Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 22 (3.6.1937)
- Date
- 1937-06-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. 22 * 3. Beiblatt CYTeihmg S. Juni 1937 —Seite IT Aus der Kunstwelt Max I. Friedländer Zum 70. Geburtstag am 5. Juni „. . . Die Beständigkeit des Hauses beruht auf Kräften und Eigenschaften, die von den Heutigen am Gedenktage den Ahnen und Vätern nachgerühmt werden dürfen. Nach solider Grundlegung musste Vertrauen erworben und durfte niemals missbraucht werden. Organisch wuchs das Unternehmen mit der Stadt, machte sichere und behutsame Schritte westwärts, Hess sich vom allgemeinen Aufschwung emportragen und, was schwerer war, in bösen Tagen nicht zu Fall bringen . . ." Die Worte, die der einstige Leiter des Kupferstichkabinetts und des Kaiser-Friedrich- Museums 1929 in das Vorwort zur Festschrift setzte, die das Haus der Väter, die alte Berliner Juwelierfirma Gebrüder Friedländer, aus Anlass des hundertjährigen Bestehens in die Welt gehen Hess, mögen auch für den heute Siebzigjährigen ihre Bedeutung besitzen. Denn alle die Eigenschaften, die Max I. Friedländer befähigten, durch den Kunstbetrieb klug und gerecht zu steuern, sicherten ihm die Achtung und die Anerkennung in allen Kulturstaaten. Vor zehn Jahren, zum Beginn eines anderen Jahrzehnts, vereinten sich die Kunstforscher zur Herausgabe einer Festschrift für Friedländer, um den damaligen Leiter des Seemann-Verlages und wenn man heute diese Blätter durchliest, begreift man erst so ganz, wie schwer es der Verleger, Dr. Gustav Kirstein, gehabt hat, alle die Beiträge für diese Festschrift zu sichten, ohne damit die Gelehrten aus alier Herren Länder etwa zurückzusetzen. Und er betont es auch im Vorwort zu dieser Friedländerschen Festschrift, und er ist sich bewusst, dass er bei der Heranziehung nur weniger, Hofstede de Groot, Campbell, Dodgson, Frits Lugt, G. Hulin de Loo, Bernard Berenson, Sir Charles Holmes, Alfred Stix usw., nur die notwendigste Dankespflicht erfüllt. In der Einteilung dieser wissenschaftlichen 'Jubiläumsausgabe zeigt sich die ganze Skala des Arbeitsgebietes von Max I. Friedländer: „Deutsche, niederländische, italienische Kunst und ein Teil Varia" sind der Rahmen dieser Festschrift, in der so viele Namen von internationalem Klang ihre Sprache reden. Aber sie alle vereinte die wissenschaftliche Verbundenheit mit Max I. Friedländer, der soeben in der „Gazette Des Beaux Arts", im April-Heft, einen bedeutsamen Aufsatz über den Meister .von Saint-Gilles veröffentlicht, eine Ergänzung und Erweiterung zu dem Thema, das das Standardwerk, jene zwölf Bände über die Niederländische Malerei, anschlägt und immer noch yveiter ausbaut Das umfangreiche publizistische Werk des Siebzigjährigen könnte man wollte man populär werden, mit den Worten '„Vom Genter Altar der Brüder Van Eyck bis zu Liebermann" kennzeichnen. Denn neben der Arbeit über die Meister und Zeiten der alten Kunsthistoriker stehen die beiden Bände über Max Liebermann: „Max Liebermann" 1923 und „Max Liebermanns graphische Kunst" aus späteren Tagen. Und um diese eigentlichen Kunstbücher herum stehen die vielen Kataloge, zu deren Abfassung man den Forscher und Museumsmann hinzuzog, die Kataloge jener Sammlungen, deren Bestände Max I. Friedländer Gemälde von Joseph Oppenheimer Fot. Karplus heute in alle Winde zerstreut, deren Andenken aber in jenen Katalogen gesichert ist. Erinnert sei an den Kunstbesitz von Paul Davidsohn, Eduard Simon, R. v. Kaufmann, die drei Bände über die Sammlung Dr. A. Figdor, die zweite Sammlung James Simon, die im ersten Teil von Wilhelm v. Bode, im anderen nach der Schenkung an das Kaiser-Friedrich-Museum von Max I. Friedländer katalogisiert ist. Dr. Olga Bloch * Sechs amerikanische Museen haben Bilder des palästinensischen Malers E1 i j a h u N e u m a n n erworben, der jetzt im Auftrag des Museums in Tel-Aviv in den Vereinigten Staaten weilt. Das Museum in San Francisco bat Neumanns Gemälde „Har Hacarmel", das Kunstmuseum in Denver das Bild „Emek Chefer", das Museum für Kunst und Wissenschaft in New-York eine Landschaft aus dem Emek Jesreel, das Museum in Baltimore das Bild „Tal", das Museum in Indianopolis ein Bild „Morgen in Safed" und das städtische Museum in Davenport (Iowa) das Bild „Tel-Aviv" erworben. Elijahu Neumann, der in New-York geboren wurde, lebt seit 1925 in Palästina. Die Frühjahrs - Ausstellung Berliner jüdischer Künstler i?t nur noch bis einschliesslich Sonntasr, den 6. Juni, 14 Uhr. geöffnet. Danach bleibt das Museum zwecks Vorbereitung der Abrabanel-Ausstcllung für eine Woche geschlossen. EinLeben für dieMagie Wir sind im Wien der achtziger Jahre. Johann Strauss, der vergötterte Komponist der „Fledermaus", legt den Frack an. Bei seinem Intimus, dem Zauberkünstler Professor Compars Herrmann, wird er heute abend persönlich musizieren. Eine Schar erlesener Gäste wird in dem fürstlichen Haus in der Nibelungengasse seinem Spiel lauschen. An ihrer Spitze die Prinzen Franz und Louis von Liechtenstein, der österreichische Gesandte in Paris, Fürst Metternich, mit seiner Gattin, die Rothschild-Barone Albert und Nathaniel, sowie deren Kreis, zu dem die Grafen Wilczek, Schaffgotsch sowie zahlreiche andere Geburts- und Geistesaristokraten mit ihren Frauen und Töchtern gehören. Der aber, den zu ehren sie sich heute wieder einmal versammeln, wurde als erstes Kind von sechzehn in einem Wohnwagen auf einem Jahrmarkt in Hannover geboren. Im Januar 1816 erblickte Compars Herrmann als Sohn eines jüdischen „Faxenmachers", dessen eigentlicher Name unbekannt geblieben ist, das Licht der Welt. Bereits mit zehn Jahren assistierte er als Zauberkünstler seinem Vater und half ihm die Familie ernähren. Als "das Schicksal die Wanderfamilie nach Frankreich verschlug, genoss Compars zwei Jahre lang eine erstklassige Bildung und Erziehung in einem Versailler Schülerheim. Hier regte sich in dem Heranwachsenden der Wunsch, Medizin zu studieren, und auch der Schauspielerberuf regte ihn mächtig an- Doch immer wieder zog es ihn so machtvoll zur Zauberei zurück, dass er beschloss, in diesem Beruf gross zu werden. 1848 setzte er zum erstenmal den Fuss auf englischen Boden. Dort erregte er sofort Aufsehen und verdiente zwei Jahr lang so viel, dass er ausgedehnte Reisen unternehmen konnte. Da Compars Mutter eine gebürtige Altonaerin war, trat er mit einem abendfüllenden Programm zum ersten Male in Hamburg auf. Hier ging ihm schon der Ruf voraus, dass er der grösste magische Könner Englands sei. Eine Schaureise durch ganz Europa schloss sich an, und überall blieb der grosse Erfolg dem jungen Herrmann treu. Sein Hauptkönnen bestand in der ihm angeborenen Fingerfertigkeit, die ihm gestattete, unter Ausschaltung jeglicher Apparate zu arbeiten. Die „bezaubernde" Leichtigkeit seiner Arbeit veranlasste auch die Königin Marie Henriette von Belgien, seine Schülerin zu werden. Im Laufe der Jahre war er — dem damals bis zu 20 000 Francs für einen Abend zuflössen — ein leidenschaftlicher Kunstsammler geworden; überall, wohin er kam, erstand er wertvolle Sammelobjekte mit feinstem Verständnis. Zahlreiche Staatsoberhäupter spendeten dem genialen Künstler nicht nur Orden und Auszeichnungen, sondern auch unschätzbare Objekte für seine Sammlungen. Er wmrde als Jude geboren, blieb seinem Glauben stets treu und wurde auch als Jude zur letzten Ruhe getragen. Seiner jüdischen Gemeinschaft gegenüber war er stets hilfreich, und zwar nicht, nur durch die Tat, sondern auch mit seinem Rat, wenn er verlangt wurde. Schon 1865 hatte er sich am Opernring in Wien ein herrliches Haus eingerichtet. Doch" der grosse österreichische Bankkrach von 1873 machte auch Compars Herrmann wieder zum armen Mann. Haus und Vermögen verlor er restlos, aber kaum zwei Jahre später konnte er. sich in der Nibelungengasse ein neues Grundstück erstehen. Er hatte sich in dieser kurzen Frist ein neues Vermögen „erzaubert". Noch immer blieb er seinem Beruf gelegentlich treu und gab im In- und Ausland Gastspielabende. Was Rang und Namen hatte, schätzte sich glücklich, Nibelungengasse 8 freundschaftlich ein- und ausgehen zu dürfen. Und als Compars Herrmann am 8. Juni 1SS7 starb, konnte der. Friedhof die Fülle der Leidtragenden kaum fassen, die ihm die letzte Ehre erwiesen. Seine Tochter, die grosse Gesangskünstlerin Blanche Corelli, hütet das Andenken an ihren Vater. K. W. Aufschwung! Von HERTHA ROSENFELD Höher als des Vogels leichte Schwingen ihn aus erdgebund'ner Sphäre tragen, kann sich die beschwingte Seele wagen. Soll ich weiter um Gewohntes ringen, wrenn sich meines Geistes dunklem Ahnen lichte Strassen zur Gewissheit bahnen? Unaussprechlich will der Sinn sich weiten, dass ich Unermesslich.es erlange. Müsst' ich sterben, — dann im Überschwange; Liesse Gott mich vorher abwärtsgleiten, würde ich ja auch am allzu schnellen Rückschlag in die Nüchternheit zerschellen. Der Schöpfer der Individualpsychologie Zum Tode Alfred Adlers Professor Alfred Adler, der weltbekannte Schöpfer der „Individual-Psychologie", ist plötzlich in Aberdeen gestorben. Der 67jährige muss wohl in der letzten Zeit ein erschütterndes Vorgefühl gehabt haben, wenigstens versuchte er seinem Körper Uebermenschliches abzutrotzen und hielt in den letzten beiden Monaten 56 Gastvorlesungen in England und Schottland, die letzte am Abend vor dem Ende. So schloss „in den Sielen" ein Gelehrtenleben voller Arbeit und tätiger Erfolge, denn Adlers psychologisch-therapeutisches System hat Schule gemacht und ist besonders in den angelsächsischen Ländern verbreitet; Adler selbst war zuletzt Professor einer New-Yorker Hochschule. Sein System kommt allerdings auch den psychologischen Tendenzen und dem psychologischen Habitus dieser Länder aufs Fasslichste entgegen, es führt die Psychoanalyse Freuds in gewissem Sinne fort, ver- Abseits der Zeit Zum 60. Gebartstag Rudolf Borchardts Von Fritz Friedlaender Der Dichter Rudolf Borchardt, der am 9. Juni in das siebente Lebensjahrzehnt eintritt, gehört zu den bewusst abseitigen und eigenwilligen Gestalten der modernen Literatur, die geradlinig und konzessionslos ihren Weg gingen und das laute Getriebe des literarischen Marktes von jeher gescheut und verabscheut haben. Denn das, was Rudolf Borchardt in den langen Jahrzehnten unermüdlichen Schaffens gewollt und geleistet hat, lässt sich eigentlich nur auf eine einzige einheitliche Formel bringen: er hat als einer der wenigen hohen Literaten der Zeit der Versuchung widerstanden, den Göttern des Tages und der Mode zu opfern und immer nur der inneren Stimme — dem Dämon in der eigenen Brust — gehorcht. Mustert man die Werke auch bedeutender Dichter oder Schriftsteller der vergangenen und der heutigen Epoche, so wird man doch dann und wann auf eine Hervorbringung stossen, die irgendeinem aktuellen Anlass, dem Bedürfnis der Stunde, ihre Entstehung zu verdanken hat. Gehen wir aber die lange Reihe Borchardtscher Veröffentlichungen durch, so werden wir Mühe haben, ein Werk ausfindig zu machen, das etwa nicht einer inneren Nötigung entsprungen ist. Eine Natur, die, stolz und sich selber treu, es nicht über sich gewinnt, der Aktualität, dem „Zeitgeist", Zugeständnisse zu machen, muss begreiflicherweise zur Einsamkeit bestimmt sein. „Der ich die Worte setze einsam und Menschen satt", heisst es in einer Borchardtschen Dichtung. Eine solche Natur wird immer nur einem verhältnismässig kleinen Kreise Mitfühlender und Gleichstrebender zugänglich sein; die Menge wird achtlos an ihr vorübergehen. So hat es auch wenig genützt — die Freunde und Verehrer Borchardts wissen es wohl —, dass in der Nachkriegszeit der Unternehmungsgeist des Verlegers Ernst Rowohlt eine <3eeamtausgabss seiner Werke in die Wege leitete. Es war für Borchardts Stellung innerhalb unserer Zeit bezeichnend, dass jene dankenswerte Ausgabe, die den angesammelten Reichtum seiner Produktion eindrucksvoll zur Geltung bringen konnte, nach verheissungsvollen Anfängen ins Stocken geriet. Der Dichter, nur vorübergehend vom Lichte einer gewissen Publizität bestrahlt, trat in das Dunkel zurück. Nur wenigen kam seine Bedeutung zum Bewusstsein. Aber auch den Fernerstehenden, die den Rang eines Autors nicht nach der Höhe seiner Aufiageziffern zu bemessen pflegen, von seiner Bedeutung einen ungefähren Begriff zu geben, sei der Zweck der nachstehenden und notwendig entsagenden Zeilen. Rudolf Borchardt wurde am 9. Juni 1S77 im ostpreussischen Königsberg geboren. Die humanistische Ueberlieferung der Universität seiner Vaterstadt ist gewiss auch für ihn wegweisend gewesen, obwohl er seine Jugendzeit zu einem grossen Teil im Rheinland verbrachte. Eine ungewöhnliche Sprachbegabung sowie ein unersättlicher Lerneifer sind hervorstechende Züge seiner nach Entfaltung drängenden Natur. ..Dumpf und unlösbar", sagt er selbst von sich, „lag ein vager Beruf vor mir, über den die Universität mich würde aufzuklären haben." Er geht nach Berlin, dann nach Bonn und nach Göttiiigen, um Archäologie, klassische und deutsche Philologie zu studieren. Hier schafft er sich die Grundlagen seines ausserordentlichen Wissens in philologischen und geistesgeschichtlichen Materien; er hört in Berlin Mommsen, Curtius, Hermann Grimm und Treitschke, unter anderem entdeckt er für sich während der Bonner Studienzeit Hölderlins Ausdrucksgewalt in den späten Hymnen, er ist in einer ungeheuren wissenschaftlichen Bewegung: aber trotz grösster geistiger Gewinne vermag ihm die Wissenschaft nicht letzte Befriedigung zu gewähren. Ein Hang zum Universalen — durch die schöpferische Begegnung mit Herders Geiste zur Entfaltung gebracht —^därt ihn, noch in Bonn, endgültig über seine Bestimmung auf: Wissenschaft vermag ihm .nur Untergrund, Vorstufe der dichterischen Mitteilung zu sein. Herders erhabenes Beispiel — die klassisch-romantische Bildungseiniieit zwischen Forscher und Dichter — ist von» nun an für iimserbindlicb.. Die legitime Eorise^ßg des heissgeliebten Erbes der Klassiker findet er, fast gleichzeitig, in der Poesie Hugo von Hoimannsthals vor. Von jener Stunde an. in der er die zauberischen Verse des um wenige Jahre Aelteren kennenlernt, ist er dem Genius des jungen Oesterreichers verfallen. Bis zu seinem beklagenswert frühen Tode ist Hofmannsihal der Lebensfreund Rudolf Borchardts gewesen: beide Männer und Freunde wiesen auch insofern, ein Gemeinsames auf, als das jüdische Erbe ihres Wesens von den assimilierenden Bildungsmächten der Umwelt fast gänzlich überdeckt wurde. Als Dritter im Bunde gesellte sich Rudolf Alexander Schröder aus Bremen hinzu, Dichter meisterlichen Oden. Nachdichter der Odyssee und des Horaz. Eine überlieferungstreue Haltung und konservative Gesinnung in geistigen Dingen, heftige Gegnerschaft gegen den Fortschrittsoptimismus und verflachenden Materialismus der Zeit, in der sie lebten: das war die Einstellung, die Borchardt mit den beiden Dichterireunden teilte. Diese aus bildungsaristokratischen Instinkten genährte Stellung gegen den herrschenden „Zeitgeist" hatten die drei Dichter mit Stefan George und seinem Kreise gemeinsam. Ihr Dichten stellte eine idealistische Reaktion gegen die damals allmächtige naturalistische Literatur und Arme-Leute-Poesie dar. In einer Welt, die Zola, Ibsen und Sudermann anbetete, hoben sie Hölderlin, Goethe und Jean Paul auf den Schild. Aber obwohl Borchardt der Dichtergrösse Stefan Georges ihr volles Recht zuteil werden liess. gab er dennoch der Ueberzeugung öffentlich Ausdruck, in seinem Freunde Hofmannsthal, dem einstigen Mitglied des Georgeschen Kreises, die originalere Dichternatur verehren zu dürfen. Dieses Werturteil hat die fanatischen Jünger Georges schwer verstimmt. Schliesslich kam es 1910 zum offenen Bruche zwischen Borchardt und ihnen, einer bedauerlichen polemischen Auseinandersetzung, die auf die Geister verwirrend und entzweiend einwirkte, jedoch hier um ihrer literarhistorischen Bedeutsamkeit willen nicht übergangen werden durfte. Gerade durch seine distanzierende Abschätzung Georges gab Borchardt zu verstehen, dass es ihm nicht gegeben sei, Mitläufer einer literarischen Richtung, Epigone oder Trabant zu sein. Den grössten Teil seiner Manneszeit hat er ai>f italienischem Boden verbracht. Die wunderbare Landschaft hat ihn, wie so manchen Nordländer, zeitlebens ist ihren Bann geschlagen* Zwischendurch weilte er zu längerem oder kürzerem Aufenthalt in der Heimat, wo er manchenorts, in München, Heidelberg, Göttingen und Berlin, vor einer ausgewählten Zuhörerschaft Vorträge hielt. Langsam in organischem Wachstum ist. seit der Jahrhundertwende das umfangreiche literarische Werk Borchardts entstanden. Es ist infolge der Mannigfaltigkeit seiner Themen schwierig zu überschauen, es umfasst sowohl die Stilformen der bluthaft erlebten biblischen Frühzeit als auch des klassischen Altertums und europäischen Mittelalters: Dichtung, Nachdichtung, Kritik und essayistische Prosa. Wo soll man beginnen, wo aufhören, um es zu charakterisieren? Es ist schwierig, eine entwicklungsgeschichtliche Darstellung des weitschichtigen Werkes zu geben. Denn es steht scheinbar in keiner unmittelbaren Beziehung zu der Zeit, in der es entstanden ist. Nur einmal, in dem leider wenig beachteten Novellenband „Das hoffnungslose "Geschlecht", hat der Dichter sich dem Problem seiner eigenen. Lebenszeit genähert und das Verhängnis einer in ihren Grundfesten erschütterten Epoche fühlbar gemacht. Abgesehen davon lebt er in einer selbsterworbenen Bildungswelt, die von den Uranfängen der Menschheit bis in neueste Zeit reicht und ihm poetische Motive in reicher Fülle gespendet hat. Infolge des höchst subjektiven Charakters der Borchardtschen Poesie ist es auch schwer, den Weg zu ihr zu finden, denn die einzelnen Werke greifen keine „Zeitüragen" auf, wrie es das Publikum von der naturalistischen Literatur her gewöhnt ist, sondern sie sind schöpferische Bekundungen eines ungewöhnlichen Bildungsganges, als solche aber nur durch eine biographisch-psychologische Untersuchung zu erschlossen. Durch die Gewöhnung an die naturalistische Ausdrucksweise haben manche Leser an dem archaisierenden Stil der Borchardtschen Dichtung Anstoss genommen und sie in den Verruf einer eklektischen (unselbständigen) Bildungspoesie gebracht. Aber dieser Vorwurf (den leider auch ein so einflussreicher Literarhistoriker wie Friedrich von der Leven sich zu eigen gemacht hat) beruht auf einer völligen Verkennung der Voraussetzungen, unter denen Borchardt seine Aufgabe als Dichter ansieht. Dichter sein bedeutet ihm Verbundenheit mit allen lebendigen Mächten und Kräften der Vergangenheit wie der Gegenwart. Für eine solche Auffassung verliert der Unterschied zwischen „Gegen- Sartsdichtimg" und „Geschichtsdichtung", dea