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Central-Verein-Zeitung · 1937-07-15 · 28 (15.7.1937) · page 11

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
28 (15.7.1937)
Date
1937-07-15
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 28 * 3. Beiblatt 15. Juli 1937 -Seite 11 Mein erster Fasttag / An jenem Tage, dem neunten Ab (Fest- und Trauertag um die Zerstörung des Tempels), war ich genau vor einem .Monat in das dreizehnte Lebensjahr eingetreten, und mit mir war eine merkwürdige Umwandlung vor sich ■ gegangen. Nach einem Jahr sollte ich. anfangen, Tephillin zu legen. Ich sah diesem Tage mit' einem Gemisch von wonnigem Bangen und gespannter Erwartung entgegen. Es musste etwas geheimnisvoll ■ Grossartiges sein, in den Bund der Erwachsenen aufgenommen zu werden. Natürlich hätte es meinem erwachenden Jünglingsstolz sehr geschmeichelt, am neunten Ab volle 24 Stunden zu fasten, wie die Grossen, obgleich ich dazu gar nicht verpflichtet war, und sogar vierzehn- und fünfzehnjährige Jungen an diesem langen, heissen Sommertag nur bis 3 oder 4 Uhr ohne Speise und Trank gelassen wurden. Diesmal fiel der neunte Ab auf einen Sonn- tag. Am Sabbat zuvor versammelte sich die Nachbarn aus unserem und den umliegenden Dörfern zum Gottesdienst in einem grösseren Zimmer unseres Hauses, welches als Mimatursynagoge eingerichtet war. Hier standen auch die Bücherschränke, und hier lernten wir, sechs bis sieben Knaben verschiedenen Alters, weswegen wir dieses Betgemach „Cheder" nannten. An' jenem Sabbat trug die in die Ostwand einr gemauerte Heilige Lade einen schwarzen Vorhang, was auf uns Knaben einen besonders düsteren Eindruck machte und stark unsere Munterkeit dämpfte'. ( . Spät am Nachmittag kamen die Nachbarn mit ihren Knaben, meinen Schulkameraden, abermals zusammen. Man nahm, nach Mincha, das dritte Sabbatmahl ein, jetzt zugleich das „Vortasten": und am Abend sollten nach dem Gottesdienst die Klagelieder Jeremias nebst den Trauergesängen für den neunten Ab vorgetragen werden. Nach Tisch wurden wir Knaben übermütig und tummelten uns draussen herum, unter den Augen der Erwachsenen, die. in dem grossen Vorgarten unseres Hauses sassen, und gemütlich plauderten. Jankel, der Fuhrmann, meinte: „Mein Sohn Schalom ist baumstark und kerngesund, und dennoch kommt ihm das Fasten schwer an. Gege*i Nachmittag ist er immer blass wie Leinwand und kann sich .nicht von der Stelle rühren.*' Jankel w:ar ein stämmiger Mensch, wegen seiner ausserordentlichen Körp'erkraft weit und breit bekannt. Sanft und still arbeitete er schwer für den Unterhalt seiner Familie und um für-seinen begabten Sohn das Lehrgeld aufzubringen und ihm Bücher zu kaufen. Er erstarb in Bewunderung vor allen,, die in den heiligen Büchern, gleichviel welcher Art sie sein mochten, studieren konnten. Er selbst verstand^nur die Bibel und die Gebete, und auch dies bloss mit Hilfe der jüdischen Ueberse*zung. „He, Schalom", rief er seinen Jungen herbei, „wie wird es morgen mit dem Fasten sein?" Der siebzehnjährige Schalom war mein Studiengenosse und besonderer Herzensfreund. Mir war er in Bibel und hebräischer Grammatik weit voraus, dafür bewunderte er meine Algebra und Himmelskunde, wozu er nichtdie geringste Befähigung aufwies. „Morgen faste ich. den ganzen Tag, Vater", rief er schüchtern, „du sollst sehen ..." „Wenn, es nur nicht deiner Gesundheit schadet", bemerkte sein Vater mit weicher Stimme. „Wir fasten alle bis Mincha", riefen einige Jungen beherzt. „Na, na", sagte unser Lehrer, „wenn die Mütter so gegen Mittag euch schön bitten zu essen, werdet ihr nicht nein sagen." „Aber wo denken Sie hin, Rabbi! Sind wir kleine Mädchen?" „Schön, schön, aber wer noch nicht Tephillin legt, braucht nicht zu fasten." „ Wenn ich es aber kann", erwiderte ich selbstbewusst. „Kannst du das?" „Ich faste den ganzen Tag, das kann ich, das werde ich Ihnen beweisen." „Gewiss, mein Sohn, du issest dich satt zu Mittag, dann kannst du den ganzen .Tag fasten," „Nein!" rief ich verletzt. „Ich faste den ganzen Tag ununterbrochen, von jetzt ab bis morgen abend, wenn drei Sterne am' Himmel stehen." „Nimm dich in acht, Kleiner, morgen wirst du es bereuen. Dann kommt die Mutter und bittet dich, nur ein Butterbrot zu essen, ein ganz kleines Stück Butterbrot, mit Käse oder auch ohne Käse. Du widerstehst nicht.. Weisst du, was es heisst, den ganzen Tag zu fasten, für einen so kleinen Jungen?" „Ich bin kein kleiner Junge, und im künftigen Jahr werde ich ja verpflichtet sein." ... „Ganz recht, aber morgen bist du noch nicht verpflichtet, und wenn du so gegen zwei oder .drei Uhr kräftigen Appetit bekommst, und die Mutter fühlt es und bittet dich . . . du "wirst nicht widerstehen und dich mit Freuden erweichen lassen." „Nein, das tu ich nicht, ganz gewiss nicht, ich faste den ganzen Tag. Ich werde . nicht schwach. Ich bin ja kein Kind. Obwohl ich nicht verpflichtet bin, werde ich bis zu Ende fasten. Ich werde mich nicht überreden lassen", sprach ich mit . steigendem Eifer. „Ich tue einen Neder." (Lege ein Gelübde ab.) Das Wort war gefallen, eine Stille entstand. Es war ein leichtsinniges Wort. Mein Vater und mein Lehrer schüttelten miss- Aus dem Nachlass von Binjamin Segel billigend die Köpfe. Mit einem Neder war nicht zu spassen, obgleich ich noch ein kleiner Junge war. Ein Neder musste unbedingt gehalten werden, kostete es, was es wollte. Der Sabbatausgang verlief bei gedämpfter Stimmung. Sonst erstrahlte zu dieser Stunde das ganze Haus in hellem Licht, man rüstete zum Geleitemahl. Jetzt erschöllen keine Gesänge, ein paar Kerzen brannten trübselig im „Cheder" und verbreiteten einen düsteren Schein, den der schwarze Vorhang vor der Heiligen Lade noch erhöhte. Strohmatten wurden über den Boden, gebreitet und die Bänke umgestülpt, damit die Versammelten sich zur Erde setzen konnten, um die Klagelieder des Propheten Jeremias vorzutragen. Diese beklommene Stimmung hinderte uns Knaben nicht, allerlei Unfug zu treiben. Wir versammelten uns in einer Ecke und beratschlagten tuschelnd über einen Aufstieg in die benachbarten Gärten, um uns mit Distelköpfen zu versehen, die heute eine übermütige Verwendung finden sollten. Es bestand nämlich eine alte Unsitte, die den Knaben am neunten Ab erlaubte, sich mit Distelköpfen zu bewaffnen, die sie während des Vortrages der Trauerlieder aus den Taschen zogen, um sie den Erwachsenen in die Bärte oder S'chläfenlocken zu schleudern. Die Alten brummten über diese dreiste Störung des Gottesdienstes, schalten die kleinen Missetäter aus, taten dies aber nur mit halbem Munde. In den Tadel aber mischte sich ein gewisses befriedigtes Schmunzeln. Reb Chajkel, der Chassid, dessen zottiger, ewig ungekämmter Bart die beliebteste Zielscheibe unserer Geschosse sein sollte, hielt es auf alle Fälle für angezeigt, Vorsichtsmassregeln zu treffen. Er zog sein riesengrosses, fettiges, mit Spuren von Schnupftabak über und über bedecktes Taschentuch hervor und fing an, es in Falten zusammenzulegen. Er wollte es sich zur grösseren Sicherheit um das Kinn binden. Das sah nicht schön aus, aber auf das Aesthetische legte er nicht viel Gewicht. Da er sich vor der. Gefahr., geschützt wähnte,, mächte er sich zum Verteidiger der Distelkäpf-e. ------- „Israel.ist ein heiliges Volk", fing er an. „Jeder Brauch, wenn er uns auch noch so widersinnig scheint, hat einen tiefen Sinn, pflegte der grosse Maggid zu sagen. Wer daran rüttelt, stört "die göttliche Weltordnung und dreht die Kanäle um, durch die die himmlische Gnade auf die sündige Erde herabträufelt. In dem Minhag, am neunten Ab Distelköpfe zu werfen, lehrte der heilige Zaddik Reb Uri Wolf von Stretyn, den man den Seraph nannte, in diesem Minhag steckt ein grosses Mysterium." Am folgenden Morgen versammelten Japanisches Skizzenbuch Von Hilde Rosenthal, Tokio (1. Fortsetzung) ' . , . Ueb'er unzählige Steine, die man geschickt überspringen muss, geht'shinein in den Pacific, den Pacific, den man nur bisher von der Landkarte kannte, der einem mit seiner fast den halben Globus ausfüllenden Grösse und Unendlichkeit stets schaudern liess. Hier präsentiert er sich als strahlend blaues Meer, überdeckt von einem strahlend blauen Himmel. Eine Lichterfülle von überwältigender Helligkeit spiegelt sich in seinen Wassern. Segelschiffe, deren weisse Segel vom Wind gebläht, gleiten durch die Fluten. Fischkutter legen ihre Netze aus. Ich begreife immer noch nicht ganz, das« ich — nach nur zwölf Tagen Fahrt — am andern Ende der Welt sitze. Das „japanische Bad" Eine Stunde später sind wir wieder im Hotel. Die Herren gehen zuerst ins — Bad, ins japanische Bad. Für mich wiederum etwas Neues. Dass alle Leute in das gleiche Bad steigen, — mit dem Gedanken kann ich mich durchaus nicht befreunden. Aber die Europäer, die bereits längere Jahre in Japan leben, finden das ganz in der Ordnung und lieben das japanische Bad abgöttisch. Die Riten werden mir auseinandergesetzt. Man wäscht sich ausserhalb des Bades, spült sich mit kleinen wassergefüllten Holzwannen ab und steigt — nun mustergültig sauber — in das allen Leuten zugute kommende kochend heisse Bad (so man es vertragen kann). Ausstrecken kann man sich in der Holzbadewanne nicht, man hockt sich bis zum Hals hinein, nur der Kopf schaut heraus. Um der Wahrheit" die Ehre zu geben, ich dachte, ich bin völlig verbrüht, und nach vier Minuten machte ich schleunigst, dass ich herauskam. Das Abtrocknen nach dem Bad geschieht nicht etwa mit einem trockenen Handtuch, sondern mit einem heiss dampfenden, ausgewrungenen Frottiertuch. Mitten in dieser Prozedur — ein Abschliessen gibt es nicht, jeder kann ins Bad — erscheint ein Japaner. Verzweiflungsvoll stürze ich mich in einen bereitgelegten Kimono. Der Japaner lässt sich durchaus nicht durch mich stören, er lässt mit grösster Selbstverständlichkeit die letzte Hülle fallen, steigt ins Bad. Ich renne raus und ernte mit meiner entrüsteten Erzählung nichts anderes als überlegen-spöttisches Grinsen. Ich bin eben noch sehr „neu" hier. Nach dem Bad, nur mit dem Kimono bekleidet, auf Kissen auf den Tatamis hockend, empfindet man angenehme, wohltuende Wärme, die sich dem Körper bis in die kleinste Zehenspitze mitteilt. Die breiten Schiebetüren des japanischen Zimmers sind weitgeöffnet, geben den Blick zum Meer frei. Auf dem typisch niedrigen japanischen Tisch, der sich nur einige Zentimeter über dem Fussboden erhebt, -werden die Gerichte aufgetragen. Eine köstliche Fischsuppe mächt den Anfang, die der Ankömmling bereits wie ein „Alter" in sich hineinschlürft, die Lippen am Gefäss. Doch dann beginnt die Schwierigkeit: das Essen mit Holzstäbchen, „Hashis". Alles, was ich so zwischen die beiden Stäbchenbekomme, entwischt unweigerlich wieder zum lauten Ergötzen meiner Zuschauer, die das Stäbchenessen geradezu kunstvoll meistern. Doch mit stoischer Ruhe versuche ich mein Heil immer wieder und wieder. Dabei probiere ich zum erstenmal rohen Fisch, alle möglichen Sorten, der ganz ausgezeichnet mundet, und demzuliebe ich meine Lernversuche mit den „Hashis" nicht oft genug wiederholen kann. Nach Tisch gruppiert sich die ganze Gesellschaft am Boden entlang, auf den Tatamis und Kissen ruhend, zum wohlverdienten Schlaf. Stadtbahn In der Bahn eine verblüffende Entdeckung: die Männer sitzen — die Frauen stehen! Sie sind ihr Dasein, immer an letzter Stelle zu figurieren, so gewohnt, dass es keiner in den Sinn käme sich hinzusetzen, solange ein Mann steht, ja mitunter bieten sie sogar einem Jüngling ihren .Sitz an, der sich auch mit der grössten Selbstverständlichkeit sofort niederlässt. „Gentlemen first!" — ist' althergebrachte, eingefleischte japanische Sitte, an dem auch kein noch so modernes Verkehrsmittel etwas ändern kann und wird. Nur bei Studenten, die etwa zu amerikanischen Filmen gehen oder die von ..fremden, lächerlich merkwürdigen Sitten" gelesen haben, kommt es gelegentlich vor, dass sie einer Frau Platz machen. Jung und alt, Männer sowohl wie Frauen, stehen jedoch ausnahmslos und mit allergrösster Bereitwilligkeit auf, vor einem einzigen Wesen, das hier unbegrenzte Macht hat: vor dem Kind. Es darf sich auf den Polstern rumsielen, sich lang legen, zwei Plätze auf einmal für sich beanspruchen, die Mitfahrenden mit den Schuhchen schmutzig machen — das ist durchaus in der Ordnung und darüber freut man sich. Bietet man einer Mutter, die ein Kind auf dem Rücken, das andere an der Hand hält, einen Sitz an, kann man hundert zu eins wetten, dass sie das Kind an ihrer Seite liebevoll auf der Bank verstaut, sie aber mit ihrer schweren Last stehen bleibt. Die Nipponesen pflegen übrigens grössere Lasten in die Stadtbahnzüge mitzuschleppen. Sie werden aber nicht in irgendeiner Ecke verstaut, wo sie nicht weiter stören, werden auch nicht auf die überall durch den ganzen Wagen laufenden Gepäcknetze gelegt, sondern im Gegenteil schön, auf den Sitzplätzen, aafgebaut, wodurch wenigstens drei Leute stehen müssen. Keinem dieser drei Personen würde es aber einfallen, dem Betreffenden zu sagen, er solle gefälligst seine Riesenpakete wo anders hintun. Das wäre viel zu unangenehm, denn der Betreffende könnte sich am Ende geniert fühlen, und so bleibt man lieber eine Dreiviertelstunde lang höchst unbequem stehen. (Fortsetzung folgt.) sich alle zum Gottesdienst. Seltsam und beklemmend wirkte auf mich der Anblick der Männer, die an einem Wochentage ohne Thephillin das Morgengebet verrichteten. Nachher setzten sich alle, wie am vorigen Abend, zur Erde, und man sang die Klagelieder. Hirsch Dorfmann, der eine schöne Stimme hatte, trug zum Schluss das „Eli Zion" nach der alten Melodie vor, die wie ein feierlicher und erschütternder Trauermarsch klang. Dann gingen die Erwachsenen später und gelassener als sonst zu ihrer Alltagsarbeit, aber wir Knaben hatten frei. Ich stürmte hinaus in den wunderschönen Sommertag, der so gar nichts Trauriges hatte, und alsbald vergass ich ganz meine Würde als angehender Bar Mizwa. Ich lief durch den Garten, ringsum atmete alles die Frische des Sommermorgens. Unser Lehrer, Rabbi Akiba, rief uns jetzt zusammen. Wir setzten uns zur Erde auf die ausgebreiteten Matten rings im Halbkreise um ihn herum, und es wurde die Geschichte von Kamza und Bar-Kamza vorgetragen. Unser Lehrer besass grosse chronologische Kenntnisse und hatte einen ziemlich guten Ueberblick über die weltgeschichtlichen Vorgänge, sowreit sie sich' aus der rabbinischen Literatur erwerben liessen. An der Hand der schlichten, naiven und innigen Schilderung der Zerstörung Jerusalems durch Titus, der Festung Tur Malka und Betars belehrte er uns, wie kleine Ereignisse grosse, verhängnisvolle Wirkungen nach sich ziehen, wie bedeutungslose, unbedachtsame Handlungen des einzelnen, wenn sie sich summieren, über ganze Reiche und Völker die furchtbarsten Schicksalsschläge heraufbeschwören. So verfloss uns der ganze Vormittag, indem wir den Worten unseres Lehrers zuhörten. Unterdessen lag Reb Chajkel Im anstossenden Zimmer und schnarchte friedlich. Er hielt sein Vormittagsschläfchen und sammelte Kräfte, um sich den ganzen Tag ungehindert der tiefen Trauer hingeben zu können. Gegen Mittag kam er in" das grosse Wirtschaftszimmer, das an die Küche grenzte. Einige Male ging er in' seinen schlürfenden Pantoffeln hin und; her, die Pfeife mit dem langen Rohr in der/; Hand. Mutter und Grossmutter, die mit Wirtschaftsarbeiten beschäftigt waren, sahen sich an und.lächelten unmerklich. „Na, Reb Chajkel/4 sagte meine Mutter, „wie bekommt ' Euch das Fasten? Eir* schwerer Tag heute. Gott sei Dank, es ist wenigstens kühl." Reb Chajkel hielt das Gesicht abgewandt, er schaute Frauen nicht an, und, hielt es auch für sündhaft, sich mit ihnen in lange Gespräche einzulassen. Meine Grossmutter bemerkte: ,.Reb Chajkel kann sich das Fasten leicht machen, er braucht nur den heiligen Sohar aufzuschlagen, dann vergisst er gleich die ganze Welt ringsum." „Heute darf man den heiligen Sohar nicht lernen", erwiderte Reb Chajkel in belehrendem Ton und setzte seinen Spaziergang fort. ,,Ich habe ein wenig Herznagen, aber das macht nichts. Man muss sich peinigen, der Tempel ist heute verbrannt worden, die heilige Schechina ist seither in der Verbannung. Man muss trauern." „Aber wenn Ihr ein Schnäpschen zu euch nehmen wolltet, hättet Ihr mehr Kraft zum Trauern," sagte meine Mutter. . „Hm," seufzte Reb Chajkel, „aber icli habe heute noch nicht Tephillin gelegt.. „Ah, das hab' ich ganz vergessen. Jedenfalls würde Euch eine Tasse Kaffee mit Sahne gut schmecken. Aber was nützt blosser Kaffee ohne Pfannkuchen dazu? So gut wie gar nichts." T,Eine Tasse Kaffee? . -. . Hm, ja, der heilige Zaddik von Sadagora trinkt auch ein Tässchen Kaffee am neunten Ab zu Mittag, er ist leidend, und er muss sich die Gesundheit erhalten, denn er tut immerdar Fürbitte bei Gott für das ganze Volk Israel." „Dann dürftet Ihr wohl ohne Bedenken zwei Tässchen Kaffee trinken, solchen duftenden Kaffee mit dicker, goldgelber Haut . . ." Reb Chajkel ging immer aufgeregter hin und her und fuhr immer heftiger in"seinem weiten Kaftan herum. „Wenn Ihr trotzdem nicht einmal eine Tasse Kaffee trinken wollt, werde ich Euch natürlich nicht dazu bereden," sagte meine Mutter. „Am Abend wird es Euch um so besser, schmecken." X. Als die Sonne sich ihrem Höhepunkt näherte und es sehr heiss wurde, rief uns unser Lehrer zusammen und sagte: „Na, «Kinder, jetzt gehen wir auf den heiligen Ort." Das sollte ein schöner Spaziergang werden, eine gute Viertelmeile weit, durch die Felder bergauf, über gewundene Wege und Stege. Dort lag auf einem Hochplateau ein kleiner jüdischer Friedhof; von dichten

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