Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 26 (1.7.1937)
- Date
- 1937-07-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 4 C.-V.-Zeifung Nr. 26* T.Juli 1937 nichts schenken". — Die Selbsthilfe — darunter ist auch die Hilfe der nächsten Verwandten oder Freunde zu verstehen — muss der Unterstützung aus dem „grossen Topf" stets vorangehen. Für einige Berufsgruppen ist dieser Gedanke stets verwirklicht worden. Die jüdischen Hochschullehrer, Rechtsanwälte, Aerzte und Apotheker haben ihre beschäftigungslosen Berufskollegen durch Sammlungen in eigenen Reihen unterstützt. Die Solidaritätsaktion des Hechaluz, die auch die armen Berufsumschichtler zu einer gewissen Beitragsleistung anhielt, um dadurch neue Plätze zu schaffen, gehört in diesen Zusammenhang. Der gleiche sozialpädagogische Gedanke liegt der Akiion der „Blauen Karte" zugrunde. Durch die monatliche Beitragsstaffelung von 0,25 bis 5 RM soll möglichst jeder Jude zur regelmässigen Unter/Stützung des Hilfs- und Aufbauwerks herangezogen werden. Die gesteigerten Bemühungen der Bleibenden werden ohne die tatkräftige Unterstützung der Gehenden nichts fruchten. Dr. Otto Hirsch hat auf der letzten Kundgebung der Reichsvertretung den beherzigenswerten Vorschlag gemacht, dass die begüterten Auswanderer auch an die jüdische Gemeinschaft eine ähnliche Abgabe -wie die Reichsfluchtsteuer entrichten sollten. Würde diesem Vorschlag entsprochen, so könnte für die erste Zeit zweifellos ein ansehnlicher Ausgleichsfonds für den Ausfall an Steuereinnahmen geschaffen werden. Aber selbst diese Spende dürfte nicht die einzige Hilfstätigkeit des scheidenden Gemeindemitglieds sein. Man kann sich nicht aus der Verantwortung für seine Gemeinschaft loskaufen. Diejenigen, die sich im Ausland eine neue Existenz aufbauen, müssten, sowie sie festen Fuss gefasst haben, die zuverlässigsten Helfer im Kampf gegen die Not der Zurückgebliebenen wTerden. Sie müssten versuchen, Verwandte und Freunde mit Rat und Tat zu unterstützen und sie unter Umständen nachkommen zu lassen. Die Kehilla muss wieder lebendige Wirklichkeit werden. Nur wenn es gelingt, diesen Geist tätiger Nächstenliebe zu erfüllen, wird die durch die Auswanderung zunächst entstehende Belastung des jüdischen Sozialwerks in Deutschland einer fühlbaren Entlastung weichen. Nach der Art, in der die Juden in und aus Deutschland ihre sozialen Pflichten erfüllen, wird man dereinst den moralischen Wert unserer Gemeinschaft veranschlagen. Aus den Gemeinden Berlin Kürzlich fand in der Synagoge Hermsdorf bei Berlin ein Vortragsabend statt. Rudolf M e 1 i t z sprach über seine Palästinareise. Gesänge von Kantor S i 11 i g, sowie Chor- und Harmoniumvorträge umrahmten die Veranstaltung. Anschliessend fand die Generalversammlung des Religio ns Vereins der nördlichen Vororte statt. Rabbiner Dr. Klein erstattete den Jahresbericht. Ab 1. Juli werden täglich 100 Kinder vom jüdischen Wohlfahrtsamt zu Erholungszwecken nach Hermsdorf geschickt. David H e i m a n n , Frohnau, wurde einstimmig zum Vorsitzenden wiedergewählt. Schriftführer wurde Rabbiner Klein, Stellvertreter Bukofzer. M. Dresden Ein grosser Kreis von Dresdener Gemeindemitgliedern beging die Erinnerung an das vor 100^ Jahren — am 18. Mai 1837 — ergangene Gesetz, dass Juden sich in Dresden in einer öffentlichen Religionsgemeinde vereinigen und gemeinsame Bet- und Schulhäuser errichten dürr fen damit, ihren 1751 eingeweihten ..Bet olam" zu besuchen. Der Syndikus der Gemeinde, Dr. Manfred Saalheimer, hatte vorher im Saale des Lehrhauses (Heinrich-Arnhold-Bau) durch einen auf allen zugänglichen Quellen beruhenden gründlichen Vortrag in die Geschichte dieses Begräbnisplatzes eingeführt und dabei einen sehr interessanten Üeberblick über die Geschichte der Juden in Sachsen vom 11. Jahrhundert an gegeben. E.B. Mannheim Aus dem Bericht, den die von Rosa Griinbaum und Dr. S. Bruchsaler geleitete Jüdische Winterhilfe über ihre Tätigkeit im Winter 1936/37 erstattete, geht u. a. hervor, dass insgesamt 837 Personen in 358 Parteien betreut wurden. Bei einer Gesamtzahl von etwa 4900 Gemeindemitgliedern wurde also über ein Sechstel der jüdischen Bevölkerung Mannheims Mitgliedsbeiträge für den Jüdischen Central-Verein Landesverband Gross-Berlin Berlin W 15 auf Postscheckkonto Berlin: 115501 betreut. An Lebensmitteln wurden ausgegeben etwa 360 Zentner, an Kartoffeln 1220 Zentner, an Kohlen und Briketts 3011 Zentner. 1238 Spender einmaliger und monatlicher Geldbeträge bildeten die Grundlage dieser Leistungen, dazu kamen noch über 300 Spender, die sich nur bei den Eintopf- und Pfundsammlungen beteiligen konnten. s. München Die Gemeinde München hat das Anwesen Hohenzollernstrasse 4 erworben, in dessen Räumen zunächst das L e h r 1 i n g s h e i m untergebracht werden soll, während die Wünsche des Jugendheims nach entsprechender Unterbringung noch einmal zurückgestellt wTerden müssten. Ausserdem erwarben ""Gemeinde, Kulturbund und Turnverein gemeinsam ein in Schwabing gelegenes Grundstück, auf dem im Lauf der nächsten Monate ein die kulturellen Bedürfnisse der Gemeinde befriedigender Bau errichtet werden soll. Ober Schlesien Zu einer bedeutsamen Sitzung hatte der Vorstand des Synagogengemeinden-Verbandes der Provinz Oberschlesien für Mitte Juni nach Gleiwitz eingeladen. Fast sämtliche Mitgliedsgemeinden und eine Reihe von Organisationen hatten ihre Vertreter entsandt. Unter den Erschienenen bemerkte man u. a. von der Reichsvertretung der Juden in Deutschland Professor Dr. Cora Berliner, vom Preussischen Landesverband Rabbiner Dr. G a 11 i n e r und Max Birnbaum, im Auftrage des Synagogengemeinden-Verbandes Kiederschlesien Regierungsrat a. D. Muhr und Magistratsrat a. D. Guttmann. Generaldirektor David Goldstein (Beuthen) wurde für seine Verdienste um den Verband zum Ehrenmitglied ernannt. Es wurden Berichte erstattet über die Angelegenheiten des Verbandes, die Betreuung der Kleingemeinden, die Bezirksdarlehnskassen und anderes mehr. Nach einem Bericht über die Tätigkeit des Aktioneausschusses, erstattet von Rechtsanwalt Dr. Weissmann (Beuthen), wurde der Verbandsvorstand neugewählt; er setzt sich wie folgt zusammen: Apotheker Hugo Kunz (Beuthen). Salo Guttmann (Beuthen). Justizrat Dr. Skaller (Beuthen), Arnold Wiener (Beuthen), Justizrat Kochmann (Gleiwitz), Egon Juliusburger (Gleiwitz), Dr. med. Werner (Gleiwitz), Rechtsanwalt Dr. Schäfer (Hindenburg). Rechtsanwalt Schindler (Hindenburg), Rechtsanwalt Dr. Brauer (Ratibor), Dr. Lewinski (Oppeln), Georg Wiener (Oppeln), Albert Nothmann" (Gross- Strehlitz), Zahnarzt Dr. Berger (Neisse), Dr. W o 1 f f (Neustadt) und Karmainski (Rosenberg). H.By. Jüdische Blindenanstalt für Deutschland E. V., Berlin-Steglitz. Es wurden gepählt: Zum 1. Vorsitzenden: Dr. med. h. c. Paul P e r 1 s , zum 1. Schriftführer: Rechtsanwalt Dr. Franz Eugen E uchs. Lehrhausarbeit Am 25. Juni wurde der Frühjahrslehrgang des Lehrhauses Frankfurt am Main geschlossen. In neun Wochen wurden 25 Vorlesungen und Arbeitsgemeinschaften durchgeführt; nur wenige Dozenten haben noch einige Kurse nachzuholen. In jeder Vorlesung waren durchschnittlich 18 bis 20 Personen anwesend. Die Frequenz war trotz der Abwanderung in diesem Frühjahr nicht schlechter als 1936. Besondere Erwähnung verdient ein Grundlehrgang für schulentlassene Jugendliche, der zur Auffüllung von Lücken der Schulbildung dient, und der an drei Abenden wöchentlich in je zwei Stunden abgehalten wurde. Es ist sehr bedauerlich, dass dieser Lehrgang im Frühjahr so gering besucht war. Gerade die Eltern der Kinder, die in letzter Zeit aus den umliegenden Kleingemeinden nach Frankfurt a. M. gezogen sind, sollten diese Möglichkeit ausnutzen. Es war wünschenswert, dass dieser Kurs auch im kommenden Trimester durchgeführt wird. A. H. J. # „Die Forderungen an die Jugend" war das Thema der jüngsten Arbeitsgemeinschaft, die das Lehrhaus Mannheim unter Leitung von Dr. Lothar Rothschild (Saarbrücken) veranstaltete. Dr. Rothschild stellte dabei vor allem als Forderung an die Jugend das Lernen und Sichvertiefen in die Quellen. So. Lehrhaus Berlin Wanderung in der Natur (Otto Treitel): Sonntag, 4. Juli; Treffpunkt 6 Uhr 45 Min. Görlitzer Fernbahnhcf; Wanderstrecke: Oderin—Köthener See—Spreewald—Wehlaberg—Oderin. Photo -Arbeitsgemeinschaft: Donnerstag, 8. Juli, 20 Uhr 30 Min., Marburger Strasse ö/III. — Eigene Aufnahmen mitbringen! Sprachkurse: Es beginnen folgende Anfängerkurse: Englisch (2mal wöchentlich) Montag, 5. Juli, Englisch Clmal wöchentlich) Mittwo:\h, 7. Juli, Spanisch (lmal wöchentlich) Dienstag, 6. Juli. Die Kurse finden von 20 bis 20 Uhr 30 Min. Marburger Strasse 5 statt. Anmeldungen — auch für die bereits bestehenden Sprachkurse — beim Sekretariat, Marburger Strasse 5/III. VesUMisse H&tk Metsee Erscheint wöchentlich ohne Gewähr. Postschiusa für Luftpostsendungen bei folgenden Postämtern: Berlin C2; Frankfurt/Main Bahnpostamt 19 und Flughafen: München Bahnpostamt 1 und 2 (Flughafen). Einwurf bei anderen Postämtern oder in anderen Orten bis zu 1 Tag früher. Abkürzungen: B. X. ~ Buenos Aires; Boul. Boulojme; Cherb. — Cherbourg; LH — Le Havre. Ziffern in Klammern Postschlusszeiten. Ab Seeweg nach Nordamerika An Berlin Hamburg Bremen Cherb. N.-York 5. 7. 5. 7. (19) „Xormandie" 7. 7.(LB.) 12. 7. 8. 7. 8. 7. (19) „Bremen" 9. 7. 10. 7. 15. 7. Seeweg nach Südamerika Berlin Frankf. Bremen Cherb. Boul. Rio B. A. 1. 7. (18) 2. 7. (8) 3. 7. 19. 7. 23. 7. 2.7.(20) 3.7. 21.7. 26.7. 8.7.(18) 9.7.(8) 10.7. 23.7. 27.7. Luftweg: Zuschl 1,50 RM für je 5 g (1,25 Brasil) Berlin Frankfurt Rio B. A. 3. 7. (13) 3. 7. (15) Franz. Luftpost 6. 7. 7. 7. 7.7. (21) 7. 7. (24) Deutsche Luftpost 10. 7. 11. 7. Seeweg nach Südafrika Berlin Hamburg Köln South. Kapstadt 4.7.(22) 4.7.(24) 5.7.(21) 7.7. 22.7. 7.7.(16) 7.7.(21) 9.7. 23.7. Kapsladt—Johannesburg (oder Pretoria) 30 Stunden Luftweg: Zuschlag 35 Pf. für je 5 g Berlin München Brind. Athen 2.7.(9) 2.7.(18) 4.7.(7) 3.7. (6) 4.7. (6) T . 5.7.(9) 5.7.(18) 7.7.(7) \ J*?™1 6. 7. (6) 7. 7. (6) i>-9 Ta§6 8.7.(9) 8.7.(18) 10.7.(7) 9. 7. (6) 10. 7. (6) ) See- und Landweg nach Palästina Berlin München Haifa 2. 7. (Iß) 3. 7. (9) via Belgrad-Tstanbul 7. 7. 4.7.(14) 5.7.(9) via Belgrad-Istanbul 9.7. 6. 7. (16) 7. 7. (9) Schiff 8. 7. ab Brindisi 12. 7. 7. 7. (16) 8. 7. (9) via Belgrad-Istanbul 13. 7. Luftweg: Zuschlag 10 Pf. für je 5 g; mind. 15 Pf. Berlin München Athen< Brindisi) 3. 7. (3) 4. 7. ( 5)?■!•[•!> 3-L(1S) r , (m 5-7-(7M Laufzeit O. <.(b; b. 1.(11) / c)i/ "TVrrQ 7. 7. CT) S. 7. ( 8) ' ~/2 5 7'. 7'. (9) 7.7.(18) "' ' 9.7.(7) 9.7.(6) 10.7.(11) Aus der wissenschaftlichen Welt Der Inhaber der modernsten, nach europäischem Muster eingerichteten Apotheke New- Yorks, Leon L a s c 0 ff, ist für 1937 zum Vicepräsidenten der Pharmazeutischen Gesellschaft Amerikas gewählt und mit der Goldenen Remington-Medaille ausgezeichnet worden. Laseoff ist Mitglied der Prüfungskommission für Pharmazeuten und gibt das Rezeptbuch heraus. Am 5. Juli feiert das Amsterdamer sephardische Rabbinerseminar „Ets Haim" sein 300 jähriges Jubiläum. Die Bibliothek des Rabbinerseminars, die unter der Leitung von J. S. daSilva Rosa steht, die „Livraria Montezinos", ist wegen ihrer reichen Bestände an judaistischen und hebräischen Werken und Manuskripten weltberühmt In Buenos Aires ist soeben eine hebräische Monatsschrift „Habimah Haiwrit" neu erschienen, die der hebräischen Bewegung und Literatur gewidmet ist. Redakteur der Zeitschrift ist Ben Efraim. Die kommende Welt Eine Wundergeschichte von Leo Hirsch Es war lichter Sommer auf der Welt, und der Berditschewer Zaddik fuhr über Land, um. wo er nur konnte, den armen Dorfjuden zu helfen, die er besonders liebte. Eines Morgens in aller Frühe, es dämmerte noch und die Sonne zwinkerte noch nicht einmal mit ihren verschlafenen Augen, kam der Wagen einem Dorfe nahe, und am Wege stand ein Jude. Es dämmerte kaum, und der Jude stand vor seinem Häuschen und sagte Psalmen. Dem Berditschewer gefiel das sehr: „So früh am Tage und ein Jude sagt schon Psalmen!''' Und er sagte sie nicht, er sang. Mit dem Herz in der Stimme sang er Psalmen. Und dann und wann hob er die Augen vom Buch auf und sah sich um, ob niemand des Weges käme. Und als er den Wagen mit dem Berditschewer näher kommen sah. lief er entgegen, warf einen Blick hinein, sah Juden kommen, und rief voller Freude: „Einen guten Morgen euch, liebe, teure Juden!" Liess man den Wagen halten: „Guten Morgen, gut Jahr!" „Liebe Juden, teure Juden", fing der Mann vom Dorfe sogleich zu bitten an, „hier ist mein Haus, kehrt bei mir ein. Ihr könnt bei mir beten, ein wenig frühstücken, so werde ich eine Mizwa haben, und ihr ruht euch ein bisschen aus. Und später fahrt wieder eures Weges weiter." Dem Berditschewer gefiel das mächtig, dass ein Jude schon in solcher Frühe die Mizwa, Gäste zu empfangen, nachsuchte, und er sah sich den Mann genauer an. Der hatte ein schönes, ein edles Gesicht, und der Berditschewer dachte: Herr der Welt, Vater im Himmel, sieh doch nur, welch grosse Gastfreunde deine frommen Juden sind! Der Wagen und das Pferd wurden versorgt, Wasser zum Waschen und Handtuch gereicht, der Berditschewer in die Stube geführt, mit Tallit und Tefillin versehen, und, es durfte nicht anders sein, der Berditschewer musste des Dorfjuden Tallit und Tefillin nehmen. Also tats der Zaddik ihm zuliebe, betete mit grosser Freude, dass es recht aus ihm zu singen schien, und da verstand der Dorfjude, dass sein Gast nicht einfach ein irgendwer war, nein, er fühlte, er hatte einen grossen Mann im Haus. Als der Berditschewer sein Morgengebet beendet hatte, sah er, der Dorfjude stand wieder vor dem Plauschen und hielt nach Gästen Ausschau, und kam nur ein Wagen mit Juden oder ein armer Mann zu Fuss des Weges, so lief er entgegen, holte den Gast ins Haus und hiess sein Weib ihm aufwarten. Das gefiel dem Berditschewer immer mehr und er hatte eine rechte Herzensfreude darüber. Und als er gefrühstückt hatte und wieder in den Wagen stieg, da liess er den Hausherrn kommen und sagte ihm: „Lieber Jude, ich habe deine guten Werke gesehen, sie gefallen mir sehr und darum bitte dir etwas bei mir aus, ich will dich segnen und hoffe, mein Segen soll in Erfüllung gehen." Da schmeckte der Dorfjude schon, mit was für eine Gast er es zutun hatte, und antwortete: „Warum soll ich beten und welcher Art soll ich verlangen? Reichtum? Wozu brauche ich Reichtum? Den bösen Trieb zu reizen? Man weiss ja, dass Geld von rechten Weg verlockt. Und ein armer Mann, ein Bettler, Gott behüte, bin ich sowieso nicht. Kinder? Gott sei Dank habe ich Kinder. Soll ich langes Leben verlangen? Jeder Mensch lebt, so lange Jahre ihm beschert sind." „So wünschest du nichts?" lächelte der Berditschewer. Eine Weile denkt der Dorfjude nach und zögert und sagt dann stockend: „Um etwas möchte ich doch bitten, aber —" „Sag's, schäm dich nicht!" „Künftiges Leben! Sagt nur künftiges Leben, sagt mir die kommende Welt zu." Da hörte der Berditschewer zu lächeln auf. er grübelte, er sah ins Weite und endlich wieder dem Dorf juden ins Gesicht und sagte: „Was das künftige Leben betrifft, so wirst du dich schon zu mir nach Berditschew bemühen müssen. Ich bin der Berditschewer." Der Dorfjude wurde im Augenblick bleich vor Ueberraschung und stammelte: „Gut, Rabbi, ich werde kommen." „Und höre, was ich dir sage", fuhr der Berditschewer fort, „kaufe viel Korn. Kaufe Korn ein, so viel du nur bekommen kannst, denn bei uns in Berditschew ist ein wenig Mangel an Korn, und wenn du welches mitbringst, wirst du keinen Schaden davon haben, Vergiss nicht, kaufe Korn, soviel du kannst, und wenn du bei mir bist, will ich versuchen, dir künftiges Leben zu schaffen, wie du verlangst." Der Dorfjude versprach, so zu tun, der Berditschewer nahm Abschied und fuhr weiter. Einige Zeit ging ins Land, von dem Dorfjuden war nichts zu sehen, und die Begleiter des Zaddik, welche die merkwürdige Bitte des Mannes mitangehört, hatten ihn längst vergessen. Der Berditschewer aber rief eines Abends seinen Schammes und befahl ihm: ..Geh sofort aus der Stadt und stell dich an die Brücke und warte. Da wirst du eine Gruppe Bettler kommen sehen, und zwischen ihnen einen Juden mit grauem Bart und lichtem Antlitz. Den sprich an und bringe ihn gleich zu mir. Geh rasch, säume nicht." Der Schammes eilt, der Berditschewer bleibt im Beth hamidrasch, geht auf und ab, und jeder sieht, er ist fröhlich. Er lächelt, mitunter singt er sich eins, geht hin und her, und wie es Nacht wird, stellt er sich ans Fenster, guckt hinaus, wartet. Und wartet, bis der Schammes auf den Hof kommt, da geht er mit raschen Schritten hinaus und kehrt mit einem Betteljuden zurück. Der, sieht man, trägt zerrissene, zerschlissene Kleider, doch sein Gesicht ist licht und sein Bart grau, und der Berditschewer hat die Tür weit vor ihm geöffnet und mit heller Freude ausgerufen: „Gelobt, der da kommt!" Der Betteljude stockt, guckt und schweigt. Fragt ihn der Berditschewer: „Wie denn? Erkennst du mich nicht? Warum so erstaunt?" Antwortet der Jude: „Wenn ich nicht irre, seid ihr einmal bei mir im Haus gewesen . . . Wie? Ja, ich erkenne euch." „Was heisst ,einmal' und", fragt der Berditschewer, „warum bist du so verwirrt und verstört?" Da erzählt der Jude, was ihm geschehen ist: „Ich tat, wie Ihr, heiliger Rabbi, mir einmal geheissen. Kaum wart Ihr fortgefahren, so begann ich, Getreide zu kaufen, all mein Vermögen gab ich für Korn, man lud die Säcke auf die Fuhren, die ich schliesslich mietete, man machte sich auf den Weg —" „Und was weiter? Erzähle!" lächelt der Berditschewer. „Die Wagen fuhren, und ich ging hinterher. Es war frühmorgens und bitter kalt. Und der Wind blies und zwackte einen bis in die Knochen. Ais wir an einem Gasthaus vorbeikamen, das im Walde lag, dachte ich, ich will doch hineingehen und etwas Warmes trinken. An der Tür höre ich ein Weinen. Ich trete ein, es sind die Kinder des Gastwirts, ihre Mutter ist schwer krank, darum weinen sie. Der Gastwirt ist verzweifelt. Warum verzweifelt? Sie ist, sagt er, mehr tot als lebendig, und für den Arzt, sagt er, hat er. keinen Pfennig Geld da. Wieviel braucht Ihr, frage ich. Soundsoviel, sagt er, und ich lege auf den Tisch, was ich bei mir hatte, und gehe hinaus, um meine Fuhren einzuholen. Aber wo sind die Fuhren? Nichts zu sehen, nicht die Spur, ich laufe mir die Seele aus dem Leib und — wie ins Wasser hinein, keine Spur von Fuhren. Was tun? Und die Gegend ist mir völlig fremd. Kehre ich um und" laufe zurück zum Gasthaus — ist kein Gasthaus zu sehen, kein Wald zu sehen, kein Weg, zwischen Feldern irre ich herum. Was tun? Ich verliess mich auf Gott, irrte weiter schier endlose Zeit, nichts v.u essen, nichts zu trinken, bis ich, völlig erschöpft, eine Gruppe Bettler traf und mich an ihre Fersen heftete." „Und warum", fragte der Berditschewer, „ist deine Kleidung so verschlissen?" „Seit Jahren schon", sagte der Dorfjude, „hatten die Bettler kein ganzes Gewand auf dem Leib. Da verteilte ich meine Kleider." „Und begehrtest du nicht auf gegen Gott? Hattest du keine Einwände?" „Gott behüte! Wie denn Einwände? Gott weiss doch, was er tut. Ich habe nur — nur Psalmen gesagt." „So wisse, dass du irrst. Es ist erst eine Woche her, dass du von Hause fort bist. Du wolltest doch künftiges Leben! Wie, dachtest du, ist es etwas Leichtes? Die kommende Weit — muss verdient werden! Aber jetzt, da du mit allem fürlieb nahmst, alles für Liebe nahmst und die Zuversicht nicht verlorst, ist dein Anteil an jener Welt schon gut und schön. Ich sage dir künftiges Leben zu! Und Sonntag kommen deine Fuhren, du wirst das Korn verkaufen, gut verdienen und andern helfen können." Der Dorfjude war verstört. Er hatte geglaubt, Monate weg zu sein, und der Rabbi sagte: eine Woche? Aber Sonntags kamen die Fuhren, und die Fuhrleute staunten, dass er schon da war. Und das Korn brachte ihm schönes Geld und das künftige Leben ward ihm auch beschert, und darin lebt er noch heute.