Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 28 (15.7.1937)
- Date
- 1937-07-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2277379-2277516-2277544--12058-2281637- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seife 12 C.-V.-Zeitung Nr. 28 * 15.}u!i1937 alten Bäumen beschattet, ragten etwa hundert halbverwitterte Grabsteine mit schwer lesbaren Inschriften in schönen, altfränkischen Zügen. Eine halbverfallene niedrige Mauer unigab den ,.heiligen Ort", und rings zog sich ein Graben hinangefüllt mit Schlingpflanzen und Unkraut. Üeber eine kleine, morsche Brücke gelangte man ins Innere. Der Friedhof war seit Jahren geschlossen, nur im Monat Ellul gingen die erwachsenen Männer dorthin, um die üblichen Totengebete zu verrichten; die Frauen zogen Fäden rings um die Grabstätten und flochten sie dann in die grossen, dicken Wachskerzen für den Jörn Kippur. Aber am neunten Ab pilgerten alle, die abkommen konnten, dorthin; man nahm sogar die Knaben mit. Uns hatten sich unterwegs mehrere unserer Nachbarn angeschlossen, und wir gelangten in stattlicher Anzahl hinauf. Moses Feder, der ein Kohen war, blieb vor der Pforte stehen, wartete, bis unser Lehrer das übliche Gebet gesprochen hatte und kehrte dann um. Die anderen zerstreuten sich zwischen den Grabsteinen. Ich blickte um mich und sah die ganze Umgegend vor mir ausgebreitet, die dunkeln Wälder hoben sich ab von den grünenden Wiesen und den hellen, reifenden Feldern. Wie ein silbernes Band schlängelte sich der Fluss dazwischen und verlor sich in der Ferne. Auf einer Anhöhe gegenüber, scheinbar ganz nahe, aber mindestens eine Viertelmeile entfernt, ragte die katholische Kirche mit den unzähligen Türmchen, und dahinter dehnte sich der christliche Friedhof. Tief unten im Tal zog sich die Landstrasse hin, ein paar schwarze Pünktchen bewegten sich herauf, so gross wie Käfer ., * Auf dem langen Tisch im grossen Wirtschaftszimmer warteten einige Schüsseln voll Rahm und Walderdbeeren. Grossmütterchen und die Kleinen, vorab mein zehnjähriger Bruder, machten sich über den schneeweissen, purpurgefleckten Leckerbissen her. Jaga stand an der Schmalseite des Tisches, und während sie grosse Schnitten Weissbrot mit Butter bestrich, ermahnte sie mit befehlshaberischer Stimme die jungen Naschhälse, ja nicht einen Löffel einzutauchen, ehe sie die Beocha gemacht. Jaga war zwar eine Christin, aber sie war fromm und achtete streng darauf, dass die Vorschriften der jüdischen Religion von uns Kindern peinlich befolgt wurden. Beim Anblick der appetitlichen Speise und der herzhaft zugreifenden Kinder fühlte ich plötzlich ein starkes Knurren in der Magengegend. Jaga kam auf mich zu und schioss mich zärtlich in die Arme. ..Hast wrohl guten Appetit, mein Junge, was? Aber du musst noch zwei, drei Stunden fasten, mein Kind, du bist ja schon' ein grosser Junge, ei, du bist schon fast so gross wie ich. und mir ist es, als hätte ich dich'erst gestern auf diesen, meinen Armen getragen. Wie rasch die Zeit vergeht . . ." Na, sagen wir, bis drei Uhr fastest du..." „Was fällt dir ein, Jaga, ich muss den ganzen Tag fasten, bis drei Sterne am Abendhimmel stehen." „Du bist wohl verrückt. Kleiner? Schau mal einer an, der hält sich für einen erwachsenen Mann und will den ganzen Tag fasten . . .!" „Das muss ich, Jaga, ich hab' nämlich einen Neder getan.'' „Einen Neder? Was ist denn das?" „Das ist ein Gelübde, so gut wie ein Schwur." „Dummes Zeug, ein kleiner Junge wie du tut keinen Schwur. Bis drei Uhr fastest du, dann wird gegessen. Verstanden? Basta!" Einige Minuten später sassen Mutter und Grossmutter mit Jaga an dem langen Tisch, mit Wirtschaftsarbeiten beschäftigt. Reb Chajkel tratrein und Hess sich seufzend auf einen Stuhl' in der Ecke nieder. Er wischte sich die schweissbedeckte Stirn. „Ein heisser Tag", stöhnte er. Grossmutter zwinkerte meiner Mutter lächelnd zu, und diese sagte: „Ein Glas kalte Sauermilch würde euch sehr wohltun... ein schwächlicher Mensch, wie Ihr seid... Der Zaddik von Sadagora trinkt ja sogar Kaffee am heutigen Tag."' „Sauermilch? Wo denkt ihr hin . . .? Am heutigen Tage? Man muss sich peinigen , . „Ganz recht, aber man darf sich nicht zu Tode peinigen, ihr könntet, Gott behüte, ernstlich erkranken . . . Gott hat nicht viele, die ihm so dienen, wie ihr. Wenn ihr nur zum . Himmel emporblickt, ist das vor Gott lieber, als wenn wir gemeinen Leute zweimal in der Woche fasten." „Hm, aber kalte Sauermilch, das ist ja schon fast ein richtiges Essen, das wTäre eine schwere Sünde ..." „Ach, ja, ich weiss, ihr mögt keine kalte Sauermilch .... es kann ja Kaffee sein,3 eine oder zwei Tassen, ganz wie es der heilige Zaddik von Sadagora macht." „Nein, nein", protestierte Reb Chajkel matt. „Der Heilige von Sadagora ist von schwacher Gesundheit, und dann ist er ja eben der Heilige von Sadagora, wie kann ich sündiger Mensch mich mit ihm vergleichen?*" „Darüber habe Ich natürlich kein Urteil, aber was die Schwäche der Gesundheit anbetrifft, so seht ihr so bläss aus, dass es ein Erbarmen ist. Das Herz tut mir weh, dass ihr euch so peinigen müsst. Wäre ich ein Rabbiner, so würde ich euch nicht nur erlauben, Kaffee zu trinken, sondern es euch direkt befehlen." „Weisst du was", rief Grossmutter dazwischen, „fragen wir Rabbi Akiba." Unser Lehrer versah nämlich im Notfalle die Funktionen eines Rabbiners in der ganzen Umgegend, entschied rituelle Fragen, wirkte sogar als rabbinischer Schiedsrichter bei Prozessen. Rabbi Akiba kam herein, der Anblick des zusammengeknickten blassen Reb Chajkel jammerte ihn, und da er in allen rituellen Fragen, soweit sie nicht seine eigene Person betrafen, zur grössten Milde neigte, sagte er: vlhr dürft getrost Kaffee trinken, Reb Chajkel, sogar"drei Tassen. Es wird kein Loch im Himmel werden, und wenn eines wird, verstopft ihr es mit einigen Portionen vom heiligen Sohar. Trinkt Kaffee, soviel man euch gibt, unsereiner darf sich das nicht erlauben, aber ein Chassid, wie ihr, der unter dem Schutz so vieler Zaddikim steht, dem wird man im Himmel solche kleinen Sünden schon nachsehen. Indessen geht in ein anderes Zimmer, wenn ihr Kaffee trinken-wollt; es braucht nicht alle Welt euch dabei zu sehen, die Leute könnten sich ein böses Beispiel daran nehmen. Nicht jeder kann wissen, was einen so frommen Mann zwingt, das Fasten zu brechen." Mutter führte Reb Chajkel in die Speisekammer neben der Küche, dann brachte sie eine riesige Kanne Kaffee nebst einem Topf Saline und einer Tasse hinein und stellte das ganze auf den weiss gehobelten Tisch vor" Reb Chajkel hin, der sich auf einen Stuhl niederliess und eine Miene machte, als sollte er aufs Schafott geschleppt werden. * Ich nahm mir den Midrasch Echan vor. Aber allmählich fing es an, mir immer schwächer ums Herz zu werden, und ich musste mich sehr zusammennehmen, um den Gedankengängen des Textes zu folgen.. Ich biss die Zähne zusammen, strengte mich an, die Sätze laut herauszusagen und sie mir zu verdeutlichen; schliesslich fühlte ich mich so matt, dass ich mich aufs Sofa hinstrecken musste. Das beruhigte mich ein wenig. Ich vertiefte mich aufs neue in die Schilderungen der Belagerung von Jerusalem, der Verbrennung des Tempels und der späteren Kämpfe des Bar Kochba und seiner Heldenscharen gegen die Armeen des Kaisers Hadrian ..."Was war im Vergleich mit all dem das bisschen Kneifen in den Gedärmen, welches ich jetzt empfand? ... Ich muss eingeschlafen sein. Auf einmal stürmte das ganze Rudel Kinder herein, die Jüngsten kletterten auf Jagas Schoss, Grossmütterchen streichelte mir mitleidig das Gesicht. Mein Bruder hielt mir lachend ein mächtiges Butterbrot vor die Lippen: „Da, beiss an!" „Wirst du still sein, herzloser Schlingel?" schrie ihn Jaga an. Der arme Junge vergeht vor Schwäche, und der quält ihn mit Spässen. Packt euch von dannen, ihr habt hier nichts zu tun!"' Sie jagte die Kleinen hinaus und fing an, mich zu bedrängen. Es wollte ihr nicht in den Kopf, dass ich eine moralische Verpflichtung haben könnte, ihr zu widerstehen. „Du kleiner Bock, du bist ganz so eigensinnig, wie dein Vater in deinem Alter war. Na wart', wir wollen sehen." „Geh' doch mal hinein zu deinem Sohn, was bist du für eine Rabenmutter", hörte ich, wie sie draussen . meine Mutter anschrie. „Das arme Kind liegt auf dem Sofa und stirbt förmlich vor Hunger und Schwäche, und du hast das Herz, hier Süssigkeiten einzumachen und Kräpfchen zu kochen. Was hat sich der Junge in den Kopf gesetzt, dass er sich kasteien müsse? Soll er alle Sünden der Erwachsenen abbüssen? Geh' doch hinein und befiehl ihm zu essen. Was denkst du denn?" Ich lauschte gespannt. Jaga war gewöhnt, ihren Willen durchzusetzen. Um meine Aufmerksamkeit abzulenken, strengte ich mich an, die Lektüre des Midrasch Echa wieder aufzunehmen. Meine Augen flogen über das Buch hin ... Da kam meine Mutter herein, setzte sich zu mir, strich mir die Haare aus der Stirn und sagte: „Bist du gar nicht hungrig?" Mir wurde auf einmal sehr schwach ums Herz. „Ja, Mutter ... ach nein, nein... Wo denkst du hin? Ich habe ja einen Neder getan. Ich muss fasten!" ... „Ist das wirklich so strenge? ... Wir wollen doch Rabbi Akiba fragen." „Das nützt nichts, Mutter, ich weiss es genau. Einen Neder muss man unbedingt halten, auch wenn man ein kleiner Junge ... das heisst, ich wrollte sagen, auch wenn man noch nicht Bar Mizwa ist." Die Mutter sah mich sehr barmherzig an und ging schweigend hinüber zu Rabbi Akiba. Unser Lehrer aber entschied, dass mein Vater das Recht habe, meinen Neder einfach aufzuheben, für null und nichtig zu erklären und mir zu befehlen, dass ich esse ... Aber nur der Vater allein, sonst niemand . Ohne viel zu überlegen, ging meine Mutter in das angrenzende Zimmer, wo mein Vater über seinen Geschäftsbüchern sass. Zu mir drangen folgende Bruchstücke des Gespräches: „... Es wird ihm nichts geschehen. Man stirbt nicht gleich, wenn man einen Tag nicht isst. Er ist ein bisschen blass, das macht nichts. Er kann's aushalten." Aushalten kann ich's schon, dachte ich bei mir, aber mir war der ganze Leib wie ausgehöhlt, im Kopf fühlte ich einen Druck und in der Magengegend richtige Schmerzen. „Geh" doch nur hinein und sieh, wie er todmüde auf dem Sofa liegt, er atmet kaum. Ich kann das nachfühlen, ich bin eine Mutter von sechs Kindern." „So, ich gestatte mir, dich zu erinnern, dass ich meinerseits ein Vater von sechs Kindern bin. Es sind zufällig dieselben sechs Kinder." Mein Vater fasste die ganze Sache offenbar von der spasshaften Seite auf. „Die Männer haben kein Herz" schrie meine Mutter. „Es handelt sich hier gar nicht um das Herz, sondern darum, dass der Junge einen Neder getan hat, den er halten muss. Das ' geht nun einmal nicht anders." „Wenn ich dich aber bitte, sag' ihm, dass sein Neder gar kein Neder ist, dass er noch ein Kind ist und du ihm einfach das Fasten verbietest!" . . . Nein, das wollte mir nicht mehr gefallen . . . Noch ein Kind? Mein Neder gar. kein Neder? . . . „Weisst du was, ich übertrage dir die Vollmacht. 'Sag' du ihm das alles. Aber du übernimmst dann auch die Verantwortung dafür, dass dein Sohn sich gewöhnt, sein Wort nicht zu halten. Was braucht man sich aus einem Ehrenwort zu machen, wenn man einen Neder bricht? Weisst du nicht, was ein Neder ist?" Ganz recht . . . dachte ich bei mir . . . aber die Schmerzen in der Magengegend nahmen immer mehr zu . . . Natürlich musste ein grosser Junge seinen Neder streng einhalten, aber wenn der Vater es nun einmal nicht dulden will. . . das .wäre freilich sehr beschämend, auf Befehl des Vaters essen zu müssen; aber dem Vater muss man gehorchen, unbedingt gehorchen ... Es schmerzt so sehr, da: ganz dicht unter dem Herzen . . . der Vater ist immer so gut, nie setzt er sich allein zu Tische, immer muss ein Kind mit ihm mitessen, er müsste eigentlich spüren, wie weh es tut . . . die Gedärme krampten sich einem zusammen im Innern ... „Gib dir keine Mühe, liebes Kind, es ist vergebens. Ich will seinen Neder nicht aufheben. Es sind nur noch vier oder fünf Stunden, bis drei Sterne am Himmel stehen. Er wird es schon aushalten. Wenn ich seinen Neder störe, breche ich seinen Charakter, er wird ein Schwächling und ein Windbeutel." Meine Mutter war für diese Argumente nicht zugänglich. ..Vier oder fünf Stunden! ... Um Gottes Willen, du hast kein Herz . . . Ich spüre leibhaftig, wie dem Kinde die Seele ausgeht, und du sagst fünf Stunden . . . Na, ich schicke dir gleich die Mutter." Mir winkte ein Hoffnungsstrahl. Meiner Grossmutter wagte der Vater nie etwas abzuschlagen ... Es war sicher,- dass er gleich hereinkommen und mir verbieten würde, weiter zu fasten. . Das wird eine arge Schande sein . . . Ich werde gezwungen werden, meinen Neder zu brechen, schlimmer noch, es wird gar kein Neder gewesen sein, ein hohles Wort, von einem kleinen, leichtsinnigen Jungen gesprochen, das gar keine Geltung hat . . . Ich werde mich natürlich weigern . . . ich bin ja schon erwachsen, im nächsten Jahr bin ich Bar-Mizwa . . . ich werde mich entschieden weigern . . . Was mach' ich mir aus Kaffee und Buttersemmeln und Käsekräpfchen? . . . Einen Neder muss man halten, ich bin kein kleines Kind mehr . . . „Mein Sohn", hörte ich die energische Stimme der Grossmutter, „ich befehle dir, auf der Stelle hineinzugehen und deinem Sohn den Neder mefir zu sein (zu annullieren). Ho, ho, die Grossmutter fasst die Sache ganz anders an. Ihr ist nicht leicht zu widersprechen. Eine Weile herrschte Schweigen. Ich wartete mit verhaltenem Atem. Ich spürte nichts mehr von den Schmerzen in der Magengegend. „Liebe Mutter, wenn du befiehlst, muss ich gehorchen. Aber das wird ihm nichts nützen. Sein Neder ist nur dann ungültig, wenn ich ihn aus freiem Willen aufhebe, aber wenn ich es auf deinen Befehl tue, Beschwerden über das Ausbleiben der C.-V.-Zeitung, Umleite* wünsche sind stets dem zuständigen Post* amt (Zeitungsstelle) zu unterbreiten. Die Be* zugsgebühren sind an den Briefträger zu zahlen. bleibt der Neder bestehen, und er darf nicht essen." „Das verstehe ich nicht recht", sagte die Grossmutter etwas unsicher. Wie meinst du das?" „Das ist ganz einfach. Wenn ich seinen Neder nicht'ganz freiwillig aufhebe, bleibt er in Kraft bestehen, und es ist, als hätte ich kein Wort gesagt. Er darf nach wie vor nicht essen. Wenn er isst, hat er seinen Neder gebrochen." „Aber ich will ja, dass du es freiwillig tust." „Du hast mir ja soeben befohlen, es zu tun. Ich täte es bloss, um deinem Gebot nicht zu widersprechen. Von allein wäre es mir ja nicht eingefallen. Es hat also keine Geltung. Lies mal im Teutsch-Chummesch nach." Ich musste meinem Vater recht geben. Mir schwindelte es vor den Augen, und eine grosse Schwäche überkam mich. Es war mir trostlos zumute . . . Vier oder fünf Stunden ... das war furchtbar lange. * „Steh auf, mein Sohn", weckte mich eine Stimme aus dem Schlafe. Mein Vater stand bei mir und erfasste meine Hand. „Komm ins Glieder, man hat eben Mincha angefangen." "ich folgte ihm schlaftrunken. Im „Glieder" bot sich mir ein seltsamer Anblick. Die.'Sonne war im Untergehen. Auf dem Betpult neben der Heiligen Lade brannten trübselig zwrei Kerzen und warfen einen düsteren Schimmer auf den schwarzen Vorhang. Die versammelten Männer legten Talli't und Tephillin an, was mir sehr auffiel, da man ja sonst niemals Tephillin am Abend legte ... Ich stutzte eine Weile, dann entsann ich mich, dass heute der neunte Ab wrar ... Ich hatte den ganzen Tag gefastet ... * ' Mincha war zu Ende, in der langen sommerlichen Abenddämmerung setzten sich die Männer hin und plauderten gemächlich, bis drei Sterne am Himmel.erschienen und man das Abendgebet beginnen konnte. Mein Vater trat zu mir, streichelte mir die Wangen und erfasste meine Hand. Ich war so schwach, dass ich mich nicht rühren konnte. "Grossmütterchen stürmte herein, fasste meinen Vater an den Rockschössen und zog ihn hinaus. „Komm, ich zeig' dir was, komm schnell!"*- Sie traten hinaus vor das grosse Fenster. „Sie, Vater, es stehen schon drei Sterne am Himmel! Da, da und da!" „Wo denn? Ich sehe nichts." jHeb' mich nur auf den Arm, ich zeig sie dir gleich!" Sie stocherte mit dem kleinen Finger in der Luft herum und beteuerte, drei kleine, ganz kleine Sternchen zu sehen. „Es sind Glühwürmchen, Kind, auf die Sterne muss man noch eine Viertelstunde wrarten." Ich lag ganz resigniert in meinem Stuhl und wartete. Die Viertelstunde dauerte entsetzlich lange. Aber schon wurde das Abendgebet angestimmt. Ich w7ar so schwach, dass ich mich an meinen Vater lehnen musste, um nicht umzusinken. Er fuhr mir einige Male liebevoll mit der Hand über die Stirn. Noch eine Weile ... Ich nahm mich zusammen und betete mit. Jetzt.war ich wieder ganz frisch und munter, als hätte ich überhaupt nicht gefastet. Das war alles eine Kleinigkeit gewesen ... Die Tür öffnete sich, und meine Mutter erschien mit einem grossen Tablett auf den Armen, voller Flaschen, Gläser und einem Teller mit Kuchenschnitten. Es war der Imbiss für die Fastenden. In mir hüpfte das Herz bei diesem Anblick. Für mich war eine Tasse Kaffee und Gebäck bestimmt. Alle setzten sich gemächlich um den langen viereckigen Tisch, gössen sich bedächtig die Gläser voll und tranken einander zu. „Das Fasten an einem so langen Tage ist schwer", bemerkte Rabbi Akiba, „aber den Gottesfürchtigen gibt Gott die Kraft dazu." Erst jetzt durfte ich nach meinem Kaffee greifen. Nie im Leben hat mir seither ein Getränk so geschmeckt! „Na, wie ist dir das Fasten heute bekommen, kleiner Baal Neder?" fragte mich Berl, der Brauer. „Ausgezeichnet! Am Jörn Kippur faste ich abermals!' Die Palästina-Ccntralc der Agudas Jisroel in Deutschland veröffentlicht einen Aufruf, in dem sie in Erinnerung an die Zerstörung des Tempels zum 9. Ab zu gesteigerter Mitarbeit an dem Aufbauwerk des Kererf Hajischuw auffordert.