Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 22 (3.6.1937)
- Date
- 1937-06-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 12 C-V.-Zeifung Nr. 22 * 3. Juni! 93% individualisiert sie und schleift ihre Änstoss- Ecken ab. es bietet sich gefälliger dar als die Psychoanalyse, von der es abgezweigt ist; Adler war zunächst Freuds hervorragendster Schüler, ehe er „abtrünnig" wurde. Für ihn, und das ist das Bestechende und so recht Verwirklichenswerte an seiner Konzeption, für ihn sind alle grossen Leistungen Ergebnisse guter Schulung, ungebrochenen Mutes und frühen Beginns des richtigen Trainings. Denn Adler geht vom Kinde aus: gleich in seinen ersten Jahren erlebe das Kind die Wertigkeit und Tauglichkeit seines Organismus, sei das Kind vom Minderwertigkeitsgefühl beherrscht auf Grund seiner tatsächlichen anatomischen und physiologischen Organminderwertigkeiten, auf Grund auch seiner Minderwertigkeit den Erwachsenen gegenüber. Wie entwickelt sich das nun? Entweder entspringt daraus ein Geltungstrieb, der zum Gefühl der Vollwertigkeit, ja Ueberlegenheit zu kommen sucht, oder ein Ausbiegen, das ebenso wie der Geltungstrieb zu sozialer Minderwertigkeit werden oder führen kann. Hier greift die Individualpsychologie ein, ermittelt die Zeit- und Lebenslinien des „nervösen Charakters" und heilt ihn mit ihrer uneingeschränkt ermutigenden Methode. Diese Methode und vor allem ihre psychologische Grundlage hat Adler in mehreren ausführlichen Darstellungen beschrieben, von denen die wichtigsten „Ueber den nervösen Charakter" und „Praxis und Theorie der Individualpsychologie" heissen, und ihnen erst vor wenigen Jahren eine kurz gefasste und sehr populär gehaltene „Einführung in die Individualpsychologie'4 nachgeschickt: die Grundzüge seiner Lehre wie ihre charakteristischen Begriffe und Ausdrücke sind längst Gemeingut aller Gebildeten geworden. L. H.!!Ii!ii!!i!!!i!!!!ill[!!!liiii!!l fportblatt der CK nn*dtt für das: WOH LFÄH KTSAMT oen j üoischeu gemzinoe zu e^sLLiaa j Posis check hon to: Berlin 2M0 Wovon man spricht Wer ist Amateur? Das Amateurproblem ist im sportlichen Leben der Welt dauernd im Fluss. Trotz enggefasster Beetimmun gen stellen sich stets Grenzfälle ein, deren Beurteilung nach bestehendem „Recht" nicht möglich ist, und die Anlass zu weiteren Veränderungen und Formulierungen geben. Auch neuerdings hört man wieder, dass sich das Internationale Olympische Komitee, das in der Zeit vom 7. bis 11. Juni in Warschau seinen alljährlichen Kongress abhält, neben organisatorischen Fragen der nächsten Olympischen Spiele, gerade mit diesen, den Amateurparagraphen berührenden Fragen zu beschäftigen haben wird. War es bisher so, dass beispielsweise Skilehrer in keinem Fall als Amateure im Sinne der olympischen Bestimmungen galten, was im übrigen diesmal auf Antrag nochmals nachgeprüft werden soll, bestritt man die Amateureigenschaft der Turn- und Sportlehrer im allgemeinen dann nicht, wenn sie einen abgeschlossenen^ Ausbildungsgang hinter sich hatten und ein ordentliches Diplom, das die notwendigen staatlichen Prüfungen bescheinigte, besassen. Nun scheint die Neigung zu bestehen, nicht nur alle Turn- und Sportlehrer, sondern überhaupt jeden Sportler, der in einem Sportzweig Unterricht erteilt, auch für sämtliche übrigen "Wettkampfarten zu sperren und nicht mehr als Amateur anzusehen. Das wäre eine recht weitgehende Regelung, deren Einführung zwar noch nicht feststeht, die jedoch im Falle ihrer Annahme für den jüdischen Sport in Deutschland eine unbillige, fast unmöglich durchzuführende Härte darstellen würde. Man wird sich, wenn es so weit ist, darüber klar zu werden haben, ob nicht für den zumeist internen Wettkampfbetrieb unserer Sportbewegung eine abweichende Erledigung dieser Frage den besonderen Verhältnissen " Rechnung tragen müsste. Technisches ,JBoxen" bevorzugt? Im Amateur-Boxsport scheint sich die Frage der Punktrichter, oder besser deren verschiedenartige Auffassung von der Wertigkeit eines Kampfstils in einer ernsten Krise zu befinden; denn besonders nach den kürzlich in Mailand durchgeführten Europameisterschaften der Amateurboxer sprach man überall und viel von Irrtümern und Fehlurteilen, von notwendigen Reformen usw. Wie kommt ein vermeintliches Fehlurteil überhaupt zustande? Entweder durch sich summierende Irrtümer des Kampfgerichts oder eben durch die verschieden hohe Anerkennung und Bewertung einer Stiiart. Solange allerdings darüber keine Verständigung erzielt werden kann, d. h. der eine Punktrichter technischem Boxen als dem Kampfstil seines Landes den Vorzug gibt, der andere wiederum als Vertreter der Fighterschüle Härte als ausschlaggebend erachtet und punktet, wird Auffassung gegen Auffassung stehen und oft genug Anlass sein, von Fehlurteilen oder gar „Schiebungen" zu sprechen. Interessant ist im übrigen, dass. in Mailand namentlich der leicht zu beobachtende technische Wirkungsstil aus der Distanz am.besten beurteilt wurde, dass dagegen die Härte der Treffer oft völlig unberücksichtigt blieb. Heisst das vielleicht ein Zurückfinden zur orthodoxen englischen Boxkunst und ein Verzicht aufs blosse Fighten, wie es der Berufsboxer der amerikanischen Schule lehrt? Man wird der Entwicklung der Dinge aufmerksam entgegensehen müssen, zumal die Richtigkeit der Beanstandungen im kleinen auch im jüdischen Boxsport zu spüren war und — was weiterhin dabei zu berücksichtigen wäre — die taktische Ausbildung je nach der Entscheidung dieser Fragen beeinflusst werden müsste. Siege der Brüder Baer — und nun? Günstiger als erwartet hat Max Baer die ihm noch einmal gebotene letzte Chance wahrgenommen. Mit dem überlegenen k. o.-Sieg, mit dem er am 27. Mai in London den britischen Exmeister Ben Foord fast deklassierte, hat er einen guten Teil des schlechten Eindrucks aus dem Farr-Kampf wettgemacht. Die englische Boxpresse lobte einstimmig seinen immer noch „tödlich" wirkenden Punch und sein naturbegabtes kaltblütiges Erfassen günstiger' Treffgelegenheiten, weist allerdings auf den bedenklichen Mangel an Stehvermögen hin. Allgemein herrscht die Ansicht vor, dass Max Baer, wenn er ehrlich an seiner Form weiterarbeitet und sich entschliessen kann, seine Clownereien im Ring sein zu lassen, eine durchaus ernsthafte Rolle in der Schwergewichtsklasse erneut zu spielen vermag. Der Exweltmeister wird vorläufig in Europa bleiben. Jeff Dickson plant für ihn eine Paarung mit dem guten Franzosen Andre Lenglet in Paris und in London ist man nicht abgeneigt, Baer gegen den Sieger aus dem Kampf Farr—Neusei zu stellen. Auch „Buddy" Baer, der jüngere Bruder, hat von sich reden gemacht. 15 000 Zuschauer sahen auf dem Platz des Swansea-Town-Club seinen klaren und schönen Punktsieg über Jack London, der nur durch seine aussergewöhnliche Härte und Routine durch die zehn Runden kam. Zwei Kämpfe gegen bekannte englische Boxer gewann „Buddy" nun schon in interessantein Stil. Man wird dem Riesenbaby, der im Training mit seinem Bruder neben seiner enormen Schlagkraft auch technisches Rüstzeug zu erwerben beginnt, weitere Chancen geben müssen. M. F. Auszeichnung für Gretel Bergmann Die Sluttgarter Schild-Sportlerin, Gretel Bergmann, von deren Auswanderung nach Nordamerika wir bereits berichteten, hat vom Sportbund „Schild" in Anerkennung ihrer ausserordentlichen sportlichen Verdienste die Silberne Ehrennadel verliehen erhalten. Oesterreichs FHegengewiehtsmeister Ernst Weiss boxte im Rahmen des Baer-Kampfes in L o n d o n gegen den Englander Peter Kane. dessen k. o.-Erfolge in ununterbrochener Reihenfolge viel Aufsehen machten. Weiss überraschte durch glänzende Defensivteehnik. hatte zwar am Ende des lÖ-Runden- Treffens nach Punkten verloren, hinterliess jedoch einen guten Eindruck. In Ungarns Länder-Handballmannschaft, die am 29. Mai in Kassel gegen die deutsche Auswahlelf hoch verlor, betätigten sich wiederum drei jüdische Spieler, die auch schon die Olympia mitgemacht haben: M a t h e als Torwart, K u t a s i als Läufer und S a 1 g o als Stürmer. Palästinas Handballmeister, Makkabi-Abschalom Petach Tikwah, unternimmt zurzeit eine Europatournee. Es sind vorerst Spiele in Rumänien, Polen, Lettland, Litauen und Danzig vorgesehen. Weitere Starts in Deutschland und Oesterreich sind in Aussicht genommen. Marty Glickmann, der in dieser Saison einer der besten amerikanischen Sprinter zu werden verspricht, lief kürzlich auf einem Sportfest der Ha* v a r d - Universität die 100 Yards in 9,7 Sekunden. Ein elfjähriger jüdischer Lebensretter Am 20. Mai fiel in Wollin in Pommern ein siebenjähriges Mädchen ins Wasser und drohte zu versinken. Der elfjährige Sohn Horst des Uhrmachers Moses sprang sofort nach und brachte das Mädchen nach zähem Kampf mit den Wellen wohlbehalten ans Land. Trotz seines jugendlichen Lebensalters ist dies bereits seine zweite Rettungstat. Schon als neunjähriger Junge hat er in der gleichen mutigen und entschlossenen Weise einen fünf jährigen ^Knaben vor dem Ertrinken gerettet. Die Gemeindekörperschaften in Erfurt wählten Rabbiner Dr. Peter Freund zum Gemeinde- und Bezirksrabbiner an Stelle des verstorbenen Dr. Schüft an. Hss&sdMm msk Mmm Erscheint wöchentlich ohne Gewähr. Postschluss für Luftpostsendungen bei folgenden Postämtern: Berlin C 2; Frankfurt/Main Bahnpostamt 19 und Flughafen; München Bahnpostamt 1 und 2 (Flughafen); Köln (Flughafen). Einwurf bei anderen Postämtern oder in anderen Orten bis zu 1 Tag früher. Abkürzungen: B. A. Buenos Aires: Bord. Bordeaux; Cherb. — Cherbourg; Gen.—Genua; LH — Le Havrc; South.— Southampton. Ziffern in Klammern — Postschlusszeiten. Ah Seeweg nach Nordamerika An Berlin Hamburg Bremen Cherb. N.-York 7. G. 7. 6. (19) „Normandie" 9. 6.(LH) IL 6. 10. 6. 10. 6. (19) „Europa" 11. 6. 12. 6, 17. 6. 14. 6. 14. 6. (19) „Queen Mary" 16. 6. 21. 6. Luftweg: Zurzeit nur Nachbringeflüge Köln—Cherb. („Mit Luftpost ab Köln zum Dampfer"). Zuschl. 15 Pf. für je 20 g Berlin Köln Cherb. N.-York 11. 6. (IS) 12. 6. (9) Flug zur „Europa" 12. 6. 17. 6. Seeweg nach Südamerika Berlin Frankf. Münch. Bord. Gen. Rio B. A. 6.6.(18) 7.6.(8) 9.6. 21.6. 24.6. 8.6.(18) 9.6.(9) lö. 6. 22.6. 26.6. Luftweg: Zuschl f. je 5 g 1,50 RM (1\25 Brasil.) Berlin 5. 6. (13) .9.6. (21) Frankfort Rio B. A. 5. 6. (In) Franz. Luftpost 8. 6. 9. 6. 9. 6. (24) Deutsche Luftpost 12. 6 13. 6. Seeweg nach Südafrika Berlin Köln South. 9. 6. (16) 9. 6. (21) 11. 6. Kapstadt—Johannesburg (oder Pretoria) 30 Stunden Luftweg: Zuschlag 35 Pf. für je 5 g Berlin München Brind. Athen ) 4.6.(9) 4.6.(18) 6.6.(7) 5. 6. (6) 6. 6. (6) / 8.6.(9) 8.6. (IS) 10.6.(7) 9. 6. (6) 10. 6. (6) j See- und Landweg nach Palästina Berlin München 4.6.(16) 5.6.(9) via Belgrad-Istambul 6.6.(14) .7.6.(9') via Belgrad-Istambul 8.6.(16) 9.6.(9) 10.6. Schiff ab Brindisi 9.6.(16) 10.6.(9) via Belgrad-Istambul Kapstadt 28. 6. Laufzeit 8—9 Tage Haifa 9. 6. 11. 6. 14. 6. 15. 6. Luftweg: Zuschlag 10 Pf. für je 5 g; Berlin München Athen Brindisi 5. 6. (3) 5. 6. (9) 5. 6. (18) •7. 6. (6) 9. 6. (3) 9.6.(9) 10.6.(18) 11. 6. (6) 6. 6. (5) S. 6. (11) 10. 6. (8) 7. 6. (7) 12. 6. (11) 11. 6. (7) lind. 15 Pf. Laufzeit ca. 2% Tag« die naturalistische Aesthetik herausgestellt hat, seine Verbindlichkeit. Borchardt hat selbst mit aller Entschiedenheit abgelehnt, als historisierender Bildungedichter zu gelten: „Das Bewusstsein des unaufhörlichen eigenen Daseins durch alle Geschichte fort, die durch Schranken von Tod und Abbruch nie gehinderte Fähigkeit der Selbstidentifikation mit dem Vergangensten, die den Dichter ausmacht — sie hat mit dem historischen Sinne nichts zu schaffen." Ebenso ist es — wie es vielfach geschehen ist — abwegig, den Einfluss, den Hofmannsthal, und auch George, auf Borchardt ausgeübt haben, in seinem Umfang zu überschätzen. Gewiss ist der hohe Begriff des Dichtertums, den beide Meister zu ihren Lebzeiten verkörpert haben, wie jedem geistig produktiven Zeitgenossen so auch Borchardt zuteil geworden. Aber in seinem dichterischen Stil und Weltbild ist er durchaus ein Eigener geblieben. Es kann an dieser Stelle, wo wir die Aufmerksamkeit auf die Gestalt des Dichters im allgemeinen zu lenken bemüht sind, nicht unsere Aufgabe sein, das Lebenswerk des Sechzigjährigen im einzelnen zu kennzeichnen. Der Lyriker Borchardt ist bisher in drei streng komponierten Sammlungen vernehmlich geworden: den Jugendgedichten, den Vermischten Gedichten und namentlich dem herrlichen Zyklus „Schöpfung aus Liebe". Ais überlegenen Beherrscher der gebundenen Form hat er sich in mehreren epischen Erzählungen und Versromanen erwiesen. „Der Durant", ein Gedicht „aus dem männlichen Zeitalter", gestaltet im mittelalterlichen Versgeiüge die Tragik männlicher Sinnenbrunst, das .,Buch Joram" erzählt im biblischen Tonfall vom Werden eines Heilands, „Die halbgerettete Seele", vielleicht Borchardts schönste Dichtung, tastet sich an das Phänomen menschlicher Versuchung, Sünde und Sühne heran. Für sich allein steht die ..Geschichte des Erben", Darstellung einer nächtlichen Familienszene, die durch ihre unüberbietbare Konzentration und Spannung dem Leser den Atem verschlägt. Diese ausserordentliche Novelle leitet zu der gleichsam geschmiedeten Sprache der Borehardtsehen Essayistik und Prosa über, von der leider nur ein Teil in besonderen Bänden gesammelt vorliegt. Sein ästhetisches Credo hat der Dichter in der „Rede über Hofmannsthal", die keine Rede, sondern eine tiefgreifende Abhandlung ist, und in dem Prosa-Dialog „Das Gespräch über Formen" niedergelegt. An dramatischen Versuchen hat er bisher nur wenig der Oeffentlichkeit vorgelegt. Um so mehr ist er als wahrhaft schöpferischer Nachdichter hervorgetreten. Ergebnis zwanzigjähriger angestrengtester Arbeft ist hier die dichterische Umformung von Dantes „Göttlicher Komödie" in ein modernisertes Mittelhochdeutsch. Borchardt legte seinem ebenso neuartigen wie kühnen Unternehmen die Ueberzeugung zugrunde, dass Dantes Weltgedicht, obwohl immer wieder ins Deutsche übersetzt, nur in das entsprechende Deutsch zur Zeit seiner Entstehung zurückverwandelt werden könne. (Es kennzeichnete den Rang der Uebertragung, dass Mussolini das Werk aus der Hand des^Verfassers entgegennahm.) Auf gleichem künstlerischen Niveau stehen die übrigen, erstaunlich vielseitigen Nachdichtungen Borchardts: die Götterlieder aus Althellas, die Germania des Tacitus, die Lieder der Troubadours und Dantes „Neues Leben", sowie aus dem Englischen Swinburne und Walter Savage Landors erdichtete Gespräche. Die notgedrungen oberflächliche Uebersicht des Borehardtsehen Schaffens blieb aber unvollständig, wenn war nicht, und sei es auch nur durch blosse Aufzählung, an die herausgeberischen Arbeiten des Dichters erinnerten: die mit eigenwilligem Geschmack zusammengestellte lyrische Anthologie „Ewiger Vorrat deutscher Poesie", die „Deutschen Denkreden von Herder bis Harnack", an die geographisch-literarische Sammlung „Der Deutsche in der Landschaft" sowie an die Neuausgabe des mittelalterlichen Gedichtes vom armen Heinrich. Mehrfach hat Rudolf Borchardt sich über die Stellung des Dichters in der Welt ausgesprochen. Er hat öffentlich für den Dichter das Recht in Anspruch genommen, verkannt zu bleiben. „Der Autor", erklärte er, „muss sich entschließen, ob er der Gegenwart oder der Nachwelt dienen will." Indem sich Borchardt, ohne je zu schwanken, für das Letztere entschied, ist ihm das Recht, verkannt zu bleiben, in überreichem Masse zuteil geworden. Seine Lebensarbeit, das literarische Werk, die Dichtung und Forschung vieler Jahrzehnte, hat noch keineswegs diejenige Wirkung auf die Mitwelt ausgeübt, die dem Gehalt und Werte des Geleisteten entsprach. Unbekümmert darum . lebt, wie, eine Stelle des. ,VDurant" zeigt, der Dichter in der Zuversicht,' dass ihn seine Hoffnung auf Anerkennung durch die Nachwelt nicht trügen wird. Durch mein finster Geschick, Wird ein Bild und ein Blick Gross mit Danken und Denken Jene Sturmfahne schwenken. Davor birst das Gefängnis Und wird Kühnheit aus Bängnis Und Freiheit aus Verhängnis. Ignaz Zollschan 60 Jahre In diesen Tagen begeht Dr. Ignaz Zollschan seinen 60. Geburtstag. Dr. Zollschan ist 1877 in Erlach bei Wien geboren und lebt jetzt in Karlsbad. Er ist Arzt und Anthropologe. In jüdischen Kreisen ist er ausser durch sein 1910 erschienenes Buch über „Das Rassenproblem unter besonderer Berücksichtigung der theoretischen Grundlagen der jüdischen Rassenfrage" als Theoretiker des Zionismus bekannt geworden. Der Standpunkt, den er innerhalb der zionistischen Diskussion vertrat und dessen Darlegung vor allem seine 1919 erschienene Schrift „Revision des jüdischen Nationalismus" gewidmet war, ist in vieler Hinsicht gerade heute wieder bemerkenswert. Zollschan schloss sich frühzeitig der zionistischen Bewegung an, aber er kämpfte gegen die Hervorkehrung des national jüdischen Gedankens in der Diaspora. Er sah in dem gesinnungsmässigen und politischen Bekenntnis zum jüdischen Nationalismus in den einzelnen Wohnländern eine Gefahr nicht nur für die Rechtsstellung der Juden, die sich auf diese Weise freiwillig von den Landesnationen lossagten, sondern vor allem auch für die Verbreitung des auf den eigentlichen Palästinaauibau gerichteten Zionismus. Weil er für diesen von ihm erkorenen Gedanken möglichst alle Kräfte mobil zu machen suchte, bemühte er sich, die Hindernisse niederzulegen, die, wie er glaubte, allein dessen Siegeslauf, entgegenstanden. Die aber erblickte er vor allem in der Zumutung, mit der Bejahung des Palästinagedankens zugleich das jüdisch-nationale Bekenntnis zu verbinden. Zollschans Mahnungen haben sich im offiziellen mitteleuropäischen Zionismus nicht durchgesetzt. Viel eher und zweifellos ohne dass ein direkter Einfluss festzustellen wäre, kann man davon sprechen, dass der englische Zionismus seinen Forderungen nahekam. In jedem Falle lohnt es sich — und nicht nur um einer theoretischen Auseinandersetzung willen — auch heute wieder, der Frage nachzudenken, ob und in welchem Umfange eine Entnationalisierung zur Förderung des Palästinawerks in seinen ersten wichtigen Etappen beigetragen hätte. Kein Zweifel, dass gerade das Künstliche und Gewaltsame, das dem nationalen Gedanken im Westjudentum anhaftete, es war, das über Zweckmässigkeitserwägungen hinaus viel glühende Begeisterung zu entfachen vermochte. Kein Zweifel aber auch, dass seine Zurückstellung eine grosse Reihe von Vorbehalten beseitigt und damit der konstruktiven Palästinaidee unabsehbare praktische Kräfte zugeführt hätte. Wir wünschen dem 60jährigen noch viele Jahre erfolgreichen Schaffens. E. R.-J. Aus der wissenschaftlichen Welt Professor Dr. phil. et jur. Ludwig Cohn, Lektor für Blindenkunde an der Prager Deutschen Universität, hat auf Einladung^ der Sorbonne in Paris eine Vorlesung über Ersatzfunktionen bei Blinden und Taubblinden gehalten. Professor Dr. Ludwig Cohn hat seinerzeit grundlegende Arbeiten in der Organisation der Blinden- und Taubblinden-Pädagogik in Deutschland geleistet. * Die Amerikanische Vereinigung für Geschichte der Medizin hat den Wiener Universitätsprofessor Dr. Max Neuburger zum Ehrenmitglied ernannt. Bei der Eröffnung der Wiener Medizinischen.Festwochen hielt Professor Neuburger vor einer internationalen medizinischen Zuhörerschaft einen Vortrag über die Geschichte der Wiener medizinischen Schule. Die der Hundertjahrfeier der Wiener medizinischen Schule gewidmete Festschrift' ist unter, seiner Redaktion erschienen.