Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 30 (29.7.1937)
- Date
- 1937-07-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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C-V.-Zeitung Nr.30*29Juin93Z Seite 12__ Immer ist ein junger Mensch, meist ein junges Mädchen aus dem Mittelstand, dem Kleinbürgertum. Held seiner Bücher („Adrienne Mesurat", „Mont Cinere" ,.Leviathan", „Treibgut", „Der Geisterseher"). Der junge Mensch kämpft, unbewusst oder besessen, für ein höheres Sein, wird aber von den Tücken der Realität, den Eigenschaften und Eigenarten der Mitmenschen "zerstört. So geschieht es auch in diesem zartesten, feinsten, dichterischsten Buch Julien Greens, das „Mitternacht" heisst, weil das unglückselige Mädchen, das als Hauptperson durch die traurigen und unheimlichen Geschehnisse schreitet, immer wieder aus dem Hellen, dem Tag. in das Dunkel, die Mitternacht, getrieben wird. Diese „Nachtseite des Lebens'' verschlingt sie schliesslich, — aber erlöst sie auch, wenn sie, einem fanatisch geliebten Jungen folgend, bei der Flucht aus einem gespenstischen Schloss, vom Fenster abstürzt ins Nichts, das für sie die Welt der Freiheit, das Licht bedeutet. Green schreibt wie gestochen; wunderbar fein, in kleinen, festgefügten, zarten, sicheren Sätzen trifft er haargenau das Aeussere. Seelenzustände und Atmosphäre. Aber trotz dieser Deutlichkeit scheinen Menschen und Vorgänge stets von einem poetischen Schleier leicht verhüllt, und so wird die krasse Realität ins Geheimnisvolle entrückt. Karl Escher: Der Sohn des grossen Königs. Erwin Löwe, Verlag, Berlin 1937. Herb und objektiv erzählt die Bibel in Samuel II vom Aufstand des schönen Königsohns Absalom, der seinen Vater David vom Thron vertrieb, aber geschlagen und, wider des Königs Willen, von Joab. erschlagen wurde. Eins der meistgenützten Motive aus der Bibel in Dichtung und Malerei ist der Tod Absaloms: wie er auf der Flucht an seinem langen schwarzen Haar im Geäst einer Terebinthe hängt. Diesen harten epischen Bericht, zu dessen Ton auch der wilde Schmerz Davids über den erschlagenen Sohn passt, transponiert Karl Escher, als Schriftsteller auf manchem Gebiet bewährt, ins Poetische, Lyrische, glücklicherweise aber nicht ins Gefühlvolle. Er lässt die Charaktere der biblischen Gestalten, vor allem Absalom selbst, im Ungewissen, und doch im Eindeutigen: er analysiert nicht. Wohl aber lässt er seine Sinne, vor allem seine Augen schwelgen, — und damit auch die Sinne und Augen des Lesers. Er zaubert ein wunderbares Palästina vor uns hin, mit Wäldern, fruchtbaren Halden und vielfältigem Getier, mit bevölkerten Städten und ziehenden Heerscharen. Alles ist durchflutet von Glanz und Leben, und alles, was geschieht, wird in fortwährender Bewegung gezeigt. Hier ist ein Beispiel, wie man eine biblische Erzählung selbständig, dichterisch und gewinnbringend nacherzählen kannin der Zeitschrift ,.L e Courrier Graph i q u e" veröffentlicht Pierre Mornand einen Aufsatz über die Porträts von T a k a 1 (Pseudonym Steinfeld), der früher viel in Berlin ausstellte und in Paris arbeitet. — ..Bulletin des Musees de France" beschäftigt sich im letzten Heft ausschliesslich mit der Schenkung au das Louvre. die vielseitigen Bestände der Collection David Weil 1. Sechs Fachgelehrte schreiben Aufsätze über verschiedene Einzelgebiete, denen die gestifteten Kunstsachen angehören. Ans dem grossen Graphik-Vermächtnis des Barons Edmond de R o t h s c h i 1 d an das Louvre werden aus Anlass der Weltausstellung 1937 im Musee du Jeu Paume hundert Inkunabeln ausgestellt. 0. B. ./ itwethr Ludwig Steinmetz \ Nürnberger Str. 56 (neben Woolworth) Musik in Berlin und im Reich Die ..Czardasfürstin", deren ausgezeichnet gelungene Aufführung im Berliner. Ruit u rbund wir nach ihrer Premiere bereits in der vorigen Nummer der C.-V^Zeiiung ausführlich würdigten, bleibt ein aussergewöhnlich starker Erfolg. Dazu tragen die Spielfreude bei den Mitwirkenden und die echte Begeisterung beim Publikum in wechselseitiger Wirkung sichtbar bei. Zwei wichtige Rollen sind alternierend besetzt. Alfred Lichtertstein, den wir diesmal als Boni hörten, war man bisher vorwiegend in ernsten 'Schauspielrollen zu sehen gewohnt. Er bewies eine bemerkenswerte Wandlungsfähigkeit, wenn er jetzt singend und tanzend über die Bühne wirbelte: ein Spassmacher, wie ihn die Operette verlangt, ohne dass man zu hohe Anforderungen an gesangliches Können stellt. Edith Eisenheim er verkörperte vortrefflich die anmutige und kokette Komtesse Stasi, schauspielerisch mindestens ebenso gewandt wie stimmlich. Man applaudierte dem Ensemble, dem Dirigenten und damit dem Orchester, nicht zuletzt dem Bühnenbildner mit dem heimlichen Wunsch: könnte ich das Spiel doch noch einmal von Anfang an sehen und hören! E. G.-.L. Auf besonderem Niveau stand ein vom Jüdifsrhen Kulturbund " Rhein-Ruhr veranstaltetes Konzert.' in dem der Geigerin Annie Steiger- B e t z a k Gelegenheit geboten wurde, ihre hohe und reife Kunst zur Geltung zu bringen. Bei einer solch souveränen Beherrschung ihres Instruments braucht .man keine Worte über das technische Können der Künstlerin, die mit feinem Takt in allem Effekt das. richtige Mass zu finden weiss, zu verlieren, in Kurt Heinemann hatte die Virtuosin einen ihr ebenbürtigen Partner am Flügel. Das Programm enthielt u. a. die interessante, in der Stimmung nach Südosten tendierende Sonate für Klavier und Violine op. 44 von Bernhard Sekles. das Konzert C-dur in altem-Stil von Kreisler und die Stempenyu-Suite von Achron. Lang anhaltendem, herzlichem Beifall dankte die Künstlerin mit einigen Zugaben. Die Veranstaltung wurde von sämtlichen, dem Rhein-Ruhr-B'ezirk angeschlossenen Ortsgruppen übernommen. —yo— Der „Kulturbund wirbt!" Die Werbeaktion des Berliner Jüdischen Kulturbundes, die Mitte August ihren Auftakt findet wendet sich diesmal, in neuer Form an die Mitglieder selbst. Allen Kulturbund-Mitgliedern wurde ein Sammelheft zugestellt, dass diese selbst für die Mitgliedswerbung benutzen können. Jedes neu hinzutretende Mitglied erhält den September gratis, falls es bis zum 10. September den Oktober-Beitrag entrichtet. Die alten Mitglieder erhalten für jedes "von ihnen während der Werbekampagne geworbene Mitglied einen Gutschein vom 1,— RM; der auf die Zahlung der Monatsbeiträg«- verrechnet wird. Ein Preisausschreiben für Kleinkunst-Texte Um dem Mangel an Texten abzuhelfen, die in taktvoller Art zu jüdisch-aktuellen Themen Stellung nehmen, veranstaltet die Künstlerhilfe der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ein Preisausschreiben. Zum Wettbewerb zugelassen sind Texte für sämtliche Kunstgattungen, die im Rahmen von Kleinkunstprogrammen Berücksichtigung finden können: Chansons, die zur Vertonung geeignet sind, S o To v o r t r ä g e ohne musikalische Begleitung in Versen oder Prosa, Duoszenen, Ensembles, Sketche (höchste Spieldauer: 15 Minuten, Höchstzahl der Mitwirkenden: 5) usw. Es steht den Teilnehmern des Preisausschreibens frei, auch abendfüllende Programme mit verbindenden Conferencen einzureichen. Hierbei ist Bedingung, dass diese Programme mit höchstens sechs Darstellern auf beiielfsmässigen Saalbühnen und mit einem Mindestmass szenischer Erfordernisse spielbar sind. Zur Verteilung gelangen folgende Preise: 1. Preis 260.— RM: 2. Preis 125.— RM: 3. Preis 75,— RM: 4. Preis 50 RM. Das Preisrichterkolle<rium ist berechtigt, im Rahmen der ausgesetzten Beträge Abänderungen in bezug auf die einzelnen Preise vorzunehmen. Alle Teilnehmer am Preisausschreiben müssen in der Lage sein, ihre Mitgliedschaft bei einer jüdischen Gemeinde nachzuweisen. Einsendungen haben bis spätestens 31. August 1937 anonym und mit Kennwort versehen in Maschinenschrift zu erfolgen an: Künstlerhilfe der Jüdischen Gemeinde, Berlin-Charlottenburg 2, Kantstrasse 159. In einem zweiten Umschlag, der erst nach der Zuerkenming der Preise geöffnet wird, ist Name und Anschrift des Kennwortinhabers niederzulegen. Die Teilnehmer des Preisausschreibens unterwerfen sich dem Urleil des PreisriehterkolJegiums. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Das Uranfführungsrecht für preisgekrönte Arbeiten steht der Künstlerhilfe zu. Dem Preisrichterkollegium gehören an: Max Ehrlich, Nicolai Eljaschoff, Rechtsanwalt Philipp Kozower, Leo Kreindler, Alfred Lichtenstein, Willy Maschke, Dr. Bruno Mendelsohn, Dr. Kurt Pinthus und Dr. Hermann Schildberger. Egon Lustgarten — 50 Jahre Als im Jahre 1919 die bekannte Wiener Musikzeitschrift „Anbruch'' ihre erste Nummer erscheinen Hess, fiel allgemein der Leitaufsatz „Philosophie der Musik" auf. Darin waren die subtilsten und tiefgründigsten Probleme der Musik mit grosser Klarheit behandelt. Die künstlerische Eigenart Lustgartens kam schon damals voll zum Ausdruck: seine schöpferische Phantasie benötigt in gleicher Weise Wort und Ton. Die Studienjahre an der Wiener Akademie finden ihn bereits in merkwürdiger Reife, die ihn bald nach dem Kriege, den er an der italienischen Front erlebt, zu einer Stellung als Theorielehrer am Neuen Konservatorium befähigt. Von seinen zahlreichen Kompositionen sind die tschechischen und slowakischen Volkslieder am bekanntesten geworden, obwohl auch die anderen Lieder, die sinfonische Kantate „Der Mensch" oder das Concerto capriccioso für Geige grosse Schönheiten enthalten. Eine Oper ,.Dante im Exil" ist eben beendet worden: sie ist voll der zarten, doch, eindringlichen Musiksprache, die ihn seit langen Jahren zu einem der bekanntesten Vertreter der gediegenen Wiener Schule gemacht hat. Was die Eurythmie Lustgarten verdankt, wird einstmals gesondert zu untersuchen sein. Wir können noch viel Bedeutsames und Hochstrebendes von ihm erwarten._ Karl Wiener. Kulturbund-Spielplan der Woche Theater in der Kommanclantenstrasse 57, 20 Uhr 15 Min.: Cza r das fürst i n", 1. August (Abt. 21, 31), 2. August (Abt. 22, 32), 3. August (Abt. 24. 34). 4. August (Abt. 9. 19), 5. August (Abt. 8. 18), 8. August (Abt. 7, 17). Brüdervereinshaus. Kurfürstenstrasse 115/116, 20 Uhr 15 Min.: 5. August Autorenabend. Vortragsabend Leo Merten Die Bemühungen, jüdische Dichtung — inj weitesten Sinne genommen —. einer aufnahmebereiten Hörerschaft zu vermitteln, wurden durch eine Veranstaltung des Berliner Kulturbundes mit Erfolg fortgesetzt. Sprecher des Fot. Herbert Sonnenfeld Abends war Leo Merten (Menter)', von früheren Zeiten her in guter Erinnerung, aber schon seit Jahren als Rezitator auch in der jüdischen Oeffentlichkeit nicht mehr hervorgetreten. Mertens Vortragsart ist eine Kunst der sparsamen Mittel, die er weder durch eine betonte Geste, noch durch rhetorischen Scbrwung bewusst zu steigern versucht; ja, sie ist behutsam und vorsichtig auch in der Verteilung dynamischer Akzente und verzichtet — vielleicht mehr als nötig — auf jegliche energische Kraftäusserung. Dieser Kunst der Zurückhaltung, die in ihrer unpathetischen Schlichtheit nur um so wärmer und eindringlicher wirkt, ohne die Gefahr der Monotonie ernstlich heraufzubeschwören, kam das Programm des Abends in besonderem Masse entgegen. Es war, der Natur des Vortragenden entsprechend, freilich mehr Besinnung als Aufbruch, mehr Kontemplation als Bewegung und Leidenschaft; höchstens,.dass zwei Gedichte von Alfred Mombert, dem brausenden Dichter des Kosmos, und von Manfred Sturmann, dem aufrecht-starken Künder des Judenschicksals, lebhaftere Wellen schlugen. Wundervoll ein jiddisches „Volkslied an Gott", ins Hochdeutsche übersetzt von Ludwig Strauss, mit seinem aus den Tiefen der Seele aufsteigenden, ergreifenden Refrain: ,,Du-Du-Du"; bemerkenswert auch das von innigem Gottvertrauen erfüllte „Erlebnis" von Arthur Silbergleit und das betrachtsam-formenschöne „Wenig und Viel" von Arno Nadel. Merten fand mit der Fülle seiner Darbietungen, die er, völlig losgelöst von Manuskript oder Buch, auch geistig beherrschte, berechtigten Beifall. H. L. kleinen 'Büro, malte Bilderchen auf den Kalender und auf leere Aktendeckel, wurde täglich fahriger und hilfsloser und gab es nun allmählfch auf, sich blind und taub und optimistisch zu gebärden. An sich war er, in den Grenzen seines Berufes, ein tätiger Mensch. Nun plötzlich fand er sich mit seiner Arbeitslust vor leeren Stühlen und Aktenhüllen. Ehe er sich ganz entschloss zu begreifen, dass es jetzt "gar bald ums nackte" Dasein gehen würde, ehe er es völlig aufgab, den Kopf, wie jener hochbeinige Wüstenvogel, vor der Gefahr in den Sand zu stecken, überliess er sich zuvor noch allerlei betäubenden Beschäftigungen. Anfangs ging er seiner Mutter, die mit dem sicheren "Instinkt der Frau schon längst die Lage erkannt hatte und zu sparen begann, wo es möglich war, im Haushalt zur Hand. Er schabte Gemüse und wischte die Stuben auf, er sclirubbte den Herd und lernte, den Abwasch zu erledigen. Nur vor Manci erklärte er sich noch nicht geschlagen. Aber heimlich machte er sich dann endlich daran, sich hier und da um einen Posten zu bewerben. Als die Absagen und höflichen Ausflüchte sich auf seinem Schreibtisch häuften, gingen ihm jäh die Augen auf. Sein Stolz und seine schwerfällige Natur rebellierten vergeblich. Stunden der Verzweiflung stellten sich ein, und eines Tages unternahm er die ersten, vorsichtigen Schritte zur Umstellung, indem er Kurse für Buchhaltung, Kurz- und Maschinenschrift belegte. Am ersten Februar wurde Manci arbeitslos. Der Arzt, der sie bislang beschäftigt hatte, wanderte aus. Sie lief In der Stadt herum, von Haus zu Haus, sprach bei den Arbeitsämtern vor und scheute keinen Weg, um sich vorzustellen. Aber nichts gelang, und nach zwei Wochen ging ihr Geld zu Ende und der Hunger stellte sich ein. Yon dieser. Not erfuhr Karl nichts. Er war selbst gedrückt, wortkarg und verzweifelt; Manci brachte es nicht über sich, ihm jetzt noch mit den eigenen Kümmernissen zu kommen. Tagelang nährte sie sich von alten Brötchen, die sie von einem gutherzigen Bäcker auf Borg erhielt. Wenn sie dann abends mit Karl zusammentraf, versuchte sie, guter Dinge zu sein und sich vor ihm nichts merken zu lassen. Einmal versagten ihre Kräfte, und sie bat ihn, unter Vorwand, ihr Geld daheim vergessen zu haben, mit erzwungener Lustigkeit um ein paar Groschen. Karl wurde brennend rot, stammelte in grosser Verlegenheit eine Entschuldigung und musste bekennen, dass er gleichfalls keinen Pfennig bei sich hatte. Als die beiden sich an diesem Abend trennten, wurde Manci auf dem Heimweg vor dem Schaukasten einer kleinen Kneipe bewusstlos. Ein Wachtraann fand sie auf dem Pflaster liegen, hob sie auf und trug sie in das Lokal, wo die Besitzerin, eine fette Frau aus Krakau, sich ihrer annahm. Als sie zu sich kam, lag sie im Gastzimmer auf einem ausgesessenen Sofa, eine fremde Person sass neben ihr und führte sacht ein grosses Glas mit heisser Milch an ihre Lippen. Gierig trank sie und hatte Mühe, nicht verwundert zu sein, dass unerwartet eine fremde Frau ihren Hunger stillte. Nach der Milch bekam sie einen riesigen Teller voll Rührei vorgesetzt und eine Menge wunderbar belegter Brote. Als sie satt war, fing sie, im Gedanken an die letzten Wochen, bitterlich zu weinen an. Frau Waskowa holte nun eilends einen Kognak herbei und zwang ihn Schluck um Schluck dem schluchzenden Findling als Stärkung auf. „Arbeitslos?" fragte sie schliesslich sachlich, als Manci sich beruhigt hatte. Frau Waskowa sprach, wie ein Doktor mit einem kranken Kind spricht, kurz, gutgelaunt und eindringlich. „Was können wir denn?" „Wenig", sagte Manci ohne Hoffnung, „Röntgenkram ünd Laboratoriumsarbeiten. Aber "das besorgen die Aerzte heutzutage alles allein." „Nun hör mal zu, mein Kind", sagte Frau Waskowa,-rasch, entschlossen zu helfen, „ich glaube, die Sache ist erledigt. Vor 14 Tagen habe ich mein Büfettmädel an die Luft gesetzt — hat geklaut, verstehst du? Und dann noch freche Reden geführt! Ich wollte mir nun eigentlich einen Kellner in den Laden nehmen, aber wenn du Lust hast und dir nicht zu fein vorkommst, hinter der Theke zu stehen und Mollen einzuschenken, in Gottes Namen, dann kannst du bei der Mutter Waskowableiben!" Manci war vor Freude und Dankbarkeit ausser sich. Sie sollte 70 Mark und freies Essen bekommen, die Arbeit begann um Mittag, und an jedem zweiten Sonntag hatte sie bis 8 Uhr abends einen freien Tag. Als sie sich um Mitternacht auf den Heimweg machte, strebte jeder ihrer Gedanken zu Karl und zu dem, was er wohl sagen würde, wenn er erfuhr, dass sie in ihrer Not ein Schankmädel werden sollte. Sie begann zu frieren. Karl war befangen und angefüllt mit allen Vorurteilen des gestürzten Bürgersohnes, ach, sie wusste es ja, und sie wusste auch, dass er es schwerlich, vielleicht sogar niemals, würde verwinden können, ein Mädchen zu heiraten, welches nachts an einem Ausschank Bier und Schnäpse verteilt hatte. Sie empfand in diesen Augenblicken eine Art Mitleid mit ihm, die ihre Neigung noch verstärkte und sie dazu bewegte, ihn mit der schlimmen Wahrheit zu verschonen und mütterlich den Packen allein zu tragen. Und wer weiss, ob Karl sich eines Tages nicht selber aus seinem hoffnungslosen Advokatendasein in die Sphäre des ärmlichen und wenig ambitionenreichen Acht-Stunden- Tages würde retten müssen, um sein Leben zu fristen? Noch wusste sie nicht, dass Karl schon heimlich in der Wandlung begriffen war und dass er mehr und mehr bereit wurde, sich der Notwendigkeit zu fügen. Aber sie ahnte, dass diese Wandlung bevorstand, und ihr Herz wurde schwer bei dem Gedanken, dass dieser Karl, der schöne, schmale Hände hatte, die mit Büchern und Geschriebenem umzugehen verstanden, einmal gezwungen sein könnte, Arbeit zu verrichten, die ihm widerstreben musste, ihm, seinem kindischen Stolz und seiner falschen, anerzogenen „Fürnehmheit". Als sie die Haustür öffnete, war sie entschlossen, kein Mittel zu scheuen, um Karl den Glauben zu geben, dass sie „Röntgenkram und Laboratoriumsarbeit" erledigte, selbst wenn er sich einmal über die veränderten Be-. schäftigungszeiten verwundern sollte. Karl wunderte sich zwar in der Tat; weil er aber nicht mi'sstrauisch war, Hess er es dabei bewenden, dass Manci plötzlich in der Nacht arbeiten musste und sich nur an den frühen Vormittagen mit ihm verabreden konnte. Selbst der neue Umstand, dass sie nun auch an jedem zweiten Sonntag „in die Praxis" musste, liess "vorderhand keinen Verdacht in ihm wach werden. Und als die ersten Zweifel sich meldeten, griff das Schicksal selber ein und machte ihm mit sich selber so viel zu schaffen, dass Mancis verdrehte Arbeitszeit völlig in den Hintergrund geriet. Karl hatte nämlich durch Vermittlung des Herrn Neumark, bei dem er seine Tipp- und Steno- und Buchführungskurse durchmachte, eine Stellung zugewiesen bekommen. (Fortsetzung folgt.) Ernst Lissa u er hat im Verlag der „Neuen Dichtung" einen neuen Gedichtband „Zeitenwende'* erscheinen lassen, der die lyrische Auslese aus dea Jahren 1932—1936 umfasst. In unserer. Besprechung „Neue Ausgabe vr>n Raschis Psalmenkoromentar" (Nr. 29 vom 22. Juli) wurde der Name des Verfassers durch einen Druckfehler entstellt wiedergegeben. Er lautet richtig; Isaak Markoru