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Central-Verein-Zeitung · 1937-07-08 · 27 (8.7.1937) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
27 (8.7.1937)
Date
1937-07-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 27 #2. Beiblatt Die jüdische Gemeinde / Neue Folge der Judischen Allgemeinen Zeitung 8. Juli 1937 * Seite 5 judiscm GemM an-tcunr Von Dr. Eva Reichmann-Jungmann Die Sehnsucht, die 'dem Reisenden über Flüsse und Grenzen hinweg voraneilt, wird jäh gestoppt. Noch einmal umstreicht sie wehmütig den Pariser Wagen, der der grossen Weltschau an der Seine gerade ihre ersten Besucher zuführt, noch einmal klemmt sie sich für Sekunden in deren Blicken fest, die ruhig und scheinbar cleichgültig dem grossen Erleben entgegenfahren. Dann zieht der Zug an, die Traumietzen verwehen, und man steht mitten in einer Wirklichkeit, die nüchtern und krass ist wie nur an wenigen Orten der Welt: am Hauptbahnhof der grössten Industriestadt des Ruhrgebietes, Essen. Und weil man sich innerlich auf seinen Auftrag wohl vorbereitet hatte, erfüllt einen von vielen vorgefassten Meinungen sogleich die eine: hier ist kein Platz der Schönheit und Romantik, hier herrschen Eisen und Kohle, Arbeit, Arbeit, Arbeit. Aber die vorgefassten Meinungen halten nicht stand, nicht einmal diese gemeinplätzigste und schulmässigste; denn in dem Masse, in dem sie neben pflichtschuldiger Anerkennung und Bewunderung auch, einige Beklemmung auslösten, etwas Angst vor einem ungefügen, rauchgeschwärzten Stadtbild, etwas Geringschätzung für den erwarteten traditionslosen Amerikanismus, — in dem Masse stehen Ueberraschungen bevor. Da ist zunächst einmal ein sehr weiter repräsentativer Bahnhofsplatz, mit dem sich Essen dem Ankommenden als durchaus selbstbewusste Grossstadt vorstellt. Einige kühne und formschöne Hochhäuser offenbaren einen entschlossenen Bauwrillen und geben den Banken und Geschäften, die sie beherbergen, schon äusserlich einen Zug ins Grossartige. Aber das alles ist vielleicht noch nicht erstaunlich. Plötzlich jedoch stutzt man: mitten im Getriebe der belebtesten Geschäftsstrasse entsteht eine architektonische Pause, und hinter einem grossen rechteckigen Platze erhebt sich das tausendjährige Bauwerk der Münsterkirche. Das hatte man in Essen am wenigsten erwartet. Man beginnt seine Vorurteile zurechtzurücken und geht weiter auf Entdeckungen aus. Es gibt dafür noch allerhand Möglichkeiten. Es gibt vor allem das Ruhrtal. Das Ruhrtal begrenzt das Industriegebiet nach Süden zu, und da Essen zwar auf der Ost-West-Achse zentral, auf der Nord-Süd-Achse aber am Südende gelegen ist, wächst es unmittelbar in die Stadt hinein. Wenige Minuten Fahrt nur und das Auge müht sich vergeblich, die gewohnte Horizontbegrenzung durch Schlote und Fördertürme zu entdecken. Es schwelgt im reichgetönten Grün dichter Laubwälder, die ein herrliches zwischen Höhenzügen gebettetes Flusstal säumen. Man ist ganz umfangen von unberührt naturhafter Landschaft, unfassbar scheint die Nähe der Städte. Mitten darin erhebt 'sich die Abteikirche von Werden, ein Bau, dessen karolingische Anfänge aus dem 8. Jahrhundert später romanisch-frühgotisch fortgesetzt wurden. Zwar war man schon durch Essen selbst auf solche Funde vorbereitet — doch fügt auch hier Entdeckerfreude dem Kunstgenuss einen Reiz mehr hinzu. Damit ist das Kapitel Ueberraschungen noch lange nicht erschöpft.. Man müsste mindestens noch Schloss Borbeck erwähnen, die ehemalige Sommerresidenz der Fürstäbtissin, das Folkwang-Museum und den Gruga-Park, diesen Rückstand der Grossen Ruhrländischen Gartenbauausstellung des Jahres 1929, in dem man die Rosen- und die Rhododendronblüte erlebt haben muss, um zu wissen, was ein mit wohlgegründeter Grosszügigkeit gepaarter Schönheitswille einer Industriestadt abtrotzen kann. Doch es hiesse das Bild der Stadt und des Bezirks verfälschen, wollte man nur das berichten, was aus der mitgebrachten Vorstellung herausfällt. Natürlich gibt es auch genug, was sie stützt und bestärkt, besonders wenn man sich nach Norden, Osten und Westen wendet. Die Altstadt ist eng und gedrückt, die Krupp-Werke bedecken massig und imposant eine Fläche, die eine Stadt für sich aufnehmen könnte. Die älteren Arbeiter. Siedlungen sind planlos und uneinheitlich aus dem Böden geschossen; über hässliche Mietskasernen, die in noch fast ländlicher Umgebung traurig in die Höhe starren, trösten nur die schmucken, zweckmässigen Bauten der neueren Zeit. Städte wachsen zusammen und werden zur Einheit. Die Grenzen zwischen den aus vielen Einzelgemeinden zusammengefassten Grossgemeinden entsprechen neben traditionellen, nur noch verwaltungsmässigen Gesichtspunkten. Eine natürliche geographische Gliederung ist kaum noch vorhanden. Langsam erkennt man: auch das, was so da ist, wie man erwartet hatte, gibt zu allem andern eher Anlass als zu ablehnender Geringschätzigkeit. Es ist eine Industrielandschaft von atemraubender Grossartigkeit, ein zu Stahl und Stein geronnener Hymnus von Menschengeist und Menschenkraft. Man muss das Ruhrgebiet so erlebt haben, um auch das zu verstehen, was sein jüdisches Leben ausmacht. -Man muss wissen, dass einen hier nicht in erster Linie geschichtliche Denkmäler erwarten, nicht eine uralte Tradition, die sorgsam Stein auf-'Stein fügte, sondern Zeugnisse eines plötzlichen, gewaltigen Auf-' Schwunges, dessen Rhythmus der Siegesmarsch der Maschine angab. Ganz nah liegt Köln, die Aristokratin unter den jüdischen Gemeinden Deutschlands, und sicherlich verdankt manche der Ruhrgemeinden der Niederlassung Kölner Juden ihr Entstehen. Und doch welch ein Unterschied! Zwar weisen auch manche der Ruhrgemeinden mit Stolz auf ihr hohes Alter hin: die Essener Judenschaft wird zum ersten Male in einem Vogteibrief vom Jahre 1291 erwähnt, in Dortmund sind seit 1074, in Duisburg seit 1160 Juden nachgewiesen; aber diese ehrwürdigen Zahlen bilden nicht in gleichem Masse das Fundament einer stetigen Geschichte wie anderswo. Sprunghaft, ruckweise wie die Entwicklung der Industrie, die seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts mit wechselndem Tempo vor sich ging, mehrten und festigten sich auch die jüdischen Gemeinden. Der ungeheure Menschenbedarf der Wirtschaft, der die Bevölkerung des Ruhrgebiets zu der buntesten ganz Deutschlands gemacht hat, zog auch in- und ausländische Juden wie ein Trichter in sich hinein. „Amerikanisch" ist das Schlagwort, das einem immer wieder entgegenklingt. Es stimmt nicht ganz, und die verdienstvollen Geschichtsschreiber, an der Spitze Rabbiner Dr. Samuel für Essen, Abraham W e d e 11 und Dr. Max Eschelbacher für Düsseldorf, Konrektor a. D. Emanuel Goldschmidt für Dortmund, Rabbiner Dr. Neumark für Duisburg und Rabbiner Dr. David für Bochum strafen es Lügen. Aber es hat doch einen starken Wahrheitsgehalt. Und es steckt, wenn man es richtig verstehen will, auch ein „amerikanisches" Lebensgefühl darin: das Bekenntnis zu Jugend, Gegenwart und eigner Kraft. Weniger verfallene Grabsteine und dafür schöne Synagogen, Heime, Schulen und eine vorbildliche Sozialarbeit. Essen In Essen erzählt man sich, dass während des Krieges ein Gefangener, der dort interniert war, aber seinen Aufenthaltsort nicht angeben durfte, ihn dadurch verraten habe, dass er seinen Angehörigen mitteilte, er sei in der Stadt mit der schönsten Synagoge Deutschlands. Daraufhin habe man sofort gewusst, dass es sich um Essen handle. In der Tat: dieses Bauwerk am Steeler Tor, das der Architekt Edmund Körner im Jahrel913 vollendete, ist ein unvergleichlich grossartiger Eindruck. Wenn man den dem Jerusalemer Tempel nachgebildeten Vorhof durchschritten hat und durch Bronzeportal und Vorhalle in das Innere getreten ist, wenn man den gewaltigen künstlerisch beherrschten Raum auf sich wirken lässt, dann empfindet man Sammlung und Erhebung zugleich. Die gesamte Inneneinrichtung, die kunstvollen Mosaiken, die Glasmalereien, die symbolischen Darstellungen stehen ganz im Dienste dieses Raumgefühls; sie erhöhen es, ohne durch eigenen Glanz vom Ganzen abzulenken. Durch die einfach klare Wochentagssynagoge mit der Tafel der 72 Gefallenen der Gemeinde gelangt man in einen Repräsentantensitzungssaal, dessen WTürde und Schönheit es ausgeschlossen erscheinen lassen, dass in ihm anders als mit Ernst und Ueberlegenheit für das Wohl der Gemeinschaft beraten wird. Es ist viel mehr als ein Zufall, dass von hier 1933 die. Anregung zur Gründung der Reichsvertretung der Juden in Deutschland ausgegangen ist. In dem Zusammenschluss ihrer hervorragenden und verantwortungsbewussten Menschen setzte sich die Gemeinde Essen als Gastgeberin und Initiatorin ein bleibendes Denkmal. Eine für einen Rede- und Versammlungsraum bemerkenswerte Inschrift lautet: „Eine Schranke der Weisheit ist Schweigen." Und wenn ihr auch die Antwort entgegenwinkt: „Aber ein Wort zur rechten Zeit, wie schön", so fühlt man doch, dass von diesem Raum gerade zur Weisheit des Schweigens eine unsichtbare Brücke führen könnte. Ein Name ist es, der einem in Essen immer wieder begegnet: Hirschland. Ohne die Familie Hirschland, die jetzt in ihrer dritten Generation an führender Stelle der Gemeinde steht, wäre die Gemeinde Essen nicht das, was sie ist. SimonHirschland, der Gründer des Bankhauses, war während der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts Vorsteher der Gemeinde. Sein Sohn, Isaac Simon Hirschland, konnte auf dem gleichen Ehrenposten ihren starken Aufschwung bis zum Ausbruch des Weltkrieges erleben, und er sorgte mit Klugheit, Tatkraft und warmer Menschlichkeit dafür, dass der innere Wert ihrer Menschen und Einrichtungen mit den wachsenden Zahlen Schritt hielt. Die Einweihung der Synagoge, die in erster Linie ihm und dem von 1894 bis 1932 amtierenden, jetzt in Berlin lebenden ersten Rabbiner der Gemeinde, Dr. Samuel, zu verdanken ist, hat er nicht mehr erlebt. Er ist ein Jahr vorher dahingegangen. Heute steht sein Sohn, Dr. Georg Hirschland, an der Spitze der Gemeinde. Ist es ein Wunder, dass dieser glückhafte Erbgang eine Form der Verbundenheit erzeugt hat, die zum Wohle des Ganzen überall ihre Spuren hinterliess? Von der Sjmagoge ist schon gesprochen worden. Eine weitere ist die zweite Einmaligkeit, die Essen aufweist, das Haus der jüdischen Jugend. Als dieser starke, lichte, herrlich gegliederte Bau von Erich M e n d e 1 s o h n im Jahre 1932 der jüdischen Jugend übergeben wurde, da bedeutete er viel mehr als eine Schaffung neuer Räume. Zwar sind diese bemerkenswert genug, Speisesaal, Musiksaal, Turnsaal, Vortragssäle, Bücherei, Arbeitsräume, Wirtschaftsräume und die Einzel- Landesverband Rheinland - Westfalen des Jüdischen Central-Vereins Geschäftsstelle: Essen, Hindenburgstr. 75. Tel. 31212. Vorsitzender: Rechtsanwalt Dp. D. Krombach. Syndikus: Dr. Ernst Plaut Sprechstunden in Essen (Hindenburgstr. 75): Mo.— Fr. 11-13 Uhr Düsseldorf (Grafenberger Allee 78): Do. 16-18 Uhr zimmer für die Bünde. Aber das Einzigartige an diesem Bau, „errichtet zum Andenken an unsere im Weltkriege gefallenen Brüder", war doch die Kühnheit der Idee, die ihn als eine Ehrung des Todes durch das Leben in diese grosszügigem jüdischem Aufbau nicht allzu sehr geneigte Zeit hineinstellte. Es war wie eine Vorahnung der gewaltigen jüdischen' Notwendigkeiten, die ein kurzes Jahr danach ihr Recht verlangten. Das Jugendheim bereitete ihnen allen eine Stätte: Eine Klasse schulentlassener Mädchen wird durch hauswirtschaftliche und sprachliche Ausbildung für ihre eventuelle Auswanderung vorbereitet; noch volkssehulpflichtige Kinder erhalten Werkunterricht. Der Turnsaal wird von Fall zu Fall schnell und erfinderisch in eine Kulturbundbühne umgewandelt, Rampenlicht und Beleuchterzentrale sind eingebaut, und im Kellergeschoss erfreuen sich die Schauspieler der vorschriftsmässigen Dusch- und Umkleideräume, in denen auch Schminktische und -lampen nicht vergessen sind. Es gibt dort weiter eine Kegelbahn, die jeden Nachmittag und Abend besetzt ist, Schreibmaschinen-, Näh- und Sprachkurse, und schliesslich die Bildungskurse der Gemeinde. Sie stehen im Dienste der Erwachsenenbildung, vertiefen die Kenntnis des jüdischen Kulturguts und verhelfen den Auswandernden zur Erlangung von Sprachkenntnissen. Die Bücherei enthält wissenschaftliche und belletristische Werke, ein Lesesaal hält jüdische Zeitungen bereit. Das Jugendheim zählt monatlich 10 000 Besucher. Im Isaac- und Henriette-Hirschland-Haus lernen wir einen Kinderhort kennen, der im Jahre 1910 begründet und von Frau Henriette Hirschland zeitlebens in vorbildlicher Weise betreut wurde. Jetzt leitet ihn Fräulein Lewy mit Liebe und Verständnis. Aufenthaltsräume, Küche, Höhensonne, Bad — alles atmet ein Behagen, das man sonst in Sozialeinrichtungen dieser Art so leicht vermisst. Die Spielschränke beherbergen eine Unzahl wundervoller bunter Gegenstände, man möchte gleich anfangen zu kramen und aufzubauen! Sogar kindliche Musikinstrumente sind da, die das natürliche musikalische Ausdrucksbedürfnis der Kinder pflegen und unterstützen. Alles ist mit Lust und Befriedigung bei der Sache, die Kleinen und Kleinsten strahlen vor Vergnügen und haben so viel zu erzählen, dass sie darüber das Essen fast vergessen. Nur ein Schatten fällt auf diese Stätte des Frohsinns: statt der 60 Kinder, die das Heim aufnehmen könnte, sind nur noch 38 darin untergebracht. Wie überall zeigt sich auch hier das Fehlen des Nachwuchses. Im Synagogengebäude werden ausserdem 50 bis 70 von selchen Schulkindern, die es nötig haben, täglich verpflegt. Sie werden etwa ein halbes Jahr lang dort aufgepäppelt und frischer und gesünder entlassen. Frau Kats, die Vorsitzende des Frauenvereins leitet ehrenamtlich die Kinderspeisung, sie wird dabei von Schwester Julie Koppel, der Fürsorgeschwester der Gemeinde, unterstützt. Das Essener jüdische Wohlfahrtswesen als ein Ganzes verdankt seine moderne Organisation dem jetzt dienstältesten Vorstandsmitglied der Gemeinde, Rechtsanwalt Dr. Herzfeld, der es 25 Jahre vorbildlich verwaltet hat. Eine Besonderheit stellt auch die unter dem Vorsitz von Willy Weil arbeitende Zentralstelle für jüdische Wohlfahrt dar, in der alle charitativen und sozialen Vereine zusammengeschlossen sind. Sie macht Sondersammlungen unnötig und gewährleistet eine möglichst rationale Verwendung der Gelder. Ein bestimmtes Etwas in Qualität und Quantität zeichnet sämtliche Essener jüdischen Einrichtungen aus. Aber eine vor allen bedarf noch besonderer Erwähnung. Im Rahmen der seelischen Winterhilfe ist bisher dreimal der grossartige Versuch unternommen worden, Orchesterkonzerte für Kinder zu veranstalten, die jeweils vor den grossen Gastkonzerten des Frankfurter Kulturbundorchesters stattfanden. Etwa S00 Kinder aus Essen und den Nachbargemeinden strömten in der Synagoge zusammen und lauschten in feierlicher Begeisterung auf die Klänge der Musik. Zugeständnisse an kindlichen Geschmack waren absichtlich vermieden, das grosse Erlebnis der Töne wurde den Kindern

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