister München VII j In Berlin zu beziehen durch die Weingroßhandltmg | Bernhard Brauer, Burgstr. 3 Tel. 51 43 40. Vor dreissig Jahren... Wie wir in der vorigen Nummer berichteten, hat Professor Sukenik in Berlin über die neuesten Ausgrabungen in Palästina Vorträge gehalten. Aus diesem Anlass schreibt uns der ehemalige Direktor des Schulwerks des Hilfsvereins in Palästina, Ephraim Cohn- Reiss: Professor Sukenik ist nicht nur ein erfolgreicher Archäolog, sondern ein Wissenschaftler, der es versteht, seinen Stoff anschaulich, zu gestalten und populär zu machen. Ich persönlich erkannte an seinem lichtvollen Vortrag den ehemaligen Zögling des Lehrerseminars, einen aus jener Schar von Schülern, von denen Burla schreibt, dass sie zu den Besten und Auserwählten des Landes gehören. Bei dieser Gelegenheit verlohnt es sieh, ein Wort über die Vorgeschichte der archäologischen Arbeiten der Universität zu sagen. Es war im Jahre 1907, als Schmarja Levin unser Lehrerseminar und angeschlossene Anstalten in Jerusalem besuchte. Ueber die Eindrücke, die er mitgenommen hat, berichtete er später auf dem Zionistischen Kongress. Er verabschiedete sich von mir mit „Auf Wiedersehen in Berlin". Es vergingen einige Tage und Schmarja Levin ist wieder in Jerusalem. Er hatte die Reise von Jaffa nach Jerusalem lediglich zu dem Zwecke unternommen, um mir den Vorschlag zu machen, gemeinsam mit Achad Haam und ihm die Errichtung einer Universität im Anschluss an das Lehrerseminar in Angriff zu nehmen. Ich lehnte ab, weil ich die Errichtung einer Universität für verfrüht hielt und schlug meinerseits vor, zunächst mit einem archäologischen Institut zu beginnen. Ich befolgte;auch beim Aufbau des Schulwerkes das Prinzip vom Leichten zum Schweren, vom Nahen zum Fernen. Wir waren uns einig. Bald Idarauf kam aber das ebenso grosszügige wie geniale Technikum-Projekt Paul Nathans und das Gute musste dem Besseren weichen. ■ \ Indessen hatte ich den Plan des Archäologischen Instituts nicht aus den Augen verloren. Ea gelang mir bald, für den Unterricht in hebräischer Archäologie an unserem Lehrerseminar eine Kapazität von Weltruf zu gewinnen: Immanuel. Benzinger. Damit war die Grundlage für das Vissenschaftliche Studium der Archäologie gegeben. Professor Sukenik wird es sich immer als Vorzug anrechnen, ein Schüler Benzingers zu sein, ebenso wie Benzinger mit grösster Befriedigung die ausgezeichneten Leistungen Sukeniks verfolgte. Die Universität hat richtig erkannt, dass wissenschaftliche Ausgrabungen einen wesentlichen Teil des Aufbaues bilden, und dass diese so erfolgreich waren, danken wir der Initiative und den reichen Kenntnissen Professor Sukeniks. Solche Forschungen erfordern aber grosse Geldmittel und das Interesse muss dementsprechend tatkräftig sein. In meinen Erinnerungen erzähle ich: Als ich April 1908 Dr. Paul Nathan einen Brief von Jacob Schiff zeigte, in welchem er mir schrieb, dass das Technikum-Projekt seine volle Sympathie habe, erinnerte ich mich an meinen Londoner Freund, Benjamin Franklin, der grosse Erfahrungen im Werben für gemeinnützige Zwecke hatte. Dieser pflegte zu sagen: Wenn mir jemand sagt, die Sache hat meine Sympathie, so frage ich sogleich: how much — wie hoch kann ich die Sympathie einschätzen? In diesem Falle bedeutete Schiffs Sympathie 100 000 Dollars, und wir hoffen zuversichtlich, dass auch die Teilnahme, die wir Professor Sukenik und seinem bedeutsamen Werk entgegenbringen, wirksamen Ausdruck finden wird. Wie immer sich die politische Struktur der Stadt Jerusalem gestalten möge, so bleibt sie stets der Mittelpunkt jüdischen Geistes und unseres Sehnens, Herzl selbst hat, wie er mir 1898 sagte und 1903 bestätigte, die komplizierten und interkonfessionellen Schwierigkeiten erkannt und sich mit ihnen abgefunden. Jerusalem bleibt nichtsdestoweniger die Stadt des grossen Königs und die Universität auf dem Skopus unser hoffnungsvoller „Ausblick". Professor Sukenik hat auch in grankf ur--| a. Main vor einer dicht gedrängten Hörerschaft am 22. Juli über die Ausgrabungen in Samaria gesprochen. Vor dem Vortrag wurde er von Professor Dr. Aron Freimann namens des Vorstandes der Frankfurter israelitischen Gemeinde und von Dr. Hermann Gundersheim e r für das Jüdische Lehrhaus und die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler begrüsst. Lebendiges Erinnerungsgut Ludwig-Tietz-Gedenkschrift der Reichsvertretung Für die zahlreichen Menschen, die die entscheidende Ausrichtung ihres Lebens der Begegnung mit Ludwig Tietz verdanken, hat sich in diesen Tagen eine oft schmerzlich empfundene Lücke geschlossen: zu dem Erinnerungsbilde, das sie als einzelne von ihm in sich tragen, ist nun ein greifbares,, lebenserfülltes Symbol getreten, das zum dauernden Bindeglied zwischen ihm und der jüdischen Gesamtheit werden soll, die Ludwig-Tietz-Lehrwerkstätte in Jagur. Die Eröffnung der Schule gibt der Reichsvertretung Anlass zur Herausgabe einer schönen Schrift, in der Leben und Schaffen von Ludwig Tietz, sowie Aufgabe und Arbeit der zu seinem Andenken gegründeten Schule dargestellt werden. Georg Lubinski zeichnet Ludwig Tietz' „Leben mit der Jugend", er lässt vor denen, die ihn kannten, die Atmosphäre, in der sich sein Zusammenleben mit jungen Menschen gestaltete, erstehen, und er gibt denen, die ihn nicht kannten, eine Vorstellung der inneren Bereitschaft und Verantwortung, die er als an Jahren älterer und gereifter Mensch Jüngeren entgegenbrachte. Wie er trotz oder gerade wegen seines andersartigen äusseren Lebensstils durch seine Aufgeschlossenheit mit der Liebe und Achtung der Jüngeren umgeben würde, kommt in den Ausführungen Lubinskis mit. besonderer Deutlichkeit zum Ausdruck. Den. jüdisch-geistigen Standort Ludwig Tietz' und seines Kreises umreisst Friedrich B r o d n i t z in seinem Aufsatz, der als Vorabdruck in Nr. 24 dieser Zeitung bereits veröffentlicht wurde. Immer wieder wird man davon berührt, in wie starkem Masse damals umstrittene oder verfemte Forderungen, wie z. B. die Beteiligung aller Juden am Palästina-Werk und die Durchdringung der jüdischen Gesellschaft mit neuen starken jüdischen Inhalten heute zur Selbstverständlichkeit geworden sind. Dass nach den Ausführungen von Brodnitz für eine echte inhaltliche Auseinandersetzung mit den damals zur Diskussion stehenden Fragen vor allem der C.V. als gesunde und grosszügige Organisation die Plattform bilden konnte, muss als besonderes geschichtliches Verdienst hervorgehoben werden. Die Funktion, den „Werkleuten" einen Einsatzpunkt in der praktischen jüdischen Sozial- und Gemeindearbeit gegeben zu haben, stellt Rudi B a e r in seinen Ausführungen dar. Eva Stern schildert die Verbundenheit Ludwig Tietz' mit der Auswanderung junger Menschen nach Palästina und den Zielen der Jugend- Alijah. Diese Rückschau in eine vergangene Zeit, in der jüdische Gemeinschaftsarbeit in Deutschland auch für die jüdisch ausgerichteten Gruppen ihre selbstverständlichen Voraussetzungen in einer geistigen und beruflichen Verflochtenheit mit Deutschland hatte, findet ihre Ergänzung in Darstellungen über die Gegenwartsprobleme, die für die Erziehung unserer jüdischen Menschen von Bedeutung sind. Poldi Kuh gibt ein aufschlussreiches Bild über Voraussetzungen und Erfahrungen der Lehrwerkstätten-Ausbildung. Max Kreuzberger berichtet über die Berufsausbildung in Palästina, Chanoch Reinhold über „Drei Jahre Jugend-Alijah". So verbindet sich in dem Heft Gewesenes mit Kommendem, Persönliches mit Ueberpersönlichem, aus einem Anlass, der nach den Worten von Otto Hirsch gleichzeitig eine Mahnung sein soll, im Sinne von Ludwig Tietz an der Einheit der Juden in Deutschland zu arbeiten. Wie-