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Central-Verein-Zeitung · 1937-06-24 · 25 (24.6.1937) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
25 (24.6.1937)
Date
1937-06-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 C.-V.-Zeitung Nr.25 * 24.Juni!937 Hannover) war Oberarzt der Kinderklinik. Er hat Ernährungsstörungen bei Säuglingen wissenschaftlich behandelt. Josef Igersheimer (1921—1924, jetzt Istanbul) war Oberarzt der Augenklinik. Von ihm stammen Untersuchungen über Tuberkulose und Syphilis des Auges. Walter L e h m a n n (1926—192S) hat die chirurgische Behandlung der Nervenkrankheiten wissenschaftlich gepflegt. Felix Stern (seit 1923) war Oberarzt der Nervenklinik (über epidemische Encephalitis). Hans Handowski (seit 1926, jetzt Holland) war Toxikologe. Von ihm stammt eine Abhandlung über Colloidchemie. Als Privatdozent war der im Kriege gefallene Pharmakologe Oswald Loeb in Göttingen habilitiert. A. L i p s c h i t z (später Dorpat) war Privatdozent für Physiologie. Er schrieb über Ernährung und Körpergrösse. Der sehr bekannte Internist Leopold L i c h t w i t z (jetzt USA) war 1908—1917 Privatdozent in Göttingen, bis er die Leitung der inneren Abteilung des Altonaer Krankenhauses übernahm. Er veröffentlichte Werke über Diabetes, Nierenkrankheiten, Klinische Chemie. Rechts- und Staatswissenschaft 1829 bis 1848 lehrte Samuel Benfey, ein Träger dieses in der Provinz Hannover häufigen, auch in anderen Fakultäten wiederkehrenden Namens. Er schrieb 1S42 über Veräusserung und Verpfändung von Grundstücken. Etwa 50 Jahre später war Louis Goldschmidt Professor der Rechte. Er nahm kritisch zum Entwurf eines bürgerlichen Gesetzbuches Stellung. F. Frensdorff war ein weit über Göttingen hinaus bekannter Vertreter der deutschen Rechtsgeschichte und des deutschen Privatrechts. Er arbeitete über lübisches Recht, die Chronik der Stadt Augsburg, über die Stadtverfassung Hannovers. Viktor Ehrenberg (später Leipzig) lehrte von 1888 bis 1911. Er galt als Autorität im Versicherungsrecht, aber auch im Handelsrecht. Allgemeinen Fragen (z. B. ..deutsche Rechtsgeschichte und allgemeine Bildung") wandte er seine Aufmerksamkeit zu. Karl Lehman n (1911 bis 1918) war gleichfalls Lehrer für deutsche Rechtsgeschichte und deutsches-Privatrecht. Von ihm erschienen langobardisches Lehn recht, ferner das Recht der Aktiengesellschaften. Besonders verbreitet war seine mit Ring herausgegebene Bearbeitung des Handelsrechtes. Ernst Rabel (1911 bis 1916) war Vertreter des römischen und des geltenden bürgerlichen Rechts. Er wurde später nach Berlin berufen. Er veri'asste romanisüsche Beiträge zur Rechtsgeschichte, schrieb über die Haftung des Verkäufers und über internationales Privatrecht. F. Pringsheim (1923 bis 1929, später Freiburg) las gleichfalls über römisches und bürgerliches Recht. Von ihm stammen rechtshistorische romanistische Abhandlungen sowie Arbeiten über den Kauf mit fremdem Gelde und über Erbschaftserwerb. Julius Hatschek (1921 bis 1926) war Ordinarius für öffentliches Recht. Er hat eine Einführung in das öffentliche Recht geschrieben, ferner eine Einführung in das Völkerrecht und ein damals viel benutztes Handbuch des Verwaltungsrechts. Richard Holl i g vertrat das Straf- und Strafprozessrecht (jetzt Istanbul). Er behandelte die ünterlassungs- 'delikte, die straflose Vor- und Nachtat. In einer Einführung in die Rechtswissenschaft behandelte er das gesamte öffentliche Recht. Er ist jetzt von der türkischen Regierung beauftragt, an der Reorganisation des türkischen Rechtes mitzuwirken. Ordinarius für öffentliches Recht war bis 1934 Gerhard L e i b h o 1 z. Er hat ein Buch über das faszistische Verfassungsrecht und eines über das Wesen der Repräsentation herausgegeben. Von 1906 bis 1911 war Leo Rosenberg Privatsich aus der Scheide des Stengels rollt! Wie oft habe ich es dann einzeln im Halme gepflückt und erwartungsvoll zu Hause in ein Glas gestellt! — Aber so ist es vielleicht: Das langentbehrte, gegen alle Eiseskälte des Winters wiederkehrende Leben in der Natur wird uns weniger beachtsam, wenn es überall, an jedem Gartenzaune und im vermehrten Lärmen der überwinternden Vögel — Amseln wie Spatzen — uns täglich und ohne Zweifel nun von Neuem begegnet. Das Gras, das ich sah, war ein Büschel ausgewachsenen Grases mit grünrötlichen Stengeln und dem fiedrigen Wehen der Kronen. Aber nicht der einzelne Halm war es. von dem es kam. dass es mich anrührte. Sondern es standen siebenundzwanzig Gräser — ich habe sie gezählt — aufs dichteste nebeneinander, auf einem geradezu winzigen Raum von Erde. So dicht, wie mir schien, dass ein Mensch in das gleiche Geviert mit äusscrster Sorgfalt und kunstvoll, sie nicht wieder hätte einpflanzen können. Und das Wunder war, dass nicht ein Grashalm verkrüppelt oder nur verbogen war. sondern dass sie alle mit einer kaum merklichen, sachten Neigung des Halmes offen gegen den Himmel und geneigt gegen die Erde standen. — — So ist es, dachte ich; so dicht aneinandergerückt durch den Samenwurf der Natur, so schön und vollkommen jedes Glied ausgebildet und jedes für sich, frei und selbsttätig, als hätte Gott, der Herr, beim Wachstum jedes einzelnen seine ganze Aufmerksamkeit hierher gewendet. Aber weil seine Kraft grenzenlos ist und seine Allmacht allgegenwärtig, so geschieht es, dass jedes Birkenblatt und jeder Grashalm in seiner Gegenwart lebt und also richtig gedeiht. Eine grosse Dankbarkeit erfüllte mein Herz; ich war tief bestätigt in dem Gefühl, dass wir Menschen — wenn wir nur achtsam genug sind — aus den Gesetzen aller Kreaturen etwas von der vollkommenen Beispielhaftigkeit der Schöpfung begreifen können. dozent in Göttingen.. Später war er Ordinarius in Leipzig. Er war ein hervorragender Kenner des Zivilprozessrechts. Seine Bücher über die Beweislast und über das Zivilprozessrecht waren grundlegend. Unter den führenden Forschern der Volkswirtschaftslehre im Ausgang des 19. Jahrhunderts ist Gustav Cohn zu nennen (1SS4 bis 1919). Er gehörte zur sozialpolitischen Richtung der Nationalökonomie. Er schrieb ein Lehrbuch „System der Nationalökonomie". Wilhelm Gultraann (1928 bis 1935) neigte der Finanzwissenschaft zu. Er arbeitete über französisches Geldwesen, machte grundsätzliche Ausführungen über den Reparationsplan und über Auslandskredite und Auslandsverschuldung. Ais Privatdozent der Volkswirtschaftslehre war Melchior Pal vi (1921 bis 1927. später Handelshochschule Berlin) habilitiert. Er behandelte Hauptprobleme der Soziologie, ferner internationale Wirtschaftsfragen. Als Vertreter der Philosophie ist an erster Stelle Edmund Husserl zu nennen. (1906—16, später Freiburg), der zu einem der führenden Geister der neuzeitlichen Philosophie überhaupt geworden ist. Er ist der Begründer der phänomenologischen Schule. Ausser seinen Arbeiten über Phänomenologie sind seine logischen Untersuchungen besonders bekannt ge worden. Dilthevschüler und Schwiegersohn Dilthy es ist Georg Misch (1919—35)". Er schrieb eine Geschichte der Autobiographie, ferner ein Einführungswerk „Wege in die Philosophie", und arbeitete über Logik und Geistesphilosophie. Moritz Geiger (seit 1923. jetzt USA), war Anhänger Husserls. Er lieferte Beiträge zur Philosophie der Mathematik zur Aesthetik und Psychologie. Ausserordentlicher Professor war Leonard Nelson (1919—1927). Er starb in jungen Jahren. Er schrieb über das Erkenntnisproblem, über die Sokratische Methode, über Ethik. Er neigte ferner zur Behandlung rechtsphilosophischer Fragen. David K a t z (jetzt Stockholm) war Dozent für Psychologie. Die Sozialpädagogik und -psychologie vertrat als ordentlicher Honorarprofessor Curt Bondy, der durch seine jetzige praktische Tätigkeit in den jüdischen Erziehungsproblemen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft (Auswandererlehrgut Gross-Breesen) allgemein bekannt ist. Die Philologie hatte in dem Indoiogen Theodor Benfey (1862—1881) einen namhaften Vertreter. Unter seinen zahlreichen Werken ist die Uebersetzung der Veden zu nennen, ferner eine Untersuchung über vergleichende Märchenforschung. Mark L i d z b a r s k i (19.17—1928) war Ordinarius für semitische Philologie. Er verfasste ein Handbuch der semitischen Epigraphik. Die englische Philologie vertrat Hans Hecht (seit 1922). Er schrieb über den schottischen Volksdichter Robert Burns und über Daniel Webb. Eduard Frankel (seit 1928. später Freiburg) vertrat die klassische Philologie. Er war Latinist und arbeitete über Plautus und über Texte römischer Juristen. Er lehrt jetzt in England. Hermann Frankel (ausserordentlicher Professor) war Gräcist. Er schrieb über homerische Gleichnisse. Lektor für englische Sprache war Joseph Beifus. Als Archäologe wirkte Paul Jacobsthal (1909 bis 1912, später Marburg). Er veröffentlichte Beiträge zur griechischen Malerei. Privatdozent für Geschichte" war von 1858—1871 Adolf Ludwig C o h n. Ordinarius für Wirtschafts- und Kolonialgeschichte war von 1928—1931 Paul Darms t ä d t e r. Er schrieb eine Geschichte der Kolonisation Afrikas. Nikolaus Pevsnar (seit 1929, Sternschnuppe Von Nelly Sachs Es fiel ein Zweig von einem Baum Hinab in seinen tiefen Traum Der Blume weltverlorner Glanz Erlischt; es summt der Bienen Tanz Ein Stern tat seinen tiefsten Fall Gott lebt als Heimat überall. Landschulheim Kristinehov Etwa 25 Kilometer von der Hauptbahnlinie Berlin—Stockholm entfernt, in der Nähe der schwedischen Universitätsstadt Lund. liegt in Västraby, Löberöd (Schweden) das Landschulheim „Kristinehov". Das Heim steht mit seinen sonnigen, sauberen Räumlichkeiten, nach den Erfordernissen modernster Hygiene eingerichtet und von ausgedehnten Gartenanlagen umgeben, inmitten einer hügligen Skanelandsehaft auf einer Anhöhe, die den Blick auf den idyllisch gelegenen Ringsee freigibt. Das Schulheim, unter Leitung des bewährten Studienassessors Dr. P o s e n e r. will nicht nur unterrichtliche Aufgaben bewältigen, sondern die in der Entwicklung begriffenen, ihm zur Erziehung überantworteten 12- bis 16jährigen jungen Menschen auch charakterlich bilden und für ihre Bewährung im späteren Leben mit jüdischem Verantwortungsgefühl, mit schneller Entschlusskraft, mit praktischem Blick und festem Charakter ausrüsten. Die Gemeinschaft steht im Mittelpunkt der Erziehung. Lehrer und Schüler bilden eine Schulgemeinschaft. Wanderungen, Spiele, Aufführungen und Festgestaltungen werden durch die Gemeinschaft besorgt; Verwaltung und Kontrolle heimeigener Einrichtungen, wie beispielsweise der umfangreichen Bücherei, des Sportgeräts- und Fahrradraums und des „Ladens", in dem der Bedarf der einzelnen an Schulsachen, Schreibzeug, aber auch an Taschenlampenbatterien und Radfiickzeug gedeckt werden kann, werden von ihr durchgeführt. Dabei jetzt England) war Privatdozent für Kunstgeschichte. Er arbeitete über das Leipziger Barock. Viele der von uns genannten, die früher in Göttingen gewirkt haben, lehren jetzt im Ausland. Für alle, die wir in dieser Betrachtung erwähnt haben, sei festgestellt, Man pflegt diese beiden Gelehrten gewöhnlich zusammen zu nennen. Nicht nur weil sie Schwäger waren und gemeinsam die Völkerpsychologie als neue Wissenschaft begründeten, sondern auch, weil sie beide jüdische Kulturträger waren. Das will sagen: Männer, die ihre grosse Kultur ins Judentum hinein und die jüdische Seele, vielleicht unbewusst, in .die Kultur der Zeit hineintrugen. Und doch waren sie als Menschen und als Gelehrte sehr verschieden, und wer bei beiden hörte, konnte das bald feststellen. Es galt anfangs der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts für jüdische Studenten der Philosophie beinahe als obligatorisch, beide berühmten Männer, und womöglich im selben Semester, zu hören. Lazarus war damals auf dem Gipfel seines Ruhmes, Präsident des Schiller- Vereins, und im Berliner Judentum der erste Name. Er war der geborene Weltmann, vornehm in Erscheinung und Haltung, gewählt in Sprache und Geste, von einer Höflichkeit, die geradezu aristokratisch anmutete. Er sprach immer, als wenn er im Salon der feinen Gesellschaft wäre, stets geistreich, stets fein pointiert und nicht ohne ein wenig Koketterie. Ich hörte bei ihm Psychologie, und es war, wie bei seinem Buche „Das Leben der Seele", eine genussreiche Unterhaltung: wunderbare Formulierungen, feine Beobachtung der Menschen und Erscheinungen, reizende Anekdoten. Er glich mehr einem Minister der alten Schule, als einem Hochschul- Professor, und wie er da sass in seinem Lehrstuhl, elegant, ohne Pose, vornehm ohne künstliche Herablassung, gesucht im Ausdruck, mit seinem wohlklingenden Organ, war es eine ästhetische Freude, ihn zu beobachten. Noch interessanter vielleicht war er zu Hause, wo er um eine Nüance gemütlicher war, ohne sich jemals gehen zu lassen. Er brachte noch von Bern her die in Berlin ungewöhnliche Art mit, mit den Studenten auch ausserhalb der Universität zu verkehren. Wer ihn sympathisch berührte, war bald in den engeren Kreis gezogen. Er wohnte im Tiergarten, in der Nähe des Brandenburger Tores, — für damalige Verhältnisse beinahe fürstlich. In seinem kultivierten Heim sah man immer geistig hochstrebende Männer und Frauen, und manchmal gehörte auch der stets sinnende Steinthal zur Gesellschaft. Die Unterhaltung drehte sich meistens mehr um die neuesten literarischen und öffentlichen Fragen, als um fachwissenschaftliche Dinge. Und er sprach über sie mit seltener Eleganz, manchmal mit feiner Ironie. Häufig war auch von jüdisch-kulturellen Fragen die Rede, und es interessierte ihn, der die jüdischen Dinge von fern sah, psychologisch, wenn ich ihm die beiden Pole des geistigen Lebens im Osten, den Talmudismus und den herrscht strenge, gerechte Zucht in „Kristinehov" und Jungen und Mädchen lernen schnell, sich in den Keimbetrieb einzuordnen. Was wird in „Kristinehov" gelehrt? Eine grosse Rolle im Unterrichtsplan spielen, dank der positiv jüdischen Einstellung der Heimleitung und deren Bejahung des schöpferischen Judentums jüdische Fäcner. wie Hebräisch und jüdische Geschichte. Darüber hinaus werden in freiwilligen abendlichen Arbeitsgemeinschaften Probleme aus jüdischem Wissen und Leben, verständnisvoll behandelt. Die Auswahl der übrigen theoretischen Fächer lässt das Bestreben nach angemessener geistiger Allgemeinausbildung erkennen. Man findet Unterricht in Englisch, Französisch, Deutsch, in Geschichte und Erdkunde, in Naturwissenschaften, in Mathematik, Handelslehre, Stenographie, in Kunstgeschichte und Musik. Selbstverständlich für ein modernes Schulheim, wie es „Kristinehov" darstellt, ist die Beschäftigung mit praktischen Arbeiten. Zum Lehrpersonal des Heims gehören ein Gärtner, ein Tischlermeister und eine Schneidermeisterin. Durch diese Tätigkeiten soll es den Schülern ermöglicht werden, zu lernen, mit Werkzeug und Material umzugehen, und — was besonders wichtig erscheint — frühzeilig ihre Eignung für einen praktischen Beruf zu erproben. Breiten Raum nehmen die unter ärztlicher Ueberwachung stehende Körperpflege und die sportliche Betätigung ein. Das Tages werk beginnt regelmässig mit Gymnastik, mehrmals in der Woche finden Sportstunden statt, Wanderungen werden durchgeführt. Dazu kommt neben täglicher Bewegung in frischer Landluft eine rituell geführte, reichliche und gesunde Ernährung. Das ist „KristinehovCt: ein Ort gesunden jüdischen Jugendlebens, eine Ausbildungsstätte jüdischer Jugend zu lebenstüchtigen, verantwortungsbewussten Menschen, die gelernt haben, sich dort, wo das Leben es einmal von ihnen verlangt, zu bewähren. Ueberdies dürfte es interessieren, dass das Landschulheim seit 1933 jeden Sommer etwa drei Wochen hindurch eine grössere Anzahl Berliner Jungen und Mädel beherbergt, die mit Mitteln schwedischer jüdischer Gemeinden dort ihre Erholung finden, M. F. dass der gemeinsame Aufenthalt in Göttingen keine zufällige gleichzeitige und gleichräumige Anwesenheit an dem gleichen Orte gewesen ist. Er war eine geistige Verbundenheit, vermittelt durch die Eigenart der Stadt und ihrer Geschichte im Geistesleben und die Leistung ihrer grossen Lehrer, Chassidismus schilderte. Er war liberal, politisch wie jüdisch, und, wie damals alles in der Wissenschaft, rationalistisch gefärbt Aber der Philosoph milderte den Parteimann, der Psychologe den Rationalisten. Scharfe Urteile hörte man von ihm selten, und wo er innerlich aburteilte, merkte man es mehr am Gesichtszug, am Ton der Stimme, als an den Worten. Er war der Weltphilosoph, mehr der Psychologe des Lebens als der Wissenschaft, und stets blieb er der Geistesaristokrat, dem mehr die unfeine Form als die Idee des Gegners unangenehm war. Von ganz anderer Art, innerlich und äusserlich, war Steinthal. Dieser kleine Mann mit den tief schauenden Augen unter dem grossen schwarzen Hut war eine echte Forschernatur, stets grübelnd, stets auf den Grund gehend, stets in sich gekehrt. Es schien, als wenn er die Welt und ihre Erscheinungen gar nicht sehe, oder richtiger: anders sehe, seelisch, philosophisch. Er repräsentierte den Typus des wissenschaftlichen Idealismus. Er lebte nicht nur seiner Wissenschaft, sondern ging ganz in dieser Welt auf. Und diese Welt war freilich sehr gross. Er beherrschte so viele Gebiete, dass es schwer zu sagen ist, wo eigentlich seine wissenschaftliche Heimat war. Psychologie, Erkenntnistheorie, Völkerpsychologie, Sprachforschung und Ethik, — alles umfasste sein Forschergeist und alles mit einer Tiefe, als wäre dieses ganz sein Gebiet. Man konnte aus ihm zehn Professoren machen. Ich hörte bei ihm Erkenntnistheorie. Da war es nicht allzu schwer, ihm zu folgen, wenn er auch schon hier viele andere Wissenschaften heranzog. Als ich aber auch seine vergleichende Mythologie hörte, war ich der Lehrling, der den Meister mehr bewunderte als verstand. Er schien die Kenntnis von mindestens acht Sprachen vorauszusetzen und glaubte, ein Auditorium fertiger Gelehrter vor sich zu haben. Er sprach nicht wie Lazarus frei, sondern war an sein Kollegheft gebunden. Die Sprache war fein geschliffen, scharf wie Metallklang und von seltener Prägung. Er war der begeisterte Schüler Wilhelm von Humboldts und der Gebrüder Grimm — in der wunderbaren Aussprache, im Schwünge des Idealismus und im Streben nach Klarheit, — in seinen Vorlesungen, wie in seinen Schriften. Ich erinnere mich folgender Episode: Eines Tages trat er auf das Katheder, setzte sich und griff in seine Seitentasche. Plötzlich sagte er voller Schrecken: „Meine Herren, ich sehe zu meinem Entsetzen, dass ich mein Kollegheft vergessen habe." Als wir ihm zuriefen: „Es wird wohl auch so gehen, Herr Professor", sagte er treuherzig: „Ich glaube es nicht." Es ging wirklich nicht, das Plaudern war eben sein Element nicht, und schon nach einigen Minuten sagte er: ..Sie sehen, es geht nicht, wozu soll ich mich und Sie quälen? Machen wir Schluss für heute." Eines Tages vergass er sein Portemonnaie und wieder sah er entsetzt nach der Vorlesung aus: „Ich habe leider mein Portemonnaie vergessen und habe kein Geld für eine Droschke." Ich legte ihm zwei Mark hin, und seitdem datierte weine engere Bekanntschaft mit ihm. Oft begleitete ich ihn aus dem Auditorium und bei dieser Gelegenheit erzählte er mir von seiner Junggesellenzeit, von seiner Weltfremdheit, in der sein Bruder ihn betreute und auf seine Bekleidung und Beschuhung achtete. Im zweiten Semester hielt er neben seinen Vorlesungen in der Universität ein Privatissimum in seiner Wohnung in der Magdeburger Strasse. Wie e r dieses Privatissimum nannte, weiss ich nicht, das eine aber weiss ich, dass w i r als Hörer das Kolloqium beherrschten und darin über das diskutierten, was wir wollten. Anfangs waren es vier Hörer, später waren es nur zwei, und ich verabredete mit meinem Kollegen auf dem Wege dorthin, worüber wir in dieser Stunde sprechen wollten. Steinthal erfasste nämlich alles als inneres, tiefes Problem und ging auf alles mit seiner Gründlichkeit ein. Er hielt auch Vorlesungen an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, an denen ich teilnahm. Dort las er über biblische Exegese. Aber es war mehr eine Analyse sprachlicher und volkspsychologischer Natur. Er hielt sich weder an Tradition noch an sonst etwas gebunden und sah den biblischen Text wie Sanskrit oder Hieroglyphenschrift. Willkürlich zerlegte er ihn, zerriss ihn, zerschnitt ihn mit der Schere, verlegte manches in fremde Epochen. Es war beinahe chemischanalytisch. Die jüdischen Quellen waren ihm ganz fremd, und er war zu sehr von der christlichen Bibelforschung beeinflusst. Und doch war er innerlich von religiöser Wärme und stand dem Judentum gefühlsmässig sehr nah. Im Alter schien er zu seiner jüdischen Jugend zurückzukehren und er nannte sich demonstrativ nunmehr H a j i m Steinthal. Gustav Karpeles zog ihn als Mitarbeiter an die „Allgemeine Zeitung des Judentums" heran, und so entstanden die herrlichen Aufsätze, die später als Buch erschienen sind. Fabiiis Schach, Lazarus und Steinthal / ^Z£Z^ret

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